Intervention
Ein euphorischer Moment
Von Richard Herzinger
21.08.2024. Zwei Ereignisse in jüngster Zeit haben gegen alle Erwartung die Strahlkraft liberaler Ideen gezeigt: die von Kamala Harris erzeugte Aufbruchstimmung, die plötzlich Donald Trump als den obsoleten Greis dastehen lässt, und die Olympischen Spiele in Paris. Von diesen Hoffnungen beschwingt, sollten Demokratien allerdings nicht vergessen, dass sie von Feinden, auch inneren, umstellt sind.Zwei Ereignisse haben dem zuletzt stark geschwächten Liberalismus unverhofft neuen Auftrieb gegeben. Die Kandidatur von Kamala Harris für die US-Präsidentschaft, mit dem populären Gouverneur Tim Walz als ihrem designierten Vize, hat die US-Demokraten aus einer tiefen depressiven Erstarrung geweckt. Statt dem amtierenden, zunehmend greisenhaft wirkenden Präsidenten Joe Biden tritt nun eine Politikerin an, die - obwohl selbst bereits fast 60 Jahre alt - eine geradezu jugendlich anmutende Aufbruchsstimmung verbreitet.
Bidens Gebrechlichkeit hatte eine beklemmende Symbolik vermittelt: Sie passte ins Propagandabild rechtspopulistischer Demagogen, nach dem die Epoche der liberalen Demokratie an ihr Ende gekommen sei. Jetzt aber sieht plötzlich Donald Trump buchstäblich alt aus und wirkt wie ein Wiedergänger aus der Vergangenheit, während Harris die Modernität und Zukunftsfähigkeit der USA in ihrer ganzen ethnischen, kulturellen und lebensweltlichen Vielfalt zu verkörpern scheint.
Zeitgleich zu dieser dramatischen Wendung im US-Wahlkampf haben die Olympischen Spiele in Paris auf beeindruckende Weise die ungebrochene Vitalität und Kreativität offener, pluralistischer Gesellschaften in Szene gesetzt. Die spektakuläre Eröffnungsfeier offerierte eine zentrale Botschaft: Diversität ist keine Bedrohung für die kulturelle Identität, sondern Motor des kulturellen Reichtums freier Nationen.
Mit der Idee, die Sportwettbewerbe in die Stadt zu verlegen, statt sie an abgesonderten Orten zu veranstalten, haben die Veranstalter den demokratischen, integrativen Impetus der olympischen Idee betont. So bot Paris 2024 nicht weniger als eine universalistische Utopie in Gestalt eines Gesamtkunstwerks und ließ damit die liberale Idee in neuem Glanz erstrahlen.
Dem hatten die Feinde des Liberalismus nichts entgegenzusetzen als kleingeistig-verbissene Schmähkampagnen. So erhob sich eine Welle des Protests gegen eine Inszenierung bei der Eröffnungsfeier, in der angeblich das letzte Abendmahl Jesu und damit das Christentum insgesamt von "queeren" Darstellern verhöhnt worden sei. Rechtsgerichtete Netzwerke, mit Ungarns Ministerpräsident Orban und dem Kreml-Regime als Wortführer, schürten die Empörung über die vermeintliche Blasphemie und denunzierten die Pariser Spiele als Beweis dafür, dass sich die westlichen Gesellschaften endgültig von den Grundwerten des "Abendlandes" verabschiedet hätten.
In Wahrheit aber stand bei dem inkriminierten Tableau gar nicht das Abendmahl im Mittelpunkt, sondern die stilisierte Darstellung eines antiken dionysischen Festes. Indem die selbsternannten Verteidiger der "Werte des Abendlandes" dies nicht erkannten, präsentierten sie sich nicht nur als banausische Spaßverderber, sondern offenbarten auch ihr Unwissen über das komplexe kulturelle Erbe, auf dem die europäischen Werte beruhen.
Doch so inspirierend die in Paris mit ästhetischer Opulenz präsentierte Vision einer "One World" für die Verfechter der liberalen Weltordnung sein mag - sie ließ für einen euphorischen Moment auch die Gefahren verschwinden, die den offenen Gesellschaften von außen wie von innen her erwächst. So reihten sich in die Huldigung der vermeintlich völkerverbindenden und friedensstiftenden Kraft des Sports auch autoritäre und totalitäre Staaten ein, die in Wahrheit für das genaue Gegenteil stehen. Sport betrachten sie wie alle andere Funktionen des öffentlichen Lebens als Instrument zur Ausweitung ihres globalen Einflusses. Ist der Zauber von Olympia 2024 verflogen, wird wieder deutlich: auch der Sport ein Kampffeld der epochalen Auseinandersetzung zwischen Autokratie und Demokratie.
Und auch die Begeisterung für Kamala Harris könnte sich schon bald abkühlen - in dem Maße nämlich, wie sich die Kandidatin an den von ihr vertretenen konkreten Inhalten messen lassen muss. Dabei zeichnet sich bereits ab, dass sie dem erstarkenden linken - und namentlich antiisraelischen - Flügel in der Demokratischen Partei Konzessionen macht und damit die politische Mitte verprellen könnte. Einstweilen jedenfalls bleibt der Kampf um die Präsidentschaft auch mit der Kandidatin Harris ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen.
Die jüngsten Hoffnungszeichen für den Liberalismus sollten somit nicht zu euphorischen Erwartungen verführen, sondern vielmehr zu kritischer Selbstreflexion ermutigen. Dazu gehört, sich dem Problem der Verwundbarkeit der liberalen Idee zu stellen, die in ihren immanenten Dilemmata begründet liegt.
Garantiert der Liberalismus doch auch jenen Freiheitsrechte, die diese nur dazu benutzen, um die liberale Ordnung zu zerstören. So erleben wir, wie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit in vielleicht nie gekanntem Ausmaß für die Desinformationsoperationen autoritärer Mächte missbraucht wird. Gegen diese Offensive sind die demokratischen Gesellschaften strukturell schlecht gewappnet. Denn sie haben keine zuverlässigen Kriterien für die Unterscheidung zwischen freier Meinungsäußerung und gesteuerter Bewusstseinsmanipulation entwickelt, die als Waffe gegen die freiheitliche Ordnung eingesetzt wird.
Dasselbe gilt für die Unterminierung des Rechtsstaats unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit und der "kulturellen Identität". Antidemokratische Ideologien wie der Islamismus berufen sich auf diese Prinzipien, wenn sie ihre partikularen "Werte" über das universalen Recht stellen. Nicht zuletzt befeuert durch "postkoloniale" Theorien, pervertieren diese Kräfte das Toleranzgebot der offenen Gesellschaften, indem sie damit die Einschüchterung der demokratischen "Mehrheitsgesellschaft" rechtfertigen.
Weder kulturelle Weltoffenheit noch multiethnische Diversität sind per se Garanten für eine prosperierende Zukunft. Der Liberalismus wird nur überleben, wenn er sich gegenüber den Feinden der Freiheit jeglicher Couleur als wehrhaft erweist. Das bedeutet: militärische Abwehrbereitschaft und aktive Solidarität mit den Demokratien und demokratischen Bewegungen weltweit nach Außen, sowie strenge und konsequente Durchsetzung von Recht und Gesetz nach Innen - gleichgültig, ob die Rechtsstaatlichkeit unter reaktionären oder "progressiven" Vorzeichen ausgehebelt werden soll.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
Bidens Gebrechlichkeit hatte eine beklemmende Symbolik vermittelt: Sie passte ins Propagandabild rechtspopulistischer Demagogen, nach dem die Epoche der liberalen Demokratie an ihr Ende gekommen sei. Jetzt aber sieht plötzlich Donald Trump buchstäblich alt aus und wirkt wie ein Wiedergänger aus der Vergangenheit, während Harris die Modernität und Zukunftsfähigkeit der USA in ihrer ganzen ethnischen, kulturellen und lebensweltlichen Vielfalt zu verkörpern scheint.
Zeitgleich zu dieser dramatischen Wendung im US-Wahlkampf haben die Olympischen Spiele in Paris auf beeindruckende Weise die ungebrochene Vitalität und Kreativität offener, pluralistischer Gesellschaften in Szene gesetzt. Die spektakuläre Eröffnungsfeier offerierte eine zentrale Botschaft: Diversität ist keine Bedrohung für die kulturelle Identität, sondern Motor des kulturellen Reichtums freier Nationen.
Mit der Idee, die Sportwettbewerbe in die Stadt zu verlegen, statt sie an abgesonderten Orten zu veranstalten, haben die Veranstalter den demokratischen, integrativen Impetus der olympischen Idee betont. So bot Paris 2024 nicht weniger als eine universalistische Utopie in Gestalt eines Gesamtkunstwerks und ließ damit die liberale Idee in neuem Glanz erstrahlen.
Dem hatten die Feinde des Liberalismus nichts entgegenzusetzen als kleingeistig-verbissene Schmähkampagnen. So erhob sich eine Welle des Protests gegen eine Inszenierung bei der Eröffnungsfeier, in der angeblich das letzte Abendmahl Jesu und damit das Christentum insgesamt von "queeren" Darstellern verhöhnt worden sei. Rechtsgerichtete Netzwerke, mit Ungarns Ministerpräsident Orban und dem Kreml-Regime als Wortführer, schürten die Empörung über die vermeintliche Blasphemie und denunzierten die Pariser Spiele als Beweis dafür, dass sich die westlichen Gesellschaften endgültig von den Grundwerten des "Abendlandes" verabschiedet hätten.
In Wahrheit aber stand bei dem inkriminierten Tableau gar nicht das Abendmahl im Mittelpunkt, sondern die stilisierte Darstellung eines antiken dionysischen Festes. Indem die selbsternannten Verteidiger der "Werte des Abendlandes" dies nicht erkannten, präsentierten sie sich nicht nur als banausische Spaßverderber, sondern offenbarten auch ihr Unwissen über das komplexe kulturelle Erbe, auf dem die europäischen Werte beruhen.
Doch so inspirierend die in Paris mit ästhetischer Opulenz präsentierte Vision einer "One World" für die Verfechter der liberalen Weltordnung sein mag - sie ließ für einen euphorischen Moment auch die Gefahren verschwinden, die den offenen Gesellschaften von außen wie von innen her erwächst. So reihten sich in die Huldigung der vermeintlich völkerverbindenden und friedensstiftenden Kraft des Sports auch autoritäre und totalitäre Staaten ein, die in Wahrheit für das genaue Gegenteil stehen. Sport betrachten sie wie alle andere Funktionen des öffentlichen Lebens als Instrument zur Ausweitung ihres globalen Einflusses. Ist der Zauber von Olympia 2024 verflogen, wird wieder deutlich: auch der Sport ein Kampffeld der epochalen Auseinandersetzung zwischen Autokratie und Demokratie.
Und auch die Begeisterung für Kamala Harris könnte sich schon bald abkühlen - in dem Maße nämlich, wie sich die Kandidatin an den von ihr vertretenen konkreten Inhalten messen lassen muss. Dabei zeichnet sich bereits ab, dass sie dem erstarkenden linken - und namentlich antiisraelischen - Flügel in der Demokratischen Partei Konzessionen macht und damit die politische Mitte verprellen könnte. Einstweilen jedenfalls bleibt der Kampf um die Präsidentschaft auch mit der Kandidatin Harris ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen.
Die jüngsten Hoffnungszeichen für den Liberalismus sollten somit nicht zu euphorischen Erwartungen verführen, sondern vielmehr zu kritischer Selbstreflexion ermutigen. Dazu gehört, sich dem Problem der Verwundbarkeit der liberalen Idee zu stellen, die in ihren immanenten Dilemmata begründet liegt.
Garantiert der Liberalismus doch auch jenen Freiheitsrechte, die diese nur dazu benutzen, um die liberale Ordnung zu zerstören. So erleben wir, wie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit in vielleicht nie gekanntem Ausmaß für die Desinformationsoperationen autoritärer Mächte missbraucht wird. Gegen diese Offensive sind die demokratischen Gesellschaften strukturell schlecht gewappnet. Denn sie haben keine zuverlässigen Kriterien für die Unterscheidung zwischen freier Meinungsäußerung und gesteuerter Bewusstseinsmanipulation entwickelt, die als Waffe gegen die freiheitliche Ordnung eingesetzt wird.
Dasselbe gilt für die Unterminierung des Rechtsstaats unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit und der "kulturellen Identität". Antidemokratische Ideologien wie der Islamismus berufen sich auf diese Prinzipien, wenn sie ihre partikularen "Werte" über das universalen Recht stellen. Nicht zuletzt befeuert durch "postkoloniale" Theorien, pervertieren diese Kräfte das Toleranzgebot der offenen Gesellschaften, indem sie damit die Einschüchterung der demokratischen "Mehrheitsgesellschaft" rechtfertigen.
Weder kulturelle Weltoffenheit noch multiethnische Diversität sind per se Garanten für eine prosperierende Zukunft. Der Liberalismus wird nur überleben, wenn er sich gegenüber den Feinden der Freiheit jeglicher Couleur als wehrhaft erweist. Das bedeutet: militärische Abwehrbereitschaft und aktive Solidarität mit den Demokratien und demokratischen Bewegungen weltweit nach Außen, sowie strenge und konsequente Durchsetzung von Recht und Gesetz nach Innen - gleichgültig, ob die Rechtsstaatlichkeit unter reaktionären oder "progressiven" Vorzeichen ausgehebelt werden soll.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
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