9punkt - Die Debattenrundschau
Die Vergangenheit ist die neue Zukunft
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2024. Warum sehnen sich die Menschen nach einer glorreichen Vergangenheit, wie sie Populisten propagieren, fragt der Schriftsteller Georgi Gospodinov in der Zeit: Weil ihre Zukunft so düster aussieht, antwortet er. Gibt es einen deutschen "Schuldkult" in Bezug auf Israel? So ein Quatsch, ruft die SZ. Die Zeit blickt außerdem besorgt auf den um sich greifenden Boykott israelischer Universitäten. Im Tagesspiegel findet Don Winslow, man müsse auch angesicht eines Donald Trump nicht ständig den Untergang prophezeien. Der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff analysiert auf Zeit Online die Bildsprache von Wiki-Leaks.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
27.06.2024
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Europa
Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov (Booker-Preis für "Zeitzuflucht") sieht in der Zeit mit Schrecken, wie der Nationalismus überall auf der Welt erstarkt. Warum fühlen sich Menschen zu diesen Ideologien hingezogen, die eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit beschwören? "Eine mögliche Antwort lautet: aufgrund eines schweren Defizits an Zukunft. Wenn die Zukunft unsicher und düster ist, und die Gegenwart ist beunruhigend und entgleitet einem, dann bleibt nur die Zuflucht der Vergangenheit. Dort fallen gleichsam keine Bomben - die Klimaapokalypse erschien noch wie das unsinnige Geschwätz merkwürdiger Leute, es gab noch keine Pandemie. Und am wichtigsten - es gab einen Überfluss an Zukunft. Zukunft ist eine Ideologie. Zumindest in Bulgarien, dem Staat, aus dem ich komme, war es im Kommunismus so. Die unerschöpflichen Vorräte an Zukunft mussten alle ideologischen Versprechungen des damaligen Systems garantieren. Da die Ressourcen an Zukunft schnell aufgebraucht waren, versprechen uns jetzt die neuen Ideologien und ihre Prediger ebenso das unerschöpfliche Glück und die Größe der Vergangenheit. Die Vergangenheit ist die neue Zukunft."
Ebenfalls in der Zeit porträtiert Mariam Lau Benedikt Kaiser, den Vordenker der AfD. Er hat bei Extremismusforscher Eckhard Jesse studiert und bei Götz Kubitschek die rechtsextremen Klassiker kennengelernt. "Heute sagen manche in der AfD, Benedikt Kaiser sei dabei, Götz Kubitschek als intellektuellen Taktgeber der 'Bewegung' zu ersetzen", schreibt Lau. Und "während für Kubitschek die Autoren der 'Konservativen Revolution' entscheidend sind und der Fokus meist national bleibt, richtet sich Kaiser nach Europa, vor allem nach Frankreich aus. Telefonisch erreicht man ihn oft in Wien, Paris, Belgrad oder Budapest. Eine beeindruckend-bedrohliche Vernetzung extrem rechter Gruppen ist da im Gang. Nirgendwo aber dürfte die intellektuelle Produktivität neurechten Denkens so üppig sein wie in Frankreich. Allein im Spannungsfeld zwischen Marine Le Pens Rassemblement National, Eric Zémmours rechtsextremer Partei Reconquête (Rückeroberung) und den Identitären um die Le-Pen-Nichte Marion Maréchal mit ihrer eigenen Kaderschmiede entstehen immer neue rechte Diskurspirouetten."
Ebenfalls in der Zeit porträtiert Mariam Lau Benedikt Kaiser, den Vordenker der AfD. Er hat bei Extremismusforscher Eckhard Jesse studiert und bei Götz Kubitschek die rechtsextremen Klassiker kennengelernt. "Heute sagen manche in der AfD, Benedikt Kaiser sei dabei, Götz Kubitschek als intellektuellen Taktgeber der 'Bewegung' zu ersetzen", schreibt Lau. Und "während für Kubitschek die Autoren der 'Konservativen Revolution' entscheidend sind und der Fokus meist national bleibt, richtet sich Kaiser nach Europa, vor allem nach Frankreich aus. Telefonisch erreicht man ihn oft in Wien, Paris, Belgrad oder Budapest. Eine beeindruckend-bedrohliche Vernetzung extrem rechter Gruppen ist da im Gang. Nirgendwo aber dürfte die intellektuelle Produktivität neurechten Denkens so üppig sein wie in Frankreich. Allein im Spannungsfeld zwischen Marine Le Pens Rassemblement National, Eric Zémmours rechtsextremer Partei Reconquête (Rückeroberung) und den Identitären um die Le-Pen-Nichte Marion Maréchal mit ihrer eigenen Kaderschmiede entstehen immer neue rechte Diskurspirouetten."
Medien
Das Bild von einem melancholisch aus dem Flugzeugfenster blickenden Julian Assange, der in seine Heimat Australien zurückkehrt, ging schnell um die Welt - der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff analysiert es in Zeit Online genauer. Vor allem die Darstellung der Verfolgung Assanges findet er fragwürdig: "Die Bildinszenierungen von WikiLeaks unterscheiden sich kaum von jenen visuellen Praktiken, die mittlerweile in Querdenker- und verschwörungsideologischen Szenen gebräuchlich sind: Freien Menschen wird von einer aus dem Dunklen kommenden Hand, von einer übermächtigen Instanz, der Mund zugehalten. Diese Ähnlichkeit der Bildsprachen verdeutlicht, dass auch die aktivistische Bewegung um Assange in der Gefahr steht, einen gefahrvollen, hinter den Kulissen agierenden Machtapparat zu imaginieren. Damit drohte und droht die Bewegung im Kampf um Aufmerksamkeit preiszugeben, was ursprüngliches Ziel des Whistleblowing war: das Veröffentlichen von Quellen, ohne diese einer die Rezeption prägenden Wertung zu unterziehen. WikiLeaks langfristiges Ziel war gerade nicht der Kampf gegen bestimmte Mächte, sondern: die Wahrnehmung zu schärfen und das politische Bewusstsein zu konkretisieren."
In der NZZ wirft Thomas Ribi Assange Russlandnähe und das Nicht-Einhalten von ethischen und journalistischen Grundsätzen bei seiner Arbeit vor: "Assange war bereit, Daten zu Afghanistan und zum Irak zu veröffentlichen, auch wenn sie als 'Todeslisten' von Regierungsgegnern gelesen werden konnten. Er publizierte die Files der US Army ungefiltert und kommentarlos. Ob die Veröffentlichung relevant war oder nicht, spielte für ihn keine Rolle. Damit verstieß er nicht nur gegen die journalistische Ethik und alle Sorgfaltspflichten, sondern leistete auch das nicht, was die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten ausmacht: Fakten einzuordnen, Geschehnisse zu erklären, und darzulegen, welche Folgen Ereignisse haben könnten."
In der NZZ wirft Thomas Ribi Assange Russlandnähe und das Nicht-Einhalten von ethischen und journalistischen Grundsätzen bei seiner Arbeit vor: "Assange war bereit, Daten zu Afghanistan und zum Irak zu veröffentlichen, auch wenn sie als 'Todeslisten' von Regierungsgegnern gelesen werden konnten. Er publizierte die Files der US Army ungefiltert und kommentarlos. Ob die Veröffentlichung relevant war oder nicht, spielte für ihn keine Rolle. Damit verstieß er nicht nur gegen die journalistische Ethik und alle Sorgfaltspflichten, sondern leistete auch das nicht, was die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten ausmacht: Fakten einzuordnen, Geschehnisse zu erklären, und darzulegen, welche Folgen Ereignisse haben könnten."
Wissenschaft
BDS setzt sich durch. Viele, vor allem europäische Universitäten, verweigern die Zusammenarbeit mit israelischen Wissenschaftlern, berichtet Jan Ross in der Zeit. Dass einzelne Uni-Leute "die Zusammenarbeit mit Israelis ablehnen oder linke akademische Gruppen solche Kooperationen kritisieren, hat es auch früher schon gegeben". Neu sei allerdings "der institutionelle Charakter der Kontaktsperre. 'Die Bewegung hat sich von individuellen Boykottfällen zu universitätsweiten Statements weiterentwickelt, dass man die Verbindungen mit der israelischen Hochschulwelt kappen werde', sagt die Juraprofessorin Netta Barak-Corren: "In Spanien hat die Rektorenkonferenz, in der 76 Hochschulen vertreten sind, die Aussetzung von Kooperationsvereinbarungen mit allen israelischen Universitäten und Forschungseinrichtungen angekündigt, "die nicht ein festes Bekenntnis zum Frieden und zur Achtung des humanitären Völkerrechts abgelegt haben". Die Universität Barcelona fordert darüber hinaus die Europäische Union auf, israelische Institutionen von EU-finanzierten europäischen Forschungs- und Innovationsprojekten auszuschließen. Die Universität Gent in Belgien begründet die Einstellung sämtlicher institutioneller Kooperationen mit dem Vorwurf, israelische Hochschulen unterhielten enge Verbindungen zum Militär und den Sicherheitskräften ihres Landes und würden sich auf diese Weise mitschuldig an Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung machen. Hochschulen in Norwegen und Irland, in Finnland und Slowenien überprüfen oder reduzieren in unterschiedlicher Form ihre Beziehungen mit Israel."
In der Förderaffäre verteidigte sich Bettina Stark-Watzinger gestern vor dem Bildungssauschuss und im Bundestag. Die ARD-Sendung "Panorama" fand heraus, dass im Ministerium unter Watzinger wohl Listen mit Namen fragwürdiger Dozenten erstellt worden seien (unser Resümee) - vor allem hierzu gab es viele Fragen, berichtet Heike Schmoll in der FAZ. Stark Watzinger beteuerte von der Erstellung der Übersicht nichts gewusst zu haben. Die Nachfrage, wer genau die Erstellung der Dokumente veranlasst habe, blieb unbeantwortet: "Die Ministerin verwies auf den Schutz der Mitarbeiter ... Aus den Dokumenten geht hervor, dass der Leiter einer Fachabteilung eine Übersicht der Unterzeichner des umstrittenen offenen Briefes der direkt oder indirekt vom BMBF Geförderten erbat."
"Allzu sehr in die Defensive geriet die Ministerin im Ausschuss nicht", findet Thomas Thiel ebenfalls in der FAZ: "Die Fragen, wie sie das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen wolle, beantwortete sie dagegen vage. Einen Teil der Wissenschaft wird sie mit ihrer Haltung zum Antisemitismus, der auch dessen israelbezogene Variante klar verurteilt, ohnehin nicht für sich gewinnen können. Dieser Antagonismus zieht sich über das Ministerium hinaus durch Wissenschaft und Politik. Die Politik ist weitgehend Israel und der Staatsräson verpflichtet, maßgebliche Teile der Sozialwissenschaft verstehen sich als Anwalt der Palästinenser. Es gibt ein unendliches Interesse, diesen Konflikt am Köcheln zu halten. Der Protestbrief brachte dies auf den Punkt." In Zeit online berichtet Alan Posener.
In der Förderaffäre verteidigte sich Bettina Stark-Watzinger gestern vor dem Bildungssauschuss und im Bundestag. Die ARD-Sendung "Panorama" fand heraus, dass im Ministerium unter Watzinger wohl Listen mit Namen fragwürdiger Dozenten erstellt worden seien (unser Resümee) - vor allem hierzu gab es viele Fragen, berichtet Heike Schmoll in der FAZ. Stark Watzinger beteuerte von der Erstellung der Übersicht nichts gewusst zu haben. Die Nachfrage, wer genau die Erstellung der Dokumente veranlasst habe, blieb unbeantwortet: "Die Ministerin verwies auf den Schutz der Mitarbeiter ... Aus den Dokumenten geht hervor, dass der Leiter einer Fachabteilung eine Übersicht der Unterzeichner des umstrittenen offenen Briefes der direkt oder indirekt vom BMBF Geförderten erbat."
"Allzu sehr in die Defensive geriet die Ministerin im Ausschuss nicht", findet Thomas Thiel ebenfalls in der FAZ: "Die Fragen, wie sie das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen wolle, beantwortete sie dagegen vage. Einen Teil der Wissenschaft wird sie mit ihrer Haltung zum Antisemitismus, der auch dessen israelbezogene Variante klar verurteilt, ohnehin nicht für sich gewinnen können. Dieser Antagonismus zieht sich über das Ministerium hinaus durch Wissenschaft und Politik. Die Politik ist weitgehend Israel und der Staatsräson verpflichtet, maßgebliche Teile der Sozialwissenschaft verstehen sich als Anwalt der Palästinenser. Es gibt ein unendliches Interesse, diesen Konflikt am Köcheln zu halten. Der Protestbrief brachte dies auf den Punkt." In Zeit online berichtet Alan Posener.
Gesellschaft
Die Debatte um Migration dreht sich im Kreis, stellt die Integrationsbeauftragte Reem Alabali-Radovan in der taz fest. Es werde nur noch über Einwanderung und Rückführung gesprochen, die Probleme der hier im Land lebenden Flüchtlinge blieben auf der Strecke: "Es fehlen Kitaplätze, Betreuung, Wohnungen, das alles wirkt sich auch auf den Bereich Arbeit aus. Ich war sehr irritiert, dass die Union ihre Solidarität für Ukrainerinnen und Ukrainer jetzt daran knüpfen will, ob sie arbeiten oder nicht. Das ist hetzerisch. Und die Probleme hier werden doch nicht gelöst, wenn wir über Asylanträge in Drittstaaten diskutieren, was ich ohnehin sehr kritisch sehe. Vor ein paar Monaten wurde über die Bezahlkarte diskutiert, als sei sie die Lösung für alle Probleme. Jetzt kommt sie, und es zeigt sich: Die Herausforderungen sind noch immer da. Damit müssen wir uns beschäftigen statt mit sich selbst überbietenden Scheinlösungen."
Politik
In Kenia ist nach einer angekündigten und jetzt wieder zurückgenommenen Steuererhöhung ein Großteil der jungen Bevölkerung gegen die Regierung Ruto auf die Straße gegangen. Die Proteste halten sich, sogar das Parlament wurde gestürmt. Eine Destabilisierung des Landes erkennt die Afrika-Wissenschaftlerin Karoline Eickhoff im Tagesspiegel-Interview mit Christian Böhme nicht. "Es hängt davon ab, was man unter Stabilität versteht. Was in Kenia passiert, kann sicherlich auch als Ausdruck einer starken Demokratie gewertet werden. Eine junge Generation versucht - zumeist auf friedlichem Weg - ihre Interessen zu artikulieren und sich so Gehör zu verschaffen. Die Botschaft lautet: Der Staat kann nicht einfach durchregieren - gestützt auf Maßnahmen, die als ungerecht empfunden werden. Kenias Regierung ist fraglos in Bedrängnis geraten. Aber das muss nicht gleichbedeutend sein mit Instabilität."
Im Tagesspiegel-Gespräch mit Kai Müller lässt sich der amerikanische Schriftsteller Don Winslow angesichts der kommenden Präsidentschaftswahlen in Amerika seinen Optimismus nicht nehmen: "Der amerikanischen Zivilisation wurde schon so oft der Untergang prophezeit. Vor allem von europäischen Journalisten. Wir haben Probleme, das größte ist Trumps 'Make America Great Again'-Bewegung. Aber die ganze Welt hat Probleme - vom Klimawandel und der wachsenden Wasserknappheit bis zu den Migranten, die vor Dürre und Mangel fliehen." Außerdem vertraut er auf einen Sieg Bidens. "Auch ich wünschte mir, dass Joe Biden jünger wäre. Sie glauben es nicht, sogar Joe Biden wünschte sich, dass Joe Biden jünger wäre. Was wir immer vergessen, ist, dass Joe Biden bereits zweimal gewonnen hat - die Präsidentenwahl und die Midterms. Ich für meinen Teil halte mich an den Kerl, der weiß, wie man siegt."
Im Tagesspiegel-Gespräch mit Kai Müller lässt sich der amerikanische Schriftsteller Don Winslow angesichts der kommenden Präsidentschaftswahlen in Amerika seinen Optimismus nicht nehmen: "Der amerikanischen Zivilisation wurde schon so oft der Untergang prophezeit. Vor allem von europäischen Journalisten. Wir haben Probleme, das größte ist Trumps 'Make America Great Again'-Bewegung. Aber die ganze Welt hat Probleme - vom Klimawandel und der wachsenden Wasserknappheit bis zu den Migranten, die vor Dürre und Mangel fliehen." Außerdem vertraut er auf einen Sieg Bidens. "Auch ich wünschte mir, dass Joe Biden jünger wäre. Sie glauben es nicht, sogar Joe Biden wünschte sich, dass Joe Biden jünger wäre. Was wir immer vergessen, ist, dass Joe Biden bereits zweimal gewonnen hat - die Präsidentenwahl und die Midterms. Ich für meinen Teil halte mich an den Kerl, der weiß, wie man siegt."
Ideen
Peter Neumann porträtiert für die Zeit Alex Karp, den Gründer der geheimnisumwitterten Big-Data- und Spionage-Firma Palantir. Karp hatte unter anderem in Frankfurt studierte, war bei einer Geburtstagsfeier Margarete Mitscherlichs zugegen und thematisierte in seiner Dissertation Martin Walsers Paulskirchenrede . Neumann erstaunt dabei vor allem eins: "Mehr als für die moralische Beurteilung interessiert er sich für den Algorithmus der Aggressionen." Und gerät ein bisschen ins Psychologisieren: "Walser hatte aus der tiefsten Tiefe seines Gewissens gesprochen, er hatte seinen Aggressionen nachgegeben. Und also musste man den Subjekten buchstäblich auf den Leib rücken, um ihre dunklen Seelen zu überwachen."
In Deutschland herrscht in Bezug auf Israel ein "Schuldkult"? So ein Quatsch, ruft in der SZ Ronen Steinke linken Israelkritikern zu. Er fühlt sich geradezu erinnert an die "ganz ähnliche Erzählung von einer angeblichen politischen Instrumentalisierung von Holocaust-Scham, wie sie jahrzehntelang schon Rechte und Neurechte vorgebracht haben". Aber Adenauer leistete nur geringe Zahlungen an Holocaust-Opfer, Helmut Schmidt weigerte sich, Israel zu besuchen, Sigmar Gabriel warf Israel vor, ein "Apartheid-Regime" zu sein. "Und heute? Die Regierung von Olaf Scholz hat zwar im vergangenen Herbst unter dem Schock des Hamas-Angriffs auf israelische Zivilisten alle Waffenlieferungen genehmigt, um die Israels Regierung in dieser Situation bat. Aber als sich dann schon bald abzeichnete, wie heftig Israel bei seinem Gegenschlag vorgehen würde, hat man davon auch schnell wieder Abstand genommen. Deutschland ist heute keineswegs ein Partner, der den Israelis jeden Wunsch von den Lippen abliest, sondern: Israels Anträge auf neue Waffenlieferungen liegen in Berlin inzwischen auf Eis. Seit Anfang 2024 läuft praktisch nichts mehr. Die deutsche Regierung hat auch klargemacht, dass sie gegebenenfalls einen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Netanjahu wegen Kriegsverbrechen vollstrecken würde."
In seiner Rede zur Verleihung des Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München, die die SZ vollständig abdruckt, erinnert sich der Historiker Michael Brenner an den Antisemitismus der Nachkriegszeit und stellt erschreckt fest, wie sich Judenhass wieder etabliert: "Wenn ich heute auf den Sommer 1997 zurückblicke, als ich nach München kam, dann kann ich nur sagen: Was war dies doch für eine Zeit der Hoffnung und des Aufbruchs. Es gab seit wenigen Jahren eine jüdische Buchhandlung und eine jüdische Volkshochschule, und man plante den Bau von Gemeindezentrum, Synagoge und Museum. Niemand ahnte damals, dass einmal eine politische Partei ganz rechts außen die meisten Stimmen unter jungen Wählern in diesem Land gewinnen wird; dass man in der Öffentlichkeit lieber keine Kippa und keinen Davidstern trägt; dass das Wort Jude zu einem Schimpfwort auf Pausenhöfen und in Fußballstadien und dass das Wort Israel zu einer Hassparole auf deutschen Straßen wird."
In Deutschland herrscht in Bezug auf Israel ein "Schuldkult"? So ein Quatsch, ruft in der SZ Ronen Steinke linken Israelkritikern zu. Er fühlt sich geradezu erinnert an die "ganz ähnliche Erzählung von einer angeblichen politischen Instrumentalisierung von Holocaust-Scham, wie sie jahrzehntelang schon Rechte und Neurechte vorgebracht haben". Aber Adenauer leistete nur geringe Zahlungen an Holocaust-Opfer, Helmut Schmidt weigerte sich, Israel zu besuchen, Sigmar Gabriel warf Israel vor, ein "Apartheid-Regime" zu sein. "Und heute? Die Regierung von Olaf Scholz hat zwar im vergangenen Herbst unter dem Schock des Hamas-Angriffs auf israelische Zivilisten alle Waffenlieferungen genehmigt, um die Israels Regierung in dieser Situation bat. Aber als sich dann schon bald abzeichnete, wie heftig Israel bei seinem Gegenschlag vorgehen würde, hat man davon auch schnell wieder Abstand genommen. Deutschland ist heute keineswegs ein Partner, der den Israelis jeden Wunsch von den Lippen abliest, sondern: Israels Anträge auf neue Waffenlieferungen liegen in Berlin inzwischen auf Eis. Seit Anfang 2024 läuft praktisch nichts mehr. Die deutsche Regierung hat auch klargemacht, dass sie gegebenenfalls einen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Netanjahu wegen Kriegsverbrechen vollstrecken würde."
In seiner Rede zur Verleihung des Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München, die die SZ vollständig abdruckt, erinnert sich der Historiker Michael Brenner an den Antisemitismus der Nachkriegszeit und stellt erschreckt fest, wie sich Judenhass wieder etabliert: "Wenn ich heute auf den Sommer 1997 zurückblicke, als ich nach München kam, dann kann ich nur sagen: Was war dies doch für eine Zeit der Hoffnung und des Aufbruchs. Es gab seit wenigen Jahren eine jüdische Buchhandlung und eine jüdische Volkshochschule, und man plante den Bau von Gemeindezentrum, Synagoge und Museum. Niemand ahnte damals, dass einmal eine politische Partei ganz rechts außen die meisten Stimmen unter jungen Wählern in diesem Land gewinnen wird; dass man in der Öffentlichkeit lieber keine Kippa und keinen Davidstern trägt; dass das Wort Jude zu einem Schimpfwort auf Pausenhöfen und in Fußballstadien und dass das Wort Israel zu einer Hassparole auf deutschen Straßen wird."
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