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23.04.2026. Die AfD ist erstmals stärkste politische Kraft in Deutschland, meldet das ZDF-Politbarometer: Selbst Schwarz-Rot hätte heute keine parlamentarische Mehrheit mehr. Vor vierzig Jahren explodierte ein Reaktor im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl: Die nukleare Katastrophe ist ein Krieg, erinnert sich die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in der Zeit. In Le Point beschreibt der Strahlungsforscher Jim T. Smith die paradoxen Folgen der Katastrophe. In der Welt erklärt der Sinologe Frank Dikötter, warum es in China keinen Kapitalismus gibt. In der FR untersucht Claus Leggewie das Verhältnis der Deutschen zum Wal.
Politische Zustände in Deutschland heute. dpa zitiert aus neuesten Umfragen, hier bei Spiegel online: "Die AfD ist nun auch im ZDF-'Politbarometer' erstmals stärkste Kraft. Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, käme die CDU/CSU laut Forschungsgruppe Wahlen nur noch auf 25 Prozent (minus 1 Prozentpunkt im Vergleich zu Ende März). Die AfD läge unverändert bei 26 Prozent. Die SPD würde nur noch zwölf Prozent (minus 1) erreichen und damit auf ihren Tiefstwert in dieser Umfrage fallen. Damit hätte Schwarz-Rot keine parlamentarische Mehrheit mehr."
Vor vierzig Jahren explodierte der Reaktor im Block 4 des sowjetischen Atomkraftwerks Tschernobyl. Es gab Tote, aber nicht Tausende oder Zehntausende, wie heute viele glauben, die Zahlen sind viel geringer, aber nicht immer genau zu ermitteln, wie der Strahlungsforscher Jim T. Smith, der sich intensiv mit Tschernobyl und den Folgen befasst und dazu publiziert hat, im Gespräch mit Le Point zugibt. Zum Teil hatte der Unfall paradoxe Folgen, so Smith: "Der Rückzug der Menschen aus der Umgebung des Kraftwerks ist dem Ökosystem enorm zugutegekommen. Die Sperrzone ist heute eines der größten Naturschutzgebiete Kontinentaleuropas und befindet sich in einem besseren ökologischen Zustand als vor dem Unfall." Smiths Resümee: "Ein Atomunfall ist eine schwere Katastrophe, die man niemals herunterspielen darf. Man muss jedoch ihre wahre Natur verstehen. In Tschernobyl gab es radiologische Auswirkungen, und diese sind dokumentiert. Die tiefgreifendsten Folgen waren jedoch sozialer, wirtschaftlicher und psychologischer Natur." Im WDR-Podcast Quarks gibt es eine Folge zu den umstrittenen Opferzahlen von Tschernobyl (30, wie die UN-Organisation Unscear meint, oder 900.000, wie die internationale Ärztevereinigung IPPNW behauptet).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die spätere Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch war damals nach Tschernobyl gereist und hatte ein vielbeachtetes Buch über die Folgen der Reaktorkatastrophe geschrieben. Im Interview mit der Zeit sagt sie zurückblickend: "Die nukleare Katastrophe ist ein Krieg, aber ein ganz anderer als alle vorherigen. Man läuft durch ein verlassenes Dorf, darf keinen Baum anfassen, sich nicht auf die Erde setzen, keinen Apfel pflücken: Es ist der Tod, der um einen herumsteht, aber er hat ein anderes, ein unsichtbares Gesicht. Manche Radionuklide können Hunderte, manche Tausende Jahre überdauern. Solange der Krieg in der Ukraine auch dauert, er wird irgendwann ein Ende finden. Tschernobyl aber ist für unser kurzes Leben endlos."
China gilt manchen als noch kapitalistischer als die westlichen Staaten, das ist aber grundfalsch, erwidert der Sinologe Frank Dikötter im Welt-Interview mit Hannes Stein. Deshalb sei es auch gefährlich für Deutschland, sich von China abhängig gemacht zu haben: "Ein gewaltiger Fehler, für den Sie sich bei Frau Merkel bedanken können. Sie hat Deutschland im Hinblick auf das Erdgas von Russland abhängig gemacht, und die deutsche Industrie von China. Nicht nur sie, auch Bill Clinton hat wieder denselben Denkfehler gemacht: Der chinesische Kommunismus sei gar kein Kommunismus. Falsch. China wird immer noch von Kommunisten regiert, die sich vom Westen umzingelt fühlen, und das seit 1921. (...) Das Land gehört dem Staat, alle Schlüsselindustrien gehören dem Staat. Alle wichtigen Ressourcen werden direkt oder indirekt vom Staat kontrolliert. Dies ist immer noch eine sozialistische Wirtschaft, auch wenn es gelegentlich sogar heißt: Die Chinesen sind sogar kapitalistischer als wir! Nein, sind sie nicht. Alle Subventionen werden von der Partei vergeben." Damit sei ein fairer Wettbewerb unmöglich, weil jedes ausländische Unternehmen "mit einem massiven Staat konkurrieren" müsse.
Nach der Entlassung des französischen Grasset-Verlegers Olivier Nora durch den rechtsextremen Tycoon Vincent Bolloré verließen auch rund 200 Grasset-Autoren jeder politischen Couleur den Verlag (unser Resümee). In der SZ begründet Bernard-Henri Levy seinen Abgang: "Diese lebendige Vergangenheit lasse ich nun hinter mir. Nie mehr, so stelle ich es mir vor, werde ich die alte Holztreppe hinaufsteigen, die vor mir schon François Mauriac und Marcel Proust gegangen sind. Und dieser Gedanke erfüllt mich mit bodenloser Traurigkeit. Was mich dagegen tröstet, ist die schöne Welle der Solidarität, die auf diese in ihrer Brutalität beispiellose Absetzung gefolgt ist. Ich freue mich darüber zunächst für ihn, für Olivier Nora. (...) Ich freue mich aber auch über diesen Aufstand des Gewissens - mein Freund, der katholische Philosoph Maurice Clavel, der in meinen Anfängen eine der prägenden Seelen des Hauses war, hätte gesagt: einen Aufstand der Geister und des Geistes -, gegen etwas, das sehr nach einer Machtübernahme und einem Akt der Revanche aussieht."
"Die Schlacht ist verloren. Grasset ist tot. Bolloré hat ihm den Todesstoß versetzt", meint Pascal Bruckner nach seinem Grasset-Abgang im Interview mit der Welt: "Es ist übrigens ein zweiter Tod. Der Verlagsgründer Bernard Grasset hatte während der deutschen Besatzung kollaboriert. Ihm drohte die 'nationale Unwürde' (indignité nationale). Irgendjemand fand, dass es schade sei um den Verlag, und rettete ihn. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass es Bolloré gelingt, woran Bernard Grasset gescheitert ist. Bolloré ist nicht kultiviert. Er liest nicht. Bücher interessieren ihn nicht. Was er will, ist die Macht. Deshalb hat er die russische Journalistin Xenia Fedorova seinem Sender CNews, Europe 1 und dem Verlag Fayard aufgedrückt. Es heißt, sie sei seine Mätresse. Sie ist die Stimme Putins, Bolloré ist Putins Strohmann. Es geht nicht um Christentum, es geht nicht um Immigration. Es geht um Putin." Über Boualem Sansal, dessen Streit mit Nora der Auslöser für den ganzen Schlamassel gewesen sein soll (unsere Resümees), sagt er: "Ich fürchte, Boualem ist instrumentalisiert worden und sein Buch könnte, weil es bei Grasset erscheint, von den Buchhändlern boykottiert werden."
Die Theologie an denUniversitäten ist ein schwarzes Loch: Doppelt so viele Dozenten deutschlandweit wie für die Philosophie, aber gähnend leere Hörsäle. Die Theologen werden vom Staat, nicht den Kirchen, bezahlt, um eine kaum mehr existierende Nachfrage zu bedienen. "Es verwundert, warum eine strukturelle Reduzierung theologischer Fakultäten von keiner demokratischen Partei, sei es SPD, Grüne oder FDP, bis dato gefordert wurde", schreibt Ralf Nestmeyer bei hpd.de. "Die staatliche Finanzierung bekenntnisgebundener Theologie wirkt wie ein Anachronismus: Der Staat subventioniert indirekt kirchliche Aufgaben und privilegiert eine bestimmte Weltanschauung innerhalb des Wissenschaftssystems. Dass ein Fach, das an Glaubensvoraussetzungen gebunden ist, zugleich den Status einer Wissenschaft beansprucht, bleibt dabei ein grundlegender Widerspruch."
Die laut ersten, nicht rechtskräftigen Gerichtsentscheidungen teils fehlerhafte und falsche Berichterstattung des gemeinnützigen Mediums Correctivzu einem Treffen von Rechtsextremen in Potsdam ist ein Paradebeispiel für die Tücken von "Haltungsjournalismus", schreibt Till Oliver Becker bei den Ruhrbaronen: "Nicht, weil damit alles falsch gewesen wäre, was rund um das Potsdamer Treffen berichtet wurde. Und auch nicht, weil jede Kritik an rechtsextremen Milieus nun erledigt wäre. Sondern weil hier offenbar ein Muster sichtbar wurde, das viel tiefer reicht. Eine Redaktion setzt auf maximale Wucht. Andere Medien springen begeistert auf. Zweifel gelten schnell als verdächtig, weil sie angeblich 'den Falschen' nützen könnten. Und am Ende kommt genau das heraus, was man verhindern wollte: Die Falschen profitieren tatsächlich."
Die tschechische Regierung unter Andrej Babis plant, vielen öffentlich-rechtlichen Sendern die Mittel zu streichen - zum Beispiel Radio Prag International, der schon seit neunzig Jahren auf Sendung ist, berichtet Viktoria Großmann in der SZ. Der Rundfunk solle reorganisiert werden und die Regierung mehr Einfluss bekommen: "Die Opposition wehrt sich, hat sich bereits an die Europäische Kommission gewandt. Denn die Planungsunsicherheit, welche die neue Regierung schafft, könnte dem neuen Europäischen Medienfreiheitsgesetz widersprechen. Das trat im August 2025 vollständig in Kraft und sieht unter anderem vor, dass öffentlich-rechtliche Medien eine 'ihrem Auftrag angemessene, tragfähige und berechenbare Finanzierung' erhalten. Es gebe 'keinen rationalen Grund für so tiefgreifende Änderungen', hatte Rundfunkdirektor René Zavoral dem Minister vor einigen Tagen entgegnet. Man könne das nicht anders verstehen, als einen 'Versuch, die Sender zu schwächen und politisch zu vereinnahmen'. Mittlerweile haben sich Streikkomitees gegründet. Wenn die Regierung bei ihren Plänen bleibe, dann sei ein Streik 'unvermeidlich', erklärte Zavoral."
Michael Hanfeld stellt in der FAZ das von Peter Thiel mitfinanzierte Start-up "Objection" vor, eine angeblich mörderische Waffe (er nennt es "KI-Guillotine) gegen den Journalismus. Wer sich darauf einlässt, seinen Artikel überprüfen zu lassen, wird letztlich von einer KI beurteilt - Voraussetzung ist freilich, dass man seine Quellen preisgibt. "Konzernen und denen, die es sich leisten können, legt 'Objection' ein KI-Werkzeug in die Hand, mit dem sie Journalisten und Medienhäuser mit Anfragen ersticken und deren Reputation eindampfen können. Sie stehen schlecht da und werden an den Pranger gestellt, wenn sie sich der KI nicht unterwerfen; tun sie es doch, sind sie dem vermeintlich objektiven Urteil, dessen Zustandekommen man nicht wirklich nachvollziehen kann, ausgeliefert."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Sarah Pines besucht für die Zeit die amerikanische Philosophin Agnes Callard in deren Büro in der Chicago University, um mit ihr über ihre zwei Ehen und ihr gerade auf Deutsch veröffentlichtes Buch "Sokrates" zu reden, eine "Anleitung zu mehr Intellektualität", wie sie sagt. "Für Sokrates waren alle, die ihn umgaben, irgendwie Philosophen, und so behandelte er sie auch: als Experten, philosophischer, als er selbst es war. Doch seine Art, auf Fremde zuzugehen, machte den Philosophen unbeliebt, er wurde 399 vor Christus in Athen zum Tode verurteilt. 'Und Platon hat daraus gelernt', führt Callard fort. 'Niemals Fremde anzusprechen, sondern sich mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter in abgeschotteten Gärten zu treffen. Und bis heute sehen wir Philosophen so: immer irgendwo anders, nicht zu uns gehörig. Diese Sicht ist auch ein Selbstschutz, die imaginäre Mauer das Relikt, das Plato zwischen Sokrates und die Welt schob, die ihn tötete.'"
Außerdem: In der FAZ versucht Dietmar Dath uns die Graphentheorie zu erklären.
Das Verhältnis der Deutschen zum Wal war nicht immer so traulich, wie die Bemühungen um den armen, in der Ostsee gestrandeten "Timmy" nahezulegen scheinen, erzähltClaus Leggewie in der FR. Vielleicht kriecht bei "Timmy" eine alte Schuld wieder hoch? Die Nazis gehörten zu den grausamsten Ausbeutern der Südmeere. Die Wale wurden (nicht nur von den Nazis) gejagt, bis sie ausgerottet waren: "Der Hintergrund war die im Streben des 'Dritten Reichs' nach Autarkie konstatierte 'Fettlücke'. Die deutsche Landwirtschaft lieferte nicht genug Speisefette aus pflanzlicher Produktion, also rüstete Hermann Görings Vierjahresplan zum Krieg gegen die Wale in der Südantarktis. Mehr als die Hälfte der damaligen globalen Produktion ging ins Deutsche Reich, die Zahl der damals erlegten Tiere übersteigt die der heute noch insgesamt vorhandenen Wale."
Unterdessen verzeichnet das ZDF-Liveblog zu "Timmy" für den heutigen Morgen: "Der Wal vor der Insel Poel atmet noch, doch die Lage bleibt kritisch. Während dem Tier weiter mit Tüchern und Baggern geholfen wird, sorgen Konflikte im Rettungsteam für zusätzliche Unsicherheit."
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