9punkt - Die Debattenrundschau
Fortwährende innerdeutsche Selbstbespiegelung
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.09.2025. In der taz analysieren Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit die trübe Suppe aus linken und rechten Parolen, mit der die französische "Bloquons tout"-Bewegung auftritt. In der Welt schreibt Marko Martin über DDR-Nostalgie nicht nur der Linken. Auch Hunde sind im Iran ein Symbol, informiert hpd.de. Und was wird Bari Weiss wohl bei CBS machen, fragt die FAZ.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
09.09.2025
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Europa
Wie zu erwarten, hat der französische Premier François Bayrou gestern seine Vertrauensabstimmung verloren, mit der er in der Assemblée nationale eine vernünftigere Fiskalpolitik durchsetzen wollte. Inzwischen hat sich in dem Land eine dieser typisch französischen Protestbewegungen zusammengebraut, die das Land unter dem Motto "Bloquons tout" lahmlegen will. Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit analysieren für die taz die trübe Suppe aus linken und rechten Parolen: "Wer davon profitieren wird, dürfte klar sein. Das Rassemblement National braucht den Aufstand gar nicht für sich zu reklamieren, er ist ohnehin Wasser auf Le Pens Mühlen. Dass die links-autoritäre 'France insoumise' Jean-Luc Mélenchons zum 'Generalstreik' aufruft, war zu erwarten. Das ändert aber nichts am horizontalen Charakter dieser Bewegung, in der 'Antisystem'-Gefühle mit Corona-Unmut eine generelle Paranoia nähren, die parlamentarisch von den Linksparteien nicht mehr einzufangen ist. Und gilt einschließlich der Grünen, die sich dem Manöver Mélenchons opportunistisch anschlossen, und der Gewerkschaften, die vor einer Unterwanderung durch Rechtsradikale warnen, ihnen aber auch nichts entgegenzusetzen haben."
Der Balkan-Experte Sead Husic veröffentlicht demnächst das Buch "Die Zeitenwende begann in Jugoslawien". In der taz stellt er die These auf, dass der heutige internationalisierte Rechtsextremismus seine Wurzeln im serbischen Nationalismus hat: "So gehörte der Front National-Gründer Jean-Marie Le Pen zu den Besuchern des radikalen Serbenführers Radovan Karadžić. Heute hält die Partei unter ihrem neuen Namen Rassemblement National enge Kontakte zu dem ultranationalistischen Präsidenten der Serbischen Republik (RS) Milorad Dodik wie dem autokratischen Herrscher Serbiens Alexander Vučić. Auch der Vordenker des neuen russischen Imperialismus Alexander Dugin zählt zu den Verbündeten der serbischen Extremisten. Lega Nord Chef Umberto Bossi zeigte sich von der Politik des SDS begeistert. Mitglieder der neoaschistischen Bewegung Goldene Morgenröte stellten die Griechische Freiwilligen-Garde."
Die bundesdeutsche Bevölkerung hat Osteuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht verstanden und zu lange die Gefahr, die von Russland ausging, ignoriert und Wladimir Putin blind vertraut, konstatiert der Schriftsteller Marko Martin in der Welt. "Seltsam, dass in der fortwährenden innerdeutschen Selbstbespiegelung solche Nicht-Wahrnehmungen kaum je thematisiert werden. (Womöglich, weil sich große Teile der Gesellschaft in Ost und West diese blinden Flecke brüderlich und schwesterlich teilen?) Dieses Es-nicht-so-genau-wissen-Wollen (...) war (und ist) jedenfalls selbst bei nicht zu knapp Konservativen verbreitet. (...) Ein spätes Echo solch rechtskonservativer Wahrnehmungs-Schludrigkeit ist, inzwischen zusätzlich auto-radikalisiert, auch heute zu vernehmen - im stets viral gehenden Zetern, dieses oder jenes Missliche innerhalb des demokratischen Rechtsstaates sei ja 'fast wie damals in der DDR' bzw. sogar eine 'DDR 2.0'. Der mit einer profunden Unkenntnis, ja einer Relativierung der überwundenen Diktatur einhergehende Unwille, sich auf rationale Weise in den innerdemokratischen Meinungsstreit zu begeben - er existiert wahrlich nicht nur in Teilen der Linken."
Wir tragen ein Interview mit Karl Schlögel aus der Welt am Sonntag nach. Schlögel, der bei der Buchmesse den Friedenspreis erhalten wird, spricht über die pathologische deutsche Russlandliebe, nicht nur der SPD, über die Standhaftigkeit der Ukraine und über den Einsatz, um den es geht: "Sollte Amerika sich zurückziehen, wäre das nicht nur eine Niederlage für die Ukraine, sondern ein Zusammenbruch der gesamten westlichen Ordnung. Es wäre das endgültige Ende der Pax Americana, das Ende einer Idee von gemeinsamer Verantwortung. Wir müssen uns klarmachen: Ein solcher Rückzug hätte Folgen weit über Osteuropa hinaus. Es wäre ein Signal an alle autoritären Mächte dieser Welt, dass dieser Westen nicht mehr bereit ist, für seine Prinzipien und die Verteidigung seiner Lebensform einzustehen. Und das wäre mehr als geopolitisch fatal - es wäre ein moralischer Selbstmord."
Der Balkan-Experte Sead Husic veröffentlicht demnächst das Buch "Die Zeitenwende begann in Jugoslawien". In der taz stellt er die These auf, dass der heutige internationalisierte Rechtsextremismus seine Wurzeln im serbischen Nationalismus hat: "So gehörte der Front National-Gründer Jean-Marie Le Pen zu den Besuchern des radikalen Serbenführers Radovan Karadžić. Heute hält die Partei unter ihrem neuen Namen Rassemblement National enge Kontakte zu dem ultranationalistischen Präsidenten der Serbischen Republik (RS) Milorad Dodik wie dem autokratischen Herrscher Serbiens Alexander Vučić. Auch der Vordenker des neuen russischen Imperialismus Alexander Dugin zählt zu den Verbündeten der serbischen Extremisten. Lega Nord Chef Umberto Bossi zeigte sich von der Politik des SDS begeistert. Mitglieder der neoaschistischen Bewegung Goldene Morgenröte stellten die Griechische Freiwilligen-Garde."
Die bundesdeutsche Bevölkerung hat Osteuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht verstanden und zu lange die Gefahr, die von Russland ausging, ignoriert und Wladimir Putin blind vertraut, konstatiert der Schriftsteller Marko Martin in der Welt. "Seltsam, dass in der fortwährenden innerdeutschen Selbstbespiegelung solche Nicht-Wahrnehmungen kaum je thematisiert werden. (Womöglich, weil sich große Teile der Gesellschaft in Ost und West diese blinden Flecke brüderlich und schwesterlich teilen?) Dieses Es-nicht-so-genau-wissen-Wollen (...) war (und ist) jedenfalls selbst bei nicht zu knapp Konservativen verbreitet. (...) Ein spätes Echo solch rechtskonservativer Wahrnehmungs-Schludrigkeit ist, inzwischen zusätzlich auto-radikalisiert, auch heute zu vernehmen - im stets viral gehenden Zetern, dieses oder jenes Missliche innerhalb des demokratischen Rechtsstaates sei ja 'fast wie damals in der DDR' bzw. sogar eine 'DDR 2.0'. Der mit einer profunden Unkenntnis, ja einer Relativierung der überwundenen Diktatur einhergehende Unwille, sich auf rationale Weise in den innerdemokratischen Meinungsstreit zu begeben - er existiert wahrlich nicht nur in Teilen der Linken."
Wir tragen ein Interview mit Karl Schlögel aus der Welt am Sonntag nach. Schlögel, der bei der Buchmesse den Friedenspreis erhalten wird, spricht über die pathologische deutsche Russlandliebe, nicht nur der SPD, über die Standhaftigkeit der Ukraine und über den Einsatz, um den es geht: "Sollte Amerika sich zurückziehen, wäre das nicht nur eine Niederlage für die Ukraine, sondern ein Zusammenbruch der gesamten westlichen Ordnung. Es wäre das endgültige Ende der Pax Americana, das Ende einer Idee von gemeinsamer Verantwortung. Wir müssen uns klarmachen: Ein solcher Rückzug hätte Folgen weit über Osteuropa hinaus. Es wäre ein Signal an alle autoritären Mächte dieser Welt, dass dieser Westen nicht mehr bereit ist, für seine Prinzipien und die Verteidigung seiner Lebensform einzustehen. Und das wäre mehr als geopolitisch fatal - es wäre ein moralischer Selbstmord."
Medien
Bari Weiss hatte einst die New York Times verlassen, weil ihr das Klima dort politisch zu ängstlich war (unser Resümee). Sie hat dann das Blog The Free Press gegründet. Jetzt wurde dieses Blog für 200 Millionen Dollar von Larry Ellisons CBS gekauft, wo Weiss auch eine redaktionell maßgebliche Rolle spielen soll. Der Vorwurf, sie sei "rechts", geht allerdings nicht auf, meint Nina Rehfeld in der FAZ: "Sie vertritt eine kompromisslose proisraelische Haltung und thematisiert oft den Antisemitismus; Israelkritische Stimmen finden in der Free Press wenig Raum. Sie ist offen kritisch gegen Trump - den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 verurteilte sie scharf und nannte Trump einen 'bekannten Lügner'. Sie äußert sich aber zugleich positiv über manche seiner politischen Initiativen. Sie wirft der MAGA-Bewegung vor, bloß an Macht statt an Prinzipien interessiert zu sein, und sie warnte, dass die 'Ultrarechte, wenn sie nicht herausgefordert wird, die konservative Mitte verschlingen könnte, so wie das auf der anderen Seite geschehen ist'."
Politik
Überraschend unernst beleuchtet Paul Ingendaay in der FAZ die ungute Symbiose, die auch kritische Medien mit Donald Trump eingegangen sind: "Niemand macht einen Hehl daraus, dass diese Figur politisch unmöglich, aber auch grenzenlos unterhaltsam ist. Niemand würde leugnen, dass Trump, kapitalistisch gesprochen, so ergiebig für den politischen Journalismus ist, wie es Cristiano Ronaldo einmal für den Weltfußball war. Die Marotte, die Tage dieser Präsidentschaft zu zählen, pflegt übrigens auch die Washington Post in ihren täglichen Briefings. Vergangenen Freitag war Tag 229. Um mit einem alten Song von Bob Dylan zu reden: 'And you know something's happening but you don't know what it is.'"
Das gestrige Attentat in Jerusalem ist von hiesigen Medien eher routiniert zur Kenntnis genommen worden. Zwei Terroristen aus den besetzten Gebieten griffen einen Bus an und ermordeten sechs Menschen. Dies Video zeigt unter anderem, wie geistesgegenwärtig die Bevölkerung auf die Situation reagiert - verkörpert in einem Taxifahrer, der sich um seine ältere, gehbehinderte Passagierin kümmert. Den genauen Hergang des Attentats kann man in der Times of Israel nachlesen.
Das gestrige Attentat in Jerusalem ist von hiesigen Medien eher routiniert zur Kenntnis genommen worden. Zwei Terroristen aus den besetzten Gebieten griffen einen Bus an und ermordeten sechs Menschen. Dies Video zeigt unter anderem, wie geistesgegenwärtig die Bevölkerung auf die Situation reagiert - verkörpert in einem Taxifahrer, der sich um seine ältere, gehbehinderte Passagierin kümmert. Den genauen Hergang des Attentats kann man in der Times of Israel nachlesen.
Dashcam footage shows the moments of the deadly shooting attack at Ramot Junction in Jerusalem.
- Emanuel (Mannie) Fabian (@manniefabian) September 8, 2025
Five people were killed and at least 11 others were wounded, including six seriously. Both terrorists, West Bank Palestinians, were shot dead. pic.twitter.com/w2OVu3cFOP
Gesellschaft
Auch Hunde sind im Iran ein Symbol. Dem Regime gelten sie als "unrein". Streunende Hunde werden mit brutalen Methoden getötet, schreibt Wahied Wahdat-Hagh bei hpd.de. Hunde zu halten, wird als "westlich" diffamiert. In der vorislamischen Tradition dagegen waren Hunde in Persien hoch angesehen, so Wahdat-Hagh. Aber "das religiöse Dogma beginnt zu bröckeln. Trotz staatlicher Verbote und Schikanen wächst die Zahl der Hundebesitzer. In den Städten halten junge Paare kleine Hunde in ihren Wohnungen, wohlhabende Familien leisten sich Rassehunde, wird berichtet. Zugleich dokumentieren Hundeliebhaber Missstände und engagieren sich, um streunende Tiere zu retten. Besonders aufsehenerregend war die Initiative des Klerikers Seyed Mehdi Tabatabai, der ein Tierheim für herrenlose Hunde gründete. Sein Engagement widerspricht offen der offiziellen Ideologie und deutet zugleich auf Spannungen zwischen dem offiziellen Staatsklerus und jenen Klerikern hin, die sich der herrschenden Linie nicht gänzlich beugen."
Menschen gewöhnen sich sehr schnell an dauerhafte Krisen und ziehen sich in der Folge auf ihren Alltag zurück, erklärt der Soziologe Armin Nassehi im Zeit-Online-Interview mit Alisa Schellenberg (das Interview wurde live geführt, hier die Aufnahme). "In der Sozialpsychologie heißt das Zufriedenheitsparadox. Die Menschen werden gefragt, wie sie ihr privates Leben finden, und sie antworten: Das habe ich so einigermaßen im Griff. Ich möchte nicht sagen, dass die Leute bei solchen Befragungen die Unwahrheit sagen. Sondern, dass es Sätze gibt, die man sagt, um in dieser Welt zu überleben: Obwohl die Rahmenbedingungen schwierig sind, der Lohn immer zu niedrig, der Partner nicht der ist, den man haben will, und Schalke immer noch in der zweiten Liga spielt, kommt man mit all dem schon klar. 'Aber die da oben, die bauen nur Scheiße.' Dieser Satz ist viel einfacher zu sagen als umgekehrt: 'Die allgemeine Lage ist ganz toll. Nur ich bin ein Loser, ich kann's nicht.'"
Menschen gewöhnen sich sehr schnell an dauerhafte Krisen und ziehen sich in der Folge auf ihren Alltag zurück, erklärt der Soziologe Armin Nassehi im Zeit-Online-Interview mit Alisa Schellenberg (das Interview wurde live geführt, hier die Aufnahme). "In der Sozialpsychologie heißt das Zufriedenheitsparadox. Die Menschen werden gefragt, wie sie ihr privates Leben finden, und sie antworten: Das habe ich so einigermaßen im Griff. Ich möchte nicht sagen, dass die Leute bei solchen Befragungen die Unwahrheit sagen. Sondern, dass es Sätze gibt, die man sagt, um in dieser Welt zu überleben: Obwohl die Rahmenbedingungen schwierig sind, der Lohn immer zu niedrig, der Partner nicht der ist, den man haben will, und Schalke immer noch in der zweiten Liga spielt, kommt man mit all dem schon klar. 'Aber die da oben, die bauen nur Scheiße.' Dieser Satz ist viel einfacher zu sagen als umgekehrt: 'Die allgemeine Lage ist ganz toll. Nur ich bin ein Loser, ich kann's nicht.'"
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