9punkt - Die Debattenrundschau

Das Dasein war tautologisch

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.02.2018. In der New York Times schreibt der Journalist Ahmet Altan, der zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, über den Schock, den ein solches Urteil auslöst. Der Stern und andere Medien gehen dem Mord an dem slowakischen Journalisten Jan Kuciak nach: Möglicherweise hatte er Beziehungen zwischen Politikern und der 'Ndrangheta offengelegt. Für Bestürzung sorgt in Frankreich ein Blogeintrag Jean-Luc Mélenchons über die "Systemeffekte" der "Medienpartei". In konkret will der Impresario und Medienkritiker Berthold Seliger nicht einfach den Status quo bei den Öffentlich-Rechtlichen verteidigen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2018 finden Sie hier

Europa

Der Stern geht Vermutungen über den Mord an dem slowakischen Journalisten Jan Kuciak nach (unser Resümee): "Die Zeitung SME berichtet, dass Kuciak einen Artikel über mögliche politische Verbindungen zu italienischen Geschäftsmännern veröffentlichen wollte, die ihrerseits mit der berüchtigten Mafiagruppe 'Ndrangheta in Beziehung stehen sollen. Das Büro des Ministerpräsidenten wollte sich dazu auf AFP-Anfrage zunächst nicht äußern. Der britische Investigativ-Journalist Tom Nicholson erklärte, Kuciak habe betrügerische Zahlungen von EU-Geldern an in der Slowakei wohnhafte Italiener mit Verbindungen zur kalabrischen Mafia untersucht."

In der New York Times erinnert sich der türkische Schriftsteller und Journalist Ahmet Altan, aus absurden Gründen angeklagt, den Putsch gegen Erdogan unterstützt zu haben, in der Pause zwischen Verhandlung und Urteil an einen seiner Protagonisten. "Er ist verhaftet und wartet auf das Urteil. Ich schrieb über ihn: 'Die Kluft zwischen dem Moment, in dem sich das Schicksal einer Person ändert und dem Moment, in dem die Person das begreift, schien ihm der tragischste und furchterregendste Aspekt des Lebens zu sein. Die Zukunft wurde klar, aber die Person wartete weiter auf eine andere Zukunft, mit anderen Erwartungen und Träumen, ohne zu begreifen, dass die Zukunft bereits festgelegt war. Die Unwissenheit während dieses Wartens war entsetzlich, sie erschien ihm wie die größte Schwäche der Menschheit.' Ich erinnerte mich an diese Sätze und schauderte." Nach der Pause wurden Altan und die Mitangeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Hälfte der Türken hat Erdogan nicht gewählt, daran erinnert in der NZZ der Politologe Alexander Görlach. Sie mögen im Moment kaum sichtbar sein, aber wir sollten sie unterstützen, meint Görlach: "Die Türkei war neunzig Jahre lang eine Demokratie, das Land hat eine ausgeprägte Zivilgesellschaft, die Bevölkerung ist an verschiedene Meinungen, Diskurse und divergierende religiöse Ansichten innerhalb der islamischen Gemeinschaft gewöhnt. Auch in der von Erdogan als monolithisch dargestellten Zeit des Osmanischen Reiches hatten die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen - die Millet - ein Eigenleben und eine gewisse Autonomie."

Ziemlich in Rage geredet hat sich auf seinem Blog mal wieder der bei Linkspartei, Eribon und Co. so beliebte Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon. In einer langen Tirade erregte vor allem die Passage über die Medien in Frankreich Bestürzung: "Der Hass auf die Medien und diejenigen, die sie betreiben, ist zwar gesund und gerecht, sollte uns aber nicht davon abhalten, unsere Beziehung zu ihnen in rationalen Begriffen eines Kampfes zu beschreiben. Jeder Attacke ihre ganz eigene Replik. Viele Freunde haben noch nicht begriffen, dass wir keinen anderen konkreten Gegner als die 'Medienpartei' haben. Nur sie kämpft auf dem Terrain und verabreicht ihre tägliche Dosis Drogen fürs Hirn. Nicht die anderen politisch Engagierten aus den anderen Parteien. Sie sind auf dem Terrain nicht zugegen und bleiben für die Polemik erreichbar. Die Medienpartei hingegen lässt keinen Widerspruch zu. Ihr Überleben ist daran geknüpft. Das Ziel der Medienpartei ist es im übrigen, alle anderen 'Träger' von Gedanken auszuschalten: Partei, Gewerkschaft, moralische Autorität aller Art. Alles dient diesem Zweck. Es ist ein Systemeffekt." Naja, und so weiter!
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Ideen

Im Interview mit JP O'Malley vom New Humanist erklärt der Psychologe Steven Pinker ("Einlightenment Now"), warum er das Thema "Ungleichheit" nicht für so entscheidend hält: "Auch wenn Bill Gates' Haus dreißig mal größer ist als meines, hat das doch keine Auswirkung auf mein Leben, es sei denn, Sie nehmen an, dass da ein immer gleich großer Geldtopf ist, so dass der eine weniger hat, wenn der andere Mehr nimmt. Was moralisch tatsächlich zählt, ist nicht Ungleichheit, sondern Armut: wie gut es den Leuten am unteren Ende geht. Dein Kind überleben zu sehen, Urlaub nehmen zu können, an Kultur teilzuhaben, das sind die Grundgüter. Ob du es im selben Grad wie jemand anders hast, ist wirklich nebensächlich."

In der NZZ schaut Paul Jandl auf seine Familie und denkt über Heimat nach: "Die Familie meines Vaters war immer da, wo sie herkam. Im Familiengrab des kleinstädtischen Friedhofs liegt man Schicht auf Schicht. Der durch Titel belegte Aufstieg ist in einen Stein graviert, hinter dem seit Ewigkeiten die Trauerweide steht. Das Dasein war tautologisch. Wo sonst sollte man sein als da? Es gab wenige Geschichten zu erzählen, und in dieser Schweigsamkeit war die Wirklichkeit immer nur sie selbst. Ein paar Straßen, von denen die breiteren nach Wien führten und die schmäleren noch weiter aufs Land."

Außerdem: In der FAZ wendet sich der emeritierte Linguist Peter Eisenberg gegen die Genderisierung der Sprache. Ebendort setzt Dietmar Dath seine Serie über Marx fort.
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Gesellschaft

Sichtlich genervt ist der Theologe Richard Schröder in der Welt von der Debatte um die Essener Tafel, die gerade entschieden hat, vorläufig nur Einheimische zuzulassen, die von Migranten fast völlig verdrängt worden waren. Zwei Dinge möchte Schröder klar stellen: In Deutschland muss niemand hungern. Und der Verdrängungsprozess in Essen ist real und tritt bei vielen Tafeln auf. Er empfiehlt, sich ein Beispiel an Chemnitz zu nehmen: Dort "hat man eine elegantere Lösung für die Tafel gefunden. Man hat festgelegt: Es gibt Tage, an denen nur Migranten bei der Tafel kaufen dürfen, Tage, an denen Alteingesessene kaufen dürfen, und drittens Tage für Behinderte, denn die sehen sich manchmal auch durch die anderen beiden Gruppen verdrängt. Eine clevere Konfliktvermeidungsstrategie, die den Essenern empfohlen sei. Warum nicht mal von Chemnitz lernen?"
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Überwachung

Ohne es mitgeteilt zu haben, arbeitet die Polizei von New Orleans mit "predicitve-policing"-Software der Firma Palantir, hat Ali Winston für The Verge herausgefunden: "Predicitve policing" überwacht mit Big Data Individuen und Gemeinden, um Verbrechen zu vermeiden, bevor sie geschehen. Palantir steht der CIA nahe - und nicht nur der: "Das 2004 von Alexander Karp und Peter Thiel (bis heute größter Anteilseigner) gegründete Unternehmen  verdankt seinen schnellen Aufstieg zu einem der am höchsten bewerteten Silicon-Valley-Unternehmen den lukrativen Verträgen mit dem Pentagon und Geheimdiensten der USA, aber auch ausländischen Sicherheitsdiensten. In den letzten Jahren versucht Palantir, seine Data-Fusion- und Analyse-Geschäfte auch im privaten Sektor zu betreiben."
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Medien

Es gibt ja auch im linken politischen Spektrum vereinzelte Stimmen, die die öffentlich-rechtlichen Sender kritisieren. Zu ihnen gehört der Impresario Berthold Seliger, der sich in konkret zwar gegen die "No Billag"-Initiative äußert, aber zugleich das Beharren auf dem Status quo ablehnt, bei dem die Argumente der meisten Gegner der Initiative schon enden. Seliger schlägt als Alternative oder Ergänzung eine öffentlich-rechtliche Internetplattform vor (auf der auch der Perlentaucher vorkommen soll): "Aufgabe einer derartigen, im besten Sinn öffentlichen und staatsfernen Plattform wäre es, all das an Politik und Kultur bereitzuhalten und zu ermöglichen, was sonst nicht stattfindet. Das können auch besondere Spielfilme oder Serien sein, die dann ohne die TV-typische inhaltliche und ästhetische Zensur auskämen. 'Panorama', 'Monitor' oder 'Die Anstalt' würden auf dieser Plattform ebenfalls zu sehen sein, und zwar immer dann, wenn die entsprechenden Redaktionen genug Material für eine gehaltvolle Sendung zusammenhaben - also jenseits aller steifen und unflexiblen Sendeformate und diktatorischen Programmkorsette."  Hier ist der Text als pdf-Dokument zu lesen.
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Geschichte

Nicht nur AfD-Politiker verharmlosen Naziverbrechen in aktuellen Kontexten, um sich als als Opfer oder moralische Autoritäten zu inszenieren, beobachtet Gideon Böss bei den Salonkolumnisten: "Mit einer irritierenden Unbekümmertheit findet etwa der SPD-Veteran Karl Lauterbach auf Twitter folgende Worte, um einen kritischen Artikel zur Flüchtlingspolitik zu kommentieren: 'Jeden Tag eine gute Portion Hass und Hetze gegen Flüchtlinge, es erinnert an Nazi Juden Propaganda', womit er die Nazi-Propaganda gegen Juden meinte. Im besagten Artikel wird über zwei syrische Familienväter berichtet, die jeweils mehrere Frauen haben und von Sozialhilfe leben. Dass Lauterbach sich durch diesen Text sogleich an die antisemitische Propaganda der Nazis erinnert fühlte, zeigt, dass längst nicht nur bei vielen Gegnern der Flüchtlingspolitik alle Maßstäbe verrutscht sind."
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Stichwörter: AfD, Flüchtlingspolitik