9punkt - Die Debattenrundschau
Ein Vielfaches der Kontextlänge
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.08.2025. Der Perlentaucher startet eine Reihe von Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschenen?" In Zeit online schildert Karl Schlögel seine Bestürzung über die kulturell und politisch immer aggressiveren proputinistischen Strömungen in Deutschland. Le Monde notiert einen sehr viel schärferen Ton Emmanuel Macrons gegenüber Algerien - auch mit Blick auf die Staatsgeisel Boualem Sansal. Golem.de spottet über das mit viel Getöse angekündigte ChatGPT-5. In der FAZ wird die Abtreibungsfrage weiterhin den Theologen überlassen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
11.08.2025
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Geschichte

Europa
Der Historiker Karl Schlögel, der bei der Buchmesse mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wird, unterhält sich im Zeit-Online-Gespräch mit Andreas Öhler über Russland und die Ukraine, aber auch über die deutsche Demokratie: "Sorge bereiten mir sowohl das BSW als auch die AfD. Deren Anhänger halte ich für gefährlich unterschätzt. Ich komme viel im Land herum und erlebe manchmal gespenstische Szenen. Vor einem halben Jahr war ich in Bautzen, wo jeden Montag eine Polit-Prozession mit gut 500 Teilnehmern stattfindet, mit Russlandfahnen und Emblemen der rechtsextremen Gruppierung 'Freie Sachsen'. Da frage ich mich, wie es möglich ist, dass eine solche Bewegung das Bild dieser wunderbaren Stadt mit all ihrem kulturellen Kapital usurpieren kann. Die meisten haben ja keine konkrete Kenntnis von Russland. Aber Putin ist in ihren Augen der große Rächer, der es dem Westen zeigt, die Revanche für eine als misslungen empfundene Wiedervereinigung, für Kränkung und Demütigung. Es wäre die Aufgabe von Soziologen, Historikern, Schriftstellern, uns eine Erklärung dafür zu liefern."
Donald Trump und Wladimir Putin haben vereinbart, über die Ukraine wie über eine Beute zu beraten. Das Treffen soll, wohl ohne Wolodimir Selenski, am Freitag in Alaska stattfinden. Trump stellt einen "Gebietsaustausch" in Aussicht. "Putin hat es erneut geschafft, Trump an der Nase herumzuführen", kommentiert Anastasia Magasowa in der taz. "Statt von harten Sanktionen ausgebremst zu werden, steht für den Kremlchef nun eine persönliche Audienz beim amerikanischen Präsidenten an, auf US-amerikanischem Boden. Mit möglichen Landverlusten der Ukraine sowie mit Trumps Einladung von Putin belohnen die USA den russischen Machthaber. Damit holen sie ihn aus der internationalen Isolation heraus."
Die wichtigsten europäischen Länder inklusive Großbritannien sowie der EU haben diese amerikanische Initiative am Wochenende im prächtigen Chevening House, einer Residenz des britischen Außenministers, mehr oder weniger kraftlos abgenickt, erzählt Dominic Johnson in der taz: "Weit entfernt scheinen die Tage direkt nach dem Skandal im Weißen Haus am 28. Februar, als Trump und Vance den ukrainischen Präsidenten Selenski gemeinsam vor laufender Kamera niederbrüllten. Schon am nächsten Tag hoben der britische Premierminister Keir Starmer und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gemeinsam eine 'Koalition der Willigen' für die Ukraine aus der Taufe. Es ging darum, der Ukraine auch ohne US-Hilfe militärisch beistehen zu können, notfalls mit eigenen Soldaten auf ukrainischem Boden. Es folgten Gipfel in London und Paris. Kein halbes Jahr später ist die Bilanz ernüchternd. Eine eigene diplomatische Initiative hat in Europa niemand entwickelt, aber auch keine eigene militärische."
"Gebietsaustausch" ist ein seltsamer Begriff, notieren auch Johannes Leithäuser und Sara Wagener in der FAZ: "Die Ukraine kontrolliert derzeit keine nennenswerten Flächen russischen Territoriums. Kiew lehnt jegliche Abtretung von Gebiet auch strikt ab: 'Die Ukrainer werden ihr Land nicht dem Besatzer schenken', sagte Präsident Wolodimir Selenski am Samstagmorgen in einer Videobotschaft. Die ukrainische Verfassung enthalte die Antwort auf territoriale Fragen."
"In Europa hat man es lange verpasst, den Weißrussen zuzuhören, wie man es verpasst hat, die Ukrainer in ihren Sorgen und Kämpfen ernst zu nehmen", betont Ingo Petz in der NZZ. Es wird Zeit, die Belarusen in ihrem Kampf gegen Lukaschenko und Russland und ernstzunehmen: "Das ungleiche Ringen um kulturelle und identitäre Einflusssphären erhielt in westlichen Gefilden so gut wie keine Beachtung, wo man Weissrussland ohnehin für eine unvollkommene, dem Zerfallsprozess der Sowjetunion entsprungene, ohnehin irgendwie russisch geartete Nation hielt (...) Das Nachdenken über Identität und Kultur als Teil einer nationalen Selbstbestimmung, wie es in Weissrussland und der Ukraine als überlebenswichtig erachtet wurde, galt westlichen Intellektuellen als rückwärtsgewandt."
Donald Trump und Wladimir Putin haben vereinbart, über die Ukraine wie über eine Beute zu beraten. Das Treffen soll, wohl ohne Wolodimir Selenski, am Freitag in Alaska stattfinden. Trump stellt einen "Gebietsaustausch" in Aussicht. "Putin hat es erneut geschafft, Trump an der Nase herumzuführen", kommentiert Anastasia Magasowa in der taz. "Statt von harten Sanktionen ausgebremst zu werden, steht für den Kremlchef nun eine persönliche Audienz beim amerikanischen Präsidenten an, auf US-amerikanischem Boden. Mit möglichen Landverlusten der Ukraine sowie mit Trumps Einladung von Putin belohnen die USA den russischen Machthaber. Damit holen sie ihn aus der internationalen Isolation heraus."
Die wichtigsten europäischen Länder inklusive Großbritannien sowie der EU haben diese amerikanische Initiative am Wochenende im prächtigen Chevening House, einer Residenz des britischen Außenministers, mehr oder weniger kraftlos abgenickt, erzählt Dominic Johnson in der taz: "Weit entfernt scheinen die Tage direkt nach dem Skandal im Weißen Haus am 28. Februar, als Trump und Vance den ukrainischen Präsidenten Selenski gemeinsam vor laufender Kamera niederbrüllten. Schon am nächsten Tag hoben der britische Premierminister Keir Starmer und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gemeinsam eine 'Koalition der Willigen' für die Ukraine aus der Taufe. Es ging darum, der Ukraine auch ohne US-Hilfe militärisch beistehen zu können, notfalls mit eigenen Soldaten auf ukrainischem Boden. Es folgten Gipfel in London und Paris. Kein halbes Jahr später ist die Bilanz ernüchternd. Eine eigene diplomatische Initiative hat in Europa niemand entwickelt, aber auch keine eigene militärische."
"Gebietsaustausch" ist ein seltsamer Begriff, notieren auch Johannes Leithäuser und Sara Wagener in der FAZ: "Die Ukraine kontrolliert derzeit keine nennenswerten Flächen russischen Territoriums. Kiew lehnt jegliche Abtretung von Gebiet auch strikt ab: 'Die Ukrainer werden ihr Land nicht dem Besatzer schenken', sagte Präsident Wolodimir Selenski am Samstagmorgen in einer Videobotschaft. Die ukrainische Verfassung enthalte die Antwort auf territoriale Fragen."
"In Europa hat man es lange verpasst, den Weißrussen zuzuhören, wie man es verpasst hat, die Ukrainer in ihren Sorgen und Kämpfen ernst zu nehmen", betont Ingo Petz in der NZZ. Es wird Zeit, die Belarusen in ihrem Kampf gegen Lukaschenko und Russland und ernstzunehmen: "Das ungleiche Ringen um kulturelle und identitäre Einflusssphären erhielt in westlichen Gefilden so gut wie keine Beachtung, wo man Weissrussland ohnehin für eine unvollkommene, dem Zerfallsprozess der Sowjetunion entsprungene, ohnehin irgendwie russisch geartete Nation hielt (...) Das Nachdenken über Identität und Kultur als Teil einer nationalen Selbstbestimmung, wie es in Weissrussland und der Ukraine als überlebenswichtig erachtet wurde, galt westlichen Intellektuellen als rückwärtsgewandt."
Religion
In der FAZ wächst sich die Debatte um Frauke Brosius-Gersdorf zu einer Debatte um katholisches "Naturrecht" und mehr oder weniger säkularen "Rechtspositivismus" aus. Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf lehnte den Bezug auf das Naturrecht ab (unser Resümee) und wandte sich damit gegen die CDU-Politikerin Elisabeth Winkelmeier-Becker, die auf ihrem christlichen Menschenbild bestanden hatte (unser Resümee). Dann antwortete der Moraltheologe Peter Schallenberg auf Graf (unser Resümee). Und heute der Theologe Thomas Söding, der Graf vorwirft, er verkenne "die hermeneutische Aporie des Rechtspositivismus, angeben zu müssen, wer das Recht setzt und wer es beugt, wer es befolgt und wer es bricht, worin es besteht und wann es sich übernimmt". Die Frage der Abtreibung muss in Deutschland auch heute noch offenbar von Theologen geklärt werden.
Kolonisierung begründete nicht nur wirtschaftliche Ausbeutungsverhältnisse und rassistische Theorien - sie bestand auch in der christlichen Missionierung. Und die geht weiter, notiert Ralf Nestmeyer bei hpd.de mit Blick auf Missionare, die noch die allerletzten indigenen Völker bekehren wollen: "Zwar sind es hauptsächlich Evangelikale, die meinen, sie müssten die Menschen in den entlegensten Winkeln der Welt mit Gottes Wort beglücken, aber auch die katholische Kirche betreibt weiterhin eifrig Missionsarbeit im Globalen Süden. Papst Leo XIV. wird gerne als 'Mann des Volkes' gefeiert, weil er zwanzig Jahre als Missionar in Peru tätig war. Kritik an diesem Wirken bleibt weitgehend aus - im Gegenteil, erst kürzlich ermahnte der Papst in Rom junge Menschen: 'Seid Missionare, wo immer ihr hingeht, seid Zeichen der Gegenwart des Herrn, wie es unsere geliebten peruanischen Heiligen waren.'"
Kolonisierung begründete nicht nur wirtschaftliche Ausbeutungsverhältnisse und rassistische Theorien - sie bestand auch in der christlichen Missionierung. Und die geht weiter, notiert Ralf Nestmeyer bei hpd.de mit Blick auf Missionare, die noch die allerletzten indigenen Völker bekehren wollen: "Zwar sind es hauptsächlich Evangelikale, die meinen, sie müssten die Menschen in den entlegensten Winkeln der Welt mit Gottes Wort beglücken, aber auch die katholische Kirche betreibt weiterhin eifrig Missionsarbeit im Globalen Süden. Papst Leo XIV. wird gerne als 'Mann des Volkes' gefeiert, weil er zwanzig Jahre als Missionar in Peru tätig war. Kritik an diesem Wirken bleibt weitgehend aus - im Gegenteil, erst kürzlich ermahnte der Papst in Rom junge Menschen: 'Seid Missionare, wo immer ihr hingeht, seid Zeichen der Gegenwart des Herrn, wie es unsere geliebten peruanischen Heiligen waren.'"
Digitalisierung
Mit riesigem Tamtam hat Open AI die neue Version von ChatGPT angekündigt - mit der Nummer 5. Bei golem.de schreibt Tim Elsner eine Art ausführlichen (und für Laien nicht immer verständlichen) Testbericht. Aber eins ist klar: Er ist ein bisschen enttäuscht und glaubt nicht, dass ChatGPT-5 tatsächlich auf allen Feldern ein Expertenwissen auf Promoviertenniveau hat: "Mit dem Wechsel von GPT-3 zu GPT-3.5 konnten statt aufwendiger Konstruktionen erstmals bequem Prompts benutzt werden, um das Modell zum Lösen von Aufgaben zu benutzen. Der Sprung von GPT-3.5 beziehungsweise ChatGPT zu GPT-4 war dann noch einmal gigantisch: Plötzlich konnten Bilder eingegeben werden und das Modell konnte ein Vielfaches der Kontextlänge verarbeiten, etwa komplette Bücher in einem Prompt verarbeiten. Und GPT-5? - Das hat ein paar Prozente mehr in einigen Benchmarks. Ein inkrementeller, kein umwälzender Fortschritt."
Politik
Empört kommentiert Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen Friedrich Merz' offenbar recht einsam gefällten Beschluss deutsche Waffenlieferungen an Israel einzuschränken. Engel teilt auch Merz' Kritik an Netanjahus Kriegsführung nicht - Merz reagierte auf Netanjahus Ankündigung, jetzt auch Gaza-Stadt erobern zu wollen: "Natürlich hat Israel berechtigte Sicherheitsinteressen im Gazastreifen, und die Ankündigung, dass nach der Zerstörung der Hamas ein arabischer Staatenverbund Gaza verwalten solle, wäre ein historischer Schritt in Richtung Frieden und Sicherheit in Nahost. Man muss es so klar sagen: Der Bundeskanzler ist seiner Verantwortung nicht gerecht geworden."
In der SZ findet Robert Rossmann Merz' Vorstoß wichtig, aber schlecht koordiniert: "Die Entscheidung von Merz zu den Waffenlieferungen an Israel ist nicht nur richtig, sie war auch überfällig. Aber ein Kanzler, der seine Partei ernst nimmt und sein Handwerk gut versteht, hätte gewusst, wie schwer es wird, dies in der CDU durchzusetzen. Er hätte deshalb sofort begonnen, in der Partei dafür zu werben. Doch Merz ist einfach abgetaucht. Erst angesichts des gewaltigen Proteststurms sah er sich bemüßigt, zwei Tage später wenigstens ein Fernsehinterview zu geben. Doch da war die von der Union versprochene 'Außenpolitik aus einem Guss' schon Geschichte."
In deutschen Medien bisher noch kaum wahrgenommen: Emmanuel Macron verschärft den Ton gegenüber Algerien erheblich - auch und gerade im Blick auf Algeriens Staatsgeiseln Boualem Sansal und Christophe Gleizes. "Dies ist ein echter Wendepunkt, eine beispiellose Verhärtung in der Haltung Emmanuel Macrons gegenüber Algerien", schreibt Frédéric Bobin in Le Monde. "Der Staatschef fordert Premierminister François Bayrou auf, 'mehr Entschlossenheit' an den Tag zu legen, um auf die 'wachsenden Schwierigkeiten' zu reagieren, denen Paris 'in Migrations- und Sicherheitsfragen mit Algerien' gegenübersteht, wie es in einem Brief des Präsidenten der Republik heißt, der am Mittwoch, dem 6. August, an den Premierminister gerichtet und von Le Figaro veröffentlicht wurde. Noch nie hatte Macron eine so harte Haltung gegenüber Algier eingenommen und eine Reaktion gefordert, die de facto einer Vergeltungsmaßnahme gleichkommt."
In der SZ findet Robert Rossmann Merz' Vorstoß wichtig, aber schlecht koordiniert: "Die Entscheidung von Merz zu den Waffenlieferungen an Israel ist nicht nur richtig, sie war auch überfällig. Aber ein Kanzler, der seine Partei ernst nimmt und sein Handwerk gut versteht, hätte gewusst, wie schwer es wird, dies in der CDU durchzusetzen. Er hätte deshalb sofort begonnen, in der Partei dafür zu werben. Doch Merz ist einfach abgetaucht. Erst angesichts des gewaltigen Proteststurms sah er sich bemüßigt, zwei Tage später wenigstens ein Fernsehinterview zu geben. Doch da war die von der Union versprochene 'Außenpolitik aus einem Guss' schon Geschichte."
In deutschen Medien bisher noch kaum wahrgenommen: Emmanuel Macron verschärft den Ton gegenüber Algerien erheblich - auch und gerade im Blick auf Algeriens Staatsgeiseln Boualem Sansal und Christophe Gleizes. "Dies ist ein echter Wendepunkt, eine beispiellose Verhärtung in der Haltung Emmanuel Macrons gegenüber Algerien", schreibt Frédéric Bobin in Le Monde. "Der Staatschef fordert Premierminister François Bayrou auf, 'mehr Entschlossenheit' an den Tag zu legen, um auf die 'wachsenden Schwierigkeiten' zu reagieren, denen Paris 'in Migrations- und Sicherheitsfragen mit Algerien' gegenübersteht, wie es in einem Brief des Präsidenten der Republik heißt, der am Mittwoch, dem 6. August, an den Premierminister gerichtet und von Le Figaro veröffentlicht wurde. Noch nie hatte Macron eine so harte Haltung gegenüber Algier eingenommen und eine Reaktion gefordert, die de facto einer Vergeltungsmaßnahme gleichkommt."
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