9punkt - Die Debattenrundschau

Glaubensbekenntnisse, ja Wahnsysteme

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.08.2016. In der Welt erzählt Deborah Feldman, die in einem Bestseller ihre Emanzipation vom orthodox-jüdischen Milieu beschrieb, was sie an Ayaan Hirsi Ali so schätzt.  Die SZ  hofft, das entfesselte Meinen im Netz mit Theodor W. Adorno bewältigen zu können. Libération erklärt, warum das Burkini-Verbot von Cannes nicht mit dem Argument des Laizismus verfochten werden kann. Le Monde fragt, was Russland mit seinem neuen Krim-Theater bezweckt. Das Ich ist wehleidig geworden, ächzt die NZZ.

Gesellschaft

Hamed-Abdel-Samad beobachtet bei Facebook eine Episode der Olympischen Spiele, einen Judo-Kampf zwischen einem ägyptischen und einem israelischen Sportler: "Eigentlich eine Seltenheit, denn normalerweise ziehen sich arabische Spieler vor dem Kampf gegen Israelis zurück und werden dafür wie Helden gefeiert. Doch heute war alles anders: Das Spiel fand statt. Der Ägypter verlor und benahm sich unsportlich. Weder begrüßte er seinen Gegner vor dem Spiel noch gab er ihm die Hand nach dem Spiel. Aus meiner Sicht sollte dieser Spieler aus allen internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen werden, bis er sich für diese Unsportlichkeit offiziell entschuldigt... Und nun zum Positiven: In den sozialen Netzwerken kritisieren viele Ägypter den Spieler für seine Unsportlichkeit und sehen keine heroische Akt in seinem Verhalten! Wie ich mehrfach gesagt habe: Ein Bild hat oft mindestens zwei Seiten!"

Frauen, Transsexuelle, Muslime, Alte, Fahrradfahrer - alle Welt fühlt sich heute diskriminiert, ächzt René Scheu in der NZZ über das wehleidige Ich und konstatiert einen neuen Opferautoritarismus: "Identität wird nicht mehr als Fremdprägung, sondern in erster Linie als Performance des autonomen Selbst erlebt. Die eigene Lebensform - von der sexuellen Selbstdefinition bis hin zu religiösem Bekenntnis und zur Ernährungsweise - ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Was immer der Mensch tut, wie immer er sich verhält und lebt, ist als Ausdruck seiner Identität zu werten. Umgekehrt bedeutet dies: Wer Dissens mit dem Lebensstil eines Mitmenschen signalisiert, droht dessen Selbstwertgefühl infrage zu stellen."

Der Bürgermeister von Cannes hat ein Burkini-Verbot erlassen. Karsten Polke-Majewski spottet in Zeit online mit blick auf das Attentat von Nizza: "Wenn Männer um die 30 Jahre in Jeans, Pulli und weißen Urlauberhütchen Bomben legen oder mit Lastwagen in Menschenmengen fahren: Was liegt da näher, als weibliche Badekleidung zu verbieten?"

Der Bürgermeister begründet sein Dekret unter anderem mit dem Argument der Laizität. Aber Jonathan Bouchet-Petersen stellt dazu in Libération richtig: "Es kann sich hier nicht um eine Frage der Laizität handeln, denn der Strand ist ein öffentlicher Raum, in dem die Frau sich anziehen kann, wie sie will - nur die Freikörperkultur ist bestimmten Orten vorbehalten. Auf rechtlicher Ebene wurde das Burka-Verbot im öffentlichen Raum, inklusive der Strände, im Jahr 2010 übrigens im Namen der Sicherheit beschlossen (Verschleierung des Gesichts), nicht im Namen der Frauenrechte oder der Laizität."

Deborah Feldman hat in ihrem Bestseller "Unorthodox" von ihrer Emanzipation aus dem orthodoxen jüdischen Milieu in New York berichtet. Nun lebt sie in Berlin und will Deutsche werden. Henryk Broder porträtiert sie für die Welt: "Es war nicht der erste Bericht einer Aussteigerin, die ihre 'Familie' verlassen hatte, dafür aber der spektakulärste dank der detaillierten Beschreibungen der sexuellen Bräuche und Nöte in einem exotisch anmutenden Milieu." Und "Deborah Feldmans größte Ikone und ihr absolutes Vorbild aber ist eine Holländerin mit somalischen Wurzeln, die heute in den USA lebt: Ayaan Hirsi Ali. Deren Autobiografie 'Infidel' ('Mein Leben, meine Freiheit') habe sie gelehrt, sich selbst zu vertrauen."
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Internet

In der NZZ fürchtet der Technik-Philosoph Eduard Kaeser, dass der Mensch den Kürzeren zieht in der Symbiose mit schlauen Geräten, die wie das selbstfahrende Auto den Menschen aus dem Loop nehmen: "Die Koevolution von Mensch und Maschine könnte ihren Ausgang nicht bloß in superschlauen Maschinen finden, sondern auch in subschlauen Menschen."
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Stichwörter: Selbstfahrendes Auto

Ideen

Im Netz und Medien werfen sich ideologische Kontrahenten gegenseitig isolierte Fakten an die Köpfe, um ihre Meinungen belegen - die sozialen Netze haben dieses Prinzip noch beschleunigt. Gustav Seibt empfiehlt in der SZ zur Deutung des Phänomens einen Klassiker: "Vor über fünfzig Jahren, lange vor den neuen Medien, hat der Philosoph Theodor W. Adorno diese fatalen Kreisläufe zwischen Meinungen und Wirklichkeiten in einem klassischen Essay mit dem sprechenden Titel 'Meinung Wahn Gesellschaft' visionär analysiert. Ohne Meinungsfreiheit kommt die bürgerliche Gesellschaft nicht aus, daran hält Adorno fest. Aber Meinungen haben eben auch die Tendenz, zu Glaubensbekenntnissen, ja Wahnsystemen zu werden. Umgekehrt deckt die Meinungsfreiheit selbstverständlich auch die Möglichkeit, triftige Argumente, die einem nicht passen, als bloße 'Ansichtssachen' zu entwerten."
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Europa

Woher kommt die Rückkehr der Spannungen zwischen Russland und der Ukraine, fragt Benoît Vitkine in Le Monde. Putin beschuldigt die Ukraine, Angriffsvorbereitungen zu treffen, aber "die von den russischen Diensten präsentierte Version weist große Schattenzonen auf, die annehmen lassen, dass die ganze Sache fabriziert wurde. Diese Version spricht von Artilleriebeschuss, der von ukrainischem Territorium gekommen sei, wofür es keinerlei Zeugenberichte aus sozialen Medien oder aus anderen Quellen gibt... Die ungewöhnliche Eile, mit der sich Putin äußerte, der sogleich die Friedensverhandlungen mit dem Westen über den Donbass in Frage stellte, zeigt, dass der Kreml gewillt ist, die Episode auszubeuten."

Der türkische Journalist Bülent Mumay erzählt in der FAZ, wie die Gülen-Bewegung (die er unter dem Sigel FETO abkürzt) in der Türkei zum universalen Sündenbock avanciert: "Nach dem Vorfall, bei dem der russische Pilot getötet wurde, hatte Staatspräsident Erdogan gewettert: 'Wer unseren Luftraum verletzt, hat die Konsequenzen zu tragen.' Und der damalige Premierminister Davutoglu, der mittlerweile den Hut nehmen musste, sagte über den Abschuss: 'Ich gab persönlich den Befehl.' Später wandelte sich die Lage, und die Türkei bat Russland um Entschuldigung. Bei seinem Putin-Besuch vor einigen Tagen hat Erdogan nun gesagt, dass FETO hinter dem Abschuss gesteckt habe."
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