9punkt - Die Debattenrundschau
Der schwarze Schwan wird kommen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Politik
Kai Ambos ist Professor für Straf- und Völkerrecht an der Uni Göttingen. Im Gespräch mit Alice von Lenthe von der taz erklärt er, warum Israel den Iran nicht hätte angreifen dürfen (hierum ging's auch schon im Spiegel, mehr hier). Und für Deutschland gehe es darum, völkerrechtlich immer fein raus zu sein: "Deutschland muss einfach immer wieder sagen, dass das Völkerrecht einzuhalten ist. Auch von unseren Verbündeten und natürlich auch von Israel. Daran muss sich Israel, wie jeder andere Staat, messen lassen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn aber das Völkerrecht konsequent ignoriert wird wie im Gazakrieg, dann muss das Konsequenzen haben. Zum Beispiel, dass Deutschland keine Waffen mehr liefert."
Die völkerrechtlichen Formulierungen der UN-Charta sind allerdings sehr eng, schreibt Alexander Haneke in der FAZ mit Blick auf die Schläge gegen den Iran: "Schon das Beispiel des Konflikts zwischen Iran und Israel zeigt, dass in der Praxis kaum ein Staat eine solche Auslegung hinnehmen würde. Praktisch hieße es, dass sich Israel gegen einen iranischen Atomschlag erst zur Wehr setzen dürfte, wenn Teheran bereits die erste Atomrakete in Richtung Israel schießt."

"Ich sehe bis jetzt keine Hinweise darauf, dass der Staat und seine Institutionen zerfallen", erklärt der in den USA lebende iranische Historiker Arash Azizi im NZZ-Interview mit Jonas Roth. Sollte es dennoch zu einem Umsturz kommen, wird es vermutlich keine Demokratie, sondern eine Militär- und Oligarchen-Herrschaft geben, die gerne Handel mit dem Westen treiben wird. "Natürlich würde ich mir wünschen, dass Iran eine blühende Demokratie wird. Aber im Rahmen der realistischen Möglichkeiten kommt eigentlich nur ein Putsch infrage. Wer hat in Iran die Macht, tatsächlich etwas zu verändern? Die Opposition ist völlig unorganisiert. Die zentristische Faktion des Regimes und jener Teil der iranischen Elite, der eine Integration in die westliche Wirtschaft will, haben diese Fähigkeit. Denn was der iranischen Bourgeoisie wirklich am Herzen liegt, ist die Teilhabe an der westlichen Wirtschaft. Das sind die Leute, die uns aus diesem Krieg führen können. Sie könnten faktisch kapitulieren, einen Waffenstillstand mit Israel und den USA unterzeichnen, das Atomprogramm und den antiwestlichen, antiisraelischen Kreuzzug des Landes aufgeben. Iran braucht jetzt heroische Diplomatie."
Gesellschaft
Der Aufruf zum gesellschaftlichen Zusammenhalt droht zur reinen Floskel zu verkommen, mahnt der Politologe Hendrik Simon im FR-Interview Jakob Maurer. In einer Demokratie müsste man sich immer wieder drauf besinnen, dass politischer Streit ein Teil von ihr ist. "Sonntagsreden werden den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht retten, das ist völlig richtig. Zusammenhalt muss gelebt werden. Wir können an den USA sehen, wie eine gespaltene Gesellschaft aussieht. So polarisiert ist die Bundesrepublik zwar nicht, aber wir sehen auch hierzulande die emotionale Ablehnung politisch Andersdenkender. Es geht nicht darum, die Positionen der anderen zu übernehmen, aber über sie zu streiten. Wir müssen uns klarmachen, dass der Konflikt nicht das Übel, sondern letztlich der Kern der Demokratie ist."
Geschichte
Europa
Die neue Linkspartei vereinigt radical chic mit sympathischer Frechheit, ihre "Palästina-Solidarität" mobilisiert linke Studenten ebenso wie Teile der migrantischen Bevölkerung, in Bundestagsabstimmungen hat sich die Linke überdies verantwortungsvoll verhalten. Aber zugleich verteidigt "Silberlocke" Gregor Gysi die DDR, und einen Bruch mit der Geschichte der Partei gibt es bis heute nicht, schreibt Mariam Lau in einem kleinen Essay für Zeit online. "Dazu passt, dass die Parteilinie noch immer lautet: Wer die Verfassung schützen will, muss den Kapitalismus abschaffen. Vor allem an dieser Stelle, es hilft nichts, bleibt die Partei ihrem tiefen Illiberalismus treu. Die Abscheu gegenüber dem Geldverdienen, dem Reichsein. Der Grundimpuls 'tax the rich' als Mittel gegen alle Übel, von Wohnungsnot über Klimawandel bis Krieg - dabei ist es geblieben. Die Forderung, die CDU solle endlich den Unvereinbarkeitsbeschluss aufgeben, der eine Zusammenarbeit sowohl mit der Linken als auch mit der AfD ausschließt, erledigt sich an dieser Stelle."
Laut der BBC sollen bereits 110.000 russische Soldaten im Ukraine-Krieg gestorben sein, wenn man die Verwundeten mitzählt kommt man auf eine Zahl von einer Million - und die russische Führung interessiert sich nicht dafür, schreibt der Schriftsteller Sergej Gerassimow in der NZZ. Dieser von der russischen Führung herbeigeführte Menschenverschleiß wird erst enden, wenn das Putin-Regime fällt. "Dieser Krieg wird erst enden, wenn ein großer schwarzer Schwan in Russland landet. Es könnte Putins Tod sein, ein unerwarteter Kollaps der Front, eine dramatische Veränderung der internationalen Lage, ein spontaner Protest, das Erscheinen eines neuen Führers, landesweite Unruhen, eine technische Havarie. China, das Anspruch auf Sibirien erhebt. Oder Mörder, die hordenweise aus dem Kampf zurückkehren, sich für die neue Elite der Nation halten und beginnen, ihre Landsleute zu töten, und wissen wollen: 'Wo wart ihr, als wir euch vor den Banderiten verteidigt haben?' Es könnte alles Mögliche sein, und es wird auf jeden Fall passieren. Der schwarze Schwan wird unweigerlich kommen, denn Putin zerstört Russland von innen, während die Ukraine und ihre Verbündeten das Land von außen zerstören."