Efeu - Die Kulturrundschau

Unaufhebbare Verzweiflung des Lebendigseins

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23.06.2016. Im Streit um die Volksbühne fragt die Zeit: Ist sie nicht schon längst Teil der Eventkultur, die sie beklagt? Die Filmkritiker amüsieren sich mit Yorgos Lanthimos' absurdem Liebesfilm "The Lobster". Warum Sony Deutschland solche Filme nur ins Kino bringt, wenn es dazu gezwungen wird, versteht die taz einfach nicht. Fader prophezeit mit dem französischen Duo PNL eine neue Ära des Rap. In der FAZ liest Stephan Wackwitz noch einmal die Essays von Wilhelm Lehmann.

Film


Symptomatischer Heidenspaß: Arthouse-Drama überfordert Verleih.

Großes Vergnügen haben die Filmkritiker an Yorgos Lanthimos' Groteske "The Lobster", in der es um eine Gesellschaft geht, die ihre Mitglieder mit drastischen Maßnahmen in Paarbeziehungen zwingt. Dass der hierzulande trotz eines angesehenen Regisseurs, einem prominenten Cast und begeisterten Cannes-Kritiken vor einigen Monaten bereits auf DVD veröffentlichte Film jetzt doch noch ins Kino kommt, ist dem hartnäckigen Engagement einiger Filmtheater zu verdanken, erklärt Andreas Busche in der taz: "Sony ist nicht erst seit 'The Lobster' dafür berüchtigt, 'schwierige' Arthouse-Filme äußerst stiefmütterlich zu behandeln. Im Frühjahr brachte der Unterhaltungskonzern das Holocaustdrama 'Son of Saul' nur ins Kino, weil es kurz zuvor für den Auslandsoscar nominiert worden war. ... Das David-Foster-Wallace-Roadmovie 'End of the Tour' mit Jesse Eisenberg wurde gleich auf dem Home-Markt versenkt. Das Verhalten von Sony ist symptomatisch für die gesamte deutsche Verleihlandschaft bis hinein in den Arthouse-Sektor."

Dabei birgt "The Lobster", wie Christiane Peitz im Tagesspiegel verspricht, "einen Heidenspaß". Bereits im vergangenen Dezember lief der Film auch bei einem Festival in Berlin und wurde von Jochen Werner als in seiner "Großzügigkeit ... großer, humanistischer Film" im Perlentaucher gelobt. Auch Felix Zwinscher lobt den Film in der Welt - bis es zum Ende kommt.


Zwanghafte Kunstmühe: Nicolas Winding Refns "Neon Demon".

Auf weniger Liebe stößt Nicolas Winding Refn und dessen neuer, bereits in Cannes kontrovers diskutierter Modebetriebs-Horrorfilm "The Neon Demon". Dietmar Dath bezeugt in seiner online von der FAZ nachgereichten Besprechung zwar manch gelungene Momente, auf die aber auch stets Missglücktes folgt: "Die Kraftanstrengung, mit der jemand hier den garstigsten und zugleich leckersten Film über die Geschwisterliebe von Schönheit und Abscheulichkeit machen wollte, beeindruckt zwar als Kunstmühe, erschöpft dann aber auch alle Mittel, die sie auffährt." In der taz meint Thomas Groh: "Wenn 'Neon Demon' als Kritik am Modebetrieb konzipiert sein soll (es gibt Gründe zur Annahme, dass er das, gelinde gesagt, nur am Rande verfolgt), als eine Darstellung der umfassenden Aushöhlung von Subjektivität dieses Betriebs, dann ist der Film von einem allumfassenden Defätismus gekennzeichnet: Zu dieser tödlich fixierenden Welt gibt es kein Äußeres mehr, von dem aus sich noch darüber sprechen ließe."

Die SZ begleitet die heutige Eröffnung des Filmfests München, das sich insbesondere auch ums deutsche Kino verdient macht. Mit Maren Ades Cannes-Erfolg "Toni Erdmann" als Eröffungsfilm zeigt das Festival allerdings auch, schreibt David Steinitz in der SZ, dass im Vergleich dazu "viele Filme trotz hübscher Ideen ziemlich blass" wirken. Steinitz' Kollege Tobias Kniebe hat unterdessen Werner Herzogs Internetdoku "Lo and Behold" gesehen. Fritz Göttler empfiehlt Albert Serras "La mort de Louis XIV" mit Jean-Pierre Léaud.

Apropos "Toni Erdmann": Anlass seines Erfolgs in Cannes hat der Freitag beim französischen Filmwissenschaftler Pierre Gras eine Expertise zur Einschätzung des deutschen Kinos aus französischer Sicht eingeholt. Sein Fazit: Dem deutschen Kino fehle "die Kontinuität der großen Namen. Man sollte also wünschen, dass das Fördersystem in Deutschland gezielt ästhetisch und thematisch anspruchsvolle Filme unterstützt, damit aus den Talenten von heute die großen Filmautoren von morgen werden."

Weiteres: In der taz empfiehlt Silvia Hallensleben eine Werkschau der Filme von Miron Zownir im Berliner Lichtblickkino. Für ZeitOnline porträtiert Alexander Krex das Videodrom, das cinephile Mekka unter Berlins Videotheken. In der NZZ erfreut sich Katja Baigger an "synästhetischen Gemeinschaftserlebnissen" im Open-Air-Kino.

Besprochen werden Maya Newells Dokumentarfilm "Gayby Baby" (taz), Claudia von Alemanns Filmporträt der Fotografin Abisag Tüllmann, "Die Frau mit der Kamera", und James Watkins Thriller "Bastille Day" mit Idris Elba und Richard Madden (beide Perlentaucher, FAZ).
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Musik

Im amerikanischen Musikmagazin Fader stellt uns Atossa Abrahamian das französische Musiker-Duo PNL vor und sieht mit den Brüdern Ademmo und N.O.S. (zusammen PNL) eine neue Ära des Rap heraufziehen. "Politische Spezifizität, ganz zu schweigen von der Sprachbarriere, haben früher die Reichweite des französischen Rap auf die Metropole und ihre früheren Kolonien begrenzt. Aber PNLs unvergleichlicher Sound und ihre starke ästhetische Sensibilität haben das Potential, zu einem globalen Publikum zu sprechen. Im Jahr 2016, wo so viele Twentysomethings durch die Drohung einer fehlenden Zukunft und die Liebe zum Rapper 'Future' vereint sind, kombinieren PNL diese beiden, um die Welt, die sie einfordern, als ihre eigene zu begreifen."



Besprochen werden ein Auftritt von Mark Padmore (FR), ein Konzert von Udo Lindenberg (FR) und ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Fanny Ardant (Tagesspiegel).
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Kunst

Marc Zitzmann unterhält sich für die NZZ mit vier Forschern über das Pariser Musée du Quai Branly für außereuropäische Kunst, das vor zehn Jahren eröffnet wurde. Nicola Kuhn besucht für den Tagesspiegel die Eröffnung des Erweiterungsbaus der Tate Modern. Daniele Muscionico sieht für die NZZ Weltkunst im erweiterten Bündner Kunstmuseum in Chur. Judith von Sternburg betrachtet für die FR den Altenberger Altar im Frankfurter Städelmuseum. Besprochen wird die Ausstellung "Peter Keetman: Gestaltete Welt - Ein fotografisches Lebenswerk" im Museum Folkwang in Essen (SZ).
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Literatur

In einem Essay für die FAZ berichtet der Schriftsteller Stephan Wackwitz von seinen Re-Lektüren der Essays Wilhelm Lehmanns, die ihm vor Augen führten, welches Potenzial Gedichte bergen, wenn es darum geht, eigene Lebensstationen abzurufen oder auch die anderer Menschen in die eigenen einzuflechten. "Eigentlich ist das ein Wunder. Das Wunder derjenigen Aufhebung der Zeit, die nur in Gedichten stattfinden kann. Ein Wunder und ein Trost, den nur die Literatur uns gibt. Sie tröstet uns hinweg über das Vergehen der Zeit, darüber, dass wir sterben müssen, dass wir in Wahrheit unablässig sterben und dass jeder Moment, den wir zu erleben glauben, schon vorbei ist, wenn er uns zu Bewusstsein kommt. Literatur gehört zu den Dingen, die uns gegen die unaufhebbare Verzweiflung des Lebendigseins eingefallen sind."

In der NZZ unterhält sich Andreas Breitenstein mit dem Autor Héctor Abad über das glückliche Volk der Kolumbianer und sein neues Buch "La Oculta", das er erst nach einer langen Schreibkrise fertig stellen konnte. In dem Roman verarbeitet Abad viele eigene Erfahrungen aus seiner Familie - der Vater war Sozialist und Atheist, die Mutter tief gläubige Kapitalistin. "Ich liebte beide, und sie sind für mich ein leuchtendes Beispiel von Toleranz: Da taten sich eine Gläubige und ein Ungläubiger in Liebe und Respekt zusammen. Ich aber lernte beide Positionen zu hinterfragen und wurde zum Skeptiker, der ich heute bin - in Bezug auf Politik, Religion, Ökonomie und alle hehren Weltentwürfe."

Weiteres: Sonja Zekri (SZ) und Tilman Spreckelsen (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Rafik Schami zum 70. Geburtstag. Im Freitag schreibt Enno Stahl zum Tod des Popjournalisten und Schriftstellers Wolfgang Welt.

Besprochen werden unter anderem Peter Stamms "Weit über das Land" (FAZ) und Oliver Hilmes' "Berlin 1936" (SZ) sowie Ottmar Ettes "Der Fall Jauß", das offenbar neue Akzente in der Debatte um den Romanisten setzt (NZZ). Mehr in Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog zum literarischen Leben im Netz.
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Bühne

Für den Aufmacher des Zeit-Feuilletons sammelt Moritz von Uslar Stimmen gegen den designierten neuen Intendanten der Volksbühne, Chris Dercon, der, so die Vorwürfe seiner Gegner, für Gentrifizierung und das "bunte Einerlei der Eventkultur" (Jürgen Flimm) stehe. Doch die Volksbühne, meint Uslar, "ist längst bei denen angekommen, deren politische Einstellung und Lebenspraxis sie immer bekämpft hat, bei den Hipstern, Agenturmenschen, IT-Unternehmern".

In der nach einem offenen Brief des Ensembles wieder entfachten Debatte um die Volksbühne "sind die Argumente stets schneller als die Fakten", meint Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung und fasst den aus seiner Sicht sehr verwunderlichen Lauf der Dercon-Debatte zusammen. Außerdem hat Seidler mit Thomas Oberender gesprochen, dem Intendanten der Berliner Festspiele, denen mit einer von Dercon zur multidisziplinären Kulturstätte umgewandelten Volksbühne eine handfeste Konkurrenz ins Haus stehen könnte. Die vom Ensemble geäußerten Vorbehalte findet er nicht völlig substanzlos: "Die Volksbühne ist bereits längst 'polyglott', international und interdisziplinär, und sie hat vor langer Zeit schon Choreografen, Companies, bildende Künstler und Musiker geholt. ... Dieser Brief ist nicht aus einer bornierten Provinzialität heraus geschrieben. Es ist ein Versuch, einen Unterschied zwischen der Globalisierung des Kunstmarktes und der Arbeitswelt des Theatersystems hierzulande auszudrücken."

Die Auslastung des Staatsschauspiels Stuttgart ist seit Armin Petras' Intendanz merklich gesunken, schreibt SZlerin Adrienne Braun in einem Überblick über die Situation am Hause. Was ihr aufgefallen ist: "Während Petras als Autor und Regisseur omnipräsent, fast hyperaktiv ist, bleibt er als Intendant zurückhaltend - und scheint den Dialog auch im eigenen Haus nicht zu suchen. Anders lässt sich nicht erklären, dass in diesen drei Jahren mehrfach Produktionen herauskamen, die so katastrophal missrieten, dass man sich fragen musste, wie es an einem Staatstheater zu solchen Ausreißern kommen kann."

Weiteres: Dorion Weickmann berichtet in der SZ vom Tanzkongress des Bundes in Hannover. Für die taz resümiert Dorothea Marcus das Impulse-Festival in Düsseldorf.
Archiv: Bühne