9punkt - Die Debattenrundschau

Barmherzige Grundrechte

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.04.2016. Im Perlentaucher meint Wolfram Schütte zur Staatsaffäre um Jan Böhmermann: Auch trotz performativer Rücktrittsversicherung ist sein Schmähgedicht auf Erdogan keine Satire. In der NZZ betont der marokkanische Autor Mahi Binebine: Islamisten sind nicht die missratenen Söhne des Arabischen Frühlings, sondern der Diktatur. Die taz erlebt Ähnliches in Indonesien. Die Presse staunt dagegen über eine neue Heimatverbundenheit.

Europa

In der Staatsaffäre um Jan Böhmermanns Schmähgedicht sieht sich Wolfram Schütte im Perlentaucher ganz und gar nicht auf der Seite Böhmermanns, und er kritisiert besonders die berühmte Verkapselung des Gedichts in eine performative Rücktrittsversicherung: "Die Dialektik, mit der er sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Dreck ziehen möchte, den er als Reimeschmied angerichtet hat, ist aber etwa so schlüssig, wie wenn einem jemand mit schussbereiter Pistole versicherte: "Ich zeige dir jetzt einmal, was ich dir nicht antun darf, weil ich dann als Mörder belangt würde" & darauf losdrückt, aber aufgrund seiner Schutzbehauptung, es nicht ernst gemeint zu haben, mit einen Freispruch wegen seines jokosen Totschlags rechnet."

Heribert Prantl, dessen kompetentes Urteil Schütte in seinem Artikel ersehnt, will in seinem Kommentar in der SZ die Sache so schnell wie möglich an die Justiz abgeben: "Die Meinungsfreiheit und die Kunstfreiheit sind ebenso große wie barmherzige Grundrechte: Die Meinungsfreiheit deckt auch Gedanken, die viele als Krampf oder Schwachsinn qualifizieren mögen; und die Kunstfreiheit deckt auch Produkte, die viele für unsäglich halten mögen."

In der FR kommentiert Christian Bommarius die Affäre etwas genervt: "Böhmermann hat Witz, aber sein Witz hat keine Substanz. Er richtet seinen Blick nicht auf die repressive Politik des türkischen Präsidenten, er schielt nur auf die Reaktion der Medien. Über die kann er sich nicht beklagen."
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Gesellschaft

Eine neue Affinität zum Wort "Heimat" diagnostiziert Anne-Catherine Simon in der Presse - und zwar in der Folge der Flüchtlingskrise auch bei Linken: "Geht es um sie, die Flüchtlinge, werden übrigens auch Verächter des Wortes Heimat inkonsequent. Ganz selbstverständlich schreibt auch die taz, dass diese Menschen ihre Heimat verloren haben und eine neue brauchen."
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Stichwörter: Flüchtlingskrise

Urheberrecht

Konzertagent Berthold Seliger wirft Justizminister Heiko Maas in der Jungle World (jetzt online) vor, die wichtigsten Neuerungen seines Gesetzentwurfs zur Novellierung des Urheberrechts auf Druck der Verwerterindustrien schon einkassiert zu haben - und er wendet sich ausdrücklich gegen einen FAZ-Artikels von Andreas Rötzer (Matthes & Seitz), der die Verlegerposition verfocht (unser Resümee): "Die alten Modelle sind im digitalen Zeitalter überlebt. Neue Modelle der Zusammenarbeit von Künstlern und Verlagen oder Plattenfirmen werden reüssieren - und diese Modelle werden von Transparenz und Fairness bestimmt sein. Wäre es nicht wunderbar, ein so fähiger Verleger wie Andreas Rötzer würde sich, statt wortreich ein veraltetes, patriarchalisch geprägtes Urheberrechtsmodell zu verteidigen, an die Spitze einer Bewegung setzen, die es für selbstverständlich erachtet, dass Urheber umfangreiche Rechte erhalten, weil nur so eine wirkliche Partnerschaft zwischen Urhebern und Verwertern entstehen kann?"
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Politik

Seit den Anschlägen von 2003 in Casablanca arbeitet der marokkanische Maler und Autor Mahi Binebine mit verarmten Jugendlichen, aus denen Islamisten so gern menschliche Bomben machen. Im NZZ-Interview mit Michaela Maria Müller erzählt er, wie der Fundamentalismus überhaupt in Marokko Fuß fassen konnte: "In den 1970er Jahren Geld aus den Golfstaaten anzunehmen, war ein Fehler. Es brachte zwar Universitäten und Krankenhäuser, aber auch den Wahhabismus ins Land, der nun Fuß gefasst hat. Trotzdem sind die Islamisten nicht die schlechten Söhne des Arabischen Frühlings. Sie sind letztlich das Erbe der Misswirtschaft der Diktatoren in den vergangenen Jahrzehnten."

Marc Zitzman war für die NZZ bei einem der neuen Nothilfe-Kurse "Les gestes qui sauvent", die derzeit überall in Frankreich stattfinden und in denen man lernt, nach einem Attentat Verletzte zu versorgen: "Ohnmächtige werden zunächst bloß in stabile Seitenlage gebracht. Priorität hat die Stillung schwerer Blutungen. Arme und Beine können relativ rasch abgebunden werden, wobei es die Uhrzeit zu notieren gilt - 'etwa mit Blut auf der Stirn des Opfers."

Sehr ausführlich berichtet Christian Wolf in der taz vom Überfall auf ein Festival zu Frauenrechten im indonesischen Yogyakarta, bei dem Islamisten im Verbund mit der Polizei agierten: "Der Grund für die zunehmende Intoleranz und Gewalt gegen Andersdenkende und 'Anderslebende' liegt nicht nur in der oft beklagten massiven Missionsarbeit, die wahhabitische Prediger in Indonesien seit einigen Jahren verstärkt leisten. Dass diese auf so fruchtbaren Boden fällt, liegt vor allem an der noch immer kaum aufgearbeiteten Diktaturzeit in der postkolonialen Phase des jungen Nationalstaats."

Weiteres: In der Bloomberg Businessweek beschreibt David Kocienewski, wie ungern die Herolde der Sharing Economy teilen: Uber hat seine IP-Adresse auf die Bahamas verlegt, weswegen es nur noch 2 Porzent seines Gewinns in den USA versteuern muss. Nach den Recherchen zum geraubten Modigliani im Zuge der Panama Papers meldet die SZ, dass im Freeport von Genf das Gemälde beschlagnahmt wurde.
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