9punkt - Die Debattenrundschau
Multikulturelle Erfahrung mit sich selbst
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2026. In der FR spricht Harald Jähner über die Geschichte der Vertriebenen - sie wurden gehasst, aber sie waren auch Agenten der Modernisierung. Die NZZ betrachtet die Radikalisierung der Demokratischen Partei in den USA mit Sorge. Sorge auch bei der SZ - über die alarmierenden Zahlen des Börsenvereins zum Buchmarkt. Und über den Deutschlandfunk.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
10.07.2026
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Geschichte
Wer an die Geschichte der Vertriebenen in Deutschland erinnert, gilt leicht als Revanchist - ihre Erfahrung ist historisch weitgehend verdrängt. Interessant das Gespräch, das Bascha Mika für die FR mit dem Autor Harald Jähner führt, der in seinen Büchern neue Blicke auf die Nachkriegszeit geworfen hat. Er erzählt, mit welchem Hass die Vertriebenen von der heimischen Bevölkerung, die selbst ausgepowert war, diskriminiert wurde. Aber letztlich waren die Vertriebenen auch Agenten einer Modernisierung, meint er: "Die Einwanderer sorgten dafür, dass die Deutschen eine Art multikulturelle Erfahrung mit sich selbst machten. Man sah plötzlich: Das Deutsche ist keine homogene Nationaleigenschaft, sondern zerfällt in sehr viele Regionaleigenheiten. Man musste auch mit dem Verlust provinzieller Eigenarten und gewisser Identitäten fertigwerden. Denn es ist ja nicht abzustreiten, dass sich ein Dorf verändert, wenn es plötzlich 30 Prozent fremd anmutender Verhaltensweisen verkraften muss. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Selbstgewissheit. Die eigenen Lebensweisen wurden relativiert. Plötzlich gab es Liebschaften zwischen sehr verschiedenen Menschen..."
Spiegel, Zeit und SZ gewähren Zugang zu Akten der NSdAP, die eigentlich zu einer amerikanischen Datenbank gehören. Der Zugang liegt hinter Paywall, so viel zur Volksaufklärung. Viele Deutsche stöbern seitdem in den Geschichten ihrer Ureltern - aber es handelt sich meist um recht nackte Daten, die allenfalls eine Basis für weitere Recherche abgeben können, schreibt Klaus Hillenbrand in der taz, der unter anderem mit dem Juristen Thomas Will und dem Historiker Johannes Tuchel, früherer Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, gesprochen hat: "Und doch werden bei erfolgreicher Suche alte, gerne geglaubte Erzählungen plötzlich unglaubwürdig, meint der Jurist Will. Wenn etwa der Onkel, der immer behauptet hatte, ein Nazigegner gewesen zu sein, schon 1932 der NSDAP beigetreten ist, dann korrigiert das lang gehegte Familienmythen. Mathematisch betrachtet dürfte etwa jede zehnte Recherche mit einem Treffer enden. Das könnte das Bild vieler jüngerer Deutscher von ihren Familien als Hort des Widerstands korrigieren, glaubt Tuchel. Und damit erzeugt die Suche tatsächlich eine aufklärerische Wirkung - etwas, was im Internet derzeit nicht unbedingt die Regel ist."
Spiegel, Zeit und SZ gewähren Zugang zu Akten der NSdAP, die eigentlich zu einer amerikanischen Datenbank gehören. Der Zugang liegt hinter Paywall, so viel zur Volksaufklärung. Viele Deutsche stöbern seitdem in den Geschichten ihrer Ureltern - aber es handelt sich meist um recht nackte Daten, die allenfalls eine Basis für weitere Recherche abgeben können, schreibt Klaus Hillenbrand in der taz, der unter anderem mit dem Juristen Thomas Will und dem Historiker Johannes Tuchel, früherer Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, gesprochen hat: "Und doch werden bei erfolgreicher Suche alte, gerne geglaubte Erzählungen plötzlich unglaubwürdig, meint der Jurist Will. Wenn etwa der Onkel, der immer behauptet hatte, ein Nazigegner gewesen zu sein, schon 1932 der NSDAP beigetreten ist, dann korrigiert das lang gehegte Familienmythen. Mathematisch betrachtet dürfte etwa jede zehnte Recherche mit einem Treffer enden. Das könnte das Bild vieler jüngerer Deutscher von ihren Familien als Hort des Widerstands korrigieren, glaubt Tuchel. Und damit erzeugt die Suche tatsächlich eine aufklärerische Wirkung - etwas, was im Internet derzeit nicht unbedingt die Regel ist."
Kulturmarkt
Die jüngsten Statistiken des Börsenvereins zum Buchmarkt sind alarmierend, kommentiert Felix Stephan in der SZ, besonders, was junge Leser anbelangt: "Die Zahl der Buchkäufer zwischen zehn und 15 Jahren ist 2025 innerhalb nur eines einzigen Jahres um 30,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen sind es fast zwanzig Prozent. Der Börsenverein verknüpft diesen Einbruch mit einer Entwicklung, die Studien lange belegen: Die Lesekompetenz von Kindern im Grundschulalter nimmt in Deutschland seit Jahren rasant ab. Ein Viertel der Kinder erreicht in seiner Grundschulzeit keine ausreichende Lesekompetenz."
Alle Zahlen des Börsenvereins finden sich auf dieser Seite. Starker Rückgang auch bei den Neuerscheinungen: 9,8 Prozent. Der Gesamtumsatz ist um 2,7 Prozent gesunken.
Alle Zahlen des Börsenvereins finden sich auf dieser Seite. Starker Rückgang auch bei den Neuerscheinungen: 9,8 Prozent. Der Gesamtumsatz ist um 2,7 Prozent gesunken.
Politik
Trump ist eine in vieler Hinsicht fatale Figur, aber eines muss man ihm lassen, meint Hubert Wetzel in der SZ: Die Nato wird nach seinem Abgang eine bessere sein, schon weil "nicht mehr der 'Daddy' in Washington den Kindern in Europa sagt, wo's langgeht. Zum einen, weil er es ihnen nicht mehr sagen kann, zum anderen, weil er es ihnen nicht mehr sagen muss. Weil die Europäer gelernt haben, sicherheitspolitisch für sich selbst zu denken und zu entscheiden. Und weil sie die Armeen aufgebaut haben, um sich selbst zu verteidigen, anstatt nur zu hoffen - genauer: wie verwöhnte Gören zu erwarten -, dass im Notfall schon die Hinterwäldler-Jungs aus Iowa und Michigan und Alabama kommen werden, um Europa wieder mal zu retten."
Noch dominieren in der Demokratischen Partei moderate Kräfte, schreibt die NZZ-Redakteurin Isabelle Jacobi in einer ganzseitigen Analyse, aber hier und dort setzen sich überraschend radikale Linke durch, besonders im Zeichen und der Region des New Yorker Shooting Stars Zohran Mamdani. Ein anderer Traumkandidat war der proletarisch wirkende (aber aus guten Kreisen stammende) Austernfarmer Graham Platner, der jetzt wegen Vergewaltigungsvorwürfen alle Hoffnungen auf einen Senatsposten aufgeben muste. Hinter solchen Figuren, schreibt Jacobi, stecken oft politische Thinktanks oder Interessengruppen, die nicht direkt zur Partei gehören, "professionelle Akteure wie Morris Katz, Daniel Moraff und Organisationen wie 'Justice Democrats' oder 'Our Revolution', die Bernie Sanders nahesteht. Deren Direktor beantwortete die Frage, ob er die Demokratische Partei in die Luft jagen wolle, mit einem klaren Ja. Moraff hat den hemdsärmligen Austernfarmer Platner mit einer Datenrecherche gefunden und ihn persönlich an der Haustür rekrutiert. Laut dem Wall Street Journal interessieren ihn ausschließlich Kandidaten, die ein staatliches Gesundheitssystem unterstützen und den Israel-Hamas-Konflikt als Genozid verurteilen. Platners Scheitern kommentiert er schulterzuckend als Betriebsunfall: 'Unsere These ist, dass die Wähler Kandidaten wählen wollen, die nicht so aussehen und tönen wie die Leute in den Hinterzimmern der Politik, die unser Land in den Abgrund gesteuert haben.'"
Noch dominieren in der Demokratischen Partei moderate Kräfte, schreibt die NZZ-Redakteurin Isabelle Jacobi in einer ganzseitigen Analyse, aber hier und dort setzen sich überraschend radikale Linke durch, besonders im Zeichen und der Region des New Yorker Shooting Stars Zohran Mamdani. Ein anderer Traumkandidat war der proletarisch wirkende (aber aus guten Kreisen stammende) Austernfarmer Graham Platner, der jetzt wegen Vergewaltigungsvorwürfen alle Hoffnungen auf einen Senatsposten aufgeben muste. Hinter solchen Figuren, schreibt Jacobi, stecken oft politische Thinktanks oder Interessengruppen, die nicht direkt zur Partei gehören, "professionelle Akteure wie Morris Katz, Daniel Moraff und Organisationen wie 'Justice Democrats' oder 'Our Revolution', die Bernie Sanders nahesteht. Deren Direktor beantwortete die Frage, ob er die Demokratische Partei in die Luft jagen wolle, mit einem klaren Ja. Moraff hat den hemdsärmligen Austernfarmer Platner mit einer Datenrecherche gefunden und ihn persönlich an der Haustür rekrutiert. Laut dem Wall Street Journal interessieren ihn ausschließlich Kandidaten, die ein staatliches Gesundheitssystem unterstützen und den Israel-Hamas-Konflikt als Genozid verurteilen. Platners Scheitern kommentiert er schulterzuckend als Betriebsunfall: 'Unsere These ist, dass die Wähler Kandidaten wählen wollen, die nicht so aussehen und tönen wie die Leute in den Hinterzimmern der Politik, die unser Land in den Abgrund gesteuert haben.'"
Europa
Visionen zu einer weiteren Integration Europas sind selten geworden, Klaus Teichert, ehemals Staatssekretär in Berlin, entwickelt eine für die taz. Aber Vorsicht, bis sie verwirklicht ist, könnte es noch ein bisschen dauern. "Das Parlament hat zwei Kammern: eine direkt vom Volk gewählte und eine, die die Länder vertritt - wie der Bundesrat in Deutschland, nur auf europäischer Ebene. Das Wahlrecht ist überall gleich: verhältnisbasiert, mit offenen Listen, aktivem Wahlrecht ab sechzehn und der Pflicht, Frauen und Männer gleich auf den Kandidatenlisten zu verteilen. Die Verwaltungssprachen sind Französisch, Deutsch und Spanisch - und womöglich langfristig eine Unionssprache mit romanischen Wurzeln, die keinem Nationalstaat 'gehört' (Englisch wird in der EU nur noch in Irland gesprochen)."
Gesellschaft
Kleiner Trost für Bahnreisende. In Japan funktioniert's:
Reporter left speechless after witnessing Japan's new $70 million Maglev train in action at 310 mph pic.twitter.com/ToomUDGHp9
— Massimo (@Rainmaker1973) July 9, 2026
Medien
Der Deutschlandfunk hat seine Behäbigkeit, aber auch seine Qualitäten. Er hat auch etwas Museales, weil er der letzte Radiosender zu sein scheint, der noch "Sendungen" hat, präsentiert von Fachredaktionen und dargeboten in immer gleichem Rhythmus. "Am 30. November wird dieses Glück des Hörens zerstört", ächzt Claudius Seidl in der SZ. "Der Deutschlandfunk hat die Gewohnheiten seiner Hörer untersucht - und dabei erkannt, dass die meisten Menschen das Programm nicht deshalb einschalten, weil sie etwas Bestimmtes hören wollen. Sie schalten ein, weil sie gerade Zeit haben oder mit dem Auto unterwegs sind. Und deshalb soll künftig verhindert werden, dass jemand eine Sendung hört, mit der er nicht gerechnet hat. Dass also jemand, dem die Religion ganz egal ist, trotzdem 'Tag für Tag' hört. Und staunt, wie interessant das ist. Man kann es auch so sagen: Der Deutschlandfunk hat beschlossen, dass er sein Publikum nicht mehr überraschen will."
Kulturpolitik
Der Berliner Kurzzeit-Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson droht wegen der Berliner "Fördergeldaffäre" Haft. Der Vorwurf lautet Veruntreuung öffentlicher Gelder. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen sie aufgenommen, berichtet in der SZ Jörg Häntzschel, der sich auf einen Bericht des Spiegel bezieht. Nach dem Schock des 7. Oktober hatte der Berliner Senat beschlossen, 10 Millionen Euro für Antisemitismusprojekte freizugeben - aber die Vergabe verlief willkürlich und nach CDU-Sympathie, die beiden CDU-Abgeordneten Christian Goiny und Dirk Stettner hatten eilig eine Liste zusammengezimmert. "Dass nun Wedl-Wilson und nicht Joe Chialo juristisch haften muss, liegt daran, dass Chialo zurückgetreten war, bevor die Förderungen unterschriftsreif waren. Wedl-Wilson, die unter Chialo Kulturstaatssekretärin gewesen war, erbte nicht nur sein Amt, sondern auch das Antisemitismus-Projekt und die 'Stettner-Goiny-Liste'. Sie war es, die unter erheblichem Druck der beiden schließlich die Zuwendungsbescheide unterzeichnete und damit die Mittel freigab."
Richard C. Schneider warnt in der NZZ vor der Zerstörung kulturell bedeutender Stätten im Libanon. "Die Unesco äußert sich besorgt über den Zustand historischer Bauten in Tyros und Chamaa oder über jenen der Beaufort-Burg, welche die israelische Armee nach harten Kämpfen erobert hat. Die rechtliche Verpflichtung der kriegführenden Parteien, Kulturgüter zu schützen, hat gerade in einem asymmetrischen Konflikt jedoch ihre Grenzen: Bewaffnete Milizen nutzen bewusst militärisch-zivile Infrastruktur oder historische Gebäude. Eine strafrechtliche Untersuchung kann grundsätzlich immer erst lange nach Kriegsende einsetzen und tut sich schwer, den oder die Schuldigen eindeutig zu identifizieren."
Richard C. Schneider warnt in der NZZ vor der Zerstörung kulturell bedeutender Stätten im Libanon. "Die Unesco äußert sich besorgt über den Zustand historischer Bauten in Tyros und Chamaa oder über jenen der Beaufort-Burg, welche die israelische Armee nach harten Kämpfen erobert hat. Die rechtliche Verpflichtung der kriegführenden Parteien, Kulturgüter zu schützen, hat gerade in einem asymmetrischen Konflikt jedoch ihre Grenzen: Bewaffnete Milizen nutzen bewusst militärisch-zivile Infrastruktur oder historische Gebäude. Eine strafrechtliche Untersuchung kann grundsätzlich immer erst lange nach Kriegsende einsetzen und tut sich schwer, den oder die Schuldigen eindeutig zu identifizieren."
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