9punkt - Die Debattenrundschau

Lauter ratlose Linke

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.09.2025. Donald Trump ist das Beste, was Europa passieren konnte, freut sich Pascal Bruckner in der NZZ und hofft auf eine Emanzipation Europas. In der Zeit kann es die Philosophin Manon Garcia nach dem Pelicot-Prozess nicht fassen, wieviele Männer bereit sind zu vergewaltigen. In der Zeit erinnert Michael Thumann an das Pogrom gegen die Griechen von Istanbul vor siebzig Jahren. Wer selbst nicht an die Wissenschaftsfreiheit glaubt, kann sich schlecht beschweren, wenn sie angegriffen wird, meinen Alexander Bogner und Caspar Hirschi in der FAZ mit Blick auf die US-Unis.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2025 finden Sie hier

Politik

Donald Trump ist "das Beste, was Europa passieren konnte", denn jetzt merkt es endlich, dass es sich vom großen, unzuverlässigen Partner lösen muss, konstatiert Pascal Bruckner in der NZZ. "Seine Schroffheit und Vulgarität haben eine erfrischende Wirkung: wie ein Glas Eiswasser, das einem Schlafenden ins Gesicht geschüttet wird. Er hat gesagt, was er tun wird, und er wird tun, was er sagt. Wie soll Europa damit umgehen? Es muss zunächst alles wortwörtlich nehmen, was Trump sagt. Und es muss sich aus der seit siebzig Jahren andauernden militärischen Vasallisierung befreien und sich von dieser aufdringlichen Bevormundung emanzipieren. Statt Waffen jenseits des Atlantiks zu kaufen, muss Europa sie wieder selber produzieren und dann auch die europäischen Lieferanten bevorzugen. Und es muss eine eigene digitale Technologie entwickeln."

Auf Zeit Online will Josef Joffe nicht an eine Allmacht Donald Trumps glauben, der früher oder später über seinen Größenwahn fallen werde. "Die Spötter haben ihm den Spitznamen 'Taco' angehängt. Der steht für 'Trump Always Chickens Out' - Trump zieht immer den Schwanz ein, wenn er glaubhaften Widerstand spürt. Die Devise: Mal sehen, wie weit ich komme. Auf eine abgewehrte Attacke folgt der Rückzieher."
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Gesellschaft

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Jolinde Hüchtker unterhält sich für die Zeit mit Manon Garcia, Professorin für Praktische Philosophie an der FU Berlin, über den Prozess gegen Dominique Pelicot, den Garcia gerade in ihrem Buch "Mit Männern leben" verarbeitet hat. Man spürt im Interview, wie geschockt sie immer noch ist von den bloßen Tatsachen, die im Prozess aufgedeckt wurden: "Dominique Pelicot fand mehr als 70 Männer, die seine betäubte Frau vergewaltigen wollten - in einem Radius von maximal 50 Kilometern. Und Mazan ist eine kleine Gemeinde, nicht Berlin oder Paris. Im vergangenen Monat wurde eine Facebook-Gruppe mit 32.000 italienischen Männern entdeckt, die sexy Fotos ihrer Ehefrauen ohne deren Einwilligung teilten. Im Dezember haben Journalistinnen eine Telegram-Gruppe mit 70.000 Mitgliedern infiltriert, die sich dabei unterstützten, ihre Partnerinnen unter Drogen zu setzen und zu missbrauchen. Das heißt, viele Männer sind bereit, zu vergewaltigen."

In der Zeit antworten Robert Pausch und Linken-Parteichefin Ines Schwerdtner auf die Vorwürfe von Jens Jessen und anderen, die westliche Linke hätte ihre eigentliche Wählerschaft vergessen und sei heute Teil der woken Mitte (unsere Resümees, Jessens Artikel). Woke gibts doch gar nicht mehr, meint Robert Pausch und verweist auf Joe Biden, der eben nicht woke gewesen sei, sondern dafür gesorgt hätte, dass die Löhne der Geringverdiener stiegen und die Ungleichheit zurückging - und der dennoch die Wahl verlor: "Man kann derzeit überall auf lauter ratlose Linke treffen. Wen man aber nirgendwo trifft, sind die Strohmänner, die Jessen aufstellt, um dann mit ihnen in den Boxring zu steigen: besessen von Kulturkämpfen, drauf und dran, den nächstbesten Andersdenkenden zwangsbekehren zu wollen." Und Ines Schwerdtner, Vorsitzende der Linkspartei, singt ein Lob auf ihre Partei: "Im Bundestagswahlkampf punkteten wir, weil wir als einzige Partei glaubwürdig für die materiellen Sorgen der Mehrheit eintraten und an den Haustüren mit Menschen in Kontakt kamen. Denn was wirklich gegen den Aufstieg der Rechten hilft, ist Bürgernähe und eine antifaschistische Wirtschaftspolitik, die die Demokratie schützt, indem sie die ökonomische Teilhabe der vielen garantiert".

In der Welt konstatiert der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse eine Radikalisierung der Partei "Die Linke". Als Argumente dafür nennt er deren Bestreben, den Verfassungsschutz abzuschaffen, und den Antisemitismus in Teilen der Partei. Interessanterweise glaubt Jesse, dass mit Sahra Wagenknecht der weniger radikale Teil der Partei gegangen ist: "In dem Moment, in dem die linkskonservative Richtung - links in der sozioökonomischen Dimension, konservativ in der soziokulturellen - um Sahra Wagenknecht sich von der Partei Die Linke gelöst hat, erfährt diese eine Aufwertung, als sei nun die radikale Position weg. Der Fall liegt aber gerade umgekehrt. Wer die Wahlprogramme sichtet, erkennt schnell die Unterschiede: auf der einen Seite ein Plädoyer für einen dezidierten Antifaschismus, auf der anderen Seite eines für einen differenzierten Umgang mit Randpositionen. Die Linke, ausgerichtet auf ein urbanes Milieu, firmiert jetzt als eine radikalisierte grüne Kraft."
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Geschichte

In der Zeit erinnert Michael Thumann an das Pogrom gegen die Griechen (auch Juden und Armenier waren betroffen) in Istanbul vor siebzig Jahren, das die Regierung von Ministerpräsident Adnan Menderes befördert hatte: "Das Pogrom hat am Tag zuvor mit einer False-Flag-Operation begonnen. Türkische Boulevardzeitungen und Hetzblätter titelten am Morgen des 6. September: 'Eine Bombe beschädigt das Haus unseres Führers!' Gemeint war das Geburtshaus des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk in der nordgriechischen Metropole Thessaloniki. Der türkische Rundfunk berichtete von einem Anschlag 'türkeifeindlicher Agenten'. Wenige Stunden später demonstrieren in Istanbul nationalistische Verbände und Studenten gegen Griechenland (...) Die Adressen von Griechen, Armeniern und Juden werden herausgegeben. Viele Häuser sind bereits markiert. An manchen verraten Aufkleber einer sogenannten türkischen Studentenunion: 'Landsmann, dieser Laden gehört einem Griechen! Jede Münze, die du hier ausgibst, richtet sich später gegen unsere Brüder!' (...) Jahre später kam in Gerichtsprozessen gegen den 1960 vom Militär gestürzten Premier Adnan Menderes heraus, dass alles geplant war." Das griechische Istanbul gibt es seit diesem Tag nicht mehr, so Thumann. Das Pogrom gehört übrigens zum Hintergrund der sehenswerten türkischen Netflixserie "Der Club" (mehr hier).
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Wissenschaft

Donald Trumps Regierung greift derzeit massiv in die Wissenschaften ein. Das wäre nicht so einfach, hätten es ihm besonders die Geisteswissenschaften mit ihrer Entwertung der Wissenschaftsfreiheit nicht so leicht gemacht, analysieren in der FAZ der österreichische Soziologe Alexander Bogner und der Schweizer Historiker Caspar Hirschi, die ihre These mit Beispielen belegen: "Wäre Trump an 'wertfreier' Forschung gelegen, könnte er nicht die Leiterin des Büros für Arbeitsmarktstatistik wegen 'liberal bias' entlassen, sobald die Beschäftigungsdaten, deren Erhebungsmethode jede Manipulation durch die Behördenleitung ausschließt, nicht seinen Erwartungen entsprechen. Und würden wissenschaftliche Aktivisten ihre Behauptung, Forschung sei genauso wertegetrieben wie jede andere Tätigkeit, ernst nehmen, könnten sie andere Forschende nicht wegen des Verdachts auf abweichende Werteprioritäten in ihrer Wissenschaftsfreiheit einschränken. Vielmehr müssten sie anerkennen, dass auch und gerade zum Nahostkonflikt eine politische Einheitsposition innerhalb einer Fachgemeinschaft ausgeschlossen ist - es sei denn, man verabsolutiert ein bestimmtes theoretisches Konzept zur einzig legitimen Grundlage aller Analyse."
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Stichwörter: Nahostkonflikt

Medien

Der Autor Per Leo wird neuer Herausgeber der vom Eigentümer der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, exhumierten Weltbühne. "Leo nimmt als Herausgeber die Stelle Thomas Fasbenders ein, der einst Kommentator des russischen Propagandasenders RT DE (Russia Today Deutsch) war, bevor dieser europaweit verboten wurde", staunt Jürgen Kaube in der FAZ. "Die Verlockung, etwas herausgeben zu dürfen", scheine Leo jedenfalls "ganz unempfindlich gegen das trübe Milieu gemacht zu haben, in dem es ihm ermöglicht wird. Kürzer formuliert: Selbstwichtigkeit siegt über Verstand und Geschmack."

In der FAZ berichtet Michael Hanfeld, dass der Schülerin Judith Scheytt der Donnepp-Preis aberkannt wurde, "weil ihre Beiträge im Netz auf Instagram antisemitisch geprägt seien" (mehr dazu hier).
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Digitalisierung

Der am stärksten vertretene Glaube unter den Tech-Milliardären des Silicon Valley ist der Rationalismus, hier speziell der Glaube, mit Technik und Mathematik alles vorhersehbar zu machen, schreibt Michael Moorstedt in der SZ. "Nukleus der Bewegung aber ist das Online-Forum Lesswrong.com. Hier diskutieren die Teilnehmer über den bevorstehenden Untergang der Zivilisation genauso wie über Bayesianische Wahrscheinlichkeitstheorien, man beschäftigt sich mit Mathematik, Genetik und Fragen zu Moral und Lebensbewältigung. (...) Obwohl die Methoden des Rationalismus ungewöhnlich sein mögen, ist sein ambitioniertes Versprechen - dass eine bessere Version von uns selbst in Reichweite ist - ausgesprochen vertraut. Junge technikbegeisterte Menschen, denen es jenseits eines an Selbstausbeutung grenzenden Arbeitsethos oft an kultureller Identität mangelt und die sich von der traditionellen Religion entfremdet haben, suchen nach neuen Formen der Sinngebung."
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