9punkt - Die Debattenrundschau

Das Gesicht kann nichts mehr verbergen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.10.2017. In La Repubblica droht Robert Menasse, aus Österreich wegzuziehen, falls sich das Land der drakonischen Flüchtlingspolitik der Visegrad-Gruppe anschließt. Dominik Grafs "Tatort" vom Sonntag löst Kontroversen aus, weil er nicht auszuschließen scheint, dass die Terroristen in Stammheim 1977 ermordet wurden: Stefan Aust und Wolfgang Kraushaar verwahren sich in Bild und FAZ dagegen. taz und Tagesspiegel kommen auf die Tumulte bei der Buchmesse zurück. Und laut MIT Technology Review steigt durch Online-Partnerbörsen die Zahl interethnischer Ehen in den USA stark an.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2017 finden Sie hier

Europa

(Via Die Presse) In einem Interview mit Tonia Mastrobuoni von La Repubblica droht Robert Menasse, aus Österreich wegzuziehen, falls das Land nach den Wahlen zum fünften Land der Visegrad-Gruppe wird und sich deren drakonischer Flüchtlingspolitik anschließt. Schuld am Debakel sind für ihn im übrigen die gemäßigten Parteien: "Der Nationalismus wird vom allgemeinen Gefühl genährt, dass Europa nicht funktioniert. Doch wir sollten uns fragen: Warum fliegen Staats- und Regierungschefs nach Brüssel, wo sie die europäischen Beschlüsse blockieren, und dann nach Hause zurückkehren und behaupten: 'Europa funktioniert nicht'. Die gemäßigten Politiker haben den idealen politischen Boden für den Nationalismus geschafft." Den ÖVP-Kanzler-Kandidaten Sebastian Kurz sieht er als Marionette des FPÖ-Politikers Heinz-Christian Strache. Er "agitiert die Massen weiter mit populistischen und anti-europäischen Parolen". Und dass auch eine SPÖ-FPÖ-Koalition für ein denkbares Szenario gehalten wird, zeigt für Menasse nur, dass die "Politiker alle Scham verloren haben".

Dass Sebastian Kurz die Wahlen in Österreich mit rechten Parolen gewonnen hat, wundert auch den Populismusforscher Walter Ötsch im Interview mit sueddeutsche.de nicht im geringsten. Die FPÖ habe seit Jahren den Boden bereitet für einen generellen Rechtsruck: "Das hat mit Jörg Haider und dann mit Strache selbst zu tun. Durch diese beiden FPÖ-Chefs hat sich in Österreich der politische Diskurs seit dreißig Jahren komplett verschoben. Inzwischen empfindet man es in der Gesellschaft als normal, wenn rassistisch oder auch antisemitisch geredet wird. Wenn das in Deutschland AfD-Leute tun, gibt es einen Aufschrei, der in Österreich ausbleibt. Bei uns wird so etwas toleriert."

Ideen

Apples neue Gesichtserkennungssoftware macht das Gesicht zum Ausweis, zum Steckbrief und letztlich zur Zielscheibe. Was das bedeutet, darüber denkt Adrian Lobe mit Michel Foucault und Hans Belting auf Zeit online nach: "In seinem Buch 'Faces. Geschichte des Gesichts' vertritt der Kunsthistoriker Hans Belting die These, dass das Gesicht grundsätzlich undarstellbar sei. Es sei flüchtig, überformt von Konventionen, es altere und verändere sich. Das Gesicht werde 'erst zum Gesicht, wenn es mit anderen Gesichtern in Kontakt tritt, sie anschaut oder von ihnen angeschaut wird'; es sei mehr Bühne als Gesicht, weil 'Mimik, Blick und Stimme wechselweise die Führung übernehmen'. Ein Gesicht zeigt also etwas und verbirgt zugleich etwas. Eine Maske dagegen ist identisch, leblos, zeitentrückt. Wenn aber an jeder Ecke Kameras installiert sind und Algorithmen unsere Mimik auslesen, dann verschwindet die Dialektik von Zeigen und Verbergen in einem System totaler Transparenz. Das Gesicht kann nichts mehr verbergen, es erstarrt zu einer Maske, die permanent von Algorithmen analysiert wird."

Außerdem: In der NZZ denkt der Philosoph Thomas Metzinger darüber nach, was die anstehende nächste technologische Revolution, die virtual reality, mit sich bringen und wie sie unser Bewusstsein von uns selbst verändern wird.

Medien

Selbst in Europa können Journalisten, die wegen Korruption recherchieren, durch Autobomben getötet werden, wie jetzt der Tod der maltesischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia zeigt. Die Agenturen berichten (hier in Zeit online): "International bekannt wurde Galizias Name im Zuge der Recherche zu den Panama Papers: Durch ihre Berichte hatte die 53-Jährige erreicht, dass Regierungschef Joseph Muscat vorgezogene Neuwahlen ausrief. Unter anderem steht seine Frau im Verdacht, Bestechungsgelder auf geheimen Konten in Panama versteckt zu haben." Politico.eu hatte jüngst ein kleines Porträt über die Bloggerin gebracht. Juliette Garside berichtet im Guardian, dass Caruana Galizias jüngste Recherchen vom Verkauf von maltesischen Pässen an reiche Menschen aus Ländern wie Aserbaidschan handelten. Hier der Nachruf in der Times of Malta.

Die Fernsehsender möchten online ihnen zuliefernde Produzenten künftig gern genauso behandeln wie Zeitungen ihnen zuliefernde freie Autoren. Das lässt sich einem Bericht von Christian Meier in der Welt entnehmen. Freie Autoren verlieren durch buy-out-Verträge oftmals alle Rechte an ihren Texte für ein einmaliges Honorar. Ähnlich soll es künftig auch Produzenten ergehen, jedenfalls nach dem Willen von ARD und ZDF, die die 7-Tage-Frist in ihren Mediatheken abschaffen wollen: "'Wenn aber die Verweilzeiten von Serien und Filmen in Mediatheken von ARD und ZDF verlängert werden, ohne dass vertragliche Möglichkeiten für die Produzenten geschaffen werden, ihr eigenes finanzielles Engagement zurückzuverdienen, dann wird es eben künftig keine unternehmerischen Produzenten in Deutschland geben', warnt Christoph Palmer im Gespräch mit der Welt. 'Video-on-Demand explodiert geradezu - und an diesem Markt müssen und wollen wir partizipieren, sonst werden wir enteignet.'"

Deshalb erhöhen die Produzenten auch ihren Lobbydruck auf die EU, wo man den Zugang zu europäischen Fernsehproduktionen für europäische Nutzer harmonisieren möchte - bisher verdienen die Produzenten (und viele Rechtsanwälte) daran, dass die Rechte Land für Land vergeben werden. Jörg Seewald macht sich diese Forderungen in der FAZ zu eigen und zitiert Conrad Albert, den Medienvorstand der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe: "Nach Ansicht von Conrad Albert steht bei einer vollständigen Rechtefreigabe nicht nur die Existenz von Deutschlands Kreativen auf dem Spiel, sondern auch ein Abomodell wie jenes, mit dem er seine Gruppe Maxdome finanziert. Deshalb hat Albert einen wütenden Brief verfasst, in dem sogar der Begriff 'globale Internet-Imperialisten' vorkommt."

Im "Tatort" von Sonntag thematisiert Dominik Graf die Ereignisse von Stammheim im Jahr 1977 - und scheint nicht auszuschließen, dass die Terroristen sich nicht selbst umbrachten, sondern ermordet wurden. Dagegen protestiert Stefan Aust in der Bild-Zeitung - und auch Wolfgang Kraushaar hatte sich schon am Sonntag im FAZ.Net vehement gegen diese These ausgesprochen. Bestürzend ist die Stellungnahme der Sender, die Michael Hanfeld in der FAZ zitiert: "Der 'Tatort' beziehe 'Position, ohne sich für eine Deutungsvariante zu entscheiden, was in der Nacht von Stammheim am 17. Oktober 1977 in den Zellen von Ensslin, Baader, Raspe und Möller passiert ist. Der Krimi erzählt auch auf allen anderen Handlungsebenen das Phänomen, dass es schwer zu entscheiden ist, was wann passiert ist. Das ist schwer auszuhalten - und so schafft der Tatort wieder einmal Gesprächswert über den Sonntagabend hinaus.'"
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Gesellschaft

Dirk Knipphals kommt in der taz nochmal auf die Tumulte bei der Buchmesse zurück: "Mit etwas Abstand ist es vor allem wichtig, zu verstehen, dass bei einem solchen Spiel der Eskalationen, wie es sich am Schluss der Buchmesse hochschaukelte, nur die Rechten gewinnen können. Sie schlagen kulturelles Kapital aus der Aufmerksamkeit, die sie jetzt haben. Sie können sich als Opfer stilisieren. Sie können die Reihen fest schließen und sich ganz toll was drauf einbilden, dass ihretwegen - aus ihrer Sicht - versucht wurde, die Meinungsfreiheit außer Kraft zu setzen."

Wer glaubt, die Buchmesse habe mit dem Auftritt rechter Verlage in diesem Jahr "den wohl größten Skandal ihrer Geschichte" erlebt, hat ein sehr kurzes Gedächtnis, erklärt in der Welt der Historiker und Verleger Ernst Piper. Er lehnt eine Art Hausverbot für rechte Verlage auf der Buchmesse rundweg ab: "Das ist weder wünschenswert noch praktikabel. Wer, bitte schön, soll denn festlegen, was ein 'rechter Verlag' ist? Dafür fehlt es in unserem Land - Gott sei Dank - an Behörden, die solche Gesinnungsprüfungen vornehmen könnten. Und was wäre dann mit 'linken Verlagen', sollen die auch ausgeschlossen werden? ... die Freiheit der Meinungsäußerung gilt eben nicht nur für Meinungen, die uns sympathisch sind."

Und auch Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar findet es im Interview mit der Welt grundfalsch, wie auf die rechten Verlage reagiert wurde. Das ging schon mit der Buchmessenleitung los: "Ich finde es richtig, dass die Messe dem Antaios-Verlag einen Stand zugesteht. Sie hätte aber nicht bei der Eröffnung dazu aufrufen sollen, gegen die rechten Verlage Flagge zu zeigen. Die wurden so indirekt von Anfang an quasi als ungebetene Gäste, als von der Mehrheitsgesellschaft Ausgestoßene benannt. Das war schon der erste strategische Fehler. Ignorieren ist okay, man muss ja nicht über sie reden. Aber diese Art der ausschließenden Rede geht nach hinten los."

In der NZZ sekundiert Marc Felix Serrao: Statt die Rechten in ihrer Opferrolle zu bestätigen, sollte man "sie inhaltlich fordern. Aber dafür müsste man aufhören zu predigen, zu brüllen und zu spotten und anfangen zu lesen."

In der SZ hält Sonja Zekri die Vorstellung, mit Rechten argumentieren zu können, dagegen für aberwitzig: "Vor allem aber führt es mitten hinein in jene große Illusion, mit der deutsche Intellektuelle den Rechten begegnen und die gegen alle historische Erfahrung nach wie vor an der Möglichkeit festhält, rassistisches, völkisches, nationalistisches Denken lasse sich durch das besonders geschickt geführte Argument, die virtuos platzierte Pointe entkräften. ... Viele Intellektuelle haben sich mit zum Teil erkennbarer Angstlust in die Gehirne der Rechten gedacht, haben ihre Sorgen und Nöte nachempfunden, während die Rechten nur wuchsen. Es ist Zeit, die Perspektive geradezurücken. Der größte Teil der Deutschen ist nicht ausländerfeindlich, erkennt die Rechte von Frauen und Minderheiten an und schätzt das Leben in einem offenen, fortschrittlichen, auch solidarischen Land. Nicht alle tun das. Aber die Randlage, die sie beklagen, haben sie selbst gewählt."

(Via Netzpolitik) Die immer größere Popularität von Online-Partnerbörsen hat faszinierende Auswirkungen auf die amerikanische Gesellschaft, berichtet die MIT Technology Review unter Bezug auf eine Studie zum Thema. Früher hätten sich Beziehungen meist über "Freunde von Freunden" angebahnt, so dass die soziologischen Muster recht homogen blieben. Durch das Online-Dating steige die Zahl der interethnischen Ehen in den USA nun überproportional an: "Die Wachstumsrate beschleunigte sich in dem Moment, als Online Dating populär wurde. 'Es ist auffällig, dass die Zahl von gemischten Paaren nach der Einführung erster Partnerbörsen wie Match.com im Jahr 1995 schnell anstieg', sagen die Forscher. Der Anstieg wurde in den nuller Jahren mit den immer populäreren Partnerbörsen noch steiler. Dann gab es 2014 noch einen Sprung: 'Es ist interessant, dass dieser Sprung kurz nach der Einführung von Tinder kam, heute der populärsten Online dating app', so die Forscher."