Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.05.2026. Der Guardian ist enttäuscht, dass die Labour-Hoffnung Andy Burnham eine Rücknahme des Brexit nicht diskutieren will. In der FR meint Richard Sennett: Die Briten wissen, dass er ein historischer Irrtum war, können aber nicht mehr zurück. Die SZ warnt vor einer "Antisemitismus-Epidemie" in Britannien, zu der auch die Green Party gehört. Die SZ dokumentiert Dan Diners Rede zur Ausstellungseröffnung des Archivs Salamander. Die FAZ skizziert Ideen, wie Urheberansprüche gegenüber dem Text-Mining der KI durchgesetzt werden können.
Der Soziologe Richard Sennetthält den Bürgermeister von Great Manchester, der Keir Starmers Nachfolger werden könne, für einen geeigneten Kandidaten, wie er im FR-Interview erklärt. Was den Brexit angeht, befinde sich Andrew Burnham in einem Dilemma: "Eine große Mehrheit der Briten hat verstanden, dass der Brexit ein Fehler war. Aber politisch ist das kompliziert. Burnham kommt aus einem Wahlkreis und aus einem politischen Umfeld, das stark pro Brexit war, vor allem in der Arbeiterklasse. Deshalb muss er seine europäische Position derzeit herunterspielen. Dabei ist er seit Jahren der Meinung, dass dieser Fehler korrigiert werden muss. Die Briten wissen inzwischen, dass das Referendum ein historischer Irrtum war." Farage sei "ein sehr interessanter Fall. Er hat das Thema Migration dramatisiert. Er will im Grunde eine Politik nach Trump-Art: die Entfernung von Ausländern, eine Rückkehr zu einer weißen Mehrheitserzählung. Das ist der Widerspruch: Viele Briten wollen irgendwie zurück nach Europa, aber sie wollen nicht unbedingt die Fremden, die zu Europa gehören. Farage lebt von diesem Rassismus. Aber ich glaube, seine Bewegung könnte auch wieder kollabieren."
Im Guardian ist Rafael Behr enttäuscht, dass Andrew Burnham eine Rücknahme des Brexits bereits ausgeschlossen hat. Die Briten müssten endlich ihre nationale Probleme in den globalen Kontext stellen, statt auf Einwanderer und Sozialhilfeempfänger zu schielen: "Kein einzelnes Land kann den beiden Spitzenreitern (China und die USA) in Bezug auf Wirtschaftskraft und technologischen Fortschritt das Wasser reichen. Europa ist ein Anwärter, aber nur, wenn es den kollektiven Reichtum des Kontinents durch strategisch ausgerichtete Investitionen bündelt. Großbritannien kann sich entscheiden, Partner in diesem Projekt zu sein oder eine Nebenrolle zu akzeptieren. ... In seiner ersten großen Rede seit der Ankündigung am Montag, bei der Nachwahl anzutreten, sagte der Bürgermeister von Greater Manchester, der Brexit habe Schaden angerichtet, aber auch: 'Das Letzte, was wir jetzt tun sollten, ist, diese Argumente erneut aufzugreifen'. Er versprach einen 'unerbittlichen Fokus auf innenpolitische Themen', um 'unser eigenes Land in Ordnung zu bringen'. Ein solcher Provinzialismus ist unter den gegebenen Umständen verständlich, aber dennoch entmutigend in einer Rede, die ansonsten nachdenklich die Ursachen der wirtschaftlichen Dysfunktion Großbritanniens beleuchtete."
Eine "Antisemitismus-Epidemie" ist in Großbritannien ausgebrochen, warnt Nicholas Potter in der SZ. Bands wie Kneecap feiern riesige Erfolge mit antisemitischer Propaganda, die Gruppe Palestine Action verübt Anschläge auf jüdische Geschäfte und hat Unterstützung von prominenten Namen wie der Schriftstellerin Sally Rooney. In der Politik ist es nicht besser: Bei Reform UK kursieren Verschwörungstheorien von Juden als Teil "einer 'globalistischen' jüdischen Elite, die die Medien kontrollierten und für illegale Immigration verantwortlich seien." Von links "sorgt die Green Party, die in Umfragen mit um die 15 Prozent im historischen Aufwind ist und ihre Mitgliederzahl seit September mehr als verdreifacht hat, für einen Antisemitismus-Skandal nach dem anderen, obwohl der aktuelle Chef Zack Polanski, ein umstrittener Populist, selbst jüdisch ist. Vor den Lokalwahlen im Mai, bei der die Greens fünf Gemeinderäte sowie zwei Bürgermeisterposten gewannen, ermittelte die Partei gegen dreißig ihrer eigenen Kandidatinnen und Kandidaten wegen Antisemitismus. Einer rief in den sozialen Medien dazu auf, 'jeden einzelnen Zionisten' zu töten."
In der Welt porträtiert Martina Meister den französischen Milliardär und Medientycoon Vincent Bolloré, dem die Adjektive "rechtsextrem", "erzkatholisch" und "antisemitisch" zurecht angeheftet werden: "Der Kulturkampf tobt in Frankreich und er wird umso schonungsloser und brutaler geführt, je näher die Präsidentschaftswahlen rücken. Und die 'Bollosphäre', wie die Franzosen das Imperium des Medienmilliardärs mit seinen Satelliten aus Journalisten, Autoren und Politikern nennen, hat Position bezogen: Sie will den Sieg der Rechten und den einer gemäßigten Partei der Mitte verhindern. Noch bei den letzten Präsidentschaftswahlen hat Bolloré den rechtsextremen Kandidaten Eric Zemmour unterstützt", heute setze er auf den Rassemblement National (RN). "Unter Führung der Le-Pen-Tochter erschien ihm der RN lange zu gemäßigt und vor allem bei Gesellschaftsthemen wie Abtreibung zu liberal. 'Bolloré zieht zweifellos Jordan Bardella Marine Le Pen vor', analysiert Alain Minc, der in Frankreich als graue Eminenz gilt und die politische Szene versteht wie kaum ein anderer. 'Bolloré spricht derjenigen, die ihren Vater verleugnet und den RN dazu gebracht hat, gegen den Antisemitismus zu demonstrieren, keinerlei Verdienste zu', fährt Minc fort."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Heute feiert die Zeitschrift für Ideengeschichte, die einst vom damaligen Marbach-Chef Ulrich Raulff erfunden wurde, in Berlin ihren zwanzigsten Geburtstag. Das Jubiläumsheft widmet sich dem Thema "Türhüter". Der Perlentaucherveröffentlicht vorab einen Essay des Angela-Merkel-Biografen Ralph Bollmann über Beate Baumann, die Büro-Chefin der Kanzlerin, jenen Zerberus also, der 16 Jahre lang den Zugang erschwerte, bis die Republik in jenem Zustand war, den wir nun beklagen. "'Da machen wir lieber nichts, dann machen wir nichts falsch', zitierte etwa ein früher Förderer Merkels aus Wendezeiten deren spätere Büroleiterin. Das gab er nicht etwa mit ruhiger Stimme wieder, sondern im Modus bebenden Zorns: Die von ihm einst Protegierte habe sich stets nur mit uncharismatischen Leuten umgeben, denen jeder Hang zum Spielerischen abgehe. Das Gespräch fand allerdings statt, bevor Spielernaturen wie Robert Habeck oder Friedrich Merz nahe am politischen Schiffbruch segelten. Damit ist bereits eine wichtige Funktion der Türhüterin umschrieben: Sie holt sich den Tadel für die Chefin ab, macht sich gleichsam stellvertretend unbeliebt. Damit erhält sie zugleich die Illusion aufrecht, die Kanzlerin hätte bei direkter Ansprache vielleicht anders, freundlicher entschieden. So sind die Rollen bis heute ja auch verteilt: Während Merkel selbst sich in der persönlichen Begegnung zugewandt gibt, scheut Baumann nicht davor zurück, Anfragen aller Art mit Absagemails in immergleicher Nüchternheit zu bescheiden."
Die Münchner Monacensia machen Teile ihres Archivs Salamander mit einer Ausstellung zugänglich. Rachel Salamander gründete in den frühen Achtzigern in München die erste deutsche Buchhandlung für jüdische Literatur und jüdisches Denken nach dem Holocaust und dokumentierte tausende dort abgehaltene Veranstaltungen - ein einzigartiger Schatz! "Die unverstellte Darbietung jüdischer Zeichen, Symbole und Gegenstände in Gestalt von Büchern oder ritueller Objekte war ungewohnt, befremdlich", merkt der Historiker Dan Diner in seiner von der SZ dokumentierten Eröffnungsrede an, doch "für die jüdischen Symbole war es gleichwohl ein Weg hinaus ins Freie - heraus aus einem bislang nach Innen gekehrten jüdischen Milieu, von dessen verdeckter Existenz die meisten nichts wussten. ... Dass die dokumentierten Spuren dieser Zeit nun in ein für sie extra eingerichtetes Archiv eingehen, das ihren Namen als Signum trägt, ist sowohl ein Zeichen höchster Anerkennung als auch ein Wermutstropfen, (...) weil diesem Arsenal der Erinnerung das Verfallsdatum einer Epoche aufgeprägt scheint, in der die Bundesrepublik ihre höchste Zeit erfuhr. So steht der Auszug aus dem gelebten Leben und der Einzug ins Archiv nicht nur für die nunmehr der Vergangenheit zugehörenden Kerngeschichte der 'Literaturhandlung' an. Sondern auch für viele andere herausragende Protagonistinnen und Protagonisten der alten Bundesrepublik, die noch Jahrzehnte über den Einschnitt der Vereinigung anhielt und heute an ihrem Ende angekommen zu sein scheint."
Außerdem: Der Historiker Norbert Frei gratuliert in der SZ seinem Kollegen und Freund Dan Diner zum Achtzigsten, in der FAZ gratuliert Jürgen Kaube.
In der FRresümiert der Historiker Joseph Croitoru, die Geschichte der südlibanesischen Stadt Bint Jbeil, die immer wieder zwischen die Fronten von Hisbollah und der israelischen Armee kam. Während der jüngsten israelischen Kämpfe gegen die Hisbollah sei die Stadt massiv zerstört worden, so Croitoru: "Der Likud-Abgeordnete Amit Halevi forderte unterdessen, 'Bint Jbeil wie Dresden auszuradieren'. Sein Parteifreund und Verteidigungsminister Israel Katz setzte dem noch eins drauf und kündigte eine flächendeckende Zerstörung der südlibanesischen Grenzorte an. Die Verheerungen in Bint Jbeil zielen offensichtlich darauf ab, den Ort für lange Zeit unbewohnbar zu machen. Auf Satellitenbildern ist deutlich zu erkennen, dass die gesamte Ortsmitte, einschließlich des in den Jahren nach dem Libanonkrieg restaurierten Altstadtkerns, gesprengt, abgerissen und planiert wurde. So auch mehrere dortige Moscheen, einschließlich der 'Großen Moschee', deren Anfänge bis ins Mittelalter zurückreichen und die als der historisch bedeutendste muslimische Sakralbau in der Region galt. Sie wurde in der osmanischen Zeit im 17. Jahrhundert ausgebaut und nach 2006 teilweise restauriert. Ihre zuletzt mehr als 3000 Bücher umfassende Bibliothek ist wohl für immer verloren gegangen."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der "Katechon" ist ein Konzept aus der christlichen Eschatologie, erklärt der Historiker Volker Weiss im Welt-Interview. Was genau er ist, lässt sich nicht so leicht bestimmen, so Weiss, vor allem "eine Kraft des Aufhaltens. Und da beginnt schon die Debatte. Ist es eigentlich eine Figur oder ist es eine Institution?" Der Begriff spielt in der Ideologie der amerikanischen Tech-Elite eine große Rolle: So gilt beispielsweise Trump als der "Katechon", der den Antichristen aufhalten wird. Weiss hat zu dem Thema auch ein Buch verfasst: "Thiel operiert gerne mit theologischen Motiven. Das bleibt aber relativ unbestimmt. Er jongliert mit der Johannes-Apokalypse auf der einen Seite, mit dem Paulusbrief auf der anderen Seite. Thiel hält die Kontrolle von Technologie für eine Bedrohung. Er sieht das Wirken des Antichristen darin, dass der Mensch in der Lage sein will, die von seinen Firmen entwickelte Technologie - die dann immer mehr auf künstlicher Intelligenz aufbaut - zu kontrollieren. Das ist eine merkwürdige Umkehrung. Die meisten Menschen haben ja eher Sorge vor einer völlig entfesselten Technologie. Trump und sein Umfeld haben in dieser Projektion - das sind alles Projektionen - durch ihr Deregulierungsprogramm eine katechontische Funktion."
Die New York Times hat mit dem Artikel von Nicholas Kristof (unsere Resümees) über angebliche Vergewaltigungen durch Hunde in israelischen Gefängnissen eine Barriere eingerissen, die der Journalismus als ganzes noch bedauern wird, meint Daniel Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, in der Jüdischen Allgemeinen: "Dabei steht der enorme Umfang der Untersuchungen zu den Hamas-Verbrechen im krassen Gegensatz zu Kristofs Konstruktion. Dort eine mehrere hundert Seiten umfassende Dokumentation mit über 400 Zeugenaussagen, tausenden Bildern und unzähligen Stunden Videomaterial der Hamas sowie Mitschnitten von Mobiltelefonen, Überwachungskameras und Dashcams, die unter Mithilfe von juristischen und forensischen Experten sowie medizinischem Fachpersonal und Traumatherapeuten verfasst wurde. Hier anonyme Aussagen, schwer überprüfbare Berichte, Aktivistennetzwerke und Behauptungen, die jeder Plausibilität trotzen. ... Sicher: Die Feinde Israels jubeln, weil nun selbst die New York Times ihre fantastischsten Mythen schwarz auf weiß druckt. Doch die Konsequenzen werden nicht nur Israel treffen. Nein, die Konsequenzen werden auch die klassischen Medien zu spüren bekommen. Denn die Grenzen zwischen Aktivismus und Journalismus verschwimmen immer mehr. Das Vertrauen erodiert. Und die Wahrheit zerbricht an der weit verbreiteten Besessenheit, in deren Zentrum Israel steht."
Ob das Text- und Data-Mining der KI Urheberrechtsansprüche der Autoren verletzt, ist juristisch noch ungeklärt. "Die politische und juristische Diskussion ist längst entbrannt", aber Urteile der höchsten Gerichte stehen noch aus, berichtet Thomas Thiel auf den Geisteswissenschaftenseiten der FAZ. Vorschläge, wie Autoren vergütet werden könnten, gibt es jedoch schon: "Der Rechtswissenschaftler Josef Drexl, Direktor des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb, forderte jüngst eine Ausweitung des Urheberschutzes für die KI-Verwendung, und zwar unabhängig von der Frage, ob die Werke durch das KI-Training wiederhergestellt werden. Sie könnte die Form eines neuen Verwertungsrechts haben, sprich: Die KI-Firmen dürften die Texte verwenden, müssten dafür aber bezahlen. Ersetzt oder ergänzt werden könnten sie durch eine KI-Abgabe, die durch eine Verwertungsgesellschaft von den KI-Anbietern in Europa erhoben werden könnte. Letztere soll, wie Drexl in einem Diskussionspapier ausführt, nicht nur die konkret verwendeten Texte betreffen, sondern allen Autoren zugutekommen, schließlich seien alle durch die KI-Verdrängung betroffen. Das mag auf individueller Ebene ungerecht sein, umgeht aber das Problem, dass die Verwertung einzelner Texte durch die Sprachmodelle kaum nachweisbar ist." (Hingewiesen sie hier auch nochmal auf den Essay von Bright Simons zu den Folgen des Text-Minings der KI, unser Resümee)
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