9punkt - Die Debattenrundschau
Byzantinisch verwinkelte Einrichtung
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2024. Russland stuft westliche Organisationen wie die "Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde" wegen einer Nummer der Zeitschrift Osteuropa als "extremistisch" ein - die FAZ zeigt auf, welche Folgen das hat, bis hin zu gehackten E-Mails. Der Falter beleuchtet die Abgeordneten der FPÖ, die demnächst ins österreichische Parlament einziehen, ein Sammelsurium, das Karl Kraus grimmige Freude gemacht hätte. Auf Twitter zirkuliert ein Video, in dem Ta-Nehisi Coates sein Verständnis für die Gewalt der Hamas bekundet.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
11.10.2024
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Europa
Die "Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde" (DGO), die unter anderem die renommierte Zeitschrit Osteuropa herausbringt, ist von Russland als "extremistisch" eingestuft worden (unser Resümee). Nun stellt sich heraus, dass die E-Mails der vom Auswärtigen Amt finanzierten DGO gehackt worden sind - höchstwahrscheinlich von Russland. So zeigt sich, dass die russische Einstufung als "extremistisch" reale Folgen für Organisationen auch im Westen hat, meint Niklas Zimmermann in der FAZ: "Die Folgen der Einstufungen gehen weit über Cyberangriffe hinaus. Forscher nähmen nicht mehr an Kongressen teil, weil sie Familie in Russland hätten und diese nicht in Gefahr bringen wollten, sagt DGO-Sprecher Sebastian Lambertz der FAZ. Manche hegten auch Befürchtungen, dass mit Russland befreundete Staaten, etwa in Zentralasien, russischen Auslieferungsgesuchen nachkommen könnten. Die DGO rät - im Einklang mit Reisewarnungen des Auswärtigen Amts - grundsätzlich von Reisen nach Russland ab." In der Zeitschrift Osteuropa findet sich ein Gespäch mit dem Osteuropahistoriker Johannes Rohr zum Thema. Für großen Ärger bei den Russen sorgte offenbar eine Nummer der Zeitschrift über "Die Völker Russlands".Der Krieg gegen die Ukraine kostet viele Opfer, auch auf russischer Seite. Fehlenden Nachschub an Freiwilligen muss die russische Armee jedoch nicht fürchten, schreibt Sonja Margolina in der NZZ. Der für russische Verhältnisse üppige Sold und die hohe Verschuldung vieler Menschen sorgen dafür. "Das Töten von Menschen und die Möglichkeit des eigenen Tods hält die 1983 in Leningrad geborene Journalistin und Dichterin Xenia Bukscha in ihrem Aufsatz 'Ökonomie der Verzweiflung' in der Nowaja Gaseta für eine durchaus rationale ökonomische Wahl. ... Vor diesem Hintergrund ist auch die selbst im Vergleich mit armen Entwicklungsländern ungewöhnlich niedrige Lebenserwartung der russischen Männer zu erklären. Im Jahre 2022 verloren 70 000 ihr Leben an Wodka, Drogen und Selbstmord. Glaubt man den offiziellen Zahlen der russischen Opferzahlen in der Ukraine, dann scheint der Krieg weniger verlustreich zu sein als der Frieden, in dem die in die sozialökonomische Sackgasse geratenen Männer mittleren Alters an Verzweiflung sterben."
Drei ostdeutsche Ministerpräsdenten, die sich bei BSW-Führerin Sahra Wagenknecht einschmeicheln wollen, haben neulich in der FAZ gefordert, dass Deutschland diplomatische Friedensinitiativen gegenüber Russland ergreift (unser Resümee). Solche Initiativen stehen aus der Sicht des Kremls für Schwäche, meint der Russland-Korrespondent der FAZ Friedrich Schmidt: "Moskau wertet sie als Indiz dafür, dass die Unterstützung für Kiew schwindet. Aus politischen Entwicklungen wie den jüngsten Wahlerfolgen von AfD und BSW und dem Sieg der FPÖ in Österreich leitet man ab, dass 'die ukrainische Lobby in Europa schwächer wird', so die Staatsnachrichtenagentur Ria. 'Die herrschenden Eliten müssen auf die Stimmungen der Wählerschaft Rücksicht nehmen und ihre Außenpolitik korrigieren. Sonst erhält die Opposition die Macht.'" Dass Putin sich auf irgendwelche Gespräche enlässt hält Schmidt für äußerst unwahrscheinlich: "Putin wirkte selbst zu Zeiten, in denen es schlechter für seine Invasoren lief, nicht, als ob er einen Ausweg suche."
Als Sensation wurde ein TV-Duell der beiden populistischen Politikerinnen Sahra Wagenknecht und Alice Weidel gehandelt, das vom Fernsehsender der Welt organisiert wurde. Paul Ingendaay hat es sich für die FAZ angesehen: "Die Positionen beider sind ja sattsam bekannt, ein Papagei hätte die Aufgabe übernehmen können. ... Wenig überraschend, fabelten beide Politikerinnen wieder von einem 'Verhandlungsfrieden' im Ukrainekonflikt, als müsse man nur 'miteinander reden', und übertrugen das Modell auf die 'Zweistaatenlösung' in Nahost. Reden ist immer gut. Die Empathie mit Israel hielt sich in engen Grenzen." Ein unheimlichen Aspekt spricht Ingendaay nur ein passant an: "Dieses Duell, es war auch ein Werben der einen populistischen Partei um die andere." In der SZ bewundert Susan Vahabzadeh die Souveränität Wagenknechts verglichen mit Weidel.
Der Wiener Falter schaltet einen Artikel frei, in dem Nina Horaczek die kommenden Abgeordneten der FPÖ im Wiener Parlament vorstellt - ein Gruselkabinett aus Burschenschaftlern, Querdenkerinnen und fundamentalistischen Hayek-Fans, an dem Karl Kraus seine grimmige Freude hätte. Ein Beispiel: "Früher sah man sie in 'Bingo' und 'Millionenrad' im ORF. Seit 2021 tritt Marie Christine Giuliani-Sterrer, 59, für die FPÖ auf Youtube auf. Zu den Freiheitlichen habe sie die Corona-Pandemie gebracht, verriet die Moderatorin und Psychotherapeutin vor einigen Jahren dem Kurier. Die FPÖ-Sendungen, die sie auf Youtube stellt, tragen Titel wie 'Fit und agil - bis zur Coronaimpfung', 'Impfopfer werden ausgelacht' oder 'Gewalt durch Migration'. In ihrer FPÖ-Serie 'Freisprech TV' wird behauptet, die Covid-Schutzimpfung würde einen schnell wachsenden Gehirntumor auslösen."
Gesellschaft
In der Welt erzählt Mirna Funk, wie sie sich und ihre kleine Tochter in Tel Aviv im Keller vor den iranischen Raketen in Sicherheit brachte, während draußen noch die palästinensischen Attentäter herumliefen, die sieben Menschen umbrachten, und darüber nachdachte, ob das Leben in Berlin nicht einfacher wäre. Wäre es wohl nicht: "Ich weiß nicht, ob irgendjemand - außer die Juden in der Diaspora - verstehen können, was seit einem Jahr in uns vorgeht. Wie schwer es ist, nicht zu wissen, wohin man soll und wo man eigentlich sicher ist. Denn sicher ist es nicht, in einer Stadt zu leben, in der Tausende tagtäglich seit einem Jahr 'Intifada, Intifada' brüllen dürfen, ohne dass jemand einschreitet. Denn Intifada ist das, was nur wenige Minuten vor dem Raketenangriff, wenige Meter von meiner Wohnung entfernt, passiert war. Intifada ist sieben Menschen in einer Tram und an einer Haltestelle zu erschießen und zwölf zu verwunden."
Ideen
Ganz feierlich wird der amerikanische Intellektuelle Ta-Nehisi Coates, der gerade ein anti-israelisches Buch veröffentlicht hat (unser Resümee), in einem Gespräch mit zwei ergriffenen Gesprächspartnern (einer von ihnen ist der südafrikanische Komiker Trevor Noah). Wäre er in dem "Freiluftgefängnis" Gaza aufgewachsen, dann könne er nicht für sich garantieren, sagt er: Man stelle sich vor, "ich wachse unter dieser Unterdrückung und dieser Armut auf und die Mauer bricht ein. Bin ich auch stark genug oder sogar so gebaut, dass ich sage, das geht zu weit? Ich weiß nicht, ob ich das bin." Hier das Video.
Hier der Link zum ganzen Gespräch. Es handelt sich offenbar um ein Podcast von Trevor Noah mit dem titel "What Now".
Ta-Nehisi Coates suggests he's not above taking part in an October 7-style attack:
- Nicholas Fondacaro (@NickFondacaro) October 10, 2024
"And I grow up under that oppression and that poverty and the wall comes down. Am I also strong enough or even constructed in such a way where I say this is too far, I don't know that I am." pic.twitter.com/KTXALjCyM2
Hier der Link zum ganzen Gespräch. Es handelt sich offenbar um ein Podcast von Trevor Noah mit dem titel "What Now".
Kulturpolitik
Nach jahrelangem Hin und Her haben sich alle beteiligten Seiten auf ein neues Verfahren für die Rückgabe von Raubkunst an die Nachfahren jüdischer Besitzer geeinigt, berichtet unter anderem Klaus Hillenbrand in der taz: "Kernpunkt der Reform ist die Einrichtung eines Schiedsgerichts, das künftig darüber entscheidet, ob ein im Besitz der öffentlichen Hand befindliches Kunstwerk den Nachfahren zurückgegeben wird. Dieses Gremium löst die bisherige Beratende Kommission ab. Diese litt unter dem Geburtsfehler, dass sie nur dann tätig werden konnte, wenn alle Beteiligten dem Verfahren zustimmten. Es war also möglich, dass eine öffentliche Einrichtung wie ein Museum mit der Behauptung, das betreffende Kunstwerk sei kein NS-Raubgut, dafür sorgte, dass eine Untersuchung dieser Frage nicht stattfand." "Das ist ein gewaltiger Fortschritt bei der Restitution von durch das NS-Regime gestohlenes Eigentum", freut sich Hillenbrand in einem Kommentar zum Thema.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat den Zwischenstand ihrer Strukturreform vorgestellt, berichtet ein maximal unenthusiastischer Boris Pofalla in der Welt. Bisschen was tut sich, aber Mann, geht das langsam: "Von der Konzernstruktur zur beweglichen Holding. Globalhaushalt statt Kameralistik. 'SmartFuture', mehr Sponsoring. Wenn man mit den vielen Folien der Präsentation in die Strukturen des SPK-Komplexes eintaucht, wird einem erst klar, was für eine byzantinisch verwinkelte Einrichtung da über die Jahrzehnte herangewachsen ist. Was nach 1945 die Kunstschätze Preußens auffangen und über die deutsche Teilung hinweg bewahren sollte, ist von einem Provisorium zu einer beamtenhaften Großstruktur geworden, in der Dienstreisen von Institutsleitern nach dem Prinzip 'first come, first serve' am Jahresanfang auf Vorrat beantragt werden, weil sie kein festes Budget dafür haben. Das wird nun anders."
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat den Zwischenstand ihrer Strukturreform vorgestellt, berichtet ein maximal unenthusiastischer Boris Pofalla in der Welt. Bisschen was tut sich, aber Mann, geht das langsam: "Von der Konzernstruktur zur beweglichen Holding. Globalhaushalt statt Kameralistik. 'SmartFuture', mehr Sponsoring. Wenn man mit den vielen Folien der Präsentation in die Strukturen des SPK-Komplexes eintaucht, wird einem erst klar, was für eine byzantinisch verwinkelte Einrichtung da über die Jahrzehnte herangewachsen ist. Was nach 1945 die Kunstschätze Preußens auffangen und über die deutsche Teilung hinweg bewahren sollte, ist von einem Provisorium zu einer beamtenhaften Großstruktur geworden, in der Dienstreisen von Institutsleitern nach dem Prinzip 'first come, first serve' am Jahresanfang auf Vorrat beantragt werden, weil sie kein festes Budget dafür haben. Das wird nun anders."
Medien
Maria Ossowski kritisiert in der Jüdischen Allgemeinen die Israel-Berichterstattung vieler deutscher Medien. Als einen Champion der Täter-Oper-Umkehr identifiziert sie Spiegel online. Schlimmer aber fast ist für sie die Schlagseite der öffentlichen-rechtlichen Nachrichtensendungen und besonders der "Tagesschau"-Redaktion. Zwar sei es eine schöne Geste gewesen, dass die "Tagesthemen" zum Jahrestag der Hamas-Pogrome aus Israel gesendet wurden. Danach aber folgte eine Dokumentation, in der mal wieder vor allem Israel übel dasteht: "Subtext der Doku über den 7. Oktober: Die Israelis sind Täter, nicht Opfer. Und Netanjahu ist schuld, dass die Geiseln nicht nach Hause kommen. Damit bewegt sich diese Dokumentation im Mainstream der Wahrnehmungen einer zunehmend israelfeindlichen Gesellschaft. Sie ist nur ein Beispiel von vielen. 'Israel droht mit Selbstverteidigung', diese Focus-Schlagzeile bringt alle Doppelzüngigkeit in der Nahost-Berichterstattung auf den Punkt. Es grenzt an Desinformation - bewusste oder unbewusste."
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