9punkt - Die Debattenrundschau

Sie sind Idioten, wir bekommen Applaus

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.10.2026. In Serbien gewinnt die Studentenliste die Wahlen: Die taz gratuliert. Dass es zur Bildung einer Regierung kommen wird, ist allerdings unwahrscheinlich, meint die Journalistin Biljana Stepanovic ebendort. Außerdem hat die Wahl in Israel begonnen: Der Schriftsteller Moshe Sakkal schildert in der SZ die gemischten Gefühle gegenüber seiner Heimat. Im FR-Gespräch bestreitet der Ökonom Thomas Piketty, dass Frankreich ein armes Land ist. Im Welt-Interview erklärt der Mathematiker Cédric Villani, warum KI eine existenzielle Bedrohung für sein Fach darstellt. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2026 finden Sie hier

Europa

Serbien jubelt: Die Studentenliste hat bei der Parlamentswahl gegen Aleksandar Vučić und seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) gewonnen. Und das trotz "Lügen, Verleumdungen, Drohungen, Beschimpfungen, Versprechen, Verdrehungen und Täuschungsmanöver der SNS-Maschinerie", staunt Andrej Ivanji in der taz: "Die Menschen in Serbien haben ihre Angst abgeschüttelt, das Joch der Erniedrigung und des Gehorsams abgeworfen und für Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit und Freiheit gestimmt. Und all das ging friedlich vonstatten, ohne Gewalt, mit einem Lächeln im Gesicht. Die Gewalt ging die ganze Zeit von der SNS aus. Sie schickte Schläger zum Prügeln, Polizisten zum Verhaften und Staatsanwälte, um wahnwitzige Anklagen gegen Studenten zu erheben."

Die serbische Journalistin Biljana Stepanovic rechnet allerdings mit baldigen Neuwahlen, wie sie im taz-Gespräch mit Dennis Miskic erklärt: "Das Parlament gleicht nun einem klassischen Zweiparteiensystem, das ist neu für uns. Neben der Studentenliste sind nur noch die Fortschrittspartei SNS unter Vučić und Listen nationaler Minderheiten vertreten. Ich glaube nicht, dass dieses Parlament lange Bestand hat. Hier stehen sich zwei Seiten gegenüber, die nicht nur politisch, sondern in ihren Werten unvereinbar sind. (…) Die SNS ist tief mit der organisierten Kriminalität verflochten. Die Studentenliste ist das Gegenteil. Es wird auch noch Präsidentschaftswahlen geben, und dafür hat die SNS keine guten Kandidaten. Ich wäre nicht überrascht, wenn es schon im Frühjahr Neuwahlen gibt, bei denen die SNS vielleicht gar nicht mehr antritt." Ebenfalls in der taz berichtet Philine Bickhardt, wie sich Serbiens Kulturszene an die Seite der Studenten stellte. 

Vielleicht erleben wir mit der Studentenliste, einer führerlosen Bewegung, die auf kollektiver Selbstverwaltung und politischer Bildung basiert, eine ganz neue politische Kultur, glaubt der Wissenschaftler Aleksandar Markovic, der im Guardian gleichwohl einräumt: "Die Liste umfasst ideologisch entgegengesetzte Blöcke, von rechten Anhängern bis hin zu Linken und Liberalen. Die meisten der Gewählten hatten noch nie ein politisches Amt inne, und das parlamentarische System wird von ihnen verlangen, dass sie einen Premierminister und bei zukünftigen Präsidentschaftswahlen einen Präsidentschaftskandidaten nominieren. Wird die Studentenliste die gleiche Energie in die Nationalversammlung bringen, ohne genau die Methode zu gefährden, die sie so stark gemacht hat? Darüber hinaus bedeutet der Verlust der Wahl für Vučić nicht unbedingt, das System zu verlieren. Im Gegenteil, sein Zugeständnis der Niederlage könnte auch ein strategischer Schritt gewesen sein, der es ihm ermöglichte, den Parteiapparat für ein Comeback intakt zu halten."

Michael Hesse trifft für die FR den Ökonomen Thomas Piketty, der vor allem die Macron-Regierung für die Schülerproteste in Frankreich verantwortlich macht. Piketty weist das Argument zurück, der Staat könne sich höhere Ausgaben nicht leisten: "'Die Regierung und ihre Unterstützer behaupten, Frankreich habe nicht die Mittel, um mehr zu investieren, doch dabei begehen sie zwei Denkfehler', sagt er der FR. Der erste sei dieser: Zwar sei die öffentliche Verschuldung seit 1970 von 20 Prozent auf rund 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Doch gleichzeitig habe sich das private Vermögen wesentlich stärker vermehrt, nämlich von 300 auf 600 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Wohlstand konzentriere sich zudem immer stärker bei einer kleinen Zahl besonders Vermögender. Daraus lasse sich sehr klar der Schluss ziehen: 'Frankreich war noch nie so reich. Das Problem, das es zu lösen gilt, ist schlicht eine Frage der Verteilung', sagt Piketty."
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Politik

Die Wahlen in Israel haben begonnen. Der israelisch-deutsche Schriftsteller Moshe Sakkal ist aus Berlin in seine Heimat zurückgekehrt um Netanjahu abzuwählen, wie er in der SZ schreibt. Das Wahlprogramm der Linken kann ihn allerdings auch nicht begeistern, sie scheine "nicht mehr zu wollen als eine Rückkehr zur alten Ordnung." Sakkal schildert das Dilemma der ausgewanderten Israelis: "Mein Freund Uri, ein ehemaliger Haaretz-Journalist und linker Aktivist, der nach Portugal ausgewandert ist, ist ebenfalls zurückgekommen, um zu wählen. In einem Beitrag warnte er seine Freunde: Wenn sie für Parteien stimmten, die für den Ausschluss der arabischen Parteien von jeder politischen Zusammenarbeit sind, werde dies das letzte Mal für zehn Jahre sein, dass er zur Wahl zurückkehre. 'Das nächste Mal regelt ihr das selbst', schrieb er. Ich verstehe ihn. Seit dem 7. Oktober hat sich der Riss vertieft zwischen den Israelis, die geblieben sind, und denen, die gegangen sind. Manche beschreiben den Verlust ihres Glaubens an Frieden mit den Palästinensern als 'ein böses Erwachen'. Andere haben sich innerlich von ihrem Land entfernt."

Bei Zeit Online resümiert Lea Frehse, welche Optionen die Opposition eigentlich hat: "Die Oppositionsparteien werden keine Regierungsmehrheit erreichen können, ohne mit einer der mehrheitlich arabischen Parteien zu koalieren. Rund 20 Prozent der israelischen Staatsbürger sind Araber beziehungsweise Palästinenser. Es gibt zwei große arabische Parteien, und beide wären durchaus bereit, zu koalieren. Bislang sind es die mehrheitlich jüdischen Parteien, die sich dem mehr oder weniger entschieden verweigern. Auf der Wahlkampfveranstaltung in der Aula in Givat Schmuel schloss Oppositionsführer Gadi Eisenkot eine solche Koalition auf Nachfrage aus dem Publikum noch einmal aus. Er hat im Wahlkampf aber Hintertüren offen gelassen, unter anderem Bedingungen formuliert, die eine Partei erfüllen müsste, um Teil der Koalition werden zu können."

Allein 2025 erhielten nach Angaben des Statistischen Bundesamts 5930 Israelis die deutsche Staatsangehörigkeit, viele beantragten sie aus Verzweiflung an der Regierung Netanjahus, erfährt der an der Universität Haifa lehrende Historiker Daniel Mahla in Gesprächen mit den Kindern deutschsprachiger jüdischer Einwanderer, wie er in der FAZ berichtet: "Viele meiner Gesprächspartner, die überwiegend einem liberal-zionistischen Milieu angehören, fürchten, dass eine weitere Amtszeit Netanjahus die Schwächung demokratischer Institutionen dauerhaft verfestigen könnte. Die Angriffe auf die Unabhängigkeit der Justiz und der Medien sowie der wachsende Einfluss religiöser Extremisten nähren diese Sorge. Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und den folgenden Kriegen kam eine existenzielle Frage hinzu: Wie sicher sind Juden noch in ihrem eigenen Staat? Zugleich beschäftigen manche die moralischen und rechtlichen Grenzen der israelischen Kriegsführung, insbesondere in Gaza, auch die Gewalt im Westjordanland und Israels zunehmende internationale Isolation."

Der Satiriker Lior Schleien hatte lange eine Late-Night-Show im israelischen Fernsehen. Jetzt hat er das Fach gewechselt, wie er im Zeit Online-Interview mit Marlene Knobloch erzählt. In den Sozialen Medien führt er Gespräche mit Israelis aus allen politischen Lagern, oft auch mit Rechten oder radikalen Siedlern. In Zeiten von Ben-Gvir reicht es nicht mehr, sich über Politiker lustig zu machen, meint er: "Die Strategie 'Sie sind Idioten, wir bekommen Applaus' funktioniert nicht mehr. Ich sehe mich selbst immer noch als Satiriker, nicht als Aktivisten. Aber wenn jemand so Gefährliches wie Ben-Gvir jungen Israelis auf TikTok das Hirn wäscht - wissen Sie was? Dann bin ich auch auf TikTok. In diesen verrückten Zeiten muss jeder tun, was er kann. Ich habe eine gewisse Berühmtheit, junge Menschen laden mich ein, weil sie wissen, dass es lustig wird. Diese Q&A-Runden sind jetzt mein TV-Studio."

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Nicht nur die Zukunft der israelischen Demokratie, sondern auch die der palästinensischen Gesellschaft hängt von den Wahlen in Israel ab, erinnert auf geschichtedergegenwart der israelische Historiker Avner Ofrath: Es ist "offen, ob der Ernst der Lage den Politiker:innen der jüdisch-israelischen Opposition klar ist, ob sie eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien wagen werden, und ob längerfristig ein neues politisches Lager entsteht, das eine andere Zukunft für Israelis und Palästinenser fordert oder gar gestaltet. Sollte die amtierende Regierung wiedergewählt werden, droht die Zerschlagung der noch verbleibenden demokratischen Sphäre in Israel und eine noch radikalere Zerstörung palästinensischen - und damit auch israelischen - Lebens. Die anstehende Wahl könnte die letzte Chance sein, dies zu verhindern. Sollte es gelingen, die amtierende israelische Regierung abzuwählen, wäre dies bestenfalls ein erster Schritt auf einem langen, schwierigen Weg zum Wiederaufbau palästinensischen Lebens und zum grundlegenden Kurswechsel der israelischen Gesellschaft. Palästinenser und Israelis wären dabei auf Unterstützung von außen angewiesen - auf internationale Abkommen, Institutionen und Kooperationen."
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Geschichte

In der FAZ erinnert der Historiker Dan Diner an die Geheimabsprache in Sèvres im Oktober 1956, bei der Frankreich, Großbritannien und Israel planten, den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser zu stürzen und die Kontrolle über den verstaatlichten Suezkanal zurückzugewinnen. "Rückblickend bedeutete das kriegerische anglofranzösisch-israelische Vorgehen gegen Ägypten eine Wende - vor allem was die ägyptische Haltung Israel gegenüber angeht. Nach dem Krieg von 1948/49 betrieben die arabischen Staaten gegenüber Israel eine strikte Politik der Isolierung und aktiven Nichtanerkennung. Die Feindseligkeit jedoch, wie sie sich vornehmlich in Ägypten nach dem Suezkrieg dem jüdischen Staat gegenüber verfestigte, hatte derweil noch keine tiefen Wurzeln geschlagen. So zeigte sich Nasser internen Aussagen zufolge überrascht, dass Israel mit Briten und Franzosen gemeinsame Sache machte. In seiner politischen Bekenntnisschrift 'Philosophie der Revolution', die 1953/54 in Kairo erschienen war, findet der Krieg von 1948 nur insoweit Erwähnung, als Nasser zwar hervorhebt, in Palästina gekämpft zu haben, aber gleichzeitig betont, dass sein Herz und die Herzen seiner Kameraden in Ägypten geblieben seien. Die eigentlichen Gegner waren die Briten gewesen. Sie galt es, aus dem Lande oder, genauer gesagt, aus der von ihnen damals noch gehaltenen Suezkanal-Zone zu vertreiben."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Protokoll von Sevres

Wissenschaft

Der mit der Fields-Medaille ausgezeichnete Mathematiker Cédric Villani hält KI für eine gewaltige Bedrohung für das Fach Mathematik, wie er im Welt-Gespräch erklärt. Die Firma OpenAI meldete, fast 400 mathematische Ergebnisse und Beweise liefern zu können, darunter Lösungen für berühmte mathematische Probleme. Gerade seien Mathematiker aus aller Welt dabei, die Ergebnisse nachzuprüfen und zu verstehen: "Die KI stellt tatsächlich eine existenzielle Bedrohung für das gesamte Fachgebiet dar. Ich verfolge innerhalb der Forschungsszene der Mathematik bereits seit fast zehn Jahren, was sich in Bezug auf die künstliche Intelligenz tut, und zwar im Rahmen des parlamentarischen Auftrags, den ich früher hatte. Dennoch habe ich nicht damit gerechnet, dass das alles so schnell gehen würde. Keiner von uns Mathematikern hat das kommen sehen. Die Fortschritte vollzogen sich viel schneller, als irgendjemand hätte vorhersagen können, nicht einmal die größten Enthusiasten wie Terence Tao, Fields-Medaillengewinner von 2006 und eine weltweite Autorität im Bereich Problemlösung."
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Mathematik und KI
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