Vorgeblättert

"Wie konnte das geschehen?" Teil 1: Der respektable Herr Dibelius

Ausgewählte Leseproben.
11.08.2025. Otto Dibelius war ein Mann der Kontinuität: schon vor 1933 ein hoher Funktionär der Evangelischen Kirche, begrüßte er die Nazis mit zahlreichen Interventionen in seinen Zeitungen und als Bischof:  "Mit Gott zu neuer Zukunft!" und "Durch Gottes Gnade ein deutsches Volk!" Nach dem Krieg blieb er bis 1961 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Übrigens stimmten die Protestanten doppelt so oft für die NSDAP wie die Katholiken. Mit seiner Vergangenheit hat sich Dibelius nie auseinandergesetzt.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel II. 5, Seiten 109, 111, 112-114 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.

Am 9. April 1933 feierte das Berliner Evangelische Sonntagsblatt die "große politische Umwälzung". In derselben Ausgabe ergriff das geistliche Berliner Oberhaupt das Wort: Generalsuperintendent der Kurmark Otto Dibelius (1880-1967), einer der damals und nach 1945 erneut wichtigsten Repräsentanten des deutschen Protestantismus. Er beklagte die "gewohnte Unfreundlichkeit", mit der "das Ausland" den Regierungsantritt Hitlers kommentiert habe. Mit wenig Bedauern streifte er die Lage der Juden. Zweifellos fühlten sie sich von der nationalen Bewegung mit "antisemitischem Einschlag" bedroht; allerdings müssten sie sich das selbst zuschreiben, weil "bei allen dunklen Vorkommnissen der letzten 15 Jahre das jüdische Element eine führende Rolle gespielt" habe. So stand es in der kirchenpolitischen Rubrik "Wochenschau" des Sonntagsblatts, die Dibelius damals Woche für Woche selbst bestritt.

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In der Ausgabe vom 12. Februar hatte er geschrieben: "Zum ersten Mal seit der Revolution (im November 1918) ist eine Regierung gebildet worden, die von einem großen Teil der Bevölkerung mit Begeisterung begrüßt worden ist." Als "heißes Anliegen" wünschte sich Dibelius von "der Regierung Hitler", die ihre Macht "so leicht nicht wieder hergeben" werde, das schnelle Verstummen des innerdeutschen "Bruderzwists" statt des "Kampfes aller gegen alle" und "die Geschlossenheit der Volksgemeinschaft". Am Tag der Reichstagswahl vom 5. März 1933 ließ er der Wahlempfehlung des einflussreichen Evangelischen Bundes zugunsten der NSDAP und des antirepublikanischen Bündnisses "Kampffront Schwarzweißrot" seine demonstrative Wertschätzung zuteilwerden. Selbst beschränkte sich Dibelius auf einen politischen Hinweis zwischen den Zeilen: Im krassen Gegensatz zu früheren Regierungen habe der kommissarische preußische Kultusminister Bernhard Rust (NSDAP) "den leitenden Männern seiner Kirche" sofort einen Antrittsbesuch abgestattet, und so hätten es "die neuen Männer" auch in anderen Fällen gehalten.
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[In der Nummer vom 2. April 1933] ist die Predigt abgedruckt, die Dibelius am 21. März in der Potsdamer Nikolaikirche gehalten hatte. Von der Kanzel herab gab er die Parolen aus "Mit Gott zu neuer Zukunft!" und "Durch Gottes Gnade ein deutsches Volk!", um dann gut protestantisch-staatstragend fortzufahren:

Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt. Denn der Staat ist Macht. Neue Entscheidungen, neue Orientierungen, Wandlungen und Umwälzungen bedeuten immer den Sieg des einen über den anderen. Und wenn es um Leben und um Sterben der Nation geht, dann muss die staatliche Macht kraftvoll und durchgreifend eingesetzt werden.
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Nach den grundlegenden Untersuchungen von Jürgen Falter steht fest: Die NSDAP erzielte ihre Wahlerfolge zwischen 1930 und 1933 ganz überwiegend in evangelischen Gebieten. Protestanten, die rund zwei Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachten, waren mehr als doppelt so anfällig, diese Partei zu wählen, wie Katholiken. Teilt man die Wahlkreise des damaligen Deutschen Reiches in vier Gruppen auf - (fast rein) katholisch, überwiegend katholisch, überwiegend evangelisch, (fast rein) evangelisch -, dann ergibt sich für die Juli-Wahlen 1932: In den katholischen Wahlkreisen errang die NSDAP 17,5 Prozent der Stimmen, in den evangelischen 43,1 Prozent. Das heißt: Während nicht einmal jeder fünfte Katholik für die NSDAP stimmte, tat das fast jeder zweite Protestant. Wie Falter belegt, hat "kein anderes Sozialmerkmal die nationalsozialistischen Erfolge so stark beeinflusst wie die Konfession". Dabei handelte es sich um einen "genuinen Faktor", der von anderen sozialen Größen - wie Bauer, Handwerker, Arbeiter, Akademiker, Selbständiger, Angestellter, Beamter - "weitestgehend unabhängig" war. Da sich die NS -Führer dieser Unterschiede wohl bewusst waren, folgte daraus seit 1935 der aktive Kampf gegen die katholische Kirche, um "die Klerisei mürbe zu machen" (Kapitel IV.3).

Nachdem Otto Dibelius die Konsolidierung der Regierung Hitler so tatkräftig unterstützt hatte, geriet er im Herbst 1933 wegen staatlicher Eingriffe in die kirchliche Autonomie mit den Machthabern der NSDAP in Konflikt, und sein Amt des Generalsuperintendenten der Kurmark wurde unter tätiger Mitarbeit der durch und durch nazistischen Deutschen Christen abgeschafft. Dibelius gönnte sich eine sieben Monate lange Pause als Kurprediger im italienischen Sanremo und wandte sich im Sommer 1934 in stiller Weise der nicht regimenahen, aber keinesfalls durchgängig regimefernen kleinen evangelischen Gruppe Bekennende Kirche zu. Ohne mit der Wimper zu zucken, unterschrieb Dibelius im Oktober 1945 die Stuttgarter Schulderklärung des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland und nahm damit auch für sich und die Mehrheit der deutschen Protestanten offenkundig lügnerische Ausreden in Anspruch:

Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat, aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

In der Kurzform wurde daraus bald "ein Schuld- und Reuebekenntnis für die Sünden des Naziregimes" - und Dibelius Mitglied der CDU. Am 7. September 1949 hielt er - geübt, wie er war - die Festpredigt zur Eröffnung des Ersten Deutschen Bundestags in der Bonner Lutherkirche. Zu seiner engagierten Hilfestellung für Hitlers Start ins Dritte Reich und zu seiner antisemitischen Hetze äußerte sich die protestantische Führerpersönlichkeit Otto Dibelius niemals.

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Teil 1: Der respektable Herr Dibelius
Teil 2: Geschenke an die Arbeiter
Teil 3: Priester einschüchtern
Teil 4: Antisemitismus als Mittel zum Zweck
Teil 5: Konkursverschleppung
Teil 6: Kriegsfinanzierung
Teil 7: Lustige Künstlergesellschaft
Teil 8: Wundervolle Stiefel von einem Gefangenen
Teil 9: "Fahren Sie auch ein paar tot!"
Teil 10: Eine ganz große Freude statt Weltanschauung
Teil 11: "Wie stelle ich mir die Lösung der Judenfrage vor?"
Teil 12: Kraft durch Furcht