9punkt - Die Debattenrundschau

Alles ein isoliertes Ereignis

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.08.2016. Nick Denton, Gründer von von Gawker, hat persönliche Insolvenz angemeldet, meldet Politico. Sein Erzfeind Peter Thiel, der Denton durch Finanzierung von Prozessgegnern in den Ruin trieb, lässt sich unterdessen das Blut junger Menschen spritzen, weiß inc.com. In der FAZ  findet Navid Kermani trostreiche Worte zur Lage Deutschlands im aktuellen Chaos. The Daily Beast fragt: Wie putinistisch ist Julian Assange?

Medien

Für die taz interviewt Amna Franzke den türkischen Journalisten Bülent Mumay, der vor ein paar Tagen inhaftiert und nun wieder freigelassen wurde. Dass er nichts mit der Gülen-Bewegung zu tun hat, war eigentlich klar, meint er: "Ich weiß, warum ich verhaftet wurde. Manchmal, wenn Autoritäten nichts finden, was sie einem vorwerfen können, setzen sie einfach deinen Namen auf eine Liste, um ihn zu beschmutzen. Die Regierung mag nicht, dass ich Stellung gegen sie beziehe."

Nick Denton, Gründer von Gawker, hat persönliche Insolvenz angemeldet, berichtet Peter Stern bei Politico. Er will damit verhindern, dass durch den von Internet-Tycoon Peter Thiel finanzierten Prozess des Wrestler-Stars Hulk Hogan gegen Gawker auch sein persönliches Vermögen angegriffen wird. Die Gawker-Gruppe hat er verkauft und schreibt in zwei Tweets: "An diesem für mich bitteren Tag tröstet mich die Tatsache, dass meine Kollegen nun bald vom Rachefeldzug dieses Milliardärs befreit sind."

Derselbe Peter Thiel ist übrigens besessen davon, dem Tod von der Schippe zu springen und finanziert mit Millionen von Dollar Start-Ups, die an Anti-Aging-Medizin forschen. Er selbst entwickelt dabei geradezu vampiristische Züge, schreibt Jeff Bercovici im Techblog Inc.com: "Wenn es eines gibt, was Thiel wirklich erregt, dann ist es, Bluttransfusionen von jüngeren Leuten für seine eigenen Venen zu erhalten. Diese Praxis zirkuliert unter dem Namen Parabiose und ist laut Thiel ein potenzieller biologischer Jungbrunnen - der einem Anti-Aging-Allheilmittel näher kommt als alles, was Wissenschaft bisher entwickelt habe."
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Europa

Anders als bei islamistischen Attentätern blendet man bei Anders Breivik, dessen Massaker sich vor ein paar Tagen zum fünften Mal jährte, jedes politische Motiv aus, glaubt Reinhard Wolff in der taz und zitiert die Soziologin Mia Eriksson, Autorin eines Buchs über Breivik: "Das Resultat, so Eriksson: Mit so einem haben wir alle nichts zu tun, mit seinen Gedankengängen brauchen wir uns nicht auseinanderzusetzen. So einer werde ungefährlich, sobald er erst einmal hinter schwedischen Gardinen oder den Türen einer psychiatrischen Anstalt weggesperrt worden sei. 'Alles ein isoliertes Ereignis, wir müssen uns selbst nicht infrage stellen.'"

Außerdem: In der taz geht Micha Brumlik antisemitischen Gerüchten säkularer Türken über Erdogan und islamistischer Türken über Atatürk nach. In der SZ fragt Andreas Zielcke: "Stimmt es, dass Politiker immer öfter die Unwahrheit sagen? Oder ist das nur der Eindruck, weil das die allgegenwärtigen Faktenchecks behaupten?"
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Gesellschaft

Leicht schnarchlangweilig liest sich ein Gespräch zwischen Altbischof Wolfgang Huber und Psychiater Henning Saß über die Radikalisierung Jugendlicher, das der Tagesspiegel aus der Zeitschrift Psyche im Fokus übernimmt. Huber bringt die Digitalisierung als Faktor ins Spiel: "Die Entwicklung hin zu Digital Natives führt auch dazu, dass Gruppenerfahrungen seltener werden, da die digitale Welt eine immer größere Rolle spielt. In dieser digitalisierten - oftmals anonymen - Kultur sinkt die Hemmschwelle, anderen gegenüber verächtlich zu begegnen." Denn was wären die Nazis ohne Internet gewesen.
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Archiv: Gesellschaft

Internet

Nun entdecken auch die Zeitungen die Geschichte des Schriftstellers Dennis Cooper (unsere Resümees), dessen Blog von Google mir nichts dir nichts gelöscht wurde - der Konzern hat sich bis heute nicht dazu geäußert. In der SZ erzählt Bernd Graff, "wie Google das Werk eines Schriftstellers einfach zerstörte", in der FAZ schreibt Adrian Lobe, und Marc Reichwein zieht in der Welt den Schluss, den Printjournalisten aus so einer Geschichte gern ziehen: "Netzöffentlichkeit als Öffentlichkeit im klassischen Sinne ist der größte Irrtum unserer Zeit."

Wie nah oder fern Donald Trump dem Putinismus steht, wurde in den letzten Tagen vielfach erwogen. Michael Weiss geht bei The Daily Beast nochmal der Frage nach, wie Julian Assange es mit Russland hält: "Wikileaks mag sich einst als kategorischer Feind von Staatsverbrechen, -heuchelei und -lügen dargestellt haben - und es hat der Öffentlichkeit tatsächlich einen Dienst erwiesen - , aber nun scheint es, dass diese Raison d'être nur selektiv gilt. Wikileaks hatte wenig für die 'Panama Papers' übrig, zu deren Enthüllungen viele Offshore-Vermögen von Kreml-Insidern gehörten, und tweetete ohne Beleg, dass diese Enthüllungen als 'Angriffsstory gegen Purtin' durch USAID von der amerikanischen Regierung subventioniert worden seien."
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Politik

Navid Kermani versucht in der FAZ eine Bestandsaufnahme all des Chaos, das uns in den letzten Wochen heimsuchte, und findet am Ende trostreiche, ja, präsidiale Worte (er setzt sie zwar nicht in Fraktur, wählt aber die alte Rechtschreibung): "Was die jetzige, in Deutschland seit dem Krieg niemals dramatischer empfundene Lage immerhin bewirkt hat, ist die sich ausbreitende Erkenntnis, daß wir nicht isoliert von der übrigen Welt sind. In weiten Teilen des Nahen Ostens und Afrikas ist das Inferno schließlich längst eingetreten... Gleichwohl hat Deutschland aufgrund seiner intakten Rechtsstaatlichkeit und vergleichsweisen sozialen Ausgeglichenheit bessere Chancen als viele andere Länder, seine Liberalität zu bewahren. Mehr noch: Mit seinem gestiegenen Ansehen in der Welt und seiner ökonomischen Potenz hat es Möglichkeiten, auf die Zeitenläufe einzuwirken, wie geringfügig auch immer."
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Stichwörter: Navid Kermani