9punkt - Die Debattenrundschau

Bindungen für coole Bindungslose

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.06.2016. Heute ist der Tag der Brexit-Abstimmung. Die ersten Ergebnisse kommen von den Isles of Scilly, weiß politico.eu. Der 7. Marquis von Salisbury erklärt in der Welt, warum er sich des Ancien Régime der EU dringend entledigen möchte. Emily Bell sieht in der CJR die sozialen Medien inzwischen als die klar dominierende Spezies in einem neuen Ökosystem - die Medien sind nur noch die Info-Lieferanten. Warum haben so viele ein Problem mit der "grünen" Gentechnik, während sie die Errungenschaften der "roten" Gentechnik begeistert begrüßen?, fragt Thea Dorn in der Zeit.

Europa

Heute stimmen die Briten darüber ab, ob sie in der EU bleiben wollen. Zur Frage, wann das Ergebnis kommt, erläutert Sybille Klormannin Zeit online: "Die 382 Wahllokale schließen um 23 Uhr deutscher Zeit. Die Stimmzettel werden vor Ort ausgezählt, das jeweilige Ergebnis im Anschluss sofort verkündet. Wann feststeht, ob die Briten bleiben oder gehen, hängt davon ab, wie schnell die Stimmen ausgezählt sind. Mit einer klaren Tendenz wird gegen vier Uhr am Freitagmorgen gerechnet."

Und "täuschen Sie sich nicht", schreibt Tom McTague bei politico.eu dazu: "Downing Street ist echt nervös in der Frage des Ergebnisses. David Cameron untertreibt nicht: "382 Ergebnisse werden im Lauf der Nacht jede für sich eintröpfeln, die in Größe und Bedeutung dramatisch variieren. Birmingham liefert mit 700.000 Stimmen die bei weitem größte Zählung. Am anderen Ende des Spektrums liegen die Isles of Scilly, die mit 1.700 Stimmen eines der ersten Ergebnisse abliefern werden."

Wenn es erst mal das "Ancien Regime" der EU hinter sich gelassen hat, wird Britannien endlich all die Reformen durchführen können, die das Land fit fürs 21. Jahrhundert machen würden, behauptet, ohne weiter auf Einzelheiten einzugehen, Robert Gascoyne-Cecil, 7. Marquis von Salisbury, Mitglied des Erbadels im britischen Oberhaus, in der Welt: "Würden die anderen EU-Staaten unserem Beispiel folgen, könnten wir in Europa à la carte zusammenarbeiten und wieder mit dem Rest der Welt konkurrieren. Lasst uns nach dem Abschied darüber reden."

Am Tag des Brexit brilliert das FAZ-Feuilleton mit einem ganzseitigen Artikel des Philosophen Hermann Lübbe, der fragt, ob die antieuropäischen Populisten in Europa nicht doch irgendwie recht haben - etwa in ihrer Kritik am Euro: "Schwerwiegende Mängel der Regeln, die die Einheitswährung solide machen sollten, liegen zutage, die inzwischen entdeckte und praktizierte Möglichkeit der Europäisierung der Staatsschulden vor allem. Die Schadensträchtigkeit der Entwicklung hat Dimensionen, die sich in der Standardabwehr verantwortlicher Parteien spiegelt: Sie sakralisieren den Währungsverbund, wie Peter Graf von Kielmansegg das genannt hat. Das bedeutet: Man beschweigt feiernd, was zu erörtern wäre. Die Konsequenz dieses Verhaltens ist demokratiepolitisch ihrerseits schadensträchtig."

Die AfD hat klare Probleme mit der Idee demokratischer Repräsentation, meint die Forscherin Liane Bednarz im Gespräch mit Tobias Dirr von der SZ: "Wenn man davon ausgeht, es gebe einen Volkswillen, den nur eine bestimmte Partei zu ergründen in der Lage ist, dann ist natürlich klar, dass die anderen Parteien diesen nicht erkennen. Wir sehen das zum Beispiel deutlich am Umgang der AfD mit den anderen Parteien. Einige ihrer Vertreter sprechen immer wieder von 'Altparteien' bzw. einem 'Altparteienkartell' und neuerdings auch abschätzig von den 'Konsensparteien'. Auch das AfD-Motto 'Mut zur Wahrheit' macht klar: Die anderen, das sind die Lügner."
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Religion

Peter Weissenburger unterhält sich in der taz mit dem französischen Imam Ludovic-Mohamed Zahed, der offen als Schwuler lebt und überzeugt ist, dass der Prophet, würde er heute leben, auch gleichgeschlechtliche Ehen gutheißen würde: "'Den Islam' gibt es nicht. Es gibt nur Muslime, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem haben, was wir 'Islam' nennen. Es gibt keinen 'Herrn Islam', den man anrufen kann, um zu fragen, was er - oder sie - von diesem oder jenem hält. Selbstverständlich können aus dem Islam, so wie aus jeder Zivilisationsform, Faschismus und Totalitarismus hervorgehen. Aber das passiert in allen Gesellschaften hin und wieder, speziell in Krisenzeiten."
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Gesellschaft

Fußballmannschaften sind heute bunt gemischt. Mit Willkommenskultur hat das nichts zu tun, ein "Triumph des Identitären" ist es aber auch nicht, meint Dirk Schümer in der Welt. Warum also weckt "die Mannschaft" immer noch so patriotische Gefühle? "Sie produziert zeitgemäße Bindungen für coole Bindungslose, denn die Manager und Sponsoren, die sich in den Geschäftslounges der Fußballstadien drängen, haben exakt denselben internationalen Werdegang wie die Sportler, die genau wie sie für das meiste Geld ihre Arbeitgeber suchen - egal unter welcher Flagge, egal auf welchem Kontinent."
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Stichwörter: Fußball

Medien

Emily Bell erläutert in der Columbia Journalism Review eine Studie über soziale und traditionelle Medien und wird dramatisch: "Vor achtzehn Monaten hatten Firmen wie Facebook, Apple, Twitter, Snapchat und Google noch eine Beziehung auf Augenhöhe zum Journalismus, nun sind sie zur dominierenden Kraft in einem neuen Ökosystem geworden". Bell spricht vor allem die direkt auf den Plattformen veröffentlichten Artikel der Medien an. Sie kritisiert unter anderem, dass "Größe wichtig ist. Kleinere und lokale Newsrooms fühlen sich links liegen gelassen, während die größeren oder netzaffineren Medien die engste Beziehung zu den Plattformen hatten." Die größte Spannung erzeuge aber die Frage, "wem der Nutzer gehört... Ist der Leser der New York Times auf Facebook ein New-York-Times-Leser oder ein Facebook-Nutzer, der in die New York Times schaut?"
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Wissenschaft

Alle lieben "rote" Gentechnik. Insulin, bestimmte Krebsmedikamente, der Wirkstoff gegen Hepatitis - wird alles mittels Gentechnik hergestellt und brav geschluckt oder gespritzt. Aber wehe, eine genmanipulierte Gurke kommt auf den Tisch, dann geht das Abendland unter. "Grüne" Gentechnik ist verpönt. CRISPR/Cas9, ein Art Genom-Editor, bietet seit einiger Zeit ganz neue Möglichkeiten der Genmanipulation. Man kann damit zum Beispiel Teile eines Genoms abschneiden, auf dem eine bestimmte erbliche Krankheit sitzt: Brustkrebs, Chorea Huntington oder HIV.

In der Zeit nimmt Thea Dorn die Widersprüche in der Debatte um die Gentechnik auseinander. Warum die Hysterie bei grüner Gentechnik, wenn rote Gentechnik weithin akzeptiert ist? Sie erinnert an die Debatte, die losbrach, als Sibylle Lewitscharoff kinderlosen Frauen empfahl, ihr Schicksal einfach hinzunehmen, "statt nach dem Reproduktionsmediziner zu rufen. Allerdings frage ich mich, wie es zusammenpasst, dass diejenigen Kräfte in unserer Gesellschaft, die sich für die fortschrittlichsten halten - die selbstverständlich dafür sind, dass eine Frau die Dienste der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen darf, die selbstverständlich dafür sind, dass sich ein Mensch, der sich in seinem Körper unwohl fühlt, einer offiziell anzuerkennenden Geschlechtsumwandlung unterziehen kann -, dass just diese Fortschrittsfreunde an vorderster Front aufmarschieren, wenn es darum geht, den Allmachtsfantasien von Genforschern Einhalt zu gebieten. Müsste nicht gerade 'die Linke' es vorbehaltlos begrüßen, wenn der Mensch mit seiner Selbstermächtigung endgültig ernst macht?"

In der FAZ hat der Präsident der Leopoldina, Jörg Hacker, schon im Mai erklärt, wie mit CRISPR/Cas auch Zellen der menschlichen Keimbahn verändert werden, die dann genetisch weitervererbt werden könnten. Hacker sprach sich in seinem so unaufgeregten wie informativen Artikel gegen Eingriffe in die Keimbahn aus, weil man noch zu wenig über die Folgen wisse. Das müsse aber nicht so bleiben: "Bertolt Brecht hat in seinem 'Galilei' darauf hingewiesen, dass die Wissenschaft die Marktplätze erobern müsse. Dies gilt ganz besonders im Hinblick auf die öffentliche Diskussion über den Einsatz der Genom-Editierung."
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