9punkt - Die Debattenrundschau

Inmitten eines kollektiven Schlummers

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2016. Die New York Times bringt ein Riesen-Dossier über den Zerfall der arabischen Welt. Die Welt fordert eine schärfere Antwort des Westens auf Putins neuerliches Spiel mit dem Feuer. FAZ und SZ diskutieren über vermeintliche oder tatsächliche Gefährdungen der Demokratie. Der Guardian fürchtet, dass die Trotzkisten für Labour ein "Übergangsprogramm" entwerfen. Ebendort schreibt Emily Bell eine Art Nachruf auf Ariana Huffington.

Politik

Wladimir Putin scheint sich neue Kriegsgründe in der Ukraine zu fabrizieren. Richard Herzinger kommentiert in der Welt: "Der Westen hat Putins kriegerischen Untaten und seiner erpresserischen Gewaltpolitik bislang keinen nennenswerten Widerstand entgegengesetzt, zur Fortsetzung seines kriegsverbrecherischen Vorgehens in Syrien hat er ihn zuletzt sogar mehr oder weniger offen ermutigt. Der türkische Präsident Erdogan, der es gewagt hatte, durch Abschuss eines russischen Kampfjets über türkischem Territorium ein solches deutliches Stopp-Zeichen zu setzen, ist soeben im Kreml vor dem großen Kriegsherren zu Kreuze gekrochen. Warum also sollte Putin nicht so weitermachen?"

Die Ankündigung tönt großartig: "Dies ist eine Geschichte, wie wir sie noch nie publizierten." Anhand von sechs Einzelschicksalen aus arabischen Ländern erzählt Scott Anderson im Magazin der New York Times, "wie die arabische Welt auseinanderfiel". "Nach 18-monatiger Recherche erzählt das Dossier die Katastrophe, die die arabische Welt seit der Invasion im Irak vor 13 Jahren erschütterte und zum Aufstieg des 'Islamischen Staats' und der globalen Flüchtlingskrise führte. Die Geografie dieser Katastrophe ist weit und ihre Ursachen sind vielfältig, aber ihre Folgen - Krieg und Ungewissheit in der ganzen Welt - sind uns allen bekannt." Der Fotograf Paolo Pellegrin steuert mehrere Bilderserien bei, und das ganze wird ergänzt durch eine "landmark virtual-reality experience", die den Zuschauer bei kämpfenden Truppen im Irak einbettet.
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Ideen

"Zwischen SZ und FAZ ist eine kleine Debatte entbrannt, die man inzwischen online nachlesen kann. Der Historiker Andreas Wirsching warnte in der SZ vor der Gefährdung der Demokratie, die von zwei Extremismen - dem Islamismus und den Nationalismen umstellt sei: "Es gibt eine aus der Geschichte bekannte Konstellation, die für eine Demokratie besonders gefährlich ist. Sie entsteht dann, wenn sich auf ihrem Boden extremistische Kräfte bilden, die sich einerseits gegenseitig bekämpfen, die am Ende aber auch die Demokratie selbst treffen wollen. Fast alle europäischen Demokratien in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg sahen sich einem solchen Zweifronten-Konflikt gegenüber."

Darüber spottet FAZ-Redakteur Patrick Bahners in bekannt komplizierter Art: "Ausgeschlossen ist es, in multikultureller Willensnation und homogener Kulturnation zwei konkurrierende Definitionen des zur Selbstherrschaft berufenen Staatsvolks zu erkennen. Ausgeschlossen ist vor allem, dass Demokratie und Rechtsstaat in Konflikt geraten. Diese Verkümmerung der politischen Phantasie handelt sich ein, wer die alten Formen der Freiheit, die vordemokratische Vorgeschichte des Liberalismus vergessen möchte."

Darauf antwortet heute Wirsching (noch nicht online) in der FAZ: "Folgt man dem Redakteur dieses Feuilletons, dann ist das eigentlich alles kein Thema; vielmehr müsste man dem 'Alarmglockengeläute', wie ich es betreibe, entgegentreten. Was meint er damit?"
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Europa

Beim Lesen des Guardian kann man lauter alte trotzkistische Vokabeln pauken. Gestern ging es um den "Entrismus", die trotzkistische Art, Mainstream-Organisationen zu unterwandern (unser Resümee). Heute erzählt John Harris, ein einstiger Labour-Linker von seinen Erfahrungen mit den Trotzkisten bei Labour und bringt eine weitere Vokabel ins Spiel: "Trotzkistische Politik war in der Praxis meist um die Idee des 'Übergangsprogramms' gebaut, ein ziemlich zynisches Manöver, das darin bestand, die Leute für dies oder jenes - zum Beispiel für einen riesig erhöhten Mindestlohn oder das Ende aller Einwanderungskontrollen - agitieren zu lassen, im Wissen, dass diese Ziele in der aktuellen Lage unerreichbar sind und in der Hoffnung, dass die Arbeiter vielleicht doch noch aufwachen, sobald diese Unmöglichkeit offenbar wird."

Außerdem: In der FAZ feiert Paul Ingendaay die trotz der Krise zuverlässige Fröhlichkeit und Großzügigkeit der Spanier. Und Michael Hanfeld will dem Dementi des Kempinski Hotels nicht recht glauben - Claude Lanzmann hatte gestern mit Empörung das Fehlen Israels auf der Telefonliste des Hotels vermerkt, das angeblich den Wünschen arabischer Kunden geschuldet ist (unser Resümee).
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Medien

Journalismusprofessorin Emily Bell schreibt im Guardian eine Art Nachruf auf Ariana Huffington, die ihre eigene Huffington Post verlässt, um sich um ein Startup zu kümmern, das guten Schlaf ermöglichen will. Sie hat ihre Verdienste: "Als die Huffington Post am 9. Mai 2005 online ging, erwischte sie die News-Industrie inmitten eines gigantischen kollektiven Schlummers. Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, dass die Mainstream-Medien in diesem Jahr Grund hatten zu glauben, dass werbefinanzierte News-Seiten eine Zukunft hätten. Die Zukunft schien heller als in den fünf Jahren zuvor. Aus dem Nichts, so schien, tauchte die Huffington Post auf, mit einem Ansatz, der digitale Praxis wesentlich weiter trieb, als es sich selbst fortschrittliche Medien damals vorstellen konnten."
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Gesellschaft

Mit Blick auf das Urteil des Augsburger Verwaltungsgericht, das einer Rechtsreferendarin das Tragen ihres Kopftuchs im Dienst gewährt, plädiert Dirk Schümer in der Welt nachdrücklich für die Trennung von Staat und Religion, die, so Schümer, mehr zum friedlichen Leben in Europa beigetragen hat als aller technischer Fortschritt. Er fordert, sich nicht dem Islam anzupassen: "Die Robe wird als Amtstracht bei Verhandlungen immer noch getragen, weil die Justiz damit als weltanschaulich unbeeinflusste Instanz auftritt. Wer in den Gerichtssaal käme und dort einen Staatsanwalt in Uniform oder in brauner Kutte mit baumelndem Holzkreuz anträfe, wäre im Vertrauen auf einen neutralen Staat mit Recht tief erschüttert. Denn selbst wenn ein Richter in seiner Freizeit überzeugter Nudist ist, setzt er sich nicht nackt ins Verfahren. Und Richter, die nach Feierabend Frauenkleider mögen, ziehen sich bei der Arbeit ebenfalls kein Kopftuch über."
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