9punkt - Die Debattenrundschau

145 Tage des Kampfes, 20 Kilo weniger

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.10.2018. Libération berichtet, dass der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow seinen Hungerstreik aufgeben musste: "Ich habe mein Ziel nicht erreicht." Der Schriftsteller Rafael Cardoso beschreibt in der FAZ, wie über Jahre hinweg die öffentliche Debatte in Brasilien brutalisiert und unkontrollierbar wurde. Ein Jahr nach Beginn von #MeToo sieht die taz eine Kultur von Konsens und Respekt näherrücken. Die Berliner Zeitung fragt, ob deutsche Männer weniger sexistisch sind als amerikanische oder ob sich deutsche Frauen einfach mehr gefallen lassen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2018 finden Sie hier

Politik

In der Libération berichtet Paul Gogo, dass der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow seinen Hungerstreik nach 145 Tagen aufgeben musste, mit dem er sich für die Freilassung ukrainischer Gefangener in Russland einsetzte. Über seinen Anwalt ließ Senzow der selbst in der Strafkolonie Weißer Bär inhaftiert ist, folgende Erklärung verbreiten: "Aufgrund meines kritischen Gesundheitszustands, stand meine Zwangsernährung unmittelbar bevor. Meine Ansicht dazu wird nicht mehr in Betracht gezogen, angeblich bin ich nicht mehr in der Lage , meinen Gesundheitszustand und die drohenden Risiken richtig einzuschätzen... Unter diesen Bedingungen bin ich gezwungen, meinen Hungerstreik zu beenden. 145 Tage des Kampfes, 20 Kilo weniger, eine verschlechterte Gesundheit, doch ich habe mein Ziel nicht erreicht."

In der FAZ blickt der Schriftsteller Rafael Cardoso mit Bangen auf die morgigen Wahlen in Brasilien, bei denen der rechtsradikale Jair Bolsonaro als Favorit ins Rennen geht: Er verteidigt Folter und Diktatur, findet Pinochet großartig und will nach seinem Sieg das Parlament abschaffen. Cardoso erklärt den Zusammenbruch der brasilianischen Politik auf die schmutzige Kampagne, mit der Präsidenten Dilma Rousseff aus dem Amt gejagt wurde. "Dieser Zusammenbruch der institutionellen Ordnung - Kongress, Justiz und Mainstream-Medien haben ihre Glaubwürdigkeit in Teilen oder komplett geopfert - ist der Hintergrund, vor dem sich der unerhörte Aufstieg einer Randfigur wie Bolsonaro erklärt. Als die etablierten Mächte ihr Frankenstein-Geschöpf zusammenbastelten, verkannten sie, dass die politische Landschaft inzwischen von einer neuen Kraft aufgemischt wird, den sozialen Medien mit ihrer Flut von Fake News, Verschwörungstheorien und strategischer Desinformation, finanziert und betrieben von ganz und gar verantwortungslosen Leuten. Sie haben die öffentliche Debatte erobert, brutalisiert und unkontrollierbar gemacht."

Schlimmestes fürchtet in der FAZ auch die Institutsleiterin des Goethe Instituts in Sao Paulo, Katharina von Ruckteschell-Katte: "Vertreter religiöser Gruppierungen wollen diktieren, was gute und zeigbare Kunst ist. Immer mehr wurde Kunst zum Spielball von Meinungsmachern, besonders aus evangelikalen oder anderen religiösen Richtungen."

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Ideen

Im Gewand eines Fakten-Checks verteidigt Markus Schär in der NZZ die biologistischen Thesen des kanadischen Sozialpsychologen Jordan Peterson, der im Namen des gesunden Menschenverstand und natürlich auch des Forschungsstands den ganzen Gender-Kram austreiben will: "Der klinische Psychologe mit 25.000 Stunden Einzeltherapie kann als Koryphäe gelten. Dass sich seine Arbeit bewährt, bezeugen Fälle, die er im Buch oder in Gesprächen erzählt, gerade mit Frauen, die er mehr Selbstbewusstsein lehrt."
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Stichwörter: Peterson, Jordan

Gesellschaft

Ein Jahr, nachdem die Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein auf den Tisch kamen, bilanziert Patricia Hecht in der taz eigentlich ganz zufrieden die Ergebnisse der #MeToo-Bewegung: "#MeToo war weit mehr als nur Abwehrkampf gegen Grabscher, Spanner und Vergewaltiger, wie die derzeitige Welle des Feminismus überhaupt mehr als nur Abwehrkampf gegen ein reaktionäres Klima ist. Die neue Welle entwickelt Visionen, im Fall von #MeToo ist es die einer Kultur von Konsens und Respekt - in einem Alltag, in dem die Abwesenheit von anzüglichen Blicken in der U-Bahn, scheinbar lässig dahingesagten Sprüchen im Job oder Händen auf Hintern in der Kneipe angenehm auffällt. Denn Debatten wie diese verändern Kulturen. Es brauchte jahrelange Kämpfe, bis 1997 das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe kam und 2016 die Reform des Sexualstrafrechts, seit der 'Nein heißt Nein' gilt. Auf diesem Weg ist #MeToo ein weiterer Schritt hin zu einem 'Ja heißt Ja', wie es seit Juli in Schweden Gesetz ist und derzeit in Spanien vorbereitet wird."

Die amerikanische Kommunikationstrainerin Rose-Ann Clermont glaubt nicht, dass sich der Sexismus in Deutschland weniger ungezügelt austobt als in den USA. Es gebe vielmehr eine andere Bewertung, wie sie in der Berliner Zeitung schreibt: "Eine interessante Studie von you.gov ermittelte 2017, dass die Auffassungen zum Thema sexuelle Belästigung kulturell differieren. Nur 35 Prozent der Deutschen finden, dass sexuell anrüchige Witze Belästigung sind. Und nur 44 Prozent der Deutschen halten es für eine sexuelle Belästigung, wenn man seinen Arm um die Taille einer Frau legt."

In der FAZ erzählt Bülent Mumay, welche Sittenstrenge in Erdogans Türkei herrscht: "In Antalya wurden der sechzehnjährige A.K. und seine dreizehnjährige Freundin, die auf dieselbe Schule gehen, beim Küssen erwischt. Der Rektor meldete den 'Fall' der Polizei, woraufhin ein Verfahren eingeleitet wurde. Jetzt wurde der Junge wegen eines Kusses zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt."

Weiteres: Der Guardian bringt einen Text der Jesidin Nadja Murad, die gestern zusammen mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege für ihren Kampf gegen sexualisierte Gewalt im Krieg den Friedensnobelpreis erhielt (mehr dazu hier oder hier).

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