9punkt - Die Debattenrundschau

Von außen nicht zu sehen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.12.2021. Bei hpd.de erzählen drei polnische Menschenrechtsaktivistinnen, wie die Katholische Kirche nach 1989 das polnische Abtreibungsrecht beharrlich schleifte und Politiker Frauenrechte als Preis betrachteten, den sie zu zahlen haben. Die taz erklärt, was "weiche Triage" ist. In der Berliner Zeitung kritisiert Iris Hefets von der "Jüdischen Stimme für gerechten Frieden im Nahen Osten" den "philosemitischen Imperativ" der Deutschen. In Spanien rufen der Erziehungsminister und die Gleichstellungsministerin laut Börsenblatt zu einem Spielzeugstreik auf.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2021 finden Sie hier

Religion

Religion ist in Frankreich zu einem fatalen "Identitätsmarker" geworden, besonders an den Schulen und ganz besonders in den "prioritären Schulen" in den Banlieues, berichtet Gérard Biard in Charlie Hebdo. Er bezieht sich auf eine Umfrage, die zum "Tag der Laizität" am 9. Dezember vorgelegt wurde. Liegt es an den Eltern? "Gewiss, aber nicht nur. 40 Prozent der Gymnasiasten denken, dass die Normen und Regeln der Religion wichtiger sind als die Gesetze der Republik, darunter 65 Prozent der Gymnasiasten muslimischer Konfession, während die Zahl bei den Erwachsenen nur 23 Prozent beträgt. Das ist der Stand der Dinge. In der öffentlichen Schule wirkt sich die Religion tiefgreifend auf alle Aspekte des Schullebens aus, auf den Inhalt des Unterrichts, die Mahlzeiten, verschiedene Aktivitäten, die Organisation bis hin zur Hygiene."

In launigem Tonfall spricht Kurt Kister im SZ-Feuilletonaufmacher über den fehlenden Gottesbezug in jüngsten Ministereiden. Die Säkularisierung sieht er sowieso als durchgesetzt (der Islam kommt in seinem Artikel nicht vor). Und schildert die Lage der Kirchen so: "Ihr soziales Engagement - Caritas, Altenheim, Krankenhäuser, Betreuung - wird auch von Ungläubigen geschätzt. Allerdings nimmt die Zahl der in den beiden christlichen Großkirchen verzeichneten Mitglieder stetig ab." Die Caritas, lieber Kurt Kister, ist kein Engagement - sondern eines der größten Unternehmen in Deutschland, praktischerweise mit eigenem Arbeitsrecht.

Zu diesem Thema äußern sich bei hpd.de auch die "Säkularen Sozis" (die in der SPD keinen Arbeitskreis bilden dürfen). Caritas und Diakonie sind nach dem Staat die zweitgrößten Arbeitgeber, schreiben sie: "Die Finanzierung der meisten Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft (Krankenhäuser, Altenheime) erfolgt dabei zu hundert Prozent aus öffentlichen Mitteln, selbst das 'Aushängeschild' Kindergärten wird nur zu einem sehr geringen Teil kirchlich bezuschusst. In diesen Einrichtungen gilt ein eigenes, kirchliches Arbeitsrecht, was die Angestellten zu Arbeitnehmern minderen Rechts macht. Aus naheliegenden Gründen sollte die Beseitigung dieser Form der Diskriminierung  an und für sich ein Herzensthema der SPD sein." Aber obwohl die Grünen und die FDP hier klare Forderungen stellen, will die SPD dieses Thema nur "in Zusammenarbeit mit den Kirchen" angehen.

Ebenfalls bei hpd.de erzählen die polnischen Menschenrechtsaktivistinnen Joanna Gzyra-Iskandar, Anna Prus und Elżbieta Podleśna im Gespräch mit Manfred Isemeyer, wie die Katholische Kirche das polnische Abtreibungsrecht nach 1989 mit großer Beharrlichkeit schleifte: "Nach 1989 schien es für alle Politiker_innen, unabhängig von ihrer Einstellung, nahezu unmöglich, nicht nur etwas gegen die Kirche, sondern etwas ohne ihren Segen zu tun. Deshalb legten selbst linke Parteien Wert auf gute Beziehungen zur Kirche und räumten ihr in der Wirtschaft und vor allem im gesellschaftlichen Diskurs eine privilegierte Stellung ein. Wenn ein_e Politiker_in einem großen konservativen Partner etwas schuldet, dann werden die Schulden immer mit den Rechten von Frauen und Minderheiten bezahlt."
Archiv: Religion

Europa

Der spanische Erziehungsminister Alberto Garzón ruft unter dem Hashtag #HuelgaDeJuguetes zu einem Streik der Spielzeuge auf. Heute soll gar in Madrid ein Protestzug unter dem Motto stattfinden, berichtet das Börsenblatt (wahrscheinlich auf Tickerbasis). Die Kampagne wendet sich dagegen, das Spielzeuge geschlechtlich codiert sind. Auch Jungs sollen mit Puppen, Mädchen Fußball spielen. In einem Artikel für El Pais schreiben Garzon und die Ministerin für Gleichstellung Irene Montero: "Wissenschaftliche Forschung und Feminismus geben uns grundlegende Hinweise darauf, wie wichtig es ist, gleichberechtigt zu erziehen, und welche Gefahren es birgt, dies nicht zu tun. Die Spiele und Spielzeuge, die wir den Kindern anbieten, sowie die Werbebotschaften, die sie sehen, sind ein grundlegender Bestandteil ihrer intellektuellen und emotionalen Entwicklung. Das Spielzeug und die Spiele von heute bilden die Menschen und die Gesellschaft von morgen."

Hier das Werbevideo der Kampagne.

Archiv: Europa
Stichwörter: Spielzeug, Sexismus

Gesellschaft

Die Intensivstationen sind bekanntlich überlastet, auch weil Pflegepersonal den Druck nicht mehr aushielt und kündigte. Manuela Heim und Felix Lee erklären in der taz nochmal, nach welchen Kriterien in der "Triage", die in der Katastrophenmedizien stets praktiziert wird, entschieden wird. Nach heftiger Diskussion sei klargestellt worden, dass der Impfstatus dabei keine Rolle spielen dürfe. Das heißt aber nicht, dass es nicht schon längst Bevorzugte gibt: "Der Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln, Michael Hallek, berichtet von Verzögerungen lebensrettender Versorgungen, etwa wenn man eine Stunde lang für einen Patienten während eines Herzinfarkts ein freies Intensivbett suche. 'Das ist das, was ich bewusst weiche Triage nenne', so Heller. Der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Stefan Kluge, bezeichnet es als 'latente Triage', wenn spezialisierte Krankenhäuser in den besonders betroffenen Bundesländern Menschen mit Schlaganfall oder akuter Leukämie nicht aufnehmen können."

Die Szene der Impfgegner hat sich verändert und zum Teil fragmentiert, ist aber nicht schwächer geworden, schreibt Ronen Steinke in der SZ: "Der Protest ist kleinteiliger geworden, online wie offline. Im Vergleich zum Sommer ist man jetzt stärker in kleinen Gruppen unterwegs, zersplittert. Von den großen 'Querdenken'-Gruppen sind viele Protestler enttäuscht, auch weil deren Chefs inzwischen teils in Tansania in der Sonne sitzen, anstatt zu beantworten, wohin Spendengelder verschwunden sind. Mit dem Wegfallen von 'Querdenken' fehlt der große überregionale Träger, der zumindest zum Schein versucht hat, sich von Rechtsextremen fernzuhalten."

Dass die Polizei in den Neuen Ländern Rechtsextreme, die teilweise vor den Privathäusern von Politikerinnen demonstrieren, eher gewähren lässt, während sie Gegendemonstranten verfolgt, liegt für den taz-Autor Daniel Schulz in der DDR-Tradition: "Im Zweifel erscheint das als fremd gelesene, das als dekadent empfundene, die Abweichung, das Linke, das Migrantische eher bekämpfenswert als die angebliche Mitte der Gesellschaft, die sich vielleicht gerade nur verlaufen hat in den Wirren des Lebens. So funktionierten schon die DDR-Behörden. Viele, die für die Proteste mobilisieren und an ihnen teilnehmen, wurden damals sozialisiert oder kennen entsprechende Geschichten. Die AfD macht mit Slogans wie 'Vollende die Wende' tatsächliche und vermeintliche völkische Elemente der Revolution von 1989 für sich nutzbar."

Ebenfalls in der taz erzählt Sabine Seifert die Geschichte der Kinderkurheime, in die bis in die Achtziger Millionen Kinder alleine verschickt wurden - für viele eine äußerst traumatische Erinnerung. Seifert hat unter anderem mit Gundula Oertel gesprochen, die die Aufarbeitung angestoßen hat. "Viele Verschickungskinder berichten, dass sie gezwungen wurden, ihren Familien Postkarten mit positiven Nachrichten zu schicken. 'Wir waren eingekerkert in einem System, das von außen nicht zu sehen war', sagt Oertel. Das Prinzip der totalen Institution, nennt es die Sozialforschung, die den Begriff für Gefängnisse und Psychiatrien erfand, der aber auch auf Heime zutrifft."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Richard Herzinger erinnert in seinem Blog an Vaclav Havel, dessen Vorsatz, "in der Wahrheit zu leben" von dringender Aktualität ist: "Heute, da Desinformationsapparate autoritärer Mächte die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Wahrheit und Lüge, Fakten und Fiktion zu zerstören versuchen, wäre eine autoritative Stimme wie die Havels mit seinem unbestechlichen Gespür für falsche Töne von unschätzbarem Wert. Für die Stärkung der inneren Widerstandsfähigkeit demokratischer Gesellschaften gegen diesen Generalangriff auf das rationale und humane Denken sind Havels Ideen eine ergiebige Quelle."

Im Feuilleton der Berliner Zeitung am Wochenende finden sich die schärfsten Verfechter einer Revision der Erinnerung im Sinne A. Dirk Moses'. Der Holocaust ist demnach nur ein Ereignis unter vielen, das im Kontext der Kolonialgeschichte gesehen werden muss. Wer den Holocaust singulär findet, gilt als Anhänger eines "Deutschen Katechismus" (unsere Resümees der Debatten). Auch die Psychoanalytikerin Iris Hefets von der "Jüdischen Stimme für gerechten Frieden im Nahen Osten" (mehr hier) diagnostiziert bei den Deutschen einen "philosemitischen Imperativ". Und wie stets leiten sich aus der Diagnose Folgerungen für Israel ab: "Der Versuch der Deutschen, die Schuld am Nazi-Genozid an Jüdinnen und Juden in Form eines sprichwörtlichen Ungeschehenmachens abzuwehren, zeigte sich in den letzten Jahrzehnten auch in der Stilisierung arabischer und muslimischer Anführer als Hitler-Reinkarnationen. So glaubten etwa viele Kritiker des Golfkriegs die Fake News, Saddam Hussein wolle Israel und jüdische Menschen vergasen. Auch die Raketenschüsse der Hisbollah und Hamas werden heute als existenzielle Bedrohung für den israelischen Staat gesehen, wobei sie eher die Existenz von Individuen gefährden."
Archiv: Ideen