9punkt - Die Debattenrundschau

In Verbindung mit Büroklammern

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2020. Der große Essayist George Steiner ist gestorben. Wir zitieren aus ersten Nachrufen der New York Times und in Le Monde. In der Welt erzählt der Schriftsteller Christian Y. Schmidt, warum er und seine Frau vorerst in China bleiben - trotz Coronavirus und bei aller Vorsicht. In der NZZ erzählt die Kulturwissenschafterin Kateryna Botanova, wie in der Ukraine die Geschichte lebendig wurde. Aktualisiert: Yad Vashem hat sich von der Gedenkveranstaltung zur Auschwitz-Befeiung distanziert.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.02.2020 finden Sie hier

Politik

In Israel ist die Holocaust-Gedenkveranstaltung in Yad Vashem, bei der auch Frank-Walter Steinmeier redete, immer noch ein Debattenthema. Die Veranstaltung war von dem Putin-nahen Oligarchen Moshe Kantor organisiert worden. Und sie stützte das Geschichtsbild Wladimir Putins, der jüngst einige dubiose Ansichten zum Hitler-Stalin-Pakt und zur Rolle Polens im Zweiten Weltkrieg äußerte. Die Gedenkstätte Yad Vashem hat sich inzwischen für ihre Beteiligung an de Veranstaltung entschuldigt, berichtet Jeremy Sharon in der Jerusalem Post (auch Ha'aretz berichtete gestern, aber der Artikel ist nicht mehr frei lesbar).  Es geht vor allem um ein Video, das bei der Veranstaltung vorgeführt wurde, und in dem die Auswirkung des Hitler-Stalin-Pakts auf einer illustrierenden Karte nicht gezeigt wird: "Die Abfolge der Ereignisse auf der Karte, die die sich ständig ausdehnenden Grenzen Nazi-Deutschlands beim Einmarsch in die Länder Europas darstellt, beginnt 1942 und zeigt, dass Polen zu dieser Zeit noch frei ist. In Wirklichkeit fiel Nazideutschland am 1. September 1939 von Westen her in Polen ein, und zwei Wochen später drang die sowjetische Rote Armee von Osten her ein und teilte das Land zwischen den beiden Mächten auf." Im Statement von Yad Vashem  heißt es, dass die Videos "einige Ungenauigkeiten enthilt, die zu einer parteiischen und unausgewogenen Darstellung der historischen Fakten führten". (Siehe zu der Veranstaltung in Yad Vashem auch Richard Herzinger im Perlentaucher.)
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Ideen

Der große Kritiker und Essayist George Steiner ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Seine Themen machten ihn für die New-York-Times-Autoren Christopher Lehmann-Haupt (der selbst schon 2018 gestorben ist) und William Grimes zum Universalgelehrten. Von der Entstehung der Sprache, über das Übersetzen bis hin zur Bedeutung exterritorialer Autoren wie Beckett und Nabokov für die Literatur: "Er ging diesen Anliegen in mehr als zwei Dutzend Büchern nach, darunter Essay-Sammlungen, eine Novelle und drei Sammlungen von Kurzgeschichten. Mit Harold Bloom (der im Oktober starb) argumentierte er für den Kanon der westlichen Kunst und gegen eine ganze Abfolge kritischer Neuerungsbewegungen vom 'New Criticism' in den 1950ern bis hin zum Poststrukturalismus und der Dekonstruktion in den Sechzigern, deren Aufkommen er in einem frühen Essay, 'The Retreat From the Word' voraussah."

Nicolas Weill macht in Le Monde auf eine weniger bekannte Faszination Steiners aufmerksam: "In den Kursen des Philosophen Leo Strauss erfährt er von der im Nationalsozialismus kompromittierten Philosophie Martin Heideggers, dessen Namen Strauss nicht mal aussprechen mag. Das Denken des Autors von 'Sein und Zeit' wird das gesamte Werk Steiners durchdringen, auch wenn er ihm persönlich... widerstrebend gegenüber stand. Zugleich empfand Steiner, der sich als 'unpolitisch wie nur etwas' bezeichnete, zeitlebens eine ästhetische Faszination für rechtsextreme Denker und Schriftsteller, sei es Céline ('ein Shakespearianer!'), den royalistischen Philosophen Pierre Boutang oder den faschistischen und antisemitischen Lucien Rebatet, den er in den 1960er Jahren in Paris besuchte (das Interview ist in dem von Pierre-Emmanuel Dauzat herausgegebenen Cahier de l'Herne von 2003 über Steiner wiedergegeben), oder den amerikanischen Dichter und Mussolini-Bewunderer Ezra Pound, denn er habe 'zur Gesamtheit seiner Taten gestanden', wie er sagte.

In diesem Interview von Alan MacFarlane spricht Steiner ausführlich über seine Karriere und seine Ideen:



Wer eine gesetzliche Regulierung von "Hassrede" wünscht (über das eh schon bestehende Maß hinaus) setzt oft Worte mit Taten gleich. Das ist mehr als zweischneidig, meint Claudia Mäder in der NZZ und empfiehlt die Lektüre von Judith Butler, die weitergehende Regulierungen ablehnt. Denn anders als bei körperlicher Gewalt entscheide bei Sprache der Empfänger mit, wie die Botschaft ankommt: "Das soll mitnichten bedeuten, dass 'hate speech' kein objektiv zu erkennendes und zu verurteilendes Sprechen wäre oder gar erst durch den Rezipienten entstünde. Nein, der Gedanke, wie Butler ihn entwickelt, ist einzig darauf ausgerichtet, die Diffamierten aus der Starre ihrer Opferrolle herauszuführen, ihnen die Kraft zur Widerrede zuzugestehen und dadurch 'Formen des Widerstands zu denken, die nicht auf den Staat fixiert sind'."
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Kulturpolitik

Niklas Zimmerman denkt in der FAZ über die zukünftige Gestaltung und Funktion der Frankfurter Paulskirche nach: "Der frühere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann wollte schon in den achtziger Jahren den Bundespräsidenten in Frankfurt wählen lassen. In einer Zeit, in der die liberale Demokratie unter Druck steht, sollte man die Idee neu prüfen. Nichts würde die Paulskirche stärker aufwerten als eine wirkliche Funktion für das demokratische Gemeinwesen. Aber reicht dazu ein Staatsakt alle fünf Jahre?"

Richard Wagner oder Franz Mehring dürfen bleiben. Aber Paul Hindenburg wird im Rahmen einer Berliner Geschichtssäuberung die Ehrenbürgerwürde abgesprochen. Götz Aly ist in seiner Berliner-Zeitungs-Kolumne nicht einverstanden: "Ich verteidige ihn, und zwar wegen seiner humanen Haltung, die er 1914 nach dem Sieg in der Schlacht von Tannenberg gegenüber den 95.000 gefangenen russischen Soldaten zeigte und seinen Soldaten sofort befahl, im 'gewesenen Feind den Kameraden zu sehen'. Selbstverständlich war das im 20. Jahrhundert nicht."
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Gesellschaft

In der Welt erzählt der Schriftsteller Christian Y. Schmidt, dass er und seine Frau vorerst in China bleiben. Ihre Vorsichtsmaßnahmen gegen den Coronavirus kann man nur mit leichtem Grusel lesen: Sie gehen so wenig wie möglich raus, sind nur mit Atemschutzmaske und waschbaren Handschuhen unterwegs und lassen sich bei der Rückkehr von Ausflügen am Eingang ihrer Wohnanlage die Temperatur messen: "Zu Hause vertreiben wir uns die Zeit mit Putzen, dem Internet und Filmegucken. Inzwischen haben wir die gesamte Bettwäsche, Handtücher, Putzlappen usw. in der Wohnung einmal mit einem Schuss Dettol durchgewaschen. So klinisch sauber war es bei uns sicher noch nie. Auch unsere Kleidung wird dauernd gewaschen, da wir sie nach Betreten der Wohnung sofort ausziehen, um zu duschen oder zu baden. Letzteres soll besonders gut sein, weil die Viren keine Wärme mögen. Im chinesischen Internet zeigen derweil patente Omas, wie man aus einem Handtuch und Gummibändern Atemschutzmasken bastelt. Andere schwören darauf, dass aus Damenbinden in Verbindung mit Büroklammern und Gummis ein noch viel besserer Mundschutz hergestellt werden kann. Auch wird im Netz kräftig diskutiert." Im Freitag erzählt Schmidt in Tagebuchform aus China, wirklich sehr interessante Lektüre!

In der NZZ wird Niall Ferguson schon nervös, wenn er die Fernsehserie "Survivors" sieht, die 1975 das Leben während einer Pandemie beschrieb. Erstes Abwiegeln beim Corona-Virus findet er jedenfalls fatal: "Wir haben es inzwischen mit einer Epidemie im bevölkerungsreichsten Land der Erde zu tun, die gute Aussichten hat, zu einer weltweiten Pandemie zu werden. Aber wie groß ist diese Aussicht? Wie groß wird die Pandemie? Und wie tödlich? Wie Joseph Norman, Yaneer Bar-Yam und Nassim Nicholas Taleb in einem neuen Aufsatz für das New England Complex Systems Institute meinen, liegt die Antwort im Bereich der 'asymmetrischen Ungewissheit', weil Pandemien sich durch sogenannte 'fette Verteilungsenden' ('fat tails', im Gegensatz zur Normalverteilung mit ihrer Glockenkurve) auszeichnen - besonders deswegen, weil die weltweite Vernetzung auf einem Allzeithoch angelangt ist." Zeit online hat zusammengetragen, was wir bisher über den Virus wirklich wissen. Und Franca Lu berichtet, wie sich Chinesen, die den staatlichen Verlautbarungen nicht trauen, sich in den sozialen Medien über den Virus austauschen.

Dresden! Viel Ärger gibt's um den Opernball, weil damit nicht nur viel Geld verdient wird und es ein Geflecht von Abhängigkeiten zwischen Organisatoren und der Politik gibt - und dann noch Diktatoren mit dem  Semperopernball-Orden ausgezeichnet werden, berichtet Matthias Meißner im Tagesspiegel: "Die Verleihung des sogenannten St.-Georgs-Ordens an al Sisi war dabei nur das jüngste Spektakel in einer langen Kette von Merkwürdigkeiten. Den Orden hatte 2009 Russlands Staatschef Wladimir Putin bekommen, 2017 ging er an einen saudi-arabischen Prinzen. Die Menschenrechtsverletzungen in Ägypten, Russland und Saudi-Arabien waren bei diesen Auszeichnungen nie ein Thema, stattdessen wurden die Ausgezeichneten als 'Brückenbauer zwischen den Kulturen' gewürdigt."

Hohe Mieten haben unangenehme Folgen auch für die, die sie sich leisten können, erinnert Anette Dowideit in der Welt. Wenn Polizisten und Feuerwehrleute, Erzieher, Pfleger und Postboten sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können, wer macht dann ihre Arbeit? "Die Effekte lassen sich an Nachrichten ablesen wie kürzlich jener über die Berliner Charité: Mitte Dezember stoppte sie aus schierer Personalnot die Neuaufnahmen in der Kinderonkologie. Ohnehin scheint der Mangel an Menschen in wichtigen Bereichen der Infrastruktur in der Hauptstadt besonders groß zu sein. Die Polizei ist dort chronisch unterbesetzt und überlastet, ging vergangenes Jahr aus einer Auskunft des Innensenats hervor. Schulen klagen regelmäßig über fehlendes Personal, ebenso Kitas. Eltern finden oft kaum Betreuungsplätze für ihre kleinen Kinder, und wenn, dann oft nur am anderen Ende der Stadt." Dowideit schlägt daher "eine Art Neuauflage der Beamtensiedlungen" vor, die nicht auf Beamte beschränkt ist, sondern eher Menschen bevorzugt, "deren Berufe für die Infrastruktur gebraucht werden".
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Europa

Die Proteste auf dem Majdan haben die Ukraine verändert, erklärt in der NZZ die Kulturwissenschafterin Kateryna Botanova, "und zwar nicht nur in Sachen Politik und Wertvorstellungen, sondern auch hinsichtlich des eigenen Verhältnisses zur Geschichte. Die Geschichte und ihre Bedeutung für die Politik und die gesellschaftlichen Prozesse werden heute anders bewertet. Geschichte ist auf einmal lebendig und geht jeden etwas an." Das ist neu und wirft komplizierte Fragen auf, so Botanova, denn bis dahin hatte die Geschichte nichts gemein "mit unserer Erinnerung. Die Geschichte war erhaben, sie bestand aus Siegen, Feierlichkeiten, Gedenktagen und Denkmälern, an denen regelmäßig Sträuße roter Nelken niedergelegt wurden. Die Erinnerung hingegen war fragil und wurde geheim gehalten, sie speiste sich aus Bruchstücken von Niederlagen, Gewalt, Widerstand und Tod. Geschichte und Erinnerung hatten so gut wie keine Überschneidungspunkte. Erstere bekämpfte Letztere und vereinnahmte sie, erklärte sie für gefährlich und überflüssig."

Barbara Oertel porträtiert in der taz die neue russische Kulturminsterin Olga Ljubimowa, 39, die im Fernsehen populär wurde und dann in die Regierung ging - und auf sozialen Medien durch wilde Posts auffiel: "2015 wurde Ljubimowa in der Abteilung Film des Kulturministeriums Beraterin, drei Jahre später Direktorin. Im Monat ihres Dienstantritts wurde die britisch-französische Komödie 'The Death of Stalin', die die Ereignisse um den Tod des Diktators 1953 und Intrigen um seine Nachfolge lächerlich macht, in Russland verboten. 2019 lehnte sie es ab, einen Film über die beliebte Rockgruppe Maschina Wremeni (Zeitmaschine) anlässlich deren 50. Geburtstags staatlich zu fördern. Zur Begründung sagte sie: 'Wir unterstützen unsere Feinde nicht.'"
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