9punkt - Die Debattenrundschau
Kein Fortschritt der Menschheit
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2025. In Österreich scheint der Damm gegen die Rechten gebrochen, die taz macht die schwarz-grüne Coronapolitik dafür verantwortlich. Andere Kulturen können großartig, aber auch gefährlich sein. Muslimische Länder haben oft schon in der Erziehung ein Gewaltproblem, erzählt Ayaan Hirsi Ali in der Welt. Für Russen ist der Sieg das wichtigste, warnt Victor Jerofejew in der NZZ. Dass ein friedliches Zusammenleben von Kulturen und Religionen dennoch möglich ist, lernt die FAZ auf Madagaskar. Die FAZ erzählt außerdem, wie sehr Norwegen vom Ukrainekrieg profitiert hat, dafür steht die norwegische Linke stramm wie ein Mann gegen Israel und die winzige jüdische Gemeinde des Landes.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
06.01.2025
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Politik
FAZ-Redakteurin Sandra Kegel war auf Mauritius und stellt mit Erstaunen fest: Die Insel, ein unabhängiger Staat, ist so friedlich, dass sie sogar von Soziologen deshalb untersucht wird - und das trotz der Präsenz verschiedene Religionen, inklusive Islam. Einer der Aspekte ist, dass Mauritius vor der Kolonisierung offenbar nicht bewohnt war. Besiedelt wurde sie erst von den Europäern. Sie brachten Sklaven aus Madagaskar, dann kam die Abschaffung der Sklaverei, und es wurden Vertragsarbeiter aus Indien, Bangladesch und China geholt: "Weil Mauritius bis zur Entdeckung durch die Osmanen unbewohnt war und diese auch nicht blieben, gibt es keine Ureinwohner, die für sich in Anspruch nehmen können, schon immer hier gewesen und von Neuankömmlingen übervorteilt worden zu sein. Auf Mauritius sind alle Migranten. Das eint sie über alle Verschiedenheit hinweg."
Kann man das Westjordanland als "von Israel besetzt" ansehen? Nein, findet der israelische Autor Chaim Noll in der NZZ, denn eigentlich gehörte es zum Kernland des von den britischen Mandatsträgern geplanten Israel, wurde dann aber nach 1948 von Jordanien besetzt, die dann wiederum den Krieg von 1967 verloren. Seitdem gilt der komplizierte heutige Status des Gebiets. Die Lebensrealität sieht dort laut Noll auch so aus: "Die Palästinenser des Westjordanlands sind die pro Kopf am höchsten durch internationale Hilfsgelder subventionierten Menschen der Welt; sie genießen einen weit höheren Lebensstandard als die Araber in den umliegenden Ländern wie Jordanien, Syrien oder Ägypten. In Friedenszeiten arbeiten Hunderttausende von ihnen in Israel oder in den jüdischen Siedlungen Cisjordaniens. Rund zwanzig im Westjordanland entstandene Joint-Venture-Industrieparks mit überwiegend israelischen Firmen bieten weiteren Tausenden Palästinensern Arbeit. Die Währung der Palästinenser ist der israelische Schekel. Achtzig Prozent aller Waren des täglichen Bedarfs in palästinensischen Supermärkten stammen aus Israel. 'Wirtschaftlich gesehen', sagte mir gegenüber ein palästinensischer Geschäftsmann, 'sind die Palästinensergebiete längst ein Teil Israels.'"
Kann man das Westjordanland als "von Israel besetzt" ansehen? Nein, findet der israelische Autor Chaim Noll in der NZZ, denn eigentlich gehörte es zum Kernland des von den britischen Mandatsträgern geplanten Israel, wurde dann aber nach 1948 von Jordanien besetzt, die dann wiederum den Krieg von 1967 verloren. Seitdem gilt der komplizierte heutige Status des Gebiets. Die Lebensrealität sieht dort laut Noll auch so aus: "Die Palästinenser des Westjordanlands sind die pro Kopf am höchsten durch internationale Hilfsgelder subventionierten Menschen der Welt; sie genießen einen weit höheren Lebensstandard als die Araber in den umliegenden Ländern wie Jordanien, Syrien oder Ägypten. In Friedenszeiten arbeiten Hunderttausende von ihnen in Israel oder in den jüdischen Siedlungen Cisjordaniens. Rund zwanzig im Westjordanland entstandene Joint-Venture-Industrieparks mit überwiegend israelischen Firmen bieten weiteren Tausenden Palästinensern Arbeit. Die Währung der Palästinenser ist der israelische Schekel. Achtzig Prozent aller Waren des täglichen Bedarfs in palästinensischen Supermärkten stammen aus Israel. 'Wirtschaftlich gesehen', sagte mir gegenüber ein palästinensischer Geschäftsmann, 'sind die Palästinensergebiete längst ein Teil Israels.'"
Europa
Ein paar unflätige Tweets von Elon Musk haben immerhin dafür gesorgt, dass der "Grooming Gang Scandal" wieder an die Oberfläche gespült wurde. Er war seinerzeit zwar durchaus wahrgenommen worden, aber wirklich aufgearbeitet wurde er in seinem bestürzenden Ausmaß nicht. "Leugnung des Problems ist tief im politischen System Großbritanniens verwurzelt", schreiben Sam Ashworth-Hayes und Charlie Peters im Telegraph. "Manchmal hat es den Anschein, dass der Ansatz der Regierung in Bezug auf den Multikulturalismus nicht darin besteht, das Gesetz aufrechtzuerhalten, sondern vielmehr das Risiko von Unruhen zwischen den Communities zu minimieren. Angesichts von Banden überwiegend pakistanischer Männer, die es auf überwiegend weiße Kinder abgesehen haben, wusste der Staat genau, was zu tun war. Zum Wohle der Beziehungen zwischen den Gemeinschaften musste er die Geschichte begraben."
Das Ganze ist "nicht nur irgendein Fall von Elitenversagen", meint Zeit-Redakteur Jochen Bittner in einem längeren Tweet: "Es ist der größte rassistische Skandal im Großbritannien des 21. Jahrhunderts, der als solcher bis heute weder begriffen noch ausreichend aufgearbeitet wurde. Er steht für das Versagen einer Einwanderungsgesellschaft, angemessen mit kulturellen Clashs und unbequemen Wahrheiten umzugehen." Ohne nochmal näher auf den Skandal einzugehen schildert Peter Walker im Guardian ein Zerwürfnis zwischen Musk und dem britischen Rechtspopulisten Nigel Farage.
In Österreich ist der Damm gebrochen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen wird den FPÖ-Chef Herbert Kickl wahrscheinlich heute bitten, eine Regierung zu bilden. Die FPÖ ist mit fast 30 Prozent der Wählerstimmen stärkste Fraktion im österreichischen Parlament geworden. Die demokratischen Parteien haben es trotz langer Verhandlungen nicht geschafft, eine Koalition gegen die FPÖ zu errichten. Florian Bayer macht in der taz die Corona-Politik der verblichenen schwarz-grünen Regierung für die Erfolge der FPÖ verantwortlich: "Vor allem die beschlossene, am Ende nie umgesetzte Impfpflicht trieb die Wähler in Scharen zur FPÖ. Ihre erratische Politik hat die schwarz-grüne Regierung nie vollständig aufgearbeitet. Ebenso wenig hat die ÖVP einen klaren Schnitt gemacht, als etwa die Skandale rund um von der Regierung bezahlte Inserate unter Sebastian Kurz aufkamen. Viel Vertrauen in Medien und Politik wurde verspielt. Die FPÖ holt die Enttäuschten ab, setzt auf Alternativmedien, wettert gegen das 'System'." Hier Bayers Bericht.
Der ehemalige Bürgerrechtler und spätere SPD-Politik Richard Schröder, ist sich mit sich sich selbst nicht ganz einig: Einerseits wehrt er sich auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ dagegen, dass die AfD vor allem ein ostdeutsches Phänomen sei, andererseits erkennt er die Tendenz von recht großen Teilen der dortigen Bevölkerung zum Rechtsextremismus durchaus an. Einerseits findet er dass Deutschland, und schon gar die Neuen Länder überhaupt kein Problem mit dem Islam haben, andererseits sei etwas dran an der Kritik mangelnder Integration der muslimischem Bevölkerung: "Deutschland ist aufgrund der Überalterung seiner Bevölkerung und des daraus resultierenden Fachkräftemangels auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen. Auf diesen Bedarf ist die Politik aber nicht eingestellt. De facto kann seit Jahrzehnten jeder bleiben, der es bis nach Deutschland geschafft hat, auch nach abgelehntem Asylantrag."
Es ist nicht immer alles easypeacy mit anderen Kulturen, warnt Ayaan Hirsi Ali in der Welt. So ist keine Gesellschaft frei von Gewalt, erklärt sie, aber in Europa ist Gewalt zumindest gesellschaftlich nicht akzeptiert, auch nicht in der Kindererziehung. Ganz anders sah es aus in den islamischen Ländern, in denen sie vor ihrer Emigration nach Europa gelebt hatte: Somalia, Äthiopien, Kenia und Saudi-Arabien. "Meine frühesten Kindheitserinnerungen haben mit Bestrafungen zu tun: Ich wurde versohlt oder mit einem Stock oder einem Gürtel geschlagen, und zwar nicht aufgrund eines gewalttätigen Verhaltens meinerseits, sondern weil ich ungehorsam war oder schlechte Schulnoten nach Hause brachte. Als meine Schwester Haweya dreizehn Jahre alt war, widersprach sie unserer Mutter und wurde daraufhin mit einem Messer beworfen. ... In der Schule war es vollkommen normal, dass unsere Lehrer uns schlugen, selbst für kleine Vergehen wie Kaugummi-Kauen oder Reden im Unterricht. Wir wurden auch bestraft, wenn wir das, was uns gelehrt wurde, infrage stellten oder Hilfe brauchten, um es zu verstehen. Als ich vierzehn war, stellte ich meinem Koran-Lehrer eine Frage, die er für respektlos hielt. Als er mich bestrafte, brach er mir den Schädel."
Schwierig ist auch das Verhältnis der Deutschen zur russischen Kultur, das "immer schon auf einem inneren Widerspruch beruhte", meint Victor Jerofejew in der NZZ und erzählt eine Anekdote: "Ein russischer Soldat kippte fröhlich reinen Alkohol in sich hinein, ein deutscher Veterinär, der meinte, es sei Wodka, trank das Zeug und starb. Will heißen: Der Russe besiegt den Deutschen in Sachen Draufgängertum. Genau das ist für den Russen der wichtigste Sieg. So erstaunlich es sein mag, aber das ist bis heute aktuell: Die Heldentaten des russischen Recken, der zu allem bereit ist - das ist die Grundlage des russischen Geistes. Und solch einen Geist findet das rationale, besonnene Europa abstoßend. Es vermag in jenem Obskurantismus, bei dem unter Gleichgesinnten selbst noch der Tod schön ist, keinen Fortschritt der Menschheit zu erkennen. Und wann, wenn nicht jetzt, da die russische Welt einen gnadenlosen Krieg gegen die Ukraine und damit auch gegen den Westen führt, sollte man über das Paradoxon der russisch-deutschen Beziehungen sprechen, die historisch immer schon auf einem inneren Widerspruch beruhten? Die deutsche Welt steht für Ordnung und Multipolarität, die russische Welt dagegen für Unordnung in alternativloser Autokratie. Doch es existiert ein Raum, der dem Rationalen übergeordnet ist und in dem es Berührungspunkte zwischen Deutschen und Russen gibt."
(Via Deskrussie) Eine ganze Reihe ukrainischer Intellektueller, darunter Juri Andruchowytsch, wendet sich in einem Aufruf gegen die Idee, dass Russland in einem schnellen Frieden mit der Übertretung einiger ukrainischer Gebiete zufrieden zu stellen wäre: "Wir möchten betonen, dass der Erwerb zusätzlicher Gebiete nicht das Hauptziel Russlands in diesem Krieg ist. Es verfügt bereits über riesige unerschlossene Gebiete, und wenn es ein neues Land erobert, wird dieses Land systematisch vernachlässigt. Es geht auch nicht nur darum, die Ukraine wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Dies ist nur eines der Zwischenziele. Russlands oberstes Ziel ist es, die geltende Weltordnung zu durchbrechen. Es will seinen Status als Supermacht zurückgewinnen, die willkürlich handelt und mit dem Recht des Stärkeren Nachbarn angreift, sich in die Angelegenheiten anderer Länder einmischt, Terroranschläge verübt, autoritäre Regime und illegal bewaffnete Gruppen in der ganzen Welt unterstützt."
Einen bisher doch recht unbekannten Aspekt des Ukraine-Kriegs und seiner Folgen für den Rest Europas beleuchtet Julian Staib in der FAZ: "Infolge des russischen Angriffskriegs ist der Gaspreis massiv gestiegen. Norwegen hat als wohl einziges Land in Europa massiv von den Kriegsfolgen profitiert. Der Wert des Fonds, in den Norwegen seine Gewinne zum Wohle künftiger Generationen steckt, stieg rasant an. Zuletzt erreichte er den Rekordwert von 20.000 Milliarden Kronen. Das sind rund 1.685 Milliarden Euro. Norwegens Hilfe für die Ukraine aber ist vergleichsweise gering. Zudem soll nach dem Willen Oslos nun auch noch die Zahl der Flüchtlinge aus der Ukraine, die ins Land kommen, deutlich reduziert werden."
Dafür ist aber auch die Linke in Norwegen kerngesund und steht stramm wie ein Mann gegen Israel und die winzige jüdische Gemeinde des Landes, berichten Elke Wittich und Jan Süselbeck im Feuilleton der FAZ. "Stimmt etwa die These der dänischen Historikerin Sofie Lene Bak, dass Norwegen ein tief verwurzeltes antisemitisches Erbe habe? Anlässlich des jüdischen Kulturfestivals in Trondheim fand dazu am 8. September 2024 unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in der Synagoge eine Diskussion zwischen dem Vorsitzenden der dortigen jüdischen Gemeinde, John Arne Moen, und dem Journalisten Harald Stanghelle statt. Stanghelle, der seit den Siebzigerjahren als Redakteur arbeitet, berichtete, dass auch in Norwegen seit dem 7. Oktober 2023 ein Anstieg antisemitischer Übergriffe zu konstatieren sei. Antisemitische Haltungen offen zu verbalisieren sei zudem in manchen Kreisen zur Normalität geworden."
Das Ganze ist "nicht nur irgendein Fall von Elitenversagen", meint Zeit-Redakteur Jochen Bittner in einem längeren Tweet: "Es ist der größte rassistische Skandal im Großbritannien des 21. Jahrhunderts, der als solcher bis heute weder begriffen noch ausreichend aufgearbeitet wurde. Er steht für das Versagen einer Einwanderungsgesellschaft, angemessen mit kulturellen Clashs und unbequemen Wahrheiten umzugehen." Ohne nochmal näher auf den Skandal einzugehen schildert Peter Walker im Guardian ein Zerwürfnis zwischen Musk und dem britischen Rechtspopulisten Nigel Farage.
In Österreich ist der Damm gebrochen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen wird den FPÖ-Chef Herbert Kickl wahrscheinlich heute bitten, eine Regierung zu bilden. Die FPÖ ist mit fast 30 Prozent der Wählerstimmen stärkste Fraktion im österreichischen Parlament geworden. Die demokratischen Parteien haben es trotz langer Verhandlungen nicht geschafft, eine Koalition gegen die FPÖ zu errichten. Florian Bayer macht in der taz die Corona-Politik der verblichenen schwarz-grünen Regierung für die Erfolge der FPÖ verantwortlich: "Vor allem die beschlossene, am Ende nie umgesetzte Impfpflicht trieb die Wähler in Scharen zur FPÖ. Ihre erratische Politik hat die schwarz-grüne Regierung nie vollständig aufgearbeitet. Ebenso wenig hat die ÖVP einen klaren Schnitt gemacht, als etwa die Skandale rund um von der Regierung bezahlte Inserate unter Sebastian Kurz aufkamen. Viel Vertrauen in Medien und Politik wurde verspielt. Die FPÖ holt die Enttäuschten ab, setzt auf Alternativmedien, wettert gegen das 'System'." Hier Bayers Bericht.
Der ehemalige Bürgerrechtler und spätere SPD-Politik Richard Schröder, ist sich mit sich sich selbst nicht ganz einig: Einerseits wehrt er sich auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ dagegen, dass die AfD vor allem ein ostdeutsches Phänomen sei, andererseits erkennt er die Tendenz von recht großen Teilen der dortigen Bevölkerung zum Rechtsextremismus durchaus an. Einerseits findet er dass Deutschland, und schon gar die Neuen Länder überhaupt kein Problem mit dem Islam haben, andererseits sei etwas dran an der Kritik mangelnder Integration der muslimischem Bevölkerung: "Deutschland ist aufgrund der Überalterung seiner Bevölkerung und des daraus resultierenden Fachkräftemangels auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen. Auf diesen Bedarf ist die Politik aber nicht eingestellt. De facto kann seit Jahrzehnten jeder bleiben, der es bis nach Deutschland geschafft hat, auch nach abgelehntem Asylantrag."
Es ist nicht immer alles easypeacy mit anderen Kulturen, warnt Ayaan Hirsi Ali in der Welt. So ist keine Gesellschaft frei von Gewalt, erklärt sie, aber in Europa ist Gewalt zumindest gesellschaftlich nicht akzeptiert, auch nicht in der Kindererziehung. Ganz anders sah es aus in den islamischen Ländern, in denen sie vor ihrer Emigration nach Europa gelebt hatte: Somalia, Äthiopien, Kenia und Saudi-Arabien. "Meine frühesten Kindheitserinnerungen haben mit Bestrafungen zu tun: Ich wurde versohlt oder mit einem Stock oder einem Gürtel geschlagen, und zwar nicht aufgrund eines gewalttätigen Verhaltens meinerseits, sondern weil ich ungehorsam war oder schlechte Schulnoten nach Hause brachte. Als meine Schwester Haweya dreizehn Jahre alt war, widersprach sie unserer Mutter und wurde daraufhin mit einem Messer beworfen. ... In der Schule war es vollkommen normal, dass unsere Lehrer uns schlugen, selbst für kleine Vergehen wie Kaugummi-Kauen oder Reden im Unterricht. Wir wurden auch bestraft, wenn wir das, was uns gelehrt wurde, infrage stellten oder Hilfe brauchten, um es zu verstehen. Als ich vierzehn war, stellte ich meinem Koran-Lehrer eine Frage, die er für respektlos hielt. Als er mich bestrafte, brach er mir den Schädel."
Schwierig ist auch das Verhältnis der Deutschen zur russischen Kultur, das "immer schon auf einem inneren Widerspruch beruhte", meint Victor Jerofejew in der NZZ und erzählt eine Anekdote: "Ein russischer Soldat kippte fröhlich reinen Alkohol in sich hinein, ein deutscher Veterinär, der meinte, es sei Wodka, trank das Zeug und starb. Will heißen: Der Russe besiegt den Deutschen in Sachen Draufgängertum. Genau das ist für den Russen der wichtigste Sieg. So erstaunlich es sein mag, aber das ist bis heute aktuell: Die Heldentaten des russischen Recken, der zu allem bereit ist - das ist die Grundlage des russischen Geistes. Und solch einen Geist findet das rationale, besonnene Europa abstoßend. Es vermag in jenem Obskurantismus, bei dem unter Gleichgesinnten selbst noch der Tod schön ist, keinen Fortschritt der Menschheit zu erkennen. Und wann, wenn nicht jetzt, da die russische Welt einen gnadenlosen Krieg gegen die Ukraine und damit auch gegen den Westen führt, sollte man über das Paradoxon der russisch-deutschen Beziehungen sprechen, die historisch immer schon auf einem inneren Widerspruch beruhten? Die deutsche Welt steht für Ordnung und Multipolarität, die russische Welt dagegen für Unordnung in alternativloser Autokratie. Doch es existiert ein Raum, der dem Rationalen übergeordnet ist und in dem es Berührungspunkte zwischen Deutschen und Russen gibt."
(Via Deskrussie) Eine ganze Reihe ukrainischer Intellektueller, darunter Juri Andruchowytsch, wendet sich in einem Aufruf gegen die Idee, dass Russland in einem schnellen Frieden mit der Übertretung einiger ukrainischer Gebiete zufrieden zu stellen wäre: "Wir möchten betonen, dass der Erwerb zusätzlicher Gebiete nicht das Hauptziel Russlands in diesem Krieg ist. Es verfügt bereits über riesige unerschlossene Gebiete, und wenn es ein neues Land erobert, wird dieses Land systematisch vernachlässigt. Es geht auch nicht nur darum, die Ukraine wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Dies ist nur eines der Zwischenziele. Russlands oberstes Ziel ist es, die geltende Weltordnung zu durchbrechen. Es will seinen Status als Supermacht zurückgewinnen, die willkürlich handelt und mit dem Recht des Stärkeren Nachbarn angreift, sich in die Angelegenheiten anderer Länder einmischt, Terroranschläge verübt, autoritäre Regime und illegal bewaffnete Gruppen in der ganzen Welt unterstützt."
Einen bisher doch recht unbekannten Aspekt des Ukraine-Kriegs und seiner Folgen für den Rest Europas beleuchtet Julian Staib in der FAZ: "Infolge des russischen Angriffskriegs ist der Gaspreis massiv gestiegen. Norwegen hat als wohl einziges Land in Europa massiv von den Kriegsfolgen profitiert. Der Wert des Fonds, in den Norwegen seine Gewinne zum Wohle künftiger Generationen steckt, stieg rasant an. Zuletzt erreichte er den Rekordwert von 20.000 Milliarden Kronen. Das sind rund 1.685 Milliarden Euro. Norwegens Hilfe für die Ukraine aber ist vergleichsweise gering. Zudem soll nach dem Willen Oslos nun auch noch die Zahl der Flüchtlinge aus der Ukraine, die ins Land kommen, deutlich reduziert werden."
Dafür ist aber auch die Linke in Norwegen kerngesund und steht stramm wie ein Mann gegen Israel und die winzige jüdische Gemeinde des Landes, berichten Elke Wittich und Jan Süselbeck im Feuilleton der FAZ. "Stimmt etwa die These der dänischen Historikerin Sofie Lene Bak, dass Norwegen ein tief verwurzeltes antisemitisches Erbe habe? Anlässlich des jüdischen Kulturfestivals in Trondheim fand dazu am 8. September 2024 unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in der Synagoge eine Diskussion zwischen dem Vorsitzenden der dortigen jüdischen Gemeinde, John Arne Moen, und dem Journalisten Harald Stanghelle statt. Stanghelle, der seit den Siebzigerjahren als Redakteur arbeitet, berichtete, dass auch in Norwegen seit dem 7. Oktober 2023 ein Anstieg antisemitischer Übergriffe zu konstatieren sei. Antisemitische Haltungen offen zu verbalisieren sei zudem in manchen Kreisen zur Normalität geworden."
Religion
Der Soziologe Stefan Kühl, selbst mit der Evangelischen Kirche verbunden, plädiert in der taz für eine Abschaffung des Religionsunterrichts an deutschen Schulen, der in Deutschland bisher von den Kirchen organisiert, aber vom Staat üppig bezahlt wird (es gibt an den Unis mehr als doppelt so viel Theologen als Philosophen). Gebracht hat der verfassungsrechtlich verankerte Status aber nichts: "Die Frage ist, ob sich die Kirchen mit dem verpflichtenden Religionsunterricht einen Gefallen tun. Es müsste untersucht werden, ob jemals ein Schulkind durch einen in ein 45-Minuten-Korsett gezwängten Pflichtunterricht mit anschließender Leistungsbenotung zu Gott gefunden hat."
Medien
Der Journalist Thilo Mischke wird nun doch nicht Moderator der ARD-Sendung "Titel Thesen Temperamente", meldete als erste die SZ. Der Moderator war wegen sexistischer Positionen umstritten, am Ende zirkulierte gar ein von Dutzenden Autorinnen und Autoren unterzeichneter Aufruf (unser Resümee). Mitunterzeichnerin Sophie Sumburane erklärt in der taz, warum sie trotz ihres Erfolgs nicht zufrieden ist: "Es ist ein trauriges Armutszeugnis und irgendwie auch ein Beleg für einen gesellschaftlichen Backlash. Auch, wie die ARD kommunizierte (quasi gar nicht), wie die Entscheidung für Mischke als Moderator einzusetzen vollkommen intransparent blieb und wir uns nun wundern und fragen können, welche Seilschaft ihn in diese Position gezogen haben könnte."
Auf Zeit online ist Laura Hertreiter zwar einerseits froh, dass Mischke nicht moderieren wird, aber wie die Entscheidung jetzt gegen ihn zustande kam, findet sie genauso unangenehm wie die für ihn: "Man muss das schon wirklich wollen, jemanden als Moderator einer Kultursendung zu verpflichten, der sich ohne jedes Fachwissen und ohne die Bereitschaft, sich welches anzueignen, über den männlichen Hang zu Vergewaltigungen und angebliche weibliche Gendefekte auslässt. Und genau deshalb muss es ja Gründe gegeben haben für die ursprüngliche Entscheidung der ARD. Die hätte man hervorragend mit der Community und darüber hinaus diskutieren können. Womöglich hat Mischke bei seinem Casting so überzeugt vor der Kamera, dass man bereit war, seine Ausfälle zu kompensieren oder gar nachzuschulen? ... Die Verantwortlichen bei der ARD haben ihn erst auf nicht nachvollziehbare Weise besetzt und nun ohne einen Hauch von Selbstkritik und Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen, fallen gelassen. Will man mit so jemandem arbeiten?"
Auf Zeit online ist Laura Hertreiter zwar einerseits froh, dass Mischke nicht moderieren wird, aber wie die Entscheidung jetzt gegen ihn zustande kam, findet sie genauso unangenehm wie die für ihn: "Man muss das schon wirklich wollen, jemanden als Moderator einer Kultursendung zu verpflichten, der sich ohne jedes Fachwissen und ohne die Bereitschaft, sich welches anzueignen, über den männlichen Hang zu Vergewaltigungen und angebliche weibliche Gendefekte auslässt. Und genau deshalb muss es ja Gründe gegeben haben für die ursprüngliche Entscheidung der ARD. Die hätte man hervorragend mit der Community und darüber hinaus diskutieren können. Womöglich hat Mischke bei seinem Casting so überzeugt vor der Kamera, dass man bereit war, seine Ausfälle zu kompensieren oder gar nachzuschulen? ... Die Verantwortlichen bei der ARD haben ihn erst auf nicht nachvollziehbare Weise besetzt und nun ohne einen Hauch von Selbstkritik und Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen, fallen gelassen. Will man mit so jemandem arbeiten?"
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