9punkt - Die Debattenrundschau

Hochwertiges Buddelzeug

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2015. In der FR verteidigt Navid Kermani den ästhetizistischen Zugang zu Religion. Laut Zeit online hatten die Ermittlungen gegen Netzpolitik eventuell doch ein Gutes für die blamierten Behörden. Die Flüchtlinge sind Flüchtlinge, und keine Migranten, macht Barry Malone in einem Blog von Aljazeera.com klar. Und sie sind keine Refugees und auch kein Strom, ergänzt die Welt. Dort geht auch Güner Balci von Mitte nach Wedding.

Religion

Im Interview mit Joachim Frank von der FR verteidigt der designierte Friedenspreisträger (und nicht zufällige Mosebach-Laudator) Navid Kermani den ästhetizistischen Zugang zu Religion und feiert unverhohlen die Propagandawirkung von Kunst: "Die göttliche Wahrheit ist nicht in erster Linie etwas, was uns intellektuell einleuchtet, sondern das wir zumal in Momenten höchster Verzückung und Not als eine Wirklichkeit erfahren. In ihren ästhetischen Vermittlungen überwältigt uns diese Wirklichkeit, sie reißt uns mit, verschlingt uns, aber sie macht uns etwa in der Musik einfach auch Freude, wir genießen sie auch. Mir scheint, ein wesentlicher Grund für den Bedeutungsverlust des Christentums in unseren westlichen Gesellschaften liegt darin, dass die Kirchen so wenig auf die Form achtgeben."
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Politik

Viel geteilt wird auf Twitter ein Kommentar Barry Malones in einem Blog von Aljazeera.com, der den Begriff des Migranten irreführend, ja sogar dehumanisierend findet: "Laut den Vereinten Nationen fliehen die meisten dieser Leute vor Krieg. Die größte Gruppe flieht aus Syrien, einem Land, in dem zwischen 220.000 und 300.000 Mensche in einem eskalierenden Krieg getötet wurden. Viele andere kommen aus Afghanistan, Irak, Libyen, Eritrea und Somalia - alles Länder, deren Flüchtlingen Asyl gegeben wird. Es gibt keine "Migranten"-Krise im Mittelmeer. Es gib eine sehr große Gruppe von Flüchtlingen, die unvorstellbarem Elend ud Hass entkommen will und eine kleinere Zahl von Menschen, die jener Art von Armut entfliehen wollen, die in Verzweiflung führt."

Matthias Heine meditiert in der Welt über den Gebrauch des Wortes "Refugee" in der angesagten Linken, das die Erfahrung der deutschen Flüchtlings- und Vertreibungsgeschichte verdränge, während sich bei konservativen Publizisten ein ähnliches Problem im Begriff "Flüchtlingsstrom" offenbart: "Ein Pfarrer notiert am 28. Januar 1945: "Im ganzen Osten bewegt sich auf allen Straßen ein unendlicher Flüchtlingsstrom gegen Westen." Die Hetzer von heute müssen behaupten, dass die Flüchtlingsströme der Gegenwart natürlich ganz anderer Natur sind als diejenigen, mit denen möglicherweise ihre Großeltern hierher geschwemmt wurden."
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Gesellschaft

In Berlin muss man nur 500 Meter weit gehen, um auf zwei komplett divergierende Deutschlands zu stoßen, schreibt Güner Balci in der Welt, nämlich von den Spielplätzen im neo-bourgeoisen Berlin-Mitte zu den Spielplätzen des proletarischen Wedding (Berlin-West): "Auf den Spielplätzen rund um den Rosenthaler Platz kann man die Eliten von morgen beim Sandburgenbauen beobachten. Sie tragen Petit Bateau und ihre Initialen auf hochwertigem Buddelzeug und werden angeleitet von Omas, Opas, Mamas, Nannys und Weekend-Daddys - meist mehrsprachig. Bei gutem Wetter sieht man die Spielplätze vor lauter Kindern kaum noch, zur gleichen Zeit wirken die Spielplätze im Wedding rund um die Badstraße oft wie ausgestorben. Allgemein verbreitete Theorie dazu: Zu Hause läuft der Fernseher den ganzen Tag. Auf Weddinger Spielplätzen trifft man kiffende Jungs und Väter, mit denen man sich lieber nicht anlegt."
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Europa

Alex Rühle will sich für die SZ das künftige Groß-Paris erfahren, aber die Wahrheit sei: "Die Reise besteht zu elend großen Teilen aus Stunden im Stau. Stehen auf dem Boulevard Périphérique. Aber genau da beginnen ja auch die Probleme von Paris: 35 Kilometer Ringautobahn rund um die Hauptstadt; die befahrenste Straße Europas; ein städtebauliches Steinkorsett, acht bis zehn Spuren breit. Keine andere Hauptstadt hat sich derart eingekesselt. New York oder London konnten ins Umland wuchern, aber Paris steckte im Grunde schon Ende des 19. Jahrhunderts in den Grenzen des heutigen Périphérique fest."

Weiteres: Im Guardian rät Martin Kettle den britischen Politikern, sich mal ein Beispiel an den deutschen zu nehmen.
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Kulturpolitik

Der Archäologe Andreas Schmidt-Colinet erinnert in der FAZ an den von IS-Milizen geköpften Khaled Asaad, der sein Ansprechpartner bei Grabungen in Palmyra war und die Forschung auch organisatorisch erst ermöglichte: "Er sorgte dafür, dass morgens um 5.30 Uhr 80 zuverlässige Arbeiter auf der Grabung standen und ein bei den Arbeitern anerkannter vertrauenswürdiger Vorarbeiter, der alte Haji Saleh, zur Verfügung stand - bei diesem heiklen Unterfangen musste jede Familie in Palmyra entsprechend berücksichtigt werden. Er kümmerte sich darum, dass bei 40 Grad im Schatten jederzeit auf der Grabungsstätte im Gräbertal weitab von der Stadt für alle genügend Trinkwasser vorhanden war, zu den Teepausen Zelte zur Verfügung standen und ein zuverlässiger Wächter angeheuert wurde."

Weiteres: In der FAZ resümiert ein verzweifelter Niklas Maak immer absurdere Weiterungen bei der Realiserung der Einheitswippe vor der Berliner Stadtschlossattrappe.

Medien

In der taz (die sich heute aus dringendem Anlass über weite Strecken mit dem Thema "08/15" befasst) porträtiert Michael Braun die neue RAI-Chefin Monica Maggioni.
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Überwachung

Laut Annika Reich in Zeit.de, die sich auf die Juristin Katharina de la Durantaye bezieht, könnten die Ermittlungen gegen Netzpolitik.org Zwecken gedient haben, die zuerst nicht offensichtlich waren. Ein Verdacht wie der des Landesverrats erlaubt den Behörden Ermittlungen und Abhörmaßnahmen, die sie sonst nie durchbekommen würden mit bleibendem Schaden: "Whistleblower wären also schön blöd, wenn sie ihr Wissen weiterhin einer Plattform zur Verfügung stellen würden, die schon einmal in dieser Form im Fokus beziehungsweise den Fingern der Ermittler waren. Der warmen Spendendusche, über die sich netzpolitik.org freuen durfte, könnte also eine harte Informations-Eiszeit folgen." Durantaye hat sich an den UN-Sonderberichterstatter zur Meinungsfreiheit gewandt.
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