9punkt - Die Debattenrundschau

Manche Mönche fahren teure Autos

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.05.2017. Le Monde sucht nach Spuren der Philosophie Paul Ricoeurs bei Emmanuel Macron. Das größte Problem mit Donald Trump ist nicht, dass er böse, sondern dass er ein Kind ist, meint die New York Times. In der SZ erzählt Yavuz Baydar, wie der Belge-Verlag seines Freunds  Ragip Zarakolu drangsaliert wird. Politico.eu erzählt, wie Russland mit Hilfe der orthodoxen Kirche und schwulenfeindlicher Schläger Einfluss auf Georgien nimmt.

Politik

Das größte Problem mit Donald Trump ist nicht, dass er böse, sondern dass er ein Kind ist, meint New York Times-Kolumnist David Brooks. Trump habe nicht gelernt, sich selbst einzuschätzen, giere permanent nach Anerkennung von außen und mache darum einen Fehler nach dem anderen: "Was uns zu den Berichten bringt, dass Trump eine Gehimdienstquelle verraten und Geheimnisse an seine russischen Besucher weitergegeben hat. So weit wir wissen, tat Trump dies nicht, weil er ein russische Agent ist oder irgendwie Schaden anrichten wollte. Er tat es, weil er nachlässig ist, weil er seine Impulse nicht kontrollieren kann und vor allem weil er ein sieben Jahre alter Junge ist, der verzweifelt nach Lob von  jenen sucht, die er bewundert."
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Stichwörter: Donald Trump

Europa

Yavuz Baydar erählt in seiner SZ-Kolumne, wie dem Belge-Verlag seines Freundes Ragip Zarakolu zugesetzt wurde - bei einer Razzia wurden Hunderte Bücher, teilweise aus den sechziger Jahren, unter fadenscheinigen Grünen requiriert: "Die Razzia am Sonntag fand just zum 40. Jubiläum des Belge-Verlags statt. Mittlerweile hat er mehr als 850 Bücher im Programm und wurde in all den Jahren 45 Mal wegen 'subversiver Inhalte' vor Gericht gebracht. Zarakolu und seine inzwischen verstorbene Frau Ayşenur hatten anfangs Bücher über Marxismus und die moderne europäische Linke veröffentlicht und sich oft den Zorn der Dogmatiker zugezogen. In den frühen Neunzigern traute sich der Verlag dann an das bestgehütete Tabu der Türkei: den Genozid an den Armeniern. Mit den Büchern zu diesem Thema leistete Belge Pionierarbeit."

Nicolas Truong fragt in Le Monde, was vom Denken des protestantischen Philosophen Paul Ricoeur beim eher katholisch geprägten heutigen Präsidenten Emmanuel Macron blieb, der Ricoeur in sehr jungen Jahren assistierte. Das Ergebnis klingt ein wenig platt: "Im Denken Ricoeurs hindert der 'fehlbare Mensch' den 'fähigen Menschen' nicht daran, bisher ungenutzte innere Ressourcen einzusetzen. Der 'Fähigkeit, man selbst zu sein' bei Ricoeurs leidendem oder handelndem Menschen entspricht bvei Macron die Fähigkeit des Bürgers, 'über sich selbst zu verfügen' und 'seine Talente zu verwirklichen'."
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Medien

Der beliebte ZDF-Moderator Jan Böhmermann hält sich für seine Show "Neo Magazin Royale " den ehemaligen RTL-Nachrichtensprecher Hans Meiser als Sidekick, einen Mann mit dubiosen Ansichten, der auch auch noch woanders moderiert, schreibt Matern Boeselager bei Vice: "Watergate.tv bezeichnet sich in seinem Impressum als 'investigatives Redaktionsnetzwerk'. Die Inhalte haben mit echtem Journalismus aber wenig zu tun. Die Videos, die Hans Meiser dort einspricht, tragen Titel wie '11 Gründe für Deutschlands baldigen Untergang', 'Weißkittelmafia verhindert weitere Krebsheilung!' oder 'Europa vor dem 3. Weltkrieg? Faktenlage erschüttert!'. Die Inhalte sind entsprechend."

Außerdem: Der Schweizer Autor Martin R. Dean macht sich in der NZZ Sorgen über Journalismus per Virtual-Reality-Brille, der ein komplettes eintauchen in den Berichtsgegenstand (so genannten "immersiven Journalismus") suggeriert.
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Gesellschaft

Vorurteile gegenüber dem politischen Gegner sind in den USA inzwischen ein größeres Problem als Vorurteile gegenüber einer anderen Hautfarbe, meint in der NZZ der in New York lehrende Sozialpsychologe Jonathan Haidt. Er beruft sich dabei unter anderem auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Pew Research wonach die Amerikaner konträre politische Auffassungen nicht als irrig, sondern zunehmend als böse und bedrohlich ansehen: "Für die übrige Welt ist das eine Warnung, denn einige der Trends, die Amerika an diesen Punkt getrieben haben, treten auch in vielen anderen Ländern auf. Dazu gehören etwa ein höheres Bildungsniveau und stärkerer Individualismus (wodurch Menschen ideologischer werden); zunehmende Immigration und ethnische Vielfalt (wodurch soziales Kapital und Vertrauen reduziert werden); und stagnierendes Wirtschaftswachstum (was zu einer Null-Summen-Mentalität führt)."
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Religion

Die FAZ hat ihre einstige Moskauer Kulturkorrespondentin Kerstin Holm auf eine Rundreise durch Klöster in Russland geschickt - einige der wenigen Branchen, die in dem tristen Land blühen: "Und während sonst das Kapital aus Russland flieht, werden die Sponsorenmillionen von Klöstern unwiderstehlich angezogen. Manche Mönche fahren teure Autos. Die Hierarchen leben im Luxus. Kein Wunder, dass die Einsiedeleien, deren ökonomische Bedeutung stetig wächst, treu zu Präsident Putin stehen."

Emanuele Amighetti erzählt in politco.eu, wie Russland seine Einflussnahme in Georgien gestaltet - es unterstützt Schlägertrupps, die der orthodoxen Kirche nahestehen, um Schwulendemos aufzumischen: "'Die georgische Gesellschaft ist sehr konservativ, und die orthodoxe Kirche hat wie viele Politiker noch starke Bindungen an Russland', sagt Natia Gianischwili, eine lesbische Aktivistin und Mitglied einer feministischen Organisation, die 2000 gegründet wurde, um für Frauenrechte zu kämpfen. Russland hat Vorurteile gegen die LGBTQ-Community ausgenutzt, um auf diese Weise die Sympathie von Georgiern zu erringen und zu behaupten, dass das Land zu einem 'Tempel der Dekadenz und Homosexualität' wird, wenn es engere Bindungen an die EU sucht, die Schutz für Minderheitengruppen fordert."
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