Efeu - Die Kulturrundschau

Parodie auf das Anderssein

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.09.2015. Auf der Ruhrtriennale hatte Wagners "Rheingold" Premiere: Ein schlankes Wunder hörte die Welt - dank Dirigent Teodor Currentzis. Politischen Wagner-Rezeptionsmüll sah die FAZ - dank Regisseur Johan Simons. SZ und FAZ entwickeln politische Fantasie bei Matthias Lilienthals Münchner Aktion "Shabbyshabby apartments". Sehr unzufrieden sind die Filmkritiker mit dem Goldenen Löwen für Lorenzo Vigas' Mafiafilm "Desde allá" in Venedig. Und der Komponist Karlheinz Essl möchte, dass wir morgen seine Klanginstallation WebernUhrWerk abspielen - und zwar möglichst laut!

Bühne



Mit Wucht und Prunk, sowie elektronischer Verstärkung und Modifikation hat Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale, Wagners "Rheingold" in der Jahrhunderthalle in Bochum zur Aufführung gebracht. Passt alles, lobt Elmar Krekeler in der Welt. In Schwingungen versetzt ihn aber vor allem die von Teodor Currentzis dirigierte Musik: "Currentzis entfesselt - während über dem Fensterdach der Jahrhunderthalle eine regelrechte Sintflut niedergeht und sich akustisch einmischt, wie von Vainio erfunden - ein strenges, filigran flirrendes, enorm tiefenscharfes Ritual, dem es trotzdem nicht an Blut mangelt... Eigentlich ein Paradox. Ein schlankes Wunder." Auch Regine Müller nähert sich dem Abend in der taz vor allem musikästhetisch: Kenntlich werde Wagner in seinen kühnsten Momenten auch als ein Komponist, der "die Techniken der Geräuschmusik des 20. und 21. Jahrhunderts erstmals kühn vorwegnimmt".

Inszenierung samt Musik findet Markus Schwerig in der FR zwar exquisit, doch dass Simons Wagner zu den Klassenkämpfern Proudhon und Marx gesellt, lässt Vorbehalte wach werden: "Dass Wagners Revolutionsenthusiasmus immer antisemitisch getränkt und nicht sonderlich vertrauenswürdig war, unterschlägt der Regisseur. Auch die Parallelisierung von "Ring" und Ruhr-Historie überzeugt nicht wirklich: Im Ruhrgebiet herrscht keine revolutionäre Situation, sondern vor allem - Arbeitslosigkeit." Gerade von diesen politischen Aufladungen hat Eleonore Büning, die kurz zuvor noch eine offenbar sehr zauberhafte "Rheingold"-Inszenierung in Minden (mehr) sah, in der FAZ die Nase voll: In Bochum werde "wieder der große Kübel mit politischem Wagner-Rezeptionsmüll ausgeleert." Michael Stallknecht bezeugt in der SZ einen "seltsam leeren Abend".

In München zelebriert Matthias Lilienthal seinen Antritt als Intendant der Kammerspiele nicht mit einem Premierenabend im Hause, sondern mit der Aktion "Shabbyshabby apartments", die im öffentlichen Raum der Stadt den angespannten Wohnungsmarkt thematisieren will. Dass dies genau an jenem Abend geschieht, an dem die Stadt sich am Hauptbahnhof zusehends außer Stande sieht, Flüchtlingshilfe zu leisten, ist Ironie des Schicksals, wie Gerhard Matzig, der in einem der Shabby Apartments im Brunnen übernachtete, in der SZ melancholisch berichtet: "Für die Flüchtlinge, die seit Tagen in der Stadt zu Zehntausenden ankommen, fehlten zu diesem Zeitpunkt wenigstens 1500 Betten, Lager, Hilfe, Betreuung, Essen, Perspektive. Irgendwas. Ja, Hoffnung. Ist dieser Zeitpunkt fatal? Oder sogar perfekt? Im Grunde: beides." Patrick Bahners notiert in der FAZ: "Ohne didaktische Umbauten regen die aus Europaletten zusammengenagelten Nachtquartiere die politische Phantasie an." Steffen Becker, der für die Nachtkritik in einer gelben Badewanne übernachtete (Bild), hatte seinen Spaß, gibt aber auch zu, dass hier eher die Mittelschicht der Luxusklasse eine Nase dreht: "Eine Auseinandersetzung mit der Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich findet weniger statt." (Bild: Steffen Becker für die nachtkritik)

Weiteres: Der vierstündige Saisonauftakt an der Berliner Volksbühne mit dem Performancekünstler Paul McCarthy hat Birgit Rieger nicht gerade umgehauen: "Business as usual", seufzt sie im Tagesspiegel. Auch Leander Haußmanns Brecht-Inszenierung "Der Gute Mensch von Sezuan" am Berliner Ensemble will nicht recht zünden, wenn man Christine Wahl im Tagesspiegel glauben darf: "Die Inszenierungsmittel [entstammen] dem tiefen Griff in die Mottenkiste." Auch Peter Laudenbach resigniert in der SZ angesichts dieses "fürchterlich bemühten" Abends. Besprochen wird außerdem das am Heimathafen Neukölln aufgeführte Recherchestück "Aktion N" (taz).
Archiv: Bühne

Musik

(Via Sperrsitz): Vor siebzig Jahren wurde Anton Webern aus Versehen erschossen. Der Komponist Karlheinz Essl möchte zum siebzigsten Todestag an Webern erinnern: "Am heurigen 15. September soll an verschiedenen Orten meine generative Klanginstallation WebernUhrWerk laufen: Jede Viertelstunde ertönt eine kurze Glockenmelodie, die aus der Zwölftonreihe von Weberns letzter, aber nicht ausgeführten Komposition abgeleitet ist. Dafür benötige ich eure Hilfe: Bitte ladet die Software dieses Stückes herunter und startet sie. Wer möchte, kann einen Lautsprecher ins Fenster stellen und seine Umgebung damit beschallen - als virtuelles Glockenspiel, zu Ehren Anton Weberns."

Hier kann man schon etwas hören:



Nadine Lange vom Tagesspiegel hatte wenig Vergnügen beim ersten Lollapalooza-Festival in Berlin: "Was für ein Debakel: Menschenschlangen, überall Menschenschlangen." Auch ihr Kollege Gerrit Bartels kann im Kommentar darunter nur seufzen: "So gehört sich das bei Lollapalooza: Indifferenz ist Trumpf. "Be different" und "Be Alternative" steht rechts und links groß auf der Alternative Stage. Gegenüber jedoch dürfen und müssen alle modernen Individualisten an Merchandising-Buden ihre Bändchen mit Karten oder Bargeld nachladen. Wie eine Parodie auf das Anderssein wirken die (...) Aufrufe."

Worüber rappt man, wenn Politik und Religion tabu sind? Jannis Hagmann lässt sich für die taz in Saudi-Arbabien aufklären: "Ali Bash lacht: "Es geht ums Angeben." Saudischer HipHop unterscheide sich in vielem von US-HipHop, aber nicht darin. Auf das Gangstergehabe müsse man allerdings verzichten. Dissen, fluchen, Drogen und Bitches, das komme in Saudi-Arabien nicht gut an. "Das ist nicht unser Lifestyle.""

Weiteres: Die Dirigenten Kiril Petrenko (43) in Berlin, Lionel Bringuier (28) in Zürich und noch viele weitere mehr: "So jung wie jetzt wirkte die klassische Musik lange nicht mehr", staunt Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Holger Pauler schreibt in der Jungle World über den Experimentalmusiker Terry Riley, dem die Ruhrtriennale kürzlich die Reverenz erwies. Udo Badelt (Tagesspiegel) besucht Elena Bashkirova, die Leiterin des Jerusalemer Kammermusikfestivals. The Quietus bringt einen Auszug aus Dave Haslams neuem Buch "After Dark" über die Geschichte britischer Nachtclubs.

Besprochen werden ein Konzert von András Schiff (FR), ein von 3sat ausgestrahltes Konzert von Rainald Grebe (FR), Shantels neues Album "Viva Diaspora" (FR), ein von Christian Thielemann dirigiertes Konzert in München (SZ) und Don Henleys "Cass County" (FAZ).
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Architektur

Michael Mönninger stellt in der SZ eine Gesamtausgabe der Schriften des Architekten Peter Behrens vor: Dessen "Schönheitspostulate wollten die Technik der Kunst unterwerfen: Weil die Formgesetze der Konstruktion nur eine "Pseudoästhetik" ergäben, müsse der Künstler durch Verkleidung den nackten Eisengerüsten (...) Geschlossenheit und Plastizität verleihen; Architektur solle nicht enthüllen, sondern Raum einschließen. Für Behrens bestand Gestaltung aus Rhythmus und Proportion, um "ästhetisch das Gefühl der Stabilität und Formberuhigung" zu schaffen."
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Archiv: Architektur
Stichwörter: Peter Behrens

Literatur

In der NZZ überlegt Andreas Pflitsch, warum der syrisch-libanesische Lyriker Adonis die Situation in Syrien so unklar kommentiert und kommt zu dem Schluss, dass Adonis einfach eine "politische Indienstnahme der Literatur" ablehnt, was "keinesfalls mit einer Leugnung ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu verwechseln. Im Gegenteil geht es ihm um die Verteidigung der den Künsten eigenen Erkenntnismodi mit all ihren begriffsauflösenden und damit politischen Implikationen gegen ihre feindliche Übernahme durch die Engführungen des politischen Diskurses."

Im Interview mit dem Standard hat die Schriftstellerin Samar Yazbek, die aus Syrien fliehen musste, kein Problem mit politischen Aussagen. Ihrer Ansicht nach konnte die Gewalt dort derart eskalieren, weil der Westen Assad ungehindert hat wüten lassen: "Die Welt weiß, was in Syrien geschieht. Alle Dokumente und Beweise zu den Kriegsverbrechen des Assad-Regimes wurden den Vereinten Nationen vorgelegt, und zwar noch vor dem Auftauchen von IS und ähnlicher Gruppierungen. Aber die großen Länder, einschließlich der USA, verhielten sich angesichts all der Massaker, die Assad an seinem Volk verübte, neutral. Später erklärten sie, der Terrorismus, den der IS repräsentiere, stelle eine Gefahr für die zivilisierte Welt dar. Sie verkündeten, sie würden den IS bekämpfen. Das ist Heuchelei!"

Schade: Der unter dem Pseudonym Adrian Jones Pearson veröffentlichte Roman "Cow Country" stammt nicht, wie kürzlich spekuliert wurde, von Thomas Pynchon, sondern von A. J. Perry, wie Recherchen der New Republic ergaben. Astrid Kaminski stellt in der Berliner Zeitung Regeln dafür auf, welche Autoren in welcher Phase ihrer Karriere das Publikum des Internationalen Literaturfestivals in Berlin (von dessen ersten Veranstaltungen Thomas Hummitzsch in der taz berichtet) langweilen dürfen und welche nicht. Die FAZ dokumentiert Javier Marías" auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin gehaltene Eröffnungsrede.

Besprochen werden Heinz Helles Endzeitroman "Eigentlich müssten wir tanzen" (Tagesspiegel, mehr), Kazuo Ishiguros "Der begrabene Riese" (Tagesspiegel, mehr) und Liliana Corobcas "Der erste Horizont meines Lebens" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie denkt die Lyrikerin Silke Scheuermann über Les Murrays Gedicht "Die Zukunft"nach:

"Es gibt nichts über sie. Viel Science-Fiction spielt dort,
sagt aber nichts über sie. Prophezeiung sagt nichts über sie.
..."
Archiv: Literatur

Kunst


Hufschmiede bei der Arbeit. Juni 1943. Fotograf anonym. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Wie sehr sich unser Bild von Arbeit verändert hat, staunt NZZ-Rezensent Thomas Ribi beim Gang durch die Ausstellung "Arbeit. Fotografien 1860-2015" im Landesmuseum Zürich: "Der Metzger, der 1908 vor aufgeschnittenen Schweinen steht, hat ein anderes Verhältnis zu seinem Beruf als die Näherin, die sich um 1940 mit Dutzenden von Kolleginnen in einer Halle über die Nähmaschine beugt. Und was ist mit der Software-Ingenieurin, die bei Google zwischen Bananenstauden in einem Sofa am Laptop sitzt? Ein Bild der Arbeit? Die Herren von der Uhrenfabrik würden sich wundern."

Gute Nachricht, die Tilman Baumgärtel in der taz verkündet: "LOL Cats sind kunstausstellungskompatibel geworden". Überzeugen kann man sich davon in der Ausstellung "Porn to Pizza - Domestic Clichés" in der DAM Galerie in Berlin. Zu sehen gibt es dort Kunst, die sich an den Bildwelten des Internets nährt: Dieses wird "von der Menschheit heute scheinbar vorzugsweise zur Verbreitung von Katzenvideos und Witzbildchen genutzt. So entsteht einerseits eine Art digitales Biedermeier, bei dem sich die Nutzer online so nett und unanstößig wie möglich zu präsentieren versuchen. Es findet sich freilich aber auch eine uferlose Onlinekloake, in der jeder seine Macken und Sauereien, seine Neurosen und Perversionen mit der Weltbevölkerung teilen kann."

Weiteres: Nicht ganz so kritisch wie ihre Kollegen (etwa Hanno Rauterberg in der Zeit) sieht Sabine Küper-Busch von der Jungle World die Biennale in Istanbul. Besprochen werden die Reinhold-Ewald-Ausstellung in Frankfurt (FR) nnd die Berliner Ausstellung in der Akademie der Künste des Käthe-Kollwitz-Preisträgers Bernard Frize, der "alles tut, um die Malerei zu entmythologisieren", wie Christiane Meixner im Tagesspiegel schreibt.
Archiv: Kunst

Film


Szene aus Lorenzo Vigas" "Desde alla"

Die Löwen sind erlegt, das Filmfestival in Venedig ist beendet. Dass dieser Jahrgang nicht gerade als Glanzstunde in die Geschichte des ältesten Filmfestivals eingehen wird, darüber ist sich die Kritik im Großen und Ganzen ziemlich einig. Dass die Jury unter dem Vorsitz von Alfonso Cuarón ausgerechnet Lorenzo Vigas" offenbar recht risikoarmes Spielfilmdebüt "Desde allá" über eine faschistoide Mafiasippe mit dem Goldenen Löwen auszeichnen würde, hatte auch niemand kommen sehen. Keine gute Entscheidung, wie Cristina Nord in der taz meint: Im Gegensatz zu den wenigen gelungenen Wettbewerbsfilmen ruht sich dieser "auf Formeln aus, die sich in den letzten 12, 15 Jahre im Weltkino entwickelt haben". Auf ZeitOnline bedauert Jan Schulz-Ojala, "dass die Jury, eindeutig story-driven, sich anderen mutigen, radikalen Formen des Kinos verschloss", Daniel Kothenschulte schließt sich dem in der FR an. Im Tagesspiegel hält Christiane Peitz den Jahrgang zwar für gelungen, hätte sich aber Auszeichnungen für die Dokumentarfilme "Rabin - The Last Day" von Amoz Gitai und "Behemoth" von Zhao Liang gewünscht. Im Standard resümiert Dominik Kamalzadeh.

Sehr zufrieden zeigt sich dagegen Verena Lueken in der FAZ mit dem Preis für Viga, da es sich um ein Debüt und um den ersten in Venedig gezeigten Film aus Venezuela handele: Und das ist ihrer Ansicht nach "alle Preise wert". Auch Susan Vahabzadeh übt sich in SZ in der Tugend der leicht erfülbaren Ansprüche: Immerhin hat Johnny Depp seinen neuen Film hier - und nicht in Toronto - präsentiert und das Programm war "richtig schön".

Weitere Artikel: Anderenorts steht unterdessen die Kritik selbst auf dem Prüfstand: Kritiken seien ihm zwar "wirklich egal", beteuert Daniel Brühl gegenüber Anja Reich in der Berliner Zeitung. Doch wirklich abnehmen kann man ihm diese zur Schau gestellte Indifferenz angesichts solcher Ausbrüche nicht: "Wer da alles meint, etwas zu können! Wer sich heutzutage alles Journalist nennt! Und was es alles für Formate gibt, was für lächerliche Zeitschriften und Online-Dinger! Und was für Schmierfinken da arbeiten! Kritiker, die keinen blassen Schimmer von Filmen haben!" Im Interview mit dem Standard spricht Viggo Mortensen über seinen neuen Film, den Algerien-Western "Den Menschen so fern", und über Camus, dessen Novelle "Der Gast" die Vorlage für den Film liefert.

Tobias Sedlmaier empfiehlt in der SZ eine kleine Online-Retrospektive der Filme von G.W. Pabst beim VoD-Anbieter Alleskino. Angie Pohlers stellt im Tagesspiegel die für den First-Steps-Award nominierten Nachwuchsfilme vor.
Archiv: Film