9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Grab ins Eis

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2024. Die taz blickt skeptisch auf die neue Regierung der BNP in Bangladesch, die schon einmal regiert und dabei Hunderte Oppositionelle hat verschwinden und ermorden lassen. In Nepal sieht es auch nicht besser aus, meint die NZZ mit Blick auf den neuen alten Premier, einen prochinesischen Marxisten. In Zeit und VAN hofft Tatiana Kolesnikowa auf einen Gefangenenaustausch zugunsten belarussischer Oppositioneller. Der Tagesspiegel fragt, wie originalgetreu genau die Potsdamer Garnisonkirche aufgebaut werden soll - mit preußischem Militärdekor am Turm oder nicht? Die FAZ stellt die Litauerin Irena Saulutė vor, die den Terror der Sowjets in Sibirien überlebte. In der Berliner Zeitung hat Dramaturg Thomas Oberender einen Plan für das Berliner ICC.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2024 finden Sie hier

Politik

In Bangladesch hat die Oppositionspartei BNP erfolgreich die autokratisch regierende Premierministerin Sheikh Hasina und ihre Awami-Liga abgelöst, aber ist das wirklich Anlass zur Freude, fragt sich in der taz Lalon Sander. "In den Tagen nach dem Regierungssturz gab es zahlreiche Berichte von Gewalt - einerseits gegen die religiöse Minderheit der Hindus, vor allem aber gegen Mitglieder der Regierungspartei. ... Viele Bangladescher befürchten nun, vom Regen in die Traufe gelangt zu sein. Während die BNP in den vergangenen Jahren machtlos war, erinnern sich viele nun an deren letzte Amtszeit vor der Hasina-Ära: Schon damals wurden der Grundstein für den autoritären Staat gelegt, der dann von der Awami-Liga perfektioniert wurden. Außergerichtliche Tötungen waren schon damals an der Tagesordnung, das Verschwindenlassen von Oppositionellen ebenfalls. Unter der BNP wurde einst die paramilitärische Truppe RAB gegründet, die für außergerichtliche Ermordungen und für das Verschwindenlassen Hunderter Oppositionellen verantwortlich gemacht wird. Die große Frage ist nun: Was wird sich verändern? Und wie?"

Nicht nur der Sturz der autokratischen Regierung in Bangladesch hat die Instabilität der südasiatischen Region gezeigt, meint der indische Publizist Brahma Chellaney in der NZZ. Die meisten Regierungen in der Region seien wenig gefestigt. "Die Schwierigkeit, politische Stabilität zu erhalten und die Demokratisierung voranzutreiben, zeigt sich auch in Nepal - einem Land, zu dem Indien enge kulturelle und historische Beziehungen unterhält. Vergangenen Monat wurde dort die 14. Regierung in nur 16 Jahren vereidigt. Geführt wird sie von dem viermaligen Premierminister K. P. Sharma Oli von der prochinesischen Marxistisch-Leninistischen Partei. Oli, der in den siebziger und achtziger Jahren jahrelang im Gefängnis saß, weil er einen Krieg gegen den Staat geführt hatte, ist Nepals fünfter Regierungschef innerhalb von fünf Jahren, nachdem er einen anderen ehemaligen kommunistischen Guerillero, Pushpa Kamal Dahal, abgelöst hat."
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Stichwörter: Bangladesch, Nepal

Europa

Wenige Wochen ist es her, dass russische Oppositionelle bei einem Gefangenenaustausch freikamen (unsere Resümees). Belarussische Oppositionelle waren nicht dabei, die westliche Welt sollte sich aber um sie bemühen, sagt die belarussische Oppositionelle Tatiana Kolesnikowa, Schwester der inhaftierten Querflötistin Maria Kolesnikowa, zu Alice Bota in der Zeit. "Beim Gefangenenaustausch zwischen Russland und dem Westen wurde ausgehandelt, wie hoch der Wert eines Menschenlebens ist, und die Antwort lautete: mehr als das rechtsstaatliche Urteil gegen einen Mörder, den Putin zurückhaben wollte - und schließlich bekam. Darauf beruft sich nun Kolesnikowas Schwester: Wer einmal nachgegeben hat, könnte es auch ein zweites Mal tun, um Menschen zu retten. Hat der Austausch zwischen Russland und dem Westen nicht gezeigt, dass sich der Kampf um jedes Leben lohnt?"

Im VAN-Interview mit Merle Krafeld geht Tatiana Kolesnikowa noch weiter auf die Haftbedingungen ihrer Schwester ein, die sich nun in Isolationshafts befindet, Kontakt zur Außenwelt ist ihr untersagt. "Sie wollen größeren Druck auf sie ausüben, um sie psychisch zu brechen. Vielleicht wollen sie sie glauben machen, dass sie im Jahr 2020 einen Fehler gemacht haben, und sie wollen ihnen weiß machen, dass sie mittlerweile vergessen sind. Wir wissen, dass einigen Gefangenen in den Strafkolonien immer wieder gesagt wird: 'Du wurdest vergessen, niemand wartet draußen auf dich, man braucht dich nicht mehr.' Und ich glaube, das gilt auch für Maria und die anderen, die in Isolationshaft sind. Aber es ist auch ein Signal an die westlichen Länder, sich zu engagieren und vielleicht Verhandlungen aufzunehmen für die Freilassung der politischen Gefangenen, um die westlichen Länder wissen zu lassen: 'Wenn sie nicht von euch gerettet werden, werden diese Menschen wahrscheinlich sterben.'"

Im ukrainischen Kamjanka steht ein Museum, das Alexander Puschkin und Peter Tschaikowski gewidmet ist. Durch den russischen Angriffskrieg ist das Erbe beider Künstler heftig umstritten und die ukrainische Regierung hat angeordnet, die Puschkin-Statue aus dem Park vor dem Museum zu entfernen, berichtet Ivo Mijnssen in der NZZ. "Bei Tschaikowsky wirkt die 70-jährige Direktorin Halina Taran hingegen etwas ratlos. Sie, die das Museum seit 1999 leitet, ist keine Revolutionärin und wohl auch keine glühende Nationalistin. 'Wir sollten Tschaikowsky nicht dem Feind überlassen', sagt sie. Das heißt, dass sie ihn neu deutet, gewissermaßen als Proto-Ukrainer. 'Sein Urgroßvater hatte Kosaken-Wurzeln, aber er wusste das nicht', führt sie aus. (...) Die Bereitschaft, Tschaikowski entweder zu verstoßen oder als ukrainischen Künstler komplett neu zu erfinden, fehlt. Die Energie, dies neben dem Verteidigungskrieg zu tun, ist schlicht nicht da. Dazu kommt, dass die Position des Kulturministers in Kiew seit über einem Jahr unbesetzt ist. Weil dort wenig entschieden wird, steht auch die Puschkin-Statue weiterhin an ihrem Ort."

Warum wählen im Osten Deutschlands etwa doppelt so viele Menschen die AfD wie im Westen? Es liegt nicht daran, dass sie die Demokratie nicht schätzen, meinen der Religions- und Kultursoziologie Detlef Pollack und die Autorin Susanne Schädlich in der FAZ mit Blick auf eine Studie der Universität Münster, die Pollack gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern erstellt hat: "In dieser Studie kommen wir zu dem Ergebnis, dass ein Dreiersyndrom aus Abwehr des Fremden, wahrgenommener Nichtanerkennung und Misstrauen gegenüber Institutionen entscheidend für die Ausbildung rechtspopulistischer Neigungen ist. Menschen, die in Deutschland und anderen europäischen Ländern rechtspopulistische Parteien wählen, haben das Gefühl, die Politik greife auf ihre gewohnte Lebenswelt über. Sie mute ihnen zu, Zuwanderung und die damit verbundene wachsende kulturelle und ethnische Diversität willkommen zu heißen, und erwarte von ihnen, sie sollten Migranten mit ihren Steuerzahlungen finanziell unterstützen, neue Geschlechterverhältnisse und alternative Lebensstile akzeptieren und ihren Stolz auf das eigene Land bezähmen. Zugleich sehen sie sich in einer inferioren Position und erleben sich als benachteiligt, als nicht anerkannt und nicht beachtet."

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine aktuelle, von der FAZ in Auftrag gegebene Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, über die Thomas Petersen in der FAZ berichtet: Die Ostdeutschen befürworten mehrheitlich durchaus die Demokratie, heißt es auch dort, doch die Umsetzung wird stärker kritisiert. Es entstehe dass "Gefühl, immer mehr bevormundet zu werden. ... Meistens, so der Eindruck, wird das, was sie selbst im Alltag tun, als falsch, wenn nicht gar moralisch verwerflich gebrandmarkt. Bei den Bürgern kommt die Botschaft an: 'Du hast die falschen politischen Ziele, du fährst das falsche Auto, du isst das Falsche, du bist ein unmoralischer Mensch.' Dieses Gefühl ist heute auch in Westdeutschland weitverbreitet, doch in Ostdeutschland ist dies noch stärker der Fall." Denn es rührt dort an einen empfindlichen Punkt: "Natürlich wissen die meisten Ostdeutschen sehr gut, dass die Bundesrepublik keine Diktatur ist. Doch sie haben genug Erfahrungen mit einem Staat gemacht, der ihnen bis ins Privatleben hinein vorschreiben wollte, was sie zu denken und wie sie sich zu verhalten hätten, um zu wissen, dass sie das nie wieder haben wollen."

Jessica Ramczik hat für die taz mehrere Veranstaltung des PEN in Ostdeutschland besucht, wo für die Meinungsfreiheit geworben werden sollte. "Der Gesprächsbedarf ist auch in Dresden groß. Als Moderatorin Lydia Jakobi die Ergebnisse der Allensbach-Studie 2021 anspricht, wonach nur noch 65 Prozent der Befragten glaubten, dass man seine Meinung in Deutschland frei sagen könne, sieht man nickende Köpfe. Es sei nicht so sehr die Beschränkung der Meinungsfreiheit, die bedenklich sei, so Jakobi, vielmehr fehle eine Diskussionskultur. Einer der Zuschauer, laut Handmeldung Compact-Leser, sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland deutlich bedroht. Grundlage für diese Annahme sind die 750 Anzeigen wegen sogenannter Hassnachrichten, die das Habeck-Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und sein Abgeordnetenbüro gestellt hätten. Der Redebeitrag erntet Widerspruch. Es entspinnt sich eine Debatte über die Grenzen des Sagbaren. Dennoch: Am Ende scheint das Publikum sich selbst mit einer Teilnehmerin der Dresdner Corona-Spaziergänge darauf einigen zu können, dass es mehr Zuhören im Diskurs brauche. Über die Ausformung ist man sich jedoch uneinig."

Außerdem: In Wien wurde das Grabmal Sigmund Freuds geschändet, berichtet in der FAZ Kira Kramer, die sich fragt, ob die Ablehnung von Judentum und Psychoanalyse "strukturanalog" ist.
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Gesellschaft

Zwei Ereignisse in jüngster Zeit haben gegen alle Erwartung die Strahlkraft liberaler Ideen gezeigt: die von Kamala Harris erzeugte Aufbruchstimmung und die Olympischen Spiele in Paris, konstatiert Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne. Nun drohen wieder die Mühen der Ebene. In Paris ist das politische Chaos nicht zu Ende, und "auch die Begeisterung für Kamala Harris könnte sich schon bald abkühlen - in dem Maße nämlich, wie sich die Kandidatin an den von ihr vertretenen konkreten Inhalten messen lassen muss. Dabei zeichnet sich bereits ab, dass sie dem erstarkenden linken - und namentlich antiisraelischen - Flügel in der Demokratischen Partei Konzessionen macht und damit die politische Mitte verprellen könnte. Einstweilen jedenfalls bleibt der Kampf um die Präsidentschaft auch mit der Kandidatin Harris ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen."
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Stichwörter: Harris, Kamala

Kulturpolitik

Heute wird der wiederaufgebaute Turm der Garnisonkirche eröffnet - mit einer Rede von Frank-Walter Steinmeier. Sollte die Kirche originalgetreu, also mit Militärdekor, wiederaufgebaut werden und an die preußischen Kriegsgräuel erinnern, fragt Nikolaus Bernau im Tagesspiegel. "Die Hauptfrage in Potsdam ist nun: Wird man sich getrauen, auch die Militär- und damit Gewaltgeschichte der Stadt mit all ihren Folgen sichtbar zu erinnern, nicht nur in einer Ausstellung? Dazu müsste auch das gewalttätige Dekor des Turms wieder angebracht werden - was nicht nur die Gegner, sondern auch viele Befürworter ablehnen. Doch spätestens der brutale Krieg Russlands gegen die demokratische Ukraine hat gezeigt: Die Frage der Gewalt muss unterscheiden zwischen Recht und Unrecht, Angriff und Verteidigung. Gewalt ist nicht wertfrei. So absurd es klingt: Ohne das Militärdekor, das für das fürchterliche Preußen-Deutschland stand, wäre dieser Nachbau kaum mehr als ein nur touristischer Aussichtsturm, eine nur scheinbar unpolitische Bereicherung der Silhouette von Potsdam. Man müsste dann der Stadt und den Betreibern vorwerfen: Ihr versucht hier, die deutsche Gewaltgeschichte ästhetisierend zu verschleiern. Aber das klappt aller Erfahrung nach nie."

Potsdam bewirbt den Turm mit Claims wie "der beste Ausblick auf Vergangenheit und Zukunft" oder "das Wow-Wahrzeichen", notiert Jürgen Kaube amüsiert im Leitartikel der FAZ. Die Sorge, "mit dem Kirchturm sei die Heraufkunft eines Neupreußentums zu befürchten", greife "pathetisch ins Leere", meint er: "Schon bei der Befüllung des rekonstruierten Berliner Stadtschlosses hatte die Politik sich für völkerkundliche Objekte entschieden - und damit weitgehend gegen Preußen."

In der Berliner Zeitung gibt sich der Dramaturg Thomas Oberender im Gespräch mit Ulrich Seidler skeptisch, was die Zukunft des ICC in Berlin angeht, vor allem weil das Geld nicht reicht und noch keine Investoren gefunden wurden. Ein zweites Centre Pompidou wird es jedenfalls nicht. "Es ist schön und mutig, das Nutzungskonzept für das ICC mit dem Anspruch auf ein neues Centre Pompidou zu verbinden. Zugleich ist auch klar, dass Berlin nicht die Absicht und erst recht nicht das Geld hat, das ICC aus eigener Hand zu betreiben. Diese Kombination sei, so Oberender, sehr herausfordernd und berge Risiken in sich. (...) Das Land Berlin und der Bund sollten ein vitales Interesse daran haben, sich nicht völlig aus der kulturellen Nutzung des Gebäudes zurückzuziehen. Und schon schüttelt Oberender noch einen weiteren Vorschlag aus dem Ärmel: 'Immer wieder gibt es Sorge um die zukünftigen Mietverträge der Berlinale. Warum sie nicht zum Ankermieter des ICC machen, das ein ideales Festivalzentrum wäre? Wer sich ein Centre Pompidou wünscht, sollte auch etwas darin leisten.'"
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Geschichte

In der FAZ stellt Stefan Locke die Litauerin Irena Saulutė vor, die, heute 96 Jahre alt, 1941 als Zwölfjährige mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Jakutien, im Osten Sibiriens, deportiert worden war. Heute führt sie Besucher durch ein Freilichtmuseum bei Kaunas, um an den Überfall der Sowjets auf die baltischen Staaten zu erinnern. "Ein Drittel der ans Lena-Delta Deportierten überlebte den ersten Winter nicht, sagt Saulutė. Auch ihre Mutter starb an Unterernährung und Skorbut, sie wurde 44 Jahre alt. In einer Nacht schaffte sie es gemeinsam mit ihrem Bruder, ein Grab ins Eis zu schlagen und die Mutter zu beerdigen. ... Fast sechs Jahre blieb Saulutė in der Arktis, dann gelang es ihr, in die 1700 Kilometer südlich gelegene Großstadt Jakutsk zu entkommen und von dort 'über tausend Zufälle', wie sie sagt, wieder nach Litauen. Dort blieb sie als Spross einer 'nicht erwünschten' Familie nicht unentdeckt, der NKWD nahm sie abermals fest und brachte sie zurück nach Sibirien, wo auch ihr Bruder noch lebte. 'Der Terror gegen die Balten war in der Nachkriegszeit unbeschreiblich', sagt Historiker Bubnys. Zwischen dem Sommer 1944, als die Rote Armee das Baltikum zurückerobert hatte, und Stalins Tod 1953 wurden allein in Litauen 150.000 Menschen aus politischen Gründen verhaftet und 130.000 deportiert. Von ihnen starben bis zu 25.000 in Lagern und Gefängnissen, 28.000 kamen in der Verbannung ums Leben."
Archiv: Geschichte