9punkt - Die Debattenrundschau

Es bedarf größerer Reformen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.09.2015. "Die Verwirrung über Deutschland ist vor allem eine Krise der Klischees", schreibt Herfried Münkler im Tagesspiegel. Erst weigert sich Deutschland, in der Krise zu intervenieren, dann ruft es die Flüchtlinge zu sich, staunt der britische Politologe Anthony Glees im Deutschlandfunk. Jörg Baberowski will die Flüchtlingskrise in der FAZ überhaupt nicht bewältigen. Im New Yorker fragt Tim Wu: Was wurde aus Google Books?

Europa

Das plötzliche Erstaunen über Deutschlands Großzügigkeit sagt mehr über die Erstaunten als über Deutschland, findet Herfried Münkler im Tagesspiegel: "Die Kontrastbeschreibung Deutschlands, die als so verwirrend und widersprüchlich bezeichnet wird, zeigt vor allem die Klischees, die im Deutschlandbild der Nachbarn immer noch virulent sind. Die Verwirrung über Deutschland ist vor allem eine Krise der Klischees."

Münkler bezieht sich auch auf ein Deutschlandfunk-Gespräch mit dem britischen Politologen Anthony Glees, der Deutschlands Verhalten als "Hippie-Staat" überhaupt nicht fassen konnte. "Großbritannien mischt sich schon militärisch in den Kampf, den Lebenskampf gegen den sogenannten Islamistischen Staat ein. Deutschland dagegen hält sich immer auch aus diesen Sachen heraus. Aber dann zur gleichen Zeit zu sagen zu den verzweifelten, armen Völkern in Syrien und in Irak, bitte kommt in die Bundesrepublik, scheint vielen Briten unsinnig zu sein."

Der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski schlägt in der FAZ scharfe Töne an. Er will sich nicht von "ahnungslosen Fernsehpredigern und überforderten Politikern" belehren lassen müssen, was moralisch geboten sei: "Natürlich kann die jährliche Einwanderung von 500.000 Menschen technisch bewältigt werden. Aber wollen wir sie auch bewältigen? Diese Frage hat niemand gestellt. Hat überhaupt ein Politiker je darüber nachgedacht, was das Gerede von der Willkommenskultur bewirkt?"

In der FAS durfte Giannis Varoufakis als neuer Zizek über das moralische Deutschland und die Flüchtlinge, Griechenland und Kants praktische Vernunft sinnieren: "Es bedarf größerer Reformen."

Letztlich sind es die Immobilienpreise, die zur Kür Jeremy Corbyns als neuem Labour-Chef führten, schreibt Thomas Kielinger in der Welt: "Der größte Skandal ist der fast zum Stillstand gekommene Bau von bezahlbaren Sozialwohnungen, sei es zur Miete oder zum Kauf. Das Angebot im freien Markt liegt jenseits der meisten Menschen, sich jemals eine eigene Immobilie, das Herzstück des britischen Traums, leisten zu können. Schon für die Anzahlung auf eine Hypothek reichen Einkommen oder Ersparnisse nicht mehr aus." Im New Yorker porträtiert Anthony Lane den neuen Labour-Chef.
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Kulturpolitik

Der Kunsthistoriker Ulrich Pfisterer will in München ein akademisches Zentrum für Kulturgutforschung einrichten, im SZ-Interview mit Kia Vahland umreißt er das Projekt, das NS-Geschichte, DDR-Erbe, Kolonialzeit und aktuelle Raubgrabungen und Zerstörungen erforschen soll. Aber auch den Markt: "Alles, was mit Geld zu tun hat, gilt als weniger wert in der akademischen Welt. Es schien immer, als fehle da die intellektuelle Herausforderung. Hinzu kommt, dass sich viele Museen lange gescheut haben, genauer in ihre Depots zu schauen, aus Angst vor dem, was dann alles an die Oberfläche kommen könnte."

Internet

Tim Wu fragt im New Yorker, was aus dem Google Book-Projekt geworden ist, das seit Jahren trotz einer Einigung, die dann wieder kassiert wurde, auf Eis liegt, weil eigentlich der amerikanische Kongress aufgerufen wäre, ein neues Copyright-Gesetz zu formulieren. Der Autor gibt Google Schuld am jetzigen Zustand, weil es das Projekt nicht von vornherein als "not for profit" deklariert habe. Aber die anderen Parteien sind ebenfalls schuld: "Autoren und Verleger waren trotz des späteren Settlement zu schwierig und verschwörungstheoretisch, vor allem wenn es darum ging, abstrakte und oft wertlose Rechte gegen das öffentliche Interesse abzugrenzen. Und Medien und Gerichte waren zu sehr darauf versessen, das Settlement abzuschießen, statt es zu verbessern, so dass das Projekt um ein Jahrzehnt oder mehr zurückgeworfen wurde."die New York Times meldet unterdessen, dass Tim Wu ins Büro der New Yorker Staatsanwaltschaft eintritt, um bei Prozessen mit Technologiekonzernen zu beraten.

In der SZ berichtet Tim Leberecht von Versuchen, der Internet-Ökonomie wieder etwas mehr Romantik und Authentizität einzuhauchen: "Von der School of Poetic Computation in New York, die Softwareentwickler als Dichter ausbildet, zu geheimen Event-Reihen wie Secret Cinema oder Underground Supper Clubs, die die flüchtige Begegnung, den Zauber der Ahnung und Mehrdeutigkeit zelebrieren. Etsy, die E-Commerce-Plattform für handgefertigte Produkte, unterhält sogar einen internen Geheimbund mit der Aufgabe den Arbeitsplatz zu verzaubern: das "Ministry of Unusal Business"."
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Gesellschaft

Die Inderin Reshma Bano Qureshi imitiert in ihrem Video Youtube-Schönheitstipps, um Säureattacken auf Frauen anzuprangern und den freien Verkauf von Schwefelsäure verbieten zu lassen, berichtet Claire Richard bei Rue89. Ihr Video hat sich weltweit verbreitet: "Die Zahl der Säureattacken ist in den letzten fünf Jahren in Indien stark angestiegen. Sie gelten zumeist Frauen, zum Beispiel weil sie eine Heirat oder sexuelle Kontakte verweigern, weil ihre Mitgift zu klein ist, wegen Familienstreitigkeiten oder aus Strafe, dass sie keine Söhne geboren hat... Diese Attacken stehen unter Strafe, aber viele prangern einen mangelnden politischen Willen zur Strafverfolgung an."



John Lanchester
, Autor des viel beachteten Romans "Kapital" redet mit Arno Widmann in der FR über sein neues Buch "Die Sprache des Geldes", in dem er bestimmte geläufige Begriffe untersucht - zum Beispiel die "Austerität": "Es geht nicht um austeritas - das ist Latein und heißt so viel wie streng und ernst -, sondern darum, bestimmten Leuten Geld wegzunehmen. Das ist etwas sehr Konkretes, das man sich sehr genau anschauen muss. "Austerität" ist eine Vokabel, die dazu da ist, Einschnitte in den Staatsausgaben, die konkrete Personen betreffen, moralisch zu unterlegen und wertorientiert klingen zu lassen."

Martin Zähringer wirft in der NZZ einen Blick auf die Asiaten in Amerika, die "aus dem Schatten der Geschichte" herauszutreten versuchen: "Am Anfang stand der Drang, sie am Rand zu placieren oder gar unsichtbar zu machen. Ein frühes Beispiel dafür sind die chinesischen Eisenbahnarbeiter, die zu Zehntausenden am Bau der First Transcontinental Railroad beteiligt waren."
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Ideen

Iris Radischs großes Zeit-Interview mit Giorgio Agamben vom 27. August steht jetzt online - hier unser Resümee und der Link.
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Stichwörter: Giorgio Agamben

Medien

Ralph Bollmann und Inge Kloepfer gehen in der FAS der interessanten Frage nach, wie umstandslos das Thema Flüchtlinge die Griechenlandkrise als alles beherrschendes Medienthema ablösen konnte. Leider landen sie bei einem Medienwissenschaftler: "Vieles kommt zusammen, sagt der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger. Die Aufmerksamkeit des Durchschnittsdeutschen reiche heute nur noch für ein oder maximal zwei Themen. Vor einigen Jahren seien es noch drei oder vier gewesen." Woher der Mann das weiß, erfahren wir nicht.

Stefan Niggemeier fragt zudem in der FAS, ob der heutige Start des Mediendienstes Blendle das Ende des gebündelten Journalismus einläutet.
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