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Efeu - Die Kulturrundschau

Wie das so läuft in der Kommission

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04.09.2025. Im Tagesspiegel erklärt Michal Kosakowski, wie er in seinem Film "Holofiction" das Systematische des NS-Massenmords erfahrbar machen will. Die Welt kann in Marcin Wierzchowskis Dokumentarfilm "Das deutsche Volk" das ganze Ausmaß behördlichen Versagens nach dem Anschlag von Hanau nachvollziehen. Das Ende der Geschichte hat stattgefunden, aber leider nur in den liberalen demokratischen Institutionen, konstatiert Milo Rau in der nachtkritik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2025 finden Sie hier

Film

Alles sieht gut aus: Ozon verfilmt Camus

Beim Filmfestival Venedig hatte François Ozons neuer Film "L'Etranger" Premiere. Zwar schätzt Pavao Vlajcic (critic.de) den französischen Regisseur als "einen der letzten versierten Handwerker des Kinos. Er kann Qualitätsdrama, Komödie, Thriller, Gesellschaftspanorama. In seinen Filmen sitzt alles, ist alles durchdacht, gut geschrieben, sieht gut aus." Dennoch macht sich Enttäuschung breit: Diese Adaption von Albert Camus' gleichnamigem Romanklassiker "hätte wahrscheinlich einen weniger wohltemperierten Regisseur gebraucht. Ozon hält sich sklavisch an die Vorlage, bebildert diese zwar angemessen, aber es gelingt ihm zu keinem Zeitpunkt, einen eigenen oder filmisch zwingenden Zugang zu dem Stoff zu entwickeln. Einige eher kosmetische Zugeständnisse an postkoloniale Diskurse wirken gleichzeitig zögerlich, aufgesetzt und unnötig." Für die taz bespricht Tim Caspar Boehme den Film.

Auch wurde in Venedig Michal Kosakowskis Essayfilm "Holofiction" präsentiert. Der Berliner Filmemacher hat dafür ausgehend von einem Bilderkatalog von zwanzig Klassikern des Holocaustfilms entsprechende Szenen aus über 3.000 Filmen dieses "Genres" zu einem ikonografischen Bildarchiv montiert. "Die Abfolge all dieser Motive ergab interessanterweise eine filmische Erzählung", sagt Kosakowski gegenüber Christiane Peitz im Tagesspiegel-Gespräch. "Ich wollte das Systematische des Massenmords zeigen, das sich eben auch in der Fiktion vermittelt. Die Wiederholung macht kenntlich, wie der Holocaust funktionieren konnte. Wenn wir dutzende Male sehen, wie Nazis in Wohnungen einbrechen, wird geradezu physisch spürbar, wie sie die heute grundgesetzlich garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung mit Füßen treten und wie man sich daran gewöhnt. Menschen werden registriert, Papiere werden gestempelt, Listen angelegt: Erst wird erfasst und gemessen, dann zerstört, gestohlen und gemordet. In der Häufung der Vorgänge begreift man deren Perfidie vielleicht mehr als in einem Film über ein einzelnes Schicksal." 

Eine Welt, aus der alle Farben gewichen sind: "Das deutsche Volk"

Schnitt weg vom Lido zum deutschen Kinogeschehen: In seinem im Lauf mehrerer Jahre entstandenen Dokumentarfilm "Das deutsche Volk" lässt Marcin Wierzchowski die Angehörigen und Überlebenden des rechtsextremen Anschlags von Hanau zu Wort kommen. Nachzuvollziehen ist hier "die Kontinuität rassistischer Anschläge, aber auch die des behördlichen Versagens, der politischen Ignoranz, des Mangels an Empathie und angemessener Behandlung, mit der sich die Hinterbliebenen konfrontiert sehen", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. "Dazu das beeindruckende Beharrungsvermögen von führenden Vertretern der Polizei, Stadtverwaltung, Politik, für die das behördliche Versagen im Umfeld des Anschlags  keine Konsequenzen hatte." Beim Sehen des Films drängt sich Welt-Kritiker Jakob Hayner "der Verdacht auf, dass manche Menschen im Staatsgebiet weit weniger geschützt werden als es bei anderen vielleicht der Fall wäre. Und dass das im Nachhinein eher verschleiert statt aufgearbeitet wird. (...) Von der 'Bringschuld des Staates gegenüber den Angehörigen', die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach dem Anschlag beschwor, ist in dem Film wenig zu sehen, dafür viel Kleinmut und Wegducken unter den Offiziellen." Weitere Besprechungen in taz und SZ.

Weitere Artikel: Jakob Thaller spricht für den Standard mit John Carpenter, dem ab heute eine Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum in Wien gewidmet ist. Dietrich Leder arbeitet sich für den Filmdienst durch die vielen Stunden an von Arte ausgestrahlten Dokumentationen über Filmschaffende, findet dieser aber viel zu durchformalisiert: "Tatsächlich lotet keines der Porträts in die Tiefe", was fehlt, sind "tiefergehenden Analysen der jeweiligen filmischen Praxis". Besprochen werden Pawlo Ostrikows "U Are the Universe" (Perlentaucher), Mia Maariel Meyers Adaption von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (NZZ, online nachgereicht von der FAZ) und Sherry Hormanns deutscher Netflix-Erotikthriller "Fall for Me" (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

Die nachtkritik stellt die Rede online, die Milo Rau am Dienstag bei der Eröffnung des "Down to Earth"-Festivals hielt und in der er unter anderem über die Rückkehr der archaischen Politik spricht. Rau erzählt, wie er im vergangenen Jahr einem für Kultur zuständigen ranghohen Vertreter der EU-Kommission den Plan vorstellte, ein neues europäisches Gesetz zum Schutz der Kunstfreiheit durchzusetzen. Der sicherte Unterstützung zu, machte dann aber klar, "wie das läuft in der Kommission': 'Wir schreiben Gesetze, und dann müssen wir hoffen, dass sie in den einzelnen Mitgliedstaaten angewendet werden.' Mit anderen Worten: Das Ende der Geschichte hat stattgefunden, aber leider nur in den liberalen demokratischen Institutionen. Und zwar nicht, wie Trump oder Putin sich das vorstellen, weil diese Institutionen von Schwächlingen bevölkert wären, sondern weil die Demokratie nun einmal auf den Prinzipien der Gewaltenteilung, des Föderalismus und der minimalen staatlichen Eingriffe basiert. Das ist das metapolitische Ungleichgewicht unserer Zeit".

Derya Türkmen trifft sich für die taz mit der in Duisburg geborenen Regisseurin Mizgin Bilmen, die in Diyarbakır im Südosten der Türkei am dortigen Stadttheater das Stück "Jîn - Jinên Azad" inszeniert hat, in dem sieben Frauen mit Gesang und Tanz - inspiriert von kurdischer Folklore und Pina Bausch -  kurdische Geschichte performen. Kurdisch sei bei Reisen in die Türkei in ihrer Kindheit zur "verbotenen Sprache" geworden, erzählt Bilmen. Entsprechend bedeute die Inszenierung "auf einer Bühne, auf der ihre Muttersprache bislang kaum selbstverständlich war" für sie eine Rückkehr: "'Diese Sprache im öffentlichen Raum und dann auch noch in Kombination mit Kunst zu verwenden, ist schon ein großer Akt des Widerstands', sagt sie."

Besprochen wird außerdem das Tanzfestival "Contextos" im Rahmen des Plataforma Festivals im Acud (taz).
Archiv: Bühne

Kunst

Helen Dahm: Raumgitter auf Blau, 1958. Hessen Kassel Heritage, Neue Galerie, Foto: Thomas Gerber, Burgdorf. © Helen Dahm-Gesellschaft, Oetwil am See 

Die Malerin Maria Helena Vieira da Silva, Mitbegründerin des Informel, die an der ersten Documenta 1955 teilnahm, mag heute noch bekannt sein, zu Unrecht vergessen wurden viele andere Malerinnen und Bildhauerinnen des Informel, bemerkt Alexandra Wach (Tagesspiegel) in der Ausstellung "InformElle" im Emil Schumacher Museum in Hagen. Etwa die "in Rumänien geborene und nach Paris emigrierte Natalia Dumitresco, die dank der Freundschaft mit dem Bildhauer Constantin Brâncuși Anschluss an die Kunstszene der Kapitale fand. Ihre wie Satellitenbilder wirkenden Farbmosaiken fielen durch Verbindungen grafischer und malerischer Elemente auf. Schwer zu kämpfen hatte dagegen Juana Francés im vom Faschismus geprägten Spanien. Sie war die einzige Frau in der Gruppe El Paso und musste sich mit Ausgrenzungen durch die Kollegen herumplagen. Heute zählt sie mit ihrer erdigen Farbpalette, getropft oder gekratzt auf die Leinwand, zu den wichtigsten spanischen Künstlerinnen ihrer Zeit."

Weitere Artikel: Dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen endlich die Restitutionen angehen (unsere Resümees), begrüßt Nicola Kuhn im Tagesspiegel, aber dass sie wegen des Gemäldes "Junges Mädchen mit Strohhut" von Friedrich von Amerling vor das künftig zuständige Schiedsgericht ziehen wollen, ärgert sie dann doch. Hans-Joachim Müller trifft sich für die Welt mit dem Maler Robert Motherwell. Das dem jüdischen Kunsthändler Jacques Goudstikker geraubte Porträt der Contessa Colleoni von Giuseppe Vittore Ghislandi, das zufällig auf einem Foto von einer Verkaufsanzeige eines Hauses in der argentinischen Küstenstadt Mar del Plata entdeckt wurde (unser Resümee), wurde von den argentinischen Behörden sichergestellt, meldet ZeitOnline mit dpa.

Besprochen wird die große Diego Giacometti-Ausstellung im Bündner Kunstmuseum in Chur, die dem FAZ-Kritiker Stefan Trinks zeigt, dass Alberto Giacomettis Bruder als "Bildhauer und Künstler eigenen Rechts" verstanden werden muss (mehr hier).
Archiv: Kunst

Literatur

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In der Perlentaucher-Kolumne "Wo wir nicht sind" stellt Benita Berthmann den einzigen Roman des Argentiniers Jorge Barón Biza vor, "Die Wüste und ihr Samen". Er erzählt vom Säureattentat des Vaters auf Jorges Mutter, vom Leben danach, den Operationen und den Veränderungen ihres Gesichts: "Erst dadurch, dass der Sohn als unmittelbarer Beobachter spricht, wird wirklich deutlich, dass ein solches Trauma sich unmöglich auf die Person begrenzt, die es am eigenen Leib erlebt. Die Tat des Vaters und ihre Auswirkungen sind ansteckend für alle, die eine emotionale Beziehung zu ihm haben und sein Sohn hat sie ganz bestimmt, trotz der Gewalt, der Brutalität, die diese Beziehung nur komplexer und verworrener machen. Vielleicht wählt Mario auch deshalb eine Sprache, die nicht gefühlsbetont agiert, sondern das sich verändernde Gesicht der Mutter analysiert wie ein Kunsthistoriker oder ein Geologe. Die derart verschobene Erzählweise soll den Raum zurückholen, den die emotionale Nähe zum Geschehen verbaut hat."

Andreas Platthaus sorgt sich in der FAZ um die Zukunft der "Anderen Bibliothek", nachdem publik wurde, dass die beim Aufbau Verlag erscheinende Reihe künftig auf die Hälfte eingedampft wird, der bisherige Herausgeber Rainer Wieland deshalb das Boot verlassen hat und die Auflagen in den letzten dreizehn Jahren um mehr als die Hälfte gesunken sind, während der Preis sich im selben Zeitraum verdoppelt hat. Das Jubiläum der 500. Veröffentlichung wird aufgrund der neuen Veröffentlichungspolitik schon mal um ein Jahr verzögert "und mit wem man auch spricht außerhalb der Aufbau Verlage: Alle fürchten, dass just dieser Markstein dann zum Schlussstein der legendären Reihe als eigenständige Institution erklärt werden könnte."

Weitere Artikel: Leon Lindenberger erzählt in einer Reportage für die Zeit von seinem Besuch bei der James Joyce Foundation in Zürich, in deren Lesezimmer sich Joyce-Aficionados zum Leseclub treffen. Katrin Hörnlein spricht für die Zeit mit der Lyrikerin Amanda Gorman, die gerade ihr neues Bilderbuch "Girls on the Rise" veröffentlicht hat. Iris Radisch wirbt in der Zeit fürs Lesen. Ebenfalls in der Zeit freut sich Jolinde Hüchtker, dass die Popsängerin Dua Lipa mit ihrem Youtube-Leseclub anspruchsvolle Literatur an ihre Fans vermittelt (mehr zu Dua Lipas Leseclub bereits hier). Michael Freund staunt im Standard darüber, wie prophetisch Carl Barks in seinem Donald-Duck-Klassiker "Der goldene Helm" von 1952 davon erzählt, wie die US-Demokratie durch eine Monarchie ersetzt wird.

Besprochen werden unter anderem Katerina Poladjans "Goldstrand" (taz), Leif Randts "Let's talk about feelings" (FR, SZ), Sergej Lebedews "Die Beschützerin" (NZZ) und Nino Haratischwilis Essaysammlung "Europa, wach auf!" (online nachhgereicht von der taz). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Jan Brachmann resümiert für die FAZ die ersten Konzerte des Musikfests Berlin. Harald Hordych redet für die SZ mit Ludwig Sebus, dem mit hundert Jahren wohl ältesten Karnevalssänger der Welt. Besprochen werden Cordula Kablitz-Posts Kinoporträt "Hate & Hope" über die Thrash-Metal-Band Kreator (Welt, mehr dazu bereits hier) und Herbert Grönemeyers Tourauftakt in Dortmund (SZ).
Archiv: Musik

Architektur

Schon wieder ist Bauhaus-Jubiläumsjahr, ächzt der nicht-gerade-Bauhaus-Freund Dankwart Guratzsch in der Welt: 1919 in Weimar gegründet, zog es 1925 nach Dessau. Entsprechend stehen dort heute Jubelfeiern in Anwesenheit von Ministerpräsident Reiner Haseloff, EU-Kommissarin Ekaterina Zaharieva und Bauhaus-Direktorin Barbara Steiner an - und abermals huldigt man der "Marke Bauhaus", ärgert sich Guratzsch, denn: "Erst der Propagandarummel, den Gropius um die Neugründung der Weimarer Kunstschule in Dessau entfachte, etablierte die Bauhaus-Ästhetik als neuen 'Baustil', der mit allen vorangegangenen Stilepochen brach. Bauhistorisch gesehen war das Geschichtsklitterung, um die 'Marke Bauhaus' (Philipp Oswalt) öffentlich durchzusetzen."

Brigitte Franzen tritt im April 2026 die Nachfolge von Annemarie Jaeggi als Direktorin des Berliner Bauhaus Archivs an. Im FAZ-Gespräch mit Niklas Maak spricht sie über Zukunftspläne, weicht aber der Frage nach dem Umgang mit der Geschichte des Bauhauses aus: "Man kann jetzt nicht sagen: Mein Gott, im Bauhaus gab es ja Leute, die später Nazis waren, also müssen wir uns vom Bauhaus verabschieden. Die Frage ist, wie kann man damit kritischer als bisher umgehen? Es hat vor gar nicht allzu langer Zeit ein Projekt zum Bauhaus im Nationalsozialismus gegeben, das war sehr wichtig. Ich finde auf vielen Ebenen interessant, was die Kontinuitäten innerhalb Deutschlands angeht, im Westen wie im Osten. Wie entwickeln sich die einzelnen Lebensentwürfe und Biographien: Wer war Freund und wurde dann Feind? Gerade die Frage, wie die DDR mit diesem Erbe umging, finde ich wahnsinnig interessant."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Bauhaus, Franzen, Brigitte