9punkt - Die Debattenrundschau

Jahrelange Bau- und Bohrarbeiten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2016. Nach dem Steuerbescheid für Apple lobt sich der Guardian die "gesichtslosen Bürokraten" aus Brüssel. Ebenfalls im Guardian: In London geht die Gentrification weiter. Nun vertreiben die Superreichen die Reichen. In der SZ fordert Theaterwissenschaftler Christopher Balme einen Abschied von Intendanten mit Superkräften im Deutschen Staatstheater. In der taz und der Jüdischen Allgemeinen fürchten nun auch jüdische Frauen um ihre Freiheit, sich "keusch" zu kleiden.

Europa

Die Nachricht, dass die EU Apple mit 13 Milliarden Euro besteuern will, lässt Molly Scott Cato im Guardian nochmal über den Brexit nachdenken: "Wenn es darum geht, mit Steuertricks von Unternehmen fertig zu werden, sind mir die 'gesichtslosen Bürokraten' und Parlamentarier der EU lieber als die Tories und Nachbeter der Unternehmen. Der leere Slogan 'take back control' war während des Referendumwahlkampfs extrem effizient. Ich denke, die Leave-Anhänger hatten das richtige Gefühl, dass wir die Kontrolle über unsere Arbeit und unsere Öffentlichkeit verlieren. Aber sie haben sich mit der EU das falsche Ziel gewählt. Wie Margarethe Vestager bewiesen hat, können unsere dringenderen Probleme nur durch grenzüberschreitende Kooperation gelöst werden."

David Batty berichtet unterdessen ebenfalls im Guardian, dass die Gentrification in London inzwischen auch die traditionellen Eliten der Stadt aus den reichen Vierteln vertreibt - fast alle wertvolleren Wohnungen und Häuser werden von Investoren aus Arabien, Osteuropa und China gekauft. "Die alten Eliten fühlen sich von den globalen Superreichen auch auf ganz lokaler Ebene vertrieben, etwa durch den Ausbau von 'mega basements', der für langjährige Anwohner zu nachhaltigem Stress führt. Luna Glucksberg (Autorin einer Studie zum Thema, d.Red.) erzählt, dass Nachbarn die jahrelangen Bau- und Bohrarbeiten in den Nebenhäusern einfach nicht aushalten."

In der FAZ hat Paul Ingendaay viel Verständnis für den Widerstand europäischer Bürger gegen das geplante, geheim verhandelte Freihandelsabkommen mit den USA, kurz: TTIP. Diese Art Gutsherrenpolitik geht heute einfach nicht mehr, meint er: "Fürsorgliche Superstrukturen erklären die Bürger implizit zu Idioten und schlagen vor jeder öffentlichen Diskussion die Tür zu. Das Geschehen verlagert sich filmreif in abhörsichere Konferenzräume - in einer Zeit, die gerade durch die NSA-Affäre gezeigt hat, dass nicht einmal das Telefon der Kanzlerin sicher ist."
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Kulturpolitik

Der Theaterwissenschaftler Christopher Balme überlegt in der SZ mit Blick auf die Castorf-Nachfolge an der Volksbühne, ob die Intendantenwahl für deutsche Theater immer nur - unter absoluter Verschwiegenheit - als "Übergang von einem Übermenschen zum anderen" gestaltet werden kann. "Die Krise der Nachfolge wirft die Frage auf, warum in Deutschland so lange an der Herrschaftsform des Regie führenden Intendanten festgehalten wurde. An der Bayerischen Staatsoper beispielsweise hat man sich bereits Anfang der Neunzigerjahre mit der Berufung von Peter Jonas davon verabschiedet. In der Figur des Regie führenden Intendanten hat sich ein besonderes und wohl anachronistisches Verhältnis zwischen Ästhetik und Institution herausgebildet. Die Machtfülle des Amtes hat wohl in der NS-Zeit ungeahnte Ausmaße erreicht, endete aber nicht mit der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten."

Warum gelingt es Architekten des 20. und 21. Jahrhunderts nicht, Stadtviertel zu bauen, in denen die Leute wirklich leben wollen, fragt in der FAZ der Architekt Christoph Mäckler: "Fakt ist, dass die Moderne europaweit nicht einen einzigen Platzraum hervorgebracht hat, der in seiner stadträumlichen Qualität mit dem Place des Vosges, der Piazza Navona oder auch nur mit dem unter dem damaligen Oberbürgermeister Walter Wallmann schon 1983 wiedererrichteten Rathausplatz der Stadt Frankfurt, dem Römerberg mit seinen giebelständigen Fachwerkhäusern, vergleichbar wäre."

Ideen

Der französische Philosoph Philippe-Joseph Salazar fordert im Interview mit der Zeit dazu auf, die Rhetorik der Islamisten ernst zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen: "Wir sind der Souverän. Lesen wir endlich die Quellen des Gegners! Unsere französischen Schullehrer sind doch alle dafür ausgebildet, Texte zu analysieren: Warum machen wir die Texte und Videos des Kalifats nicht zur Schullektüre, um sie zu entdämonisieren, zu falsifizieren, ihre Widersprüche, Irrtümer und Manipulationen aufzudecken? Das ist und bleibt die beste Waffe, über die wir verfügen: uns auf die Urteilskraft zu verlassen und sie in Anspruch zu nehmen."
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Politik

Wikileaks und sein Gründer Julian Assange stehen zwar nicht in Kontakt zum russischen Geheimdienst, aber ihre Veröffentlichungen sind oft im Interesse des Kreml, schreiben drei New York Times-Reporter, die nach den wohl von russischen Quellen geleakten Dokumenten der Demokratischen Partei recherchiert haben: "In einem Gespräch mit der Times sagte Assange am Mittwoch, dass die Demokraten eine 'neue McCarthy-Ära-Hyterie über Russland antreiben'. Es gibt 'keinen konkreten Beweis', dass Wikileaks-Publikationen von Geheimdienstquellen gespeist werden, sagte er, auch wenn er solches Material gerne akzeptieren würde."
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Religion

Allein die Frau entscheidet darüber, ob sie einen Burkini tragen will oder nicht, sagt die  Israelin Michal Siv, die in einer orthodoxen jüdischen Gemeinde lebt und "keusche Bademode" entwirft. Die Grenzen dieser Freiheit definiert sie gleich im nächsten Satz; "Wenn religiöse Gründe dafür vorliegen, also die Halacha (jüdisches Recht; Anm. d. Red.), oder auch wenn muslimische Regeln vorschreiben, wie sich die Frau zu kleiden hat, dann kann darüber nicht gestritten werden. Es geht nicht um unsere Meinung, sondern Gott entscheidet darüber."

Auch Ayala Goldmann will sich in der Jüdischen Allgemeinen nicht auf ein Burkini-Verbot einlassen: "Dass die 'Burkini-Mode' beim Schwimmunterricht auch bei uns um sich greift, missfällt übrigens vielen Lehrern: Sie fürchten, dass sich säkulare muslimische Familien unter Druck gesetzt fühlen, ihre Töchter 'züchtiger' zu kleiden. Doch wer dabei Gesicht zeigt, darf sich anziehen, wie sie (oder er) will: Sonst müsste man auch lange Badekleider und Badeanzüge religiöser jüdischer Frauen verbieten."
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Internet

Internetkritiker Sascha Lobo beklagt sich in seiner Spiegel-Online-Kolumne, dass "das Internet, die sozialen Medien einen ständigen Konfrontationshagel verursacht" haben: "Mit wie vielen persönlichen Meinungen war man 1996 täglich konfrontiert? Heute müssen es Dutzende und Aberdutzende sein, denn werbefinanzierte Social-Media-Plattformen sind gewissermaßen vermintes Gelände und schon zwecks Profilbildung Meinungsmelkmaschinen."

Außerdem: turi2 meldet unter Bezug auf ein Bloomberg-Interview des Unternehmensgründes Evan Williams, dass Twitter bereit sei, sich an einen anderen Konzern zu verkaufen.
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