Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.10.2024. Auch heute dominiert noch der Jahrestag der Hamas-Pogrome in den Medien. Es gibt viel Kritik an der israelischen Regierung, auch aus der Sicht der Geiselangehörigen. Netanjahu hat den "ganzen Staat als Geisel" genommen, schreibt in der Welt Zeruya Shalev. In der FAZ schildert Orna von Fürstenberg die Ausgrenzung jüdischer Wissenschaftler an den Universitäten. Auch die Suhrkamp-Krise beschäftigt die Zeitungen weiter.
Felix Wellisch schildert für die taz die schreckliche Situation der Geiselangehörigen, die alles auf einen Deal mit jenen setzen müssen, die ihre Kinder umgebracht haben oder nicht zögern würden, es zu tun: "Spätestens seit Anfang September Soldaten die Leichen von sechs nur Stunden zuvor erschossenen Geiseln in Gaza fanden, ist ein Großteil der Geiselangehörigen zu Regierungsgegnern geworden. Die Kritiker werfen der Regierung vor, ihre Verantwortung für den 7. Oktober herunterzuspielen. Die Geheimdienste und die Armee hatten die Hamas unterschätzt, die Regierung das Land über ein Jahr lang mit Plänen zur Schwächung des Obersten Gerichts politisch und gesellschaftlich gespalten." Auch innerhalb Israels, so Wellisch, haben die Angehörigen nicht den Rückhalt aller, denn viele befürworten den Krieg gegen Hamas und Hisbollah.
Netanjahu hat den "ganzen Staat als Geisel" genommen, schreibt in der Welt auch die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev in einem Brief aus dem Luftschutzkeller: "Nicht nur das Sicherheitsgefühl ist hier im letzten Jahr erschüttert worden, sondern auch der grundsätzliche Glaube daran, dass der Staat zum Besten seiner Bürger wirkt und ihrem Wohl verpflichtet ist. Der Vertrag zwischen Bürgern und Staat ist durch die Regierung Netanjahu brutal gebrochen worden, ebenso wie die üblichen Regeln staatlichen Handelns in bisher ungekannter Art verletzt wurden. Das geschieht, wenn ein Regierungschef den Staat dem schlimmsten Unglück seiner Existenz preisgibt und Verantwortung grundsätzlich nur bei Erfolgen übernimmt, wenn die Regierung sich um nichts anderes als um das eigene Fortbestehen kümmert, das Gesetz missachtet, den Wert menschlichen Lebens missachtet, elementare Werte des Zusammenhalts und der Heiligkeit des Lebens öffentlich mit Füßen tritt, wenn die Regierung wieder und wieder ein Abkommen zur Befreiung der Geiseln und für eine Feuerpause in Gaza vermeidet. So müssen sich die Opfer häuslicher Gewalt fühlen - entsetzt und verwundet und in grundsätzlicher Weise verraten."
Auch die in Israel lebende, deutsche Jüdin Sarah Levy schreibt auf Zeit Online: Das israelische Volk sei zur "Geisel" der "radikalen Kräfte" im Land geworden. Nicht nur die Hoffnung auf Befreiung der Geiseln sterbe, sondern "auch die Hoffnung, dass es irgendjemanden in unserer politischen Führung gibt, der uns aus diesem Teufelskreis der Angst und des Sterbens herausführen kann - und vor allem will". "Diese Regierung ist ein Hindernis auf jedem Weg zu Frieden und Verständigung", sagt auch der Historiker Moshe Zimmermann, der im Zeit Online-Gespräch Interventionen der USA und Deutschlands fordert, Israel von weiteren "Vergeltungsschlägen" abzuhalten: "Die Vereinten Nationen hätten sich mehr um Frieden bemühen müssen. Die UN melden sich nur, wenn es um die Flüchtlinge und um die Lage in Gaza und im Libanon seit Kriegsbeginn geht. Sonst bleibt sie nur bei Friedensrhetorik, mehr nicht."
"Israel kämpft ... für die gesamte freie Welt", meint hingegen im TagesspiegelMelody Sucharewicz, israelische Kommunikationsberaterin und ehemalige außenpolitische Beraterin von Benny Gantz, der bis zum Juni Netanjahus Kriegskabinett angehörte: "Israel… liquidiert den Schlächter, der Zehntausende Raketen auf Israel feuerte. ... Die Gefahren, die Israel jetzt mit dem Blut seiner Soldaten, der Brillanz seiner Sicherheitsapparate und der unfassbaren Resilienz seiner Heimatfront bekämpft, sind die Gefahren, die an Deutschlands und Europas Pforte klopfen."
Die DDR wurde vor 75 Jahren gegründet und kollabierte vor 35 Jahren. Als Untote kehrte sie in den jüngsten Wahlergebnissen wieder, notiert Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne. "Dass das Pendel antidemokratischer Affekte heute hauptsächlich nach rechtsaußen ausschlägt, ist nicht überraschend, wenn man bedenkt: Weit davon entfernt, ein 'antifaschistischer' Staat zu sein, konservierte die DDR in hohem Maße mentale Strukturen des Nationalsozialismus. Die SED-Ideologie schob die Verantwortung für die NS-Barbarei auf den 'Kapitalismus' und damit auf 'den Westen' ab und sprach 'die Werktätigen' pauschal von Schuld daran frei. Eine wahrhaftige Aufarbeitung der katastrophalen deutschen Vergangenheit fand so in der DDR nie statt."
In der Welt rechnet die Kulturwissenschaftlerin Monika Albrecht mit den postkolonialen Studien ab: Der gegenwärtige linke Antisemitismus sei bereits in der Theorie angelegt, meint sie, etwa mit Blick auf Edward Saids "Orientalismus", das auf der Idee basiere, dass "nur 'der' Westen sich seine 'Anderen'" schaffe - "analoge Konstruktionen des Westens durch Gesellschaften 'des' Globalen Südens oder Ostens gibt es im postkolonialen Denken bis heute nicht." Auch Thomas Kleine-Brockhoff, neuer Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, teilt im Tagesspiegel aus gegen den Postkolonialismus: Der globale Süden sei "selbst voll von Doppelstandards", schmiede aber "den Vorwurf der Doppelstandards zu einer Waffe gegen den Westen …, um seine eigenen Interessen durchzusetzen", meint er: "Wenn Israel auf der Jagd nach Terroristen, Geiselnehmern und genozidalen Milizionären auch palästinensische Zivilisten tötet, und zwar unbestritten viel zu viele, dann ist der Aufschrei aus dem globalen Süden groß. Aber wo war denn der Aufschrei desselben globalen Südens, als Baschar al Assad in Syrien seine muslimischen Landsleute massenhaft abschlachtete?"
Gibt es einen Verlag der in den letzten Jahren mehr Preise abgeräumt hat als Suhrkamp, fragt Marie Schmidt in der SZ. Nur wiegt das Investitionen leider nicht auf, ergänzt sie: "Dafür, dass ein Buch in Stapeln in großen Buchhandlungen liegt oder online empfohlen wird, bezahlen Verlage viel Geld. Und fast nur so lassen sich heute hohe Verkaufszahlen erzielen, eine Garantie ist eine gute Platzierung aber keineswegs. Literaturpreise bewirken im Vergleich bei den Verkaufszahlen leider fast nichts. Vor diesen Werbungskosten liegt noch die Herstellung bei gestiegenen Papierpreisen und der Vertrieb - genaue Summen und Strategien sind Betriebsgeheimnisse der Branche, die gehütet werden wie die Coca-Cola-Rezeptur. Man kann aber davon ausgehen, dass Verlage selbst in das Buch einer bekannten Stimme einen kleinen Millionenbetrag investieren, wenn sie der den Weg in die Bestsellerliste ebnen wollen. … Oft zahlt sich die Investition sogar bei prominenten Titeln nicht aus. Dieses Risiko tragen Häuser leichter, die Konzerne im Rücken haben."
"Debatten begannen, wenn Bücher aus dem Suhrkamp-Verlag sie ausriefen", erinnert Paul Jandl in der NZZ: "Über Jahrzehnte war man im Besitz einer Diskurshoheit, wie es sie heute nicht mehr gibt. Das brachte Ansehen und zugleich auch Geld. Das Ansehen von einst allerdings nur noch zu verwalten, kostet Geld. Und das ist die heutige Lage bei Suhrkamp. In den besten Zeiten trug die Backlist die Hälfte des Geschäfts, heute ist dieser Wert bei Suhrkamp unter 15 Prozent gesunken. Wo einst die Werke Hermann Hesses Dutzende neue Bücher finanzierten und Millionen einbrachten, tun sich heute Löcher in der Querfinanzierung auf. Der neue Hermann Hesse heißt Paulo Coelho und erscheint bei der Konkurrenz Diogenes. Ein Glückstreffer war die Entdeckung von Annie Ernaux für den deutschsprachigen Raum. Anderes blieb volatil."
Der Buchmarktexperte Rüdiger Wischenbartnimmt in seinem Blog die Suhrkamp-Krise zum Anlass für einen Rundumblick über eine radikal gewandelte Branche. Die vom Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar neulich behauptete Gesundheit des traditionellen Modells (unser Resümee) will er so nicht bestätigen: "In den meisten publizierten Branchen-Statistiken wird mit Stolz herausgestrichen, wie 'resilient' - also stabil und robust - das Geschäft mit Büchern sei. Dabei werden Umsatzzahlen aufgeführt, die einigermaßen stabil sind. Dies gilt jedoch nur, solange man die Auswirkungen von Inflation ignoriert. Zwischen 2019 - dem Jahr vor der Covid-19-Pandemie - und 2023 errechnet sich so ein Umsatz-Plus des Buchmarktes von 1,6 Prozent. Im gleichen Zeitraum aber gab es eine in dieser Rechnung nicht berücksichtigte Inflation um 16,9 Prozent. Real betrachtet ist der Buchmarkt in Deutschland also ganz erheblich geschrumpft."
Berlin sendet ein Zeichen in die Welt, dass wir an der Seite Israels stehen; dass wir mit den Familien der Geiseln hoffen; dass Menschlichkeit und Mitgefühl immer stärker sein werden als der Hass. Berlin ist die Stadt der Freiheit. #BringThemHomeNowpic.twitter.com/O5SVjc482P
In der SZ wirft Jan Heidtmann dem Berliner Senat im Allgemeinen und Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner im Besonderen vor, die Solidarität mit Israel seit dem 7. Oktober über alle anderen Bedürfnisse zu stellen. Er erinnert: "In der Stadt leben nicht nur 30.000 Menschen jüdischen Glaubens, sondern auch an die 180.000 aus unterschiedlichen Ländern des Nahen Ostens. Über 40.000 von ihnen sind Palästinenser. Durch Verwandte und Freunde im Gazastreifen oder in Libanon erleben sie jeden Tag mit, was auf den 7. Oktober folgte: der Tod Tausender unschuldiger Kinder und die Vertreibung Hunderttausender. Sie beanspruchen mit demselben Recht wie Berlins Juden, dass ihr Schmerz und ihre Trauer gehört wird. Wie so viele Krisen in der Welt, ist auch diese in der Hauptstadt angekommen - in ihrer ganzen Komplexität."
Ihrer Trauer gaben junge Demonstranten palästinensischer und anderer Herkunft - übrigens in huldvoller Anwesenheit von Greta Thunberg - zum Jahrestag in Neukölln mit Böllern und Flaschenwürfen auf die Polizei Ausdruck:
Thomas Thiel unterhält sich in der FAZ mit Orna von Fürstenberg vom Netzwerk jüdischer Hochschullehrender über die neue Unsicherheit auf dem Campus. Sie spricht vor allem auch die nicht so greifbaren Effekte der neuen Stimmung an den Unis an: "Ein großes Thema sind Ausladungen oder das Ausbleiben von Einladungen, die man sonst immer bekommen hat. Es kommt vor, dass Redner zu jüdischen Themen gebeten werden, die Universität durch die Hintertür zu betreten, damit es zu keiner Konfrontation mit Aktivisten kommt. Manche Kollegen sind auf Onlinelehre umgestiegen, um Anfeindungen und Konfrontationen zu vermeiden. Juden werden so aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt, und manche meinen, das Problem sei damit gelöst. Wir haben gemerkt, dass sich eine Linie verschoben hat und ein Bruch durch die Universitäten geht."
In Frankreich hatte die neue Bildungsministerin Anne Genetet für den 7. Oktober eine "Zeit der Besinnung und des Nachdenkens" an den Schulen angekündigt. Aber das Projekt wurde schnell kassiert, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ: "Kurz nach dem Interview korrigierte das Kabinett der Bildungsministerin die Darstellung. Das Gedenken zum 7. Oktober an den Schulen finde nicht statt. Genetet habe sich geirrt, hieß es. Es werde am 14. Oktober eine Schweigeminute an allen Schulen für die von Islamisten ermordeten Lehrer Samuel Paty und Dominique Bernard geben." Gleichzeitig hat übrigens der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon alle Studenten aufgerufen, vom 8. Oktober an Palästinenserfahnen in allen Universitäten aufzuhängen.
Zu den erschreckendsten Erkenntnissen aus dem 7. Oktober gehört für Salonkolumnist Bernd Rheinberg die Tatsache, dass sich "wie auf Knopfdruck im Westen eine Kampagne gegen Israel initiieren lässt. Da gab es einen in drei Wellen generalstabsmäßig geplanten und durchgeführten Angriff, ein Massaker mit über Tausend Ermordeten, eine Geiselnahme von 250 Menschen und eine abscheuliche propagandistische Übertragung dieser Gräueltaten in die Weltmedien - und es bedarf nicht der geringsten Anstrengung oder Zeitverzögerung, Israelfeinde in den freien westlichen Gesellschaften wie ein großes Fremdenbataillon aus nützlichen Idioten und fanatischen Sympathisanten als vierte Welle zu mobilisieren und das mit einer klar definierten Aufgabe: Fortsetzen des Kriegs gegen Israel durch Stimmungsmache, Desinformation, Propaganda, Gewalt, Sympathiekundgebungen für die Hamas."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Unis beweisen ja auch heute, dass sich Professoren und Studenten gern den neuesten ideologischen Niedrigkeiten hingeben. Besonders begeistert taten sie das auch zur Nazizeit, wie der Historiker Michael Grüttner in seinem Buch "Talar und Hakenkreuz" darlegt. Im Gespräch mit Harff-Peter Schönherr von der taz macht er eine "massive Überfüllungskrise in den akademischen Berufen" mitverantworlich für die Liebe zu den Nazis: "Viele Studierende und Nachwuchswissenschaftler hatten Zukunftspanik und wandten sich dem Nationalsozialismus auch deshalb zu, weil sie hofften, dass sich ihre Karrierechancen im Dritten Reich verbessern würden. Der NS-Studentenbund war bereits 1931/32 die stärkste Kraft unter den Studierenden." Auf die Frage, was ihn bei seiner Recherche am meisten beeindruckt hat, antwortet Grüttner: "Die Gnadenlosigkeit, mit der Studierende und junge Nachwuchswissenschaftler 1933/34 gegen Professoren gehetzt haben, weil sie Juden waren oder Kritik geäußert hatten."
Es wird in diesen Tagen viel über die mögliche Schließung des angeblichen Kultursenders 3satgeklagt. Aber wie sieht so ein Tag bei 3sat eigentlich aus? Stefan Niggemeier von den Übermedien hat schon am Samstag mal nachgeguckt: "Der Tag bei 3sat hat heute mit drei Sendungen über 'die gefährlichsten Schulwege der Welt' begonnen: in Bolivien, in Peru und in Kolumbien, Dokumentationen aus den Jahren 2013 und 2019. Es folgten zwei Folgen der Reihe 'unterwegs' über den Norden und den Süden Argentiniens aus dem Jahr 2012. Je nachdem, wann Sie diese Mail lesen, können Sie noch drei 'Terra X'-Sendungen über die 'Söhne der Sonne' (die Maya, die Inka, die Azteken) aus dem Jahr 2020 sehen, eine weitere 'Terra X'-Sendung 'Sieben Kontinente - Ein Planet: Südamerika' aus dem Jahr 2019, drei Filme über den 'Mythos Amazonas' von 2011, zwei Filme über 'Kolumbien - das entfesselte Paradies' von 2021 und je drei Filme über das 'Wilde Patagonien' (2016) und das 'Wilde Brasilien' (2014), bevor der Sendetag mit zwei Dokumentationen über Galápagos von 2017 endet." In der taz denkt Ann-Kathrin Leclère über die Zukunft von 3sat nach.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Magdalena Schrefel: Das Blaue vom Himmel Was, wenn es die Möglichkeit gäbe, die Erde abzukühlen, der Himmel dadurch aber nie wieder blau wäre? Hannah arbeitet an einer Ausstellung mit, die dieses Blau bewahren soll,…
Bodo Kirchhoff: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt Seit fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Dann geht er weg, nach Indien. Sie reist ihm nach, besorgt und wütend. Er: Viktor Goll, genannt Vigo, Leiter einer Denkfabrik für…
Katja Diehl, Mario Sixtus: Picknick auf der Autobahn Mit zehn Schwarzweiß-Abbildungen. Wie werden die Menschen in Deutschland in Zukunft autofrei und klimafreundlich unterwegs sein? Dieses Buch bietet Antworten und ist somit…
Katharina Zweig: Weiß die KI, dass sie nichts weiß? Schon bald sollen wir alle lästigen Aufgaben von intelligenten Chatbots wie ChatGPT und Co. in Form von KI-Agentensystemen erledigen lassen können. Doch wie genau funktionieren…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier