9punkt - Die Debattenrundschau

Ruhe im Karton

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2018. Die New York Times erzählt, wie Mohammed bin Salman seine Feinde per Twitter bekämpft. In der SZ verteidigt der Historiker Jörn Leonhard die Offenheit des historischen Moments. Wenn die Rundfunkbeiträge automatisch der Inflation angepasst werden, verstummen vielleicht endlich die Debatten über die Öffentlich-Rechtlichen, hofft die taz. Europäische Museen wollen laut SZ ein Museum in Nigeria bauen, um dort Skulpturen aus Benin zu zeigen, informiert die SZ. Schafft die Kirchensteuer ab, ruft Rainer Hank in der FAS.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2018 finden Sie hier

Politik

Die New York Times schildert in einer ausführlichen Recherche, wie der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman seine Feinde - wenn er keine Knochensäge zur Hand hat - mit Troll-Armeen auf Twitter bekämpft. Offenbar hat er dafür in Riad sogar eine Art Amt eingerichtet: "Tag für Tag diskutieren die Direktoren Möglichkeiten, abweichende Meinungen zu bekämpfen, und konzentrieren sich dabei auf heikle Themen wie den Krieg im Jemen oder Frauenrechte. Mit Groupchats auf Whats App oder Telegram wenden sie sich dann an ihre 'Social-Media-Spezialisten' und schicken ihnen Namenslisten von Leuten, die einzuschüchtern oder zu beleidigen sind. Tägliche Tweet-Quoten sind zu erfüllen." Martin Chulov erzählt im Guardian die Geschichte des unglaublichen Mordes an Jamel Khashoggi noch einmal mit allen gruseligen Details, die man heute weiß.
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Gesellschaft

Der Soziologe Michael Hartmann spricht im Interview mit der taz mit über die Bildung und vor allem Selbsterhaltung von Eliten in Deutschland, die er  im wesentlichen an Herkunft und Geld festmacht. Eine seiner Thesen lautet: "Der Aufstieg der Frauen in die Vorstandsetagen wird mit dem Rückgang sozialer Aufsteiger unter den Männern bezahlt... eine meiner Doktorandinnen hat das Phänomen am Beispiel von Professuren in Nordrhein-Westfalen analysiert. Bei Männern ist das Verhältnis von Herkunft aus dem obersten Milieu gegenüber Herkunft aus dem untersten Milieu knapp 3 zu 1, bei Frauen mehr als 5 zu 1. Meine Erklärung dafür ist: Wo man jemanden reinnimmt, der nicht den üblichen Kriterien entspricht - also kein Mann ist -, da muss der Rest halt umso mehr stimmen. Wenn eine Frau also noch einen Arbeiterhintergrund hat, dann wird es in der Regel nicht funktionieren. Sondern eher da, wo man etwas wiedererkennt."

Michael Miersch erzählt bei den Salonkolumnisten, wie er zum "Klimaleugner" erklärt wurde, obwohl er die Erwärmung nie geleugnet hat, auch wenn er nicht an apokalyptische Prognosen glaubt: "Das Feld der angeblichen 'Klimaleugner' wird immer weiter ausgedehnt. Inzwischen werden auch Menschen als 'Klimaleugner' bezeichnet, die lediglich Kritik an der deutschen Energiewende und ihren sozialen und ökologischen Folgen üben. Hat man dieses Etikett einmal verliehen bekommen, klebt es so fest auf der Stirn wie ein Kaugummi an der Schuhsohle. Ab da gehört man zur gleichen sozialen Gattung wie Trump-Anhänger. 'Klimaleugner' ist die heutige Entsprechung des 'Gottesleugners' im Mittelalter."

Im Interview mit dem SZ-Magazin spricht die Autorin Judith Schalansky über ihr neues Buch "Verzeichnis einiger Verluste", über Trennungsschmerz und Erinnerung. Wie in Berlin nach der Wende mit den Überresten der DDR umgegangen wird - zum Beispiel mit dem Abriss des Palastes der Republik - knüpft für sie direkt an die "Kultur der Geschichtslosigkeit und des Schweigens" in der DDR an: "Ein Erbe, auf das man sich in Berlin heute lieber bezieht, ist das Preußische. Im Humboldt-Forum des Stadtschlosses sollen jetzt die Kulturen der Welt gezeigt werden. Alles, was an Auseinandersetzung mit der Geschichte des Platzes versäumt wurde, soll kompensiert werden, indem man die ganze Welt da ausstellt. Völlig grotesk."
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Kulturpolitik

Sind die Bronzen aus Benin Raubkunst? Eine Frage, der das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung widmet.

Wenigstens die Benin-Bronzen sollen künftig auch in ihrer ursprünglichen Heimat zu sehen sein. Darum wollen deutsche, niederländische, österreichische, schwedische und britische Museen in den nächsten Jahren im nigerianischen Benin City ein Museum bauen, in dem einige der Bronzen erst einmal wenigstens als Leihgaben gezeigt werden, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ: "Initiiert wurde das Projekt schon 2010 von Barbara Plankensteiner, der heutigen Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, und einem Kollegen aus Nigeria. Über die Jahre haben sich dann immer mehr Museen angeschlossen, darunter in Deutschland zum Beispiel das Linden-Museum in Stuttgart. Das Museum soll mit Geld und Knowhow aus Europa und Nigeria gebaut werden. Mit der Eröffnung übernehmen aber die Nigerianer die Regie. 'Es ist ein lokales Projekt, wir treffen dort nicht die Entscheidungen.'"
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Stichwörter: Benin-Bronzen, Raubkunst

Medien

In der Politik kursiert die Forderung, die Rundfunkbeitäge nach dem Inflationsindex zu erhöhen - das würde den Sendern künftig Diskussionen über ihren Sinn und Zweck ersparen, schreibt René Martens in der taz. Kritik  an den Sendern scheint demnach ohnehin nur aus Richtung der AfD kommen zu können: "Nicht zuletzt wäre es vorbei mit den ständigen Pseudodebatten darüber, wie die Öffentlichkeit reagierte, wenn der Beitrag irgendwann erhöht werden würde. Stiege infolge des Indexmodells der Beitrag automatisch, würden zwar Springer und FAZ ein paar verbale Kurzstreckenraketen abfeuern, aber vielleicht wäre danach Ruhe im Karton."
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Geschichte

Im Interview mit der SZ erklärt der Historiker Jörn Leonhard die Entstehung der Nachkriegsordnung von 1918 bis 1923 - ein Thema, über das er auch ein Buch verfasst hat: "Der überforderte Frieden". Warum der letzte Satz darin lautet: "Wie es vielleicht gewesen ist: So müsste man beginnen." erklärt er so: "Ich habe dieses Buch auch geschrieben, um zu verstehen, wo die Wurzeln der aktuellen Multipolarität liegen, der Unübersichtlichkeit der Welt. Dafür ist 1918 - 23 ein echtes Scharnier. Vor allem wollte ich die Offenheit des historischen Moments verteidigen: dass man die Möglichkeit der vielen Entwicklungen ernst nehmen muss, die vergangenen Zukünfte. Wer allein von 1933 und 1939 her zurück auf 1918/19 sieht, verengt diese Offenheit zur Zwischenkriegszeit, verstellt den Blick auf die vielen nicht eingetretenen Wirklichkeiten. Sie gehören aber zum Möglichkeitshorizont der Zeitgenossen."

Außerdem: Rüdiger Soldt besucht für die FAZ die Ausstellung "Vertrauensfragen - Der Anfang der Demokratie im Südwesten 1918-1924" im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Und Frithjof Benjamin Schenk sucht, ebenfalls für die FAZ, im Solowezki-Kloster (mehr hier) am Weißen Meer, wo die Sowjets eines der ersten Arbeitslager errichteten, nach Spuren der Opfer, zu denen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gehörten: "Der schlichte Granitfindling, dessen Aufschrift nicht zwischen der politischen Gesinnung, Nationalität oder Konfession der Opfer des SLON unterscheidet, hat in den vergangenen Jahren Gesellschaft bekommen. Seit 1999 wird der Gedenkort von einem großen, hölzernen Kreuz dominiert, welches das hier erlittene Leid in eine christliche Martyriumsgeschichte umdeutet."
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Internet

Youtube-Filmer haben jetzt eine eigene Gewerkschaft gegründet, die "Youtubers Union" (mit schon mehr als 16.000 Mitgliedern), um gegen die häufige und undurchsichtige Änderung der Nutzungsbedingungen und der Algorithmen bei Youtube zu protestieren, berichtet Caspar von Au in der SZ.
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Stichwörter: Youtube, Algorithmen

Religion

Nach den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche und deren halbherziger Aufarbeitung fordert Rainer Hank in der FAS, die Kirchensteuer abzuschaffen: "Der Staat hat sich zum Büttel der Glaubensgemeinschaften gemacht, was in Zeiten einer Volkskirche in Gottesnamen noch durchgehen mag, jetzt aber, wo nur noch jeder Zweite Mitglied ist, zu einem weltanschaulich neutralen Staat nicht mehr passt. International ist das deutsche System der Kirchensteuer ohnehin die Ausnahme, sieht man von Österreich und der Deutschschweiz ab."

Die irischen Wähler werden am Freitag parallel zur Präsidentenwahl über den Blasphamieparagrafen in der Verfassung abstimmen - und ihn wohl abschaffen, berichtet Ken Murray in politico.eu: "Die Wähler werden gefragt, ob sie das Wort 'blasphemisch' in einer Klausel abschaffen wollen, die lautet: 'Die Veröffentlichung oder Äußerung blasphemischer, aufrührerischer oder unanständiger Aussagen ist eine Straftat, die gemäß dem Gesetz bestraft wird'. Umfragen deuten darauf hin, dass die Wähler eine Gesetzesänderung um zwei zu eins unterstützen."
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