9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Art elitejournalistischer Komment

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.08.2016. Wie gut, dass die Putschisten nicht die Oberhand gewinnen konnten, ist sich Bülent Mumay in der FAZ sicher. Aber nun verhält sich die Regierung, als hätte sie selbst geputscht. Im Blog von Wolfgang Michal erklärt Lutz Hachmeister, wie schwer es sein kann, eine Information in deutsche Medien zu bringen. Vor allem, wenn sie deutsche Medien betrifft. Die Amerikaner sind zwar reif für den Sozialismus, sagt die Occupy-Aktivistin Sarah Leonard in der Welt. Aber was ist das überhaupt? Auch im Sozialismus wird man jedoch nicht gehört werden, wenn man nicht "beschleunigte Seiten" für Google schreibt, ist sich das Niemanlab sicher.

Medien

In einem ist sich der türkische Journalist Bülent Mumay, der inhaftiert war und jetzt wieder frei ist, in einem FAZ-Artikel immer noch sicher: "Wie gut, dass die Putschisten nicht die Oberhand gewinnen konnten." Aber nun verhalte sich die Erdogan-Regierung, als hätte sie selbst geputscht. Nach drei Tagen in einer Tag und Nacht erleuchteten Sechsquadratmeter-Zelle, wo er mit zwei anderen Gefangenen hauste, las ihm der Staatsanwalt ein paar Google-Sucherergebnisse vor. Es lag einfach nichts gegen ihn vor, außer dass er kritisch über Erdogan berichtet und sich mit Can Dündar solidarisiert hatte: "Das Ziel der Aktion war eindeutig, die Methode hat schon lange System: Ein oppositioneller Journalist wird in einen schmutzigen Sack gesteckt, um ihn zu diskreditieren."

Die Medien berichten ja intensiv über die Türkei, aber gibt es auch Solidarität unter Journalisten? Wenn Journalisten in der Türkei regelrecht schikaniert werden, was passiert dann eigentlich hier, fragt Silke Burmester in der taz: "Dann gibt es eigenartigerweise keine offenen Briefe in den Zeitungen. Dann bleibt die Speerspitze des deutschen Journalismus erstaunlich stumpf. Keine Elite, keine Preisträger, die sich sagen: 'Wer, wenn nicht wir?', und sich öffentlichkeitswirksam solidarisch mit den türkischen Kolleginnen und Kollegen erklären. Die demonstrativ einen Teil ihres guten Salärs in einen Topf werfen und Anwälte beauftragen, den Kollegen in der Türkei zu helfen. Keine Verleger, Senderchefs und Chefredakteure, die sich mit Reporter ohne Grenzen zusammenschließen, eine europaweite Allianz bilden und etwa die türkischen Kollegen bei sich veröffentlichen lassen. Oder die zur türkischen Botschaft gehen und einen medienwirksamen Protest veranstalten."

In einem sehr instruktiven Interview mit Wolfgang Michal auf dessen Blog erzählt Lutz Hachmeister, wie schwierig es für ihn vor zwanzig Jahren (also mehr oder weniger in Vor-Internet-Zeiten) war, seine Geschichte über die Nazivergangenheit vieler früher Spiegel-Mitarbeiter unterzubringen. Die Woche ließ seinen Text verschimmeln. Und "Zeit-Chefredakteur Robert Leicht hat mit der verblüffenden Begründung abgesagt, die Geschichte sei spannend, aber wenn die Zeit das drucken würde, würden andere anfangen, über die Vergangenheit der Zeit zu recherchieren. Es gab auch bei anderen Blättern die Angst, eine Art elitejournalistischen Komment zu verletzen. SS-Leute beim Spiegel - das empfanden sie offenbar als zu harte Attacke auf den fragilen Berufsstand des Journalisten insgesamt." Am Ende blieb mal wieder nur die taz, die berichtete.

(Via turi2) Der freie Moderator Alexander Bommes, der in Rio für die ARD die Olympischen Spiele moderieren wird, spricht im Tagesspiegel-Interview mit Thomas Eckert auch über die legendenumwobenen Honorare der Sender und macht den Gebührenzahlern eine klare Ansage: "Wer die Besten haben will, der muss auch etwas dafür bezahlen. Und wenn man die Besten hat, könnte man ja auch stolz darauf sein, wie wäre es damit?"
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Politik

Europa sorgt selbst für seine Flüchtlinge, zum Beispiel, indem es Afrika Freihandelsabkommen wie EPA aufdrückt, die nicht in seinem Interesse liegen, meint die Menschenrechtsaktivistin Hafsat Abiola Zeit online: "Das Abkommen, das die EU vorschlägt, enthält nicht viel mehr als die altbekannten Konzepte, die zu nichts führen werden, außer dem immer gleichen Teufelskreis. Es verspricht kurzfristige Profite für europäische Konzerne und Beteiligungen für eine kleine afrikanische Elite. Mit den bekannten Folgen: steigende Ungleichheit in der Region, grassierende Armut, schwelende Konflikte."

Ziemlich regimefreundlich kommentiert Hengameh Yaghoobifarah in der taz die iranische #MeninHijab-Kampagne, in der sich Männer mit den zum Kopftuch gezwungenen Frauen solidarisieren, indem sie selbst eins tragen: "Ja, das Rechtssystem ist korrupt, wie übrigens in fast allen Ländern auf der Welt. Weder in den USA noch in Deutschland geht die Vorstellung von Gerechtigkeit mit ihrer praktischen Umsetzung einher. Und konservativ sind immer noch große Teile der Gesellschaft. Aber auch das ist gerade eher ein universelles Problem - da helfen arrogante Haltungen niemandem."


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Ideen

Die Amerikaner sind reif für den Sozialismus, behauptet die Occupy-Aktivistin Sarah Leonard im Interview mit der Welt. Was genau mit Sozialismus gemeint ist, darüber müsse man freilich noch diskutieren, sagt sie: "Wir zitieren in unserem Buch eine bekannte Umfrage, die besagt, dass die Mehrheit der Amerikaner unter 30 den Sozialismus dem Kapitalismus vorzieht. Das ist sehr interessant, aber es sagt noch nichts darüber aus, was Sozialismus eigentlich ist. Es heißt nur: Wir leben im Kapitalismus, und er scheint für diese Leute nicht so gut zu funktionieren. Wir haben also noch keine sehr durchdachte Vorstellung von einer politischen Alternative, sondern erst einmal breite Unzufriedenheit. Und das heißt: Die Leute sind offen für neue Ideen. Der Sozialismus spricht die Leute an, weil sie die Probleme nicht mehr individuell angehen müssen."
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Stichwörter: Sarah Leonard, Sozialismus

Internet

Mehr und mehr setzen sich Google und Facebook an die Stelle dessen, was man mal Internet nannte, und versuchen selbst die Infrastruktur zu werden, die Information ermöglicht. Facebook fordert Medien auf, "Instant Articles" auf seinen Seiten zu publizieren. Google antwortet mit "AMP", das heißt "Accelerated Mobile Pages". Wer seine Seiten diesem Standard nicht anpasst, wird künftig auf mobilen Geräten schlechter abschneiden, berichtet Shan Wang im Niemanlab. Wie immer ist das alles zum Besten der Menschheit: "Google plant jetzt AMP-Links überall in seinen mobilen Suchergebnissen auszuweisen - also an einem Ort, der Ihrer Website höchstwahrscheinlich eine Menge Traffic bringt. Überall, wo es eine AMP-Seite gibt, wird Google sie in dem Ergebnis anzeigen (und mit einem AMP-Blitzsymbol kennzeichnen)." Wie das dann mit der folgenden Behauptung zusammengehen soll, ist nicht so leicht zu verstehen: "Die Aufwertung wird nichts an den Such-Algorithmen ändern und es soll keinem speziellen AMP-Hinweis für die Suchalgorithmen geben, versichert Richard Gingras, der Chef von Google News and Social Products." Interessante technische Erläuterungen zu diesem Thema gibt es bei The Verge.
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