9punkt - Die Debattenrundschau

Er glaubt wirklich, dass Freiheit böse ist

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.06.2025. In der FAZ denkt der russische Autor Sergej Lebedew darüber nach, wie sehr der KGB die Welt geprägt hat, in der Putin lebt. Und der Philosoph Pascal Bruckner fragt, warum so viele europäische und amerikanische Intellektuelle den Wunsch nach einer Reform des Islam als "Islamophobie" auslegen. In der taz erzählen zwei israelische Aktivisten, wie man ganz unideologisch gegen den Krieg in Gaza demonstrieren kann. Le Point erklärt, warum der französisch-algerische Autor Kamel Daoud in Italien nicht sicher wäre.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2025 finden Sie hier

Europa

In der FAZ antwortet der französische Philosoph Pascal Bruckner auf einen Artikel von Marc Zitzmann, der dort kürzlich einen französischen Regierungsbericht über die massive Einflussnahme der Muslimbrüder als Beleg für eine "Islamophobie" Frankreichs ansah (unser Resümee). Das ist Unsinn, meint Bruckner. "'Islamophobie' wird heute von den Proselyten des Korans benutzt, um alle zum Schweigen zu bringen, die ihre Religion reformieren wollen. Wehe ihnen, sie werden ins Gefängnis geworfen wie der Schriftsteller Boualem Sansal in Algerien oder an den Pranger gestellt wie der Schriftsteller Kamel Daoud, der sich schuldig gemacht hat, die Dogmen des Islamismus infrage zu stellen. Es ist schade und geradezu tragisch, dass sich eine Reihe europäischer und amerikanischer Intellektueller an der Dämonisierung dieses Vorhabens beteiligen und dabei den Salafisten aller Art als nützliche Idioten dienen, indem sie ihre Argumentation übernehmen."

Der französisch-algerische Autor Kamel Daoud hat bekanntlich neulich eine Reise nach Italien abgesagt, wo er seinen neuen, ins Italienische übersetzten Roman "Houris" vorstellen wollte. Laut Meldungen italienischer Zeitungen lag ein Auslieferungsersuchen Algeriens gegen ihn vor. Farid Alilat berichtet in Le Point über italienische Reaktionen auf diese Meldung, die viel Empörung ausgelöst hat - auch weil von der Regierung der Postfaschistin Giorgia Meloni nur ein äußerst weiches Dementi gekommen war. Zwar wäre eine Auslieferung kaum möglich, so Alilat, weil Daoud EU-Bürger ist, aber es hätte zu ernsthaften Verstimmungen kommen können. Meloni kann Macron nicht ausstehen, aber an Algerien liegt ihr: "Seit dem dreitägigen Staatsbesuch von Präsident Abdelmadjid Tebboune in Italien im Mai 2022 erleben die beiden Länder eine Art Honeymoon, der im Gegensatz zu den Höhen und Tiefen der französisch-algerischen Beziehungen steht. Um sich zu bedanken, wurde Giorgia Meloni im Januar 2023 mit großem Pomp in Algier empfangen. Gas, Öl, Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen - der Handel zwischen Algerien und Italien erreichte 2024 ein Volumen von 13,9 Milliarden Euro. Bei diesem Tempo könnte Italien Frankreich als zweitgrößten Handelspartner Algeriens nach China ablösen. 'Algerien ist ein zuverlässiger Partner von absoluter strategischer Bedeutung für Italien', sagte Giorgia Meloni während ihres Besuchs in Algier." 

In "Bilder und Zeiten" (FAZ) denkt der russische Autor Sergej Lebedew darüber nach, wie sehr der KGB die Welt, in der Putin lebt, geprägt hat. Einerseits behauptet das System eine einhellige Zustimmung der Bevölkerung, andererseits war es ja nur dazu da, die Bevölkerung zu kontrollieren. "Wenn man darüber nachdenkt, ist dies intellektuell eine ziemlich prekäre Position, die dem KGB-Offizier, der sie einnimmt, ein ständiges 'double think' abverlangt ... Ich denke, dass sich im Kopf eines solchen Mitarbeiters die Zusammenhänge verdrehen müssen: Er glaubt am Ende, dass es Disziplin, Kontrolle und die Einschränkung von Freiheiten sind, die Individuen in eine Gesellschaft verwandeln, welche die Behörden aufrichtig unterstützt. Es ist kein Zufall, dass einer der rhetorischen Hauptvorwürfe, die Putin gegenüber dem Westen erhebt, übertriebener Liberalismus ist, übertriebene Teilhabe; er glaubt wirklich, dass Freiheit böse ist."
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Politik

KI verändert nicht die Natur des Krieges, wie Clausewitz sie beschrieben hat, meint in der NZZ der Philosoph Olivier Del Fabbro, doch kann sie seine Brutalität verstärken. "Er wird intensiver, aber nicht fundamental anders. In Sachen KI stellt sich zum Beispiel die Frage, ob automatisierte Waffensysteme den im internationalen humanitären Völkerrecht so wichtigen Unterschied zwischen Zivilisten und Kombattanten erkennen können. Vor allem deswegen, weil bekannt ist, dass KI simple Fehler bei der Bilderkennung macht. Die Entscheidungen der KI sind also nicht immer zuverlässig. Doch auch beim Menschen gibt es Schwachstellen."

Im Interview mit der taz erklärt der israelische Aktivist Alon-Lee Green die Bewegung "Standing Together", in der palästinensische und jüdische Israelis gemeinsam gegen die israelische Kriegsführung in Gaza protestieren. Den Krieg konnten sie nicht beenden, aber das Nachdenken darüber verändern, meint er: "Wir haben es geschafft, unserer Gesellschaft die Frage aufzuzwingen, was für eine Art von Gesellschaft wir sein wollen. Es gibt jetzt eine wirklich heftige Diskussion über das Töten von Kindern in Gaza, über das Aushungern von zwei Millionen Menschen. Auch darüber, ob es in diesem Krieg um unsere Sicherheit geht oder um Vernichtung." Den international aktiven "propalästinensischen" Aktivisten empfiehlt er allerdings, ihre Strategien zu überdenken: "Was manche tun, ist eine selbstverliebte Selbstdarstellung, die oft sehr hermetisch daherkommt. Wenn man zig Kriterien erfüllen muss, um überhaupt in die Bewegung zu kommen, dann macht man die Bewegung kleiner. Mit dem Ziel, das Töten zu stoppen, werden sich mehr Menschen identifizieren, als wenn ich große Reden gegen Imperialismus, Zionismus und Kolonialismus schwinge. Wenn ihr den Kampf zur Ideologie macht, dann verliert ihr eine Menge Leute."

Auch die israelische Autorin Neora Shem hält seit mehreren Monaten in Tel Aviv mit Freundinnen stille Mahnwachen für getötete palästinensische Kinder. "Die Einfachheit ist der Schlüssel", sagt sie im Interview mit der taz. "Die Stille lädt die Menschen dazu ein, die Gesichter dieser Kinder zu sehen, die leicht unsere Kinder sein könnten. Sie könnten Juden sein, sie könnten Israelis sein. Wir glauben, dass kein Kind geopfert werden sollte. Die Menschen verstehen unsere Kernbotschaft intuitiv: Dieser Krieg muss aufhören. Wir haben gesehen, wohin er führt. Jede Woche kommen Hunderte von neuen Leuten zu uns. Sie haben es verstanden."

Dass die Hamas-Unterstützer ihre Ideologie überdenken - danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die Attacken auf Juden nehmen international zu, berichtet Nicholas Potter in der taz. Zuletzt schleuderte Mohamed Sabry Soliman in Colorado Molotowcocktails auf Demonstranten, die sich für die Freilassung der Hamas-Geiseln einsetzten, und Elias Rodriguez erschoss zwei Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Washington: "Es gibt bereits Kampagnen von linken und propalästinensischen Gruppen, den Washington-Attentäter Rodriguez freizulassen. Die Morde bezeichnen sie als 'legitimen Akt des Widerstands'. Ein amerikanischer Tiktoker mit mehr als drei Millionen Followern ruft in einem Video zur Unterstützung von Rodriguez auf und bezeichnet ihn als 'Widerstandskämpfer'. In der unmittelbaren Nähe der Berliner Humboldt-Universität tauchten Plakate auf, mit roten Dreiecken - das Symbol, mit dem die Hamas Ziele markiert -, einem Foto von Yaron Lischinsky und die Worte: 'Make Zionists Afraid'. ... Ist es das, wofür ihr steht?"
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Digitalisierung

Der PR-Berater Daniel Kapp hat auf Twitter ein Chat-GPT-Experiment gestartet, ob die KI bei Karikaturen auf bestimmte Empfindlichkeiten Rücksicht nimmt, auch wenn diese durch die Meinungsfreiheit gedeckt wären. Zunächst machte er das Experiment mit Trump:


Der englische Informatiker Tim Berners-Lee, der die Grundtechnik des world wide web begründete, wird am Sonntag siebzig. Dietmar Dath gratuliert in der FAZ schon mal: "Die Zwanglosigkeit und Experimentierwilligkeit der digitalen Pionierepoche in den Spätachtziger- und Frühneunzigerjahren, vor rund einem Menschenalter, steht, blickt man heute auf sie zurück, in schrillem Kontrast zu der so oft gleichermaßen öden wie gehetzten Metadaten-Fummelei, zu der uns der Datenverarbeitungszweck allseitiger Maschinenlesbarkeit sämtlicher Netzinhalte inzwischen treibt. 'Tim, dieses Hypertext-Ding, hast du das inzwischen zusammengeschrieben?', sei er kurz nach seiner ersten Eingabe in dieser Sache im europäischen Kernforschungszentrum CERN gefragt worden, berichtet Berners-Lee, und er habe kurzweg geantwortet: 'Okay, dann mache ich das jetzt eben!'"
Archiv: Digitalisierung