9punkt - Die Debattenrundschau
Hinzu kommt historisches Unwissen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2025. Ein historischer Tag? In der Nacht hat Israel iranische Atomanlagen angegriffen - wir setzen einige Links. In Deutschland geht die Debatte um das Friedenspapier einiger Sozialdemokraten weiter. Hier artikuliert sich ein Rentnerclub mit Einfluss, meint der Historiker Jan C. Behrends im Spiegel. taz und Spiegel lesen den Bericht der Grünen zur Affäre Gelbhaar. Eines ist klar, so der Bericht: Den Hinterfrauen der Affäre ging es nicht um #MeToo. Le Point fragt, ob der Pariser Fußballverein PSG neben der Champions League vielleicht auch noch die Pariser Bürgermeisterwahlen im nächsten Jahr entscheidet.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
13.06.2025
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Politik
Israel hat in dieser Nacht in der "Operation Rising Lion" Atomanlagen im Iran angegriffen. Einige sehr hochrangige Militärführer des Iran sind bei den Angriffen ebenfalls ums Leben gekommen. Hier die Regierungserklärung von Benjamin Netanjahu. Ein ausführlicher Bericht findet sich in der Times of Israel. Die "Tagesschau" hat ein Liveblog.
Die Mehrheit der Israelis sind immer noch für den Krieg in Gaza, meint der deutsch-israelische Autor Chaim Noll in der NZZ. Und das hat Gründe: "55 Prozent der Israeli sind unter 35 Jahre alt. Und die unter 35-Jährigen waren größtenteils direkt am Krieg beteiligt, die meisten von ihnen sind sofort zu den Waffen geeilt und haben in Gaza gekämpft. Sie haben Einblick genommen in das wahnsinnige Tunnelsystem, das mit internationalen Hilfsgeldern gebaut wurde; sie haben von den Vereinten Nationen finanzierte Schulen gesehen mit antisemitischen Wandbildern (ein Monster mit aufgemaltem Davidstern bedroht ein kleines Mädchen) ... Sie haben Waffenlager im Lehrerzimmer gesehen, Reisetaschen voller Bargeld, das Milieu einer global agierenden Mafia, alles unter den Augen der Uno-Funktionäre. Sie haben das Elend der Zivilbevölkerung gesehen, auch den Grad der Verhetzung und Verdummung, des Fanatismus, des Judenhasses. ... Wer das alles gesehen und erlebt hat, ist vieler Illusionen ledig, die noch den Vätern heilig waren."
BREAKING:
- Mahua Moitra Fans (@MahuaMoitraFans) June 13, 2025
Israel unleashes Operation Rising Lion - targeting Iran's nuclear core and military infrastructure.
Netanyahu warns: "We won't stop until the threat is neutralized. The tyrants of Tehran must be stopped before it's too late." pic.twitter.com/J4swEIsm9t
Die Mehrheit der Israelis sind immer noch für den Krieg in Gaza, meint der deutsch-israelische Autor Chaim Noll in der NZZ. Und das hat Gründe: "55 Prozent der Israeli sind unter 35 Jahre alt. Und die unter 35-Jährigen waren größtenteils direkt am Krieg beteiligt, die meisten von ihnen sind sofort zu den Waffen geeilt und haben in Gaza gekämpft. Sie haben Einblick genommen in das wahnsinnige Tunnelsystem, das mit internationalen Hilfsgeldern gebaut wurde; sie haben von den Vereinten Nationen finanzierte Schulen gesehen mit antisemitischen Wandbildern (ein Monster mit aufgemaltem Davidstern bedroht ein kleines Mädchen) ... Sie haben Waffenlager im Lehrerzimmer gesehen, Reisetaschen voller Bargeld, das Milieu einer global agierenden Mafia, alles unter den Augen der Uno-Funktionäre. Sie haben das Elend der Zivilbevölkerung gesehen, auch den Grad der Verhetzung und Verdummung, des Fanatismus, des Judenhasses. ... Wer das alles gesehen und erlebt hat, ist vieler Illusionen ledig, die noch den Vätern heilig waren."
Ideen
In der SZ stellt Philipp Bovermann einen der durchgeknalltesten neuen Rechten in den USA vor, den Blogger Curtis Yarvin, der immerhin von Figuren wie Peter Thiel und J.D. Vance unterstützt wird. Yarvins Thesen: "Die Demokratie sei am Ende, ein Monarch müsse die Kontrolle übernehmen, um das Land wie ein CEO zu führen." Als Monarchen stellt er sich J.D. Vance vor, wie er kürzlich im Interview mit der New York Times erklärte. Damit steht er allerdings "in schärfstem Konflikt", so Bovermann, "zu republikanischen Meinungsmachern wie Steve Bannon oder Sohrab Ahmari. Durch die neue Rechte verläuft eine Konfliktlinie zwischen Tech-Faschisten und Antiglobalisten. Curtis Yarvin steht auf der einen Seite - auf der anderen etwa Patrick Deneen. Der akademische Philosoph will die zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus nicht etwa entfesseln, sondern sie vielmehr rabiat christlichen Bräuchen, lokalen Gemeinschaften, dem Primat der Familie entwerfen."
Geschichte
Heute vor 500 Jahren heiratete Martin Luther im Schwarzen Kloster in Wittenberg seine Katharina von Bora, erinnert Arno Widmann in der FR: "Am 13. Juni 1525 wurde das evangelische Pfarrhaus geboren. Das war ein kompletter Bruch mit der katholischen Vergangenheit. Das Wort Gottes wurde nicht mehr von einem Männerbund gepredigt. Die Predigt entstand in einer Familie. Mit oder gegen sie, aber immer in ihr. Der Pfarrer war ein Mann wie alle anderen. Er war auch, das gehört zu dieser Geschichte dazu, ein Untertan wie alle anderen."
Europa
Einige doch recht prominente, wenn auch mehr oder weniger abgemeldete SPD-Politiker haben in einem "Manifest zur Friedenssicherung" ihre Sehnsucht nach Gesprächen mit dem Autokraten Wladimir Putin artikuliert - dass er der Sponsor der Rechtsextremen in Europa ist, stört die Politker, die sonst so stolz auf ihren "Antifaschismus" sind, offenbar nicht. taz-Autorin Yelizaveta Landenberger stört in dem Papier die Romantisierung der Brandtschen Ostpolitik: "'Wandel durch Annäherung' mag den damaligen Kalten Krieg entspannt haben, trug aber auch dazu bei, autoritäre Regime in Osteuropa zu stabilisieren - und legte den Grundstein für eine Energieabhängigkeit, die später massiv ausgebaut wurde. Die deutschen Gaseinkäufe über Nord Stream ermöglichten es Russland, seine Kriegführung in der Ukraine seit 2014 mitzufinanzieren."
Auch der Historiker Jan C. Behrends, selbst in der SPD aktiv, kritisiert im Gespräch mit Felix Keßler vom Spiegel die doktrinäre Romantisierung der "Ostpolitik" bei den den Autoren des Manifests. Einerseits sieht er sie als "verschrobenen Boomer- oder Rentnerclub". Nur kann man nicht verkennen, dass er Einfluss hat. Behrends wirft dem Club vor allem einen einseitigen Blick auf die Geschichte vor: "Die Verfasser behaupten, dass Putins Russland und auch China dieselben Interessen wie der Westen an Frieden, Stabilität und einer regelbasierten Ordnung hätten. Dem ist jedoch nicht so. Hinzu kommt historisches Unwissen: Im Kalten Krieg war die späte Sowjetunion eine Macht, die den Status quo in Europa erhalten wollte. Doch Putins Russland ist eine aggressiv-revisionistische Macht, die mit Angriffskriegen versucht, ihr früheres Imperium wiederherzustellen. Insofern sehe ich in dem 'Manifest' einen Text von Funktionären, die nicht gelernt haben, historisch-kritisch zu denken."
Im Interview mit der SZ versteht SPD-Politiker Rolf Mützenich die Aufregung um das auch von ihm unterschriebene "Manifest" nicht: Gut, er will keine US-Mittelstreckenraketen in Deutschland und auch keine größere Erhöhung der Militärausgaben. Um dann hinzuzufügen: "Auch ich will militärische Sicherheit und Fähigkeiten zur Verteidigung. Aber das andere Element, die ständige und mühsame Diplomatie, das ist es, was mir fehlt, nicht mehr und nicht weniger." Wieviel Geld für Verteidigung er denn genau für vernünftig hielte und welche diplomatischen Vorschläge ihm konkret fehlen, sagt er nicht.
Könnte der Pariser Fußballverein PSG, der bekanntlich Katar gehört, neben der Champions-League-Meisterschaft auch noch die Pariser Bürgermeisterwahlen im nächsten Jahr entscheiden? So klingt, was Julien Rebucci in Le Point berichtet: "Es ist festzuhalten, dass die Beziehungen zwischen der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und dem aus Katar stammenden Präsidenten des PSG Nasser al-Khelaïfi angespannt bleiben, insbesondere wegen der Weigerung der Stadt, den Parc des Princes zu verkaufen, das Stadion im 16. Arrondissement, in dem PSG seit 1974 spielt. 'Die Vereinsführung kann auch die Entscheidung der Stadt, die Spiele der Weltmeisterschaft 2022 in Katar aus Protest gegen die Umweltbelastung und die Behandlung der Arbeiter nicht auf Großbildleinwänden zu übertragen, nicht schlucken', erklärt eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle." Der Einfluss Katars, des größten Sponsors der Muslimbrüderschaft und der Hamas, in der französischen Politik ist in Paris permanent Thema. Katar möchte das Stadion, das bisher nur 46.000 Zuschauer fasst, vergrößern.
Auch der Historiker Jan C. Behrends, selbst in der SPD aktiv, kritisiert im Gespräch mit Felix Keßler vom Spiegel die doktrinäre Romantisierung der "Ostpolitik" bei den den Autoren des Manifests. Einerseits sieht er sie als "verschrobenen Boomer- oder Rentnerclub". Nur kann man nicht verkennen, dass er Einfluss hat. Behrends wirft dem Club vor allem einen einseitigen Blick auf die Geschichte vor: "Die Verfasser behaupten, dass Putins Russland und auch China dieselben Interessen wie der Westen an Frieden, Stabilität und einer regelbasierten Ordnung hätten. Dem ist jedoch nicht so. Hinzu kommt historisches Unwissen: Im Kalten Krieg war die späte Sowjetunion eine Macht, die den Status quo in Europa erhalten wollte. Doch Putins Russland ist eine aggressiv-revisionistische Macht, die mit Angriffskriegen versucht, ihr früheres Imperium wiederherzustellen. Insofern sehe ich in dem 'Manifest' einen Text von Funktionären, die nicht gelernt haben, historisch-kritisch zu denken."
Im Interview mit der SZ versteht SPD-Politiker Rolf Mützenich die Aufregung um das auch von ihm unterschriebene "Manifest" nicht: Gut, er will keine US-Mittelstreckenraketen in Deutschland und auch keine größere Erhöhung der Militärausgaben. Um dann hinzuzufügen: "Auch ich will militärische Sicherheit und Fähigkeiten zur Verteidigung. Aber das andere Element, die ständige und mühsame Diplomatie, das ist es, was mir fehlt, nicht mehr und nicht weniger." Wieviel Geld für Verteidigung er denn genau für vernünftig hielte und welche diplomatischen Vorschläge ihm konkret fehlen, sagt er nicht.
Könnte der Pariser Fußballverein PSG, der bekanntlich Katar gehört, neben der Champions-League-Meisterschaft auch noch die Pariser Bürgermeisterwahlen im nächsten Jahr entscheiden? So klingt, was Julien Rebucci in Le Point berichtet: "Es ist festzuhalten, dass die Beziehungen zwischen der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und dem aus Katar stammenden Präsidenten des PSG Nasser al-Khelaïfi angespannt bleiben, insbesondere wegen der Weigerung der Stadt, den Parc des Princes zu verkaufen, das Stadion im 16. Arrondissement, in dem PSG seit 1974 spielt. 'Die Vereinsführung kann auch die Entscheidung der Stadt, die Spiele der Weltmeisterschaft 2022 in Katar aus Protest gegen die Umweltbelastung und die Behandlung der Arbeiter nicht auf Großbildleinwänden zu übertragen, nicht schlucken', erklärt eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle." Der Einfluss Katars, des größten Sponsors der Muslimbrüderschaft und der Hamas, in der französischen Politik ist in Paris permanent Thema. Katar möchte das Stadion, das bisher nur 46.000 Zuschauer fasst, vergrößern.
Gesellschaft
Ein halbes Jahr ist es her, dass der Berliner Grünen-Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar wegen #MeToo-Vorwürfen auf seine Kandidatur zur Wiederwahl verzichten musste. Die Partei beauftragte einen internen Untersuchungsausschuss, der jetzt Ergebnisse vorlegte. "Befrieden werden die Papiere aber wohl weder die parteiinterne Debatte um den Fall Gelbhaar noch die um den allgemeinen Umgang mit Belästigungsvorwürfen", vermutet Tobias Schulze in der taz. "Denn erstens liefert der Bericht keine endgültige Aufklärung im konkreten Fall. Zweitens bleibt zunächst offen, welche strukturellen Konsequenzen die Grünen für die Zukunft ziehen. Die Kommission macht dazu zwar umfangreiche Anregungen. Der Vorstand will als Konsequenz daraus aber zunächst eine weitere Arbeitsgruppe einrichten, die 'konkrete Umsetzungsvorschläge' erarbeitet."
Eine Reportergruppe des Spiegel hat den parteiinternen Bericht der Grünen gelesen, der immerhin zu einem klaren und für die Partei recht peinlichen Befund kommt: "Den Frauen, die sie als Organisatorinnen der Meldungen erkannt haben wollen, sei es .. 'nicht vorrangig' um die Einleitung eines Ombudsverfahrens mit der Ziel der Wiederherstellung eines respektvollen, von Wertschätzung und Vertrauen getragenen Umgangs untereinander gegangen, 'sondern um die Instrumentalisierung eines solchen Verfahrens für parteipolitische Zwecke'." Kritik an Gelbhaar bleibt in der Partei bestehen. Die NDR-Mediensendung "Zapp" hat vor einigen Wochen eine Dokumentation zum Fall vorgelegt, die alles tut, um Gelbhaar schlecht aussehen zu lassen. Die SZ hatte eine epische Recherche gebracht.
Eine Reportergruppe des Spiegel hat den parteiinternen Bericht der Grünen gelesen, der immerhin zu einem klaren und für die Partei recht peinlichen Befund kommt: "Den Frauen, die sie als Organisatorinnen der Meldungen erkannt haben wollen, sei es .. 'nicht vorrangig' um die Einleitung eines Ombudsverfahrens mit der Ziel der Wiederherstellung eines respektvollen, von Wertschätzung und Vertrauen getragenen Umgangs untereinander gegangen, 'sondern um die Instrumentalisierung eines solchen Verfahrens für parteipolitische Zwecke'." Kritik an Gelbhaar bleibt in der Partei bestehen. Die NDR-Mediensendung "Zapp" hat vor einigen Wochen eine Dokumentation zum Fall vorgelegt, die alles tut, um Gelbhaar schlecht aussehen zu lassen. Die SZ hatte eine epische Recherche gebracht.
Medien
Dominik Baur erzählt in der taz nochmal die Geschichte des Ingolstädter Verlegers Wilhelm Reissmüller, der ein Nazi war, sich nach dem Krieg eine Widerstandsgeschichte andichtete und in der Stadt einen riesengroßen Einfluss hatte (unsere Resümees). Nun ist es passiert: "Man entzog Reissmüller posthum seine Ehrenbürgerwürde - und ging hernach zu Tagesordnungspunkt 8 über: 'Bebauungs- und Grünordnungsplan Nr. 617 Unterhaunstadt - Südlich Hochweg."
Vor elf Jahren und einem Tag starb FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Sein Sohn Jakob kommt in einem Tweet nochmal auf seine Enttäuschung vor einem Jahr zurück, als die FAZ den zehnten Todestag wortlos passieren ließ (unser Resümee).
Vor elf Jahren und einem Tag starb FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Sein Sohn Jakob kommt in einem Tweet nochmal auf seine Enttäuschung vor einem Jahr zurück, als die FAZ den zehnten Todestag wortlos passieren ließ (unser Resümee).
Die FAZ hat meinen Vater unmittelbar nach seinem Tod vergessen. Man merkt das auch daran, dass sie seither ihre Stimme verloren hat.
- Jakob Schirrmacher (@Comium_j) June 12, 2025
Nicht nur ihn - sondern das, wofür er stand: intellektuelle Unbequemlichkeit, publizistischen Mut, ein Gespür für das Kommende.
Heute klingt das… https://t.co/XHIuT3Y15P
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