9punkt - Die Debattenrundschau

Rein rationaler öffentlicher Diskurs

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.03.2026. Die Welt erklärt mit Stewart Brand, dem Erfinder des "Whole Earth Catalogue", warum die Umwelt nur mit Urbanisierung zu retten ist. Die SZ erklärt dem neuen grünen Bürgermeister von München, Dominik Krause, mehr oder weniger das gleiche. Die taz erinnert an die argentinische Militärdiktatur, die sich vor fünfzig Jahren an die Macht putschte. In der FAZ erklärt Philip Manow, wofür die Populisten ein "Problemanzeiger" sind. Und ein Habermas-Nachruf ist nachzutragen - von Palantir-Gründer Alexander C. Karp in Politico.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2026 finden Sie hier

Ideen

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In der Welt stellt Hannes Stein den 88-jährigen Stewart Brand vor, Gründer des legendären "Whole Earth Catalogue", ein Selbsthilfekatalog für jede Art von Selbsterzeugung und Reparatur. Eine Art frühes Google also. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, "Maintenance of Everything" ("Die Wartung von allem"), das diese Tradition fortsetzt: Brand glaubt an Technik und an alles, was man reparieren kann, und er war begeistert von den Computern, die entwickelt wurden. "Eigentlich hätte es darum niemanden wundern dürfen, dass er bald drei grüne Häresien verkündete: Stewart Brand war für Atomkraft, für große Städte und für Gentechnik. Der Gedanke dahinter ist simpel. Wegen des menschgemachten Treibhauseffekts ist es nötig, dass große Teile des Planeten sich wieder in Wildnis verwandeln. Das kann nur geschehen, wenn der weltweite Trend zur Urbanisierung anhält; wenn immer mehr Menschen vom Dorf in die Stadt ziehen. Die Riesenstädte, vor allem auf der Südhalbkugel des Planeten, benötigen aber Energie, viel Energie. Und alle Windräder und Sonnenkollektoren, für die Stewart Brand selbstverständlich ist, reichen nicht aus, um diesen Hunger nach Elektrizität zu stillen; darum Atomkraft. Wohin aber mit dem Atommüll? Den kann man in neuen Atomkraftwerken nutzen, um noch einmal für tausend Jahre Strom zu erzeugen."

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Die originellsten deutschen Geistesgrößen hocken traditionell nicht selten in der Provinz. Jannis Koltermann besucht für die FAZ den politischen Denker Philip Manow in seinem Fünfzigerjahre-Einfamilienhaus in Eitorf, im Rhein-Sieg-Kreis, dreißig Kilometer östlich von Bonn. Messerscharf stellt Manow von hier aus das Selbstverständnis der liberalen Demokratie in Frage, die alle Probleme bei den Populisten sieht, aber nicht bei sich selbst: "Manow dagegen möchte die Populisten als Problemanzeiger ernst nehmen und fragen, was sich in der demokratischen 'Normalität' so verändert hat, dass sie die populistischen 'Abweichungen' hervorruft." Neben der von Manow kritisierten Verrechtlichung und Europäisierung, die der Politik zur hämischen Freude der Populisten immer mehr Spielraum nehme, scheinen ihn aber noch andere Fragen umzutreiben, so Koltermann: "Selbst wenn Manow sich nicht auf konkrete Positionen festlegen möchte, scheint durch, dass er dem Thema 'Migration' zentrale Bedeutung zumisst. Immer wieder kritisiert er im Gespräch die Neigung vieler Fachkollegen, Migration als selbstverständlich zu betrachten, aus der politischen Verhandlungsmasse 'rauszunehmen' und die mit ihr einhergehenden Verteilungskonflikte zu ignorieren."

Ein Habermas-Nachruf wäre nachzutragen und zwar von Alexander C. Karp, Mitbegründer der düster umwehten digitalen Überwachungsfirma Palantir. Er erzählt in Politico in eigentlich eher gemütlichem Tonfall, wie er mehrere Jahre an Habermas' Institut verbrachte, bis dieser ablehnte, seine Dissertation zu betreuen. "Seine Entscheidung kam völlig überraschend und war verletzend. Der Schmerz sollte noch Jahre nachwirken." Inhaltlich klingt Karps Kritik an Habermas milde, aber entschieden: "Seine Hoffnung auf eine Art körperlose politische Identität, losgelöst von den unbequemen Besonderheiten von Familie und Kultur, verkörperte einen idealistischen Kosmopolitismus, der sich in der Moderne als unzureichend erwiesen hat, um Loyalität zu wecken. Anders ausgedrückt: Er glaubte an die Möglichkeit eines rein rationalen öffentlichen Diskurses. Ich glaubte und glaube nach wie vor, dass ein solcher Diskurs in einer eher greifbaren und traditionellen - ja, nationalen und kulturellen - Quelle verwurzelt sein muss."

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Im Interview mit der FR erklärt der Verfassungsrechtler Günter Frankenberg, der gerade zusammen mit Wilhelm Heitmeyer ein Buch zum Thema vorgelegt hat, was genau Autoritarismus ist und woran man ihn erkennt beziehungsweise was seine Merkmale sind. Dazu gehört "ein exekutiv-lastiger, oft informeller Regierungsstil, der bei behaupteter Gefahr im Verzuge oder aus Gewohnheit auf klandestines Entscheiden umschaltet oder aber sich auf anderem Wege der politischen und rechtlichen Kontrolle entzieht. Das illustrieren sehr drastisch Trumps Flut von Dekreten und sein Techno-Gruselkabinett. ... Zweitens schließt Autoritarismus zwar nicht die Beteiligung des Volkes aus, stuft es aber zu stillen Teilhabern, ja Komplizen des Systems herab. Diese dürfen kontrolliert Stimmung machen, haben jedoch keine Stimme, die informiert der Regierungsarbeit widersprechen könnte."
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Wissenschaft

Deutschland wollte vom Trumpismus profitieren und drangsalisierte amerikanische Forscher ins Land ziehen. Wo bleiben sie denn, fragt Thomas Thiel in der FAZ: "Das im Dezember gestartete Tausend-Köpfe-Programm des Bundesforschungsministeriums hat bislang 26 Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gelockt."
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Medien

In der NZZ kritisiert Lucien Scherrer mit vielen Beispielen den Automatismus, mit dem Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen, wie "Voreingenommenheit und selektive Wahrnehmung", abgeschmettert wird. Erkennt den jemand wieder? "Wer findet, es sei alles in bester Ordnung bei ARD, ZDF, SRG oder BBC, braucht bloß auf 'Angriffe von rechts' zu verweisen. Und schon ist jegliche Kritik an einseitiger Berichterstattung, überbordender Machtfülle und mangelndem Reformwillen delegitimiert. ... Der rhetorische Trick ist unter umgekehrten Vorzeichen aus dem Kalten Krieg bekannt. Kritik an der überdimensionierten Armee konnte in der Wahrnehmung des rechtsbürgerlichen Establishments nur von Kommunisten, langhaarigen Nichtsnutzen und Landesverrätern kommen. Und was Linke falsch fanden, konnte nur richtig sein. Deren Aufforderung, die Armee zu verkleinern, war für die tonangebenden Kreise eher ein Argument, sie zu vergrößern. Aber sicher kein Anlass, sich ernsthaft mit Kritik auseinanderzusetzen."
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Europa

Nach mehr als achtzig Jahren Regierung stellt die SPD nicht mehr den Oberbürgermeister von München. In der SZ zeigt Claudius Seidl verhaltene Freude: Hat der neue OB, der 35-jährige Grüne Dominik Krause, einen großen Plan, wie man eine Stadt wie München aus der Krise holen kann? Seidl sieht wohl einzelne Elemente, allein es fehlt ihm bei Krause der Elan, den beispielsweise eine Anne Hidalgo bei der Neugestaltung von Paris zeigte: "Beim Besuch in Krauses Bürgermeisterbüro war es jedenfalls der Gast, der den Kandidaten mitreißen musste: ... Wie lebendig würden die Angestelltenghettos, wenn auf den Dächern ehemaliger Bürohäuser öffentliche Gärten wüchsen und man in den Erdgeschossen einen Kaffee trinken könnte. Und in den Stockwerken dazwischen lebten echte Menschen. Was für eine erstaunliche Mischung aus Ökologie und Urbanismus wäre vorstellbar, wenn Krause den großen Plan fürs Bauen im Bestand in Auftrag gäbe. Fürs Verdichten, Umwidmen, Neubeleben. Es wäre ein ökologischer Umbau, der nicht die Verdörflichung Münchens bedeutete, sondern deren Gegenteil."

"Der Nationalstaat ist ein Kriegsgeschöpf, der Krieg gehört zu den stärksten Kräften der Nationsbildung" - das gilt auch für Russland und die Ukraine, erklärt im Interview mit der NZZ der Historiker Dieter Langewiesche, Spezialist für Kriege in Europa. "Wenn die Ukraine als Staat den Krieg Putins übersteht, wird sie eine gefestigte Nation sein und sich als Nationalstaat behauptet haben. Und wenn nicht, dann wäre ihr Schicksal vergleichbar mit anderen Nationen, die es nicht geschafft haben, zum Nationalstaat zu werden, oder erneut versuchen mussten, ihn zu erzwingen. Also jene beiden Möglichkeiten, die wir aus der Geschichte bis in die Gegenwart kennen. Man denke etwa an die bislang gescheiterten Versuche der Kurden, in einem Nationalstaat zusammenzuleben." Dass die Ukraine aber auch einen Stellvertreterkrieg für Europa führt, findet Langewiesche evident: "Wenn Putin in der Ukraine siegen würde, könnte er annehmen, wegen dieser vergleichsweise kleinen Region Europas [gemeint sind die baltischen Staaten, die red.] werden die Europäer und die USA keinen Krieg führen wollen. Selbst gegenüber Finnland könnte er mit historischen Ansprüchen argumentieren, gehörte es doch lange zum zarischen Russland".

Giorgia Meloni ist mit ihrem Referendum zur Justizreform (unser Resümee) gescheitert. Mit überraschend hoher Wahlbeteiligung stimmten die Italiener für den Status quo, berichtet Michael Braun in der taz. In Italien gehören Staatsanwälte und Richter "dem gemeinsamen Berufsstand der 'Magistrate' an, werden gemeinsam ausgebildet, verwalten sich gemeinsam selbst im 'Consiglio Superiore della Magistratura' (CSM), dem Höchsten Rat der Magistratur, der über Beförderungen, Versetzungen und auch Disziplinarmaßnahmen befindet." Nach Melonis Plan sollten "die beiden Laufbahnen getrennt werden - für die Kritiker bloß der erste Schritt, um dann in einem zweiten Schritt die Staatsanwaltschaften der direkten Kontrolle der Exekutive zu unterwerfen." In Deutschland ist das schon längst so, hier sind die Staatsanwälte weisungsgebunden.

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube wirft die Idee des Liberalismus in einem Artikel über die letzten Seufzer der FDP auf den Müllhaufen der Geschichte. Aber das passiert vielleicht, wenn man über den Liberalismus ausgerechnet am Beispiel der FDP nachdenkt: "Die FDP hat sich zuweilen auf Hotelbesitzer (Mehrwertsteuer), Fluglinien (Kerosinsteuer) und Sportautofirmen (Tempolimit, E-Fuels) konzentriert. Den Eindruck, eine lobbyistische Partei zu sein, die Interesse über Verstand stellt, hat sie nie gescheut. Legendär war der Spruch 'Digital first. Bedenken second', der sogar den Weg zu 'weltbester Bildung' bahnen sollte."
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Geschichte

Vor fünfzig Jahren putschte in Argentinien das Militär und ermordete in den Folgejahren Tausende von Menschen. Jürgen Vogt erinnert daran in der taz: "Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl der Opfer auf 30.000. Viele von ihnen gelten noch immer als verschwunden. Die Leichen dieser Opfer wurden vom Militär an geheimen Orten verscharrt oder bei den sogenannten Todesflügen ins Meer geworfen. In über 40 Jahren Ermittlungsarbeit konnte die Equipo Argentino de Antropología Forense (EAAF) 1.652 Überreste von Verschwundenen ausfindig machen und 848 von ihnen identifizieren."

Zwar gibt es Meldungen, dass Javier Milei Ermittlungen behindert, aber die Justiz arbeitet weiter unabhängig, versichert der Richter Daniel Rafecas im Gespräch mit Vogt. Sie steht vor zwei Schwierigkeiten: Durch das Verschwinden der Opfer sind Ermittlungen erschwert. Und die Täter praktizieren, ähnlich wie etwa in Deutschland die RAF-Angehörigen, einen absoluten Schweigepakt. "Der Schweigepakt basiert aber auch auf der Tatsache, dass es für die Angeklagten keine Zugeständnisse gibt. (...) Anders als beispielsweise in Kolumbien und Südafrika hat der argentinische Staat beschlossen, den Angeklagten keinerlei Anreize für eventuelle Aussagen zu bieten. Dies ist auch die entschiedene und unnachgiebige Haltung der Opfer in Argentinien. Menschenrechtsorganisationen wie die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo waren und sind in diesem Punkt kompromisslos. Diese Haltung wurde gewissermaßen durchgehend auch vom Parlament und der Exekutive unterstützt. Einmal war ein angeklagtes Mitglied des Geheimdienstes daran interessiert, ein Geständnis abzulegen, aber nur für eine Gegenleistung. Ich hatte ihm nichts anzubieten."
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Politik

Die Welt staunt angesichts der andauernden Beschießung seiner Nachbarn über die riesigen Bestände an teuren Waffen im Arsenal des Iran. Wo kommt das alles her? Wie wurde das bezahlt? In der NZZ bietet Militärexperte Edward Luttwak einige Erklärungen: "Wie bei jeder anderen Form gezielter Kapitalanhäufung beruht auch der Aufbau des iranischen Raketenarsenals auf Disziplin und Beharrlichkeit. Im Falle des Mullah-Regimes bedeutete das, die begrenzten Deviseneinnahmen für das einzusetzen, was wirklich zählte: nicht für Bewässerungssysteme, mit denen sich die Wüstenbildung aufhalten ließe, nicht für Gaspipelines, um Städte mit billiger Energie zu versorgen, nicht für Entsalzungsanlagen, um die Wasserknappheit zu beheben, die selbst in Teheran grassiert - sondern für einen gewaltigen Waffenschrank, um Israel und andere Länder ins Visier zu nehmen. Diese gewaltige industrielle Anstrengung läuft bereits seit langem. So basiert Shahab 3 auf einer nordkoreanischen Rakete, die Iran in den neunziger Jahren weiterentwickelte. Erheblich beschleunigt wurde das Raketenprogramm aber durch die Überweisung von 1,7 Milliarden US-Dollar an Iran durch die Obama-Regierung", deren erste Tranche mit dem Abkommen des Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) zusammenfiel, das Donald Trump später kündigte.
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Stichwörter: Iran, Luttwak, Edward