Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Findlingsblock

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14.04.2015. Günter Grass ist tot. Die Feuilletons haben ihn noch nicht bewältigt. Den freiesten Blick hat der Guardian. Die FAZ verabschiedet ihn ziemlich kaltschnäuzig, die SZ bringt eine Menge Stoff, die taz bekennt: "Irgendwo ist auch eine Dankbarkeit dafür da, dass man nicht in seiner Haut stecken musste." Eine leidenschaftliche Verteidigung bringt ausgerechnet Springers Welt. Und Salman Rushdie rauft sich die Haare über das Verhältnis deutscher Journalisten zu ihrem Nationaldichter.

Literatur

Feuilletons auf Halbmast: Günter Grass ist tot. Die Nachrufe in der deutschen Presse sind zumeist sehr kühl.

Ziemlich kaltschnäuzig klingen die beiden Nachrufe in der Print-FAZ. Andreas Platthaus spricht nochmal die Skandalisierung von Grass" spätem SS-Geständnis durch Frank Schirrmacher an: "In dieser Zeitung, die Auszüge daraus vorabdruckte, wurde die beiläufige Erwähnung des Autors, er habe bei Kriegsende der Waffen-SS angehört, als das erkannt, was sie war: die Enthüllung einer Tatsache, die alles in Frage stellte, was Grass als öffentliche Person für sich in Anspruch nahm." Platthaus" Urteil ist trotz konzedierter literarischer Bedeutung hart: "Seine Zeit sollte sich Günter Grass beugen. Nun hat sie ihn gebeugt." Auch für Hubert Spiegel, der zu Grass den Leitartikel auf Seite 1 schreibt, bilden der Erfolg der "Blechtrommel und das zu späte SS-Geständnis "eine eiserne Klammer, in der Grass stak wie in einer Panzerung: geschützt und gefangen zugleich."

Die Süddeutsche, die Grass letztes israelfeindliches Gedicht brachte und ihm politisch näher stand, macht wesentlich mehr als die FAZ, insgesamt vier Seiten. Thomas Steinfeld schreibt eine Seite 3, die Grass jenseits der politischen Streitigkeiten literarisch würdigt. Er konstatiert, dass sich Grass" Werk "auf die wenigen Jahre zwischen dem Zusammenbruch der Ostfront und der Erneuerung Deutschlands als demokratischer Staat" konzentriere. "Um diese weltgeschichtliche Zäsur dreht sich das gesamte Oeuvre dieses Schriftstellers." Lothar Müller macht im Leitartikel auf Seite 4 auf Grass" in Deutschland zu wenig gewürdigten internationalen Einfluss, etwa auf Salman Rushdie und Orhan Pamuk aufmerksam. Im Feuilleton verteidigt Franziska Augstein Grass" langes Schweigen zur SS.

Eine wirklich leidenschaftliche Verteidigung Grass" kommt, ähem, ausgerechnet aus der "Springer-Presse". Eckhard Fuhr insistiert in der Welt, das Grass kein "Ein-Buch-Autor" war: " Er selbst hielt .. "Hundejahre" für sein bestes Buch. Sein formal anspruchsvollstes und für den Leser schwierigstes ist es auf jeden Fall. Die gesamte "Danziger Trilogie" bildet einen Kern, dessen Strahlungen das gesamte Werk durchdringen." Zum späten SS-Geständnis schreibt Fuhr: "Grass sprach selbst von lebenslanger Verdrängung und traf, womit er nicht gerechnet hatte, bei den Medien auf die Bereitschaft hemmungsloser Skandalisierung. Jetzt hatte man ihn endlich am Haken, den ewigen Dreinredner und Moralprediger. Ein Sturm der Häme brach los, der dem distanzierten Beobachter durchaus Anlass gab, sich über den geistigen Zustand des Landes Gedanken zu machen."

Außerdem in der deutschen Presse: Unaufgeregt umkreist tazler Dirk Knipphals in einem der lesenswertesten Nachrufe den öffentlichen und literarischen Grass sowie dessen Schaffen und Wirken: "Irgendwo ist auch eine Dankbarkeit dafür da, dass man nicht in seiner Haut stecken musste." Hier ende "ein exemplarisches deutsches Leben", schreibt Jochen Hieber im FAZ.Net. Ist die Bundesrepublik jemals mit dem "staatsmännischen Moralapostel" fertig geworden, fragt sich Christian Thomas in der FR. Etwas genervt fällt Rüdiger Schapers kurzer Nachruf im Tagesspiegel aus, fand er am öffentlichen Grass manches eher unangenehm: "Es hilft den Büchern, wenn man sie befreit von der Last der Eitelkeit und der Moral des Tages. Dann kann und wird bleiben: die Literatur." Wolfram Schütte schreibt im CulturMag: "Das "Befremdliche" an Günter Grassens Literatur war die teils aus dem Barock (unter anderem Allegorien), teils aber aus der Moderne stammende Zurichtung seiner Stoffe mit spielerischen Allusionen & erzählerischen Perspektivbrechungen" Weitere Nachrufe schreiben Helmut Böttiger (Zeit), Ulrich Rüdenauer (Zeit), Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel), Irene Helmes (SZ) und Roman Bucheli (NZZ). Die NZZ hat außerdem Stimmen gesammelt von Volker Schlöndorff, Peter von Matt, Alexander Kluge ("Günter Grass ist ein Findlingsblock. Wo er hingerollt ist, wird es nichts Zweites geben"), Ingo Schulze, Heinrich Detering, Georg Klein, Adam Zagajewski und Marko Martin.

Den vielleicht schönsten, weil kenntnisreichsten und sympathisierenden Nachruf hat der britische Journalist Jonathan Steele im Guardian geschrieben - ein großes Porträt, dass Grass als ganzen Menschen zeichnet und auch die Bedeutung seiner Bücher erkennt, etwa von Grass" später Novelle "Im Krebsgang": "Das Schicksal dieser Schiffsladung von Zivilisten wie das von Millionen Vertriebenen, die mit vorgehaltenen Gewehren gezwungen wurden seit langem bestehende deutsche Gemeinden im späteren Polen und in der Tschechoslowakei zu verlassen, war die am meisten vernachlässigte Geschichte im Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit."

Iain Bamforth würdigt Grass in der LRB als Lyriker und zitiert dieses Gedicht aus Grass" "Vorzügen der Windhühner", seinem ersten Gedichtband, das auf englisch so beiläufig elegant klingt in seiner Bosheit:

"In our museum - we always go there on Sundays -
they have opened a new department.
Our aborted children, pale, serious embryos,
sit there in plain glass jars
and worry about their parents" future."

Salman Rushdie schreibt im New Yorker über das Verhältnis deutscher Journalisten zu Grass und über sein erstes Treffen mit Grass nach seinen "Mitternachtskindern" im Jahr 1982: "Nach diesem Treffen fragte mich jeder Journalist, den ich traf, was ich über ihn dachte, und als ich sagte, dass er meiner Meinung nach einer der zwei drei wichtigsten Autoren der Welt sei, sahen manche dieser Journalisten enttäuscht aus und sagten, "na ja, die "Blechtrommel", das stimmt, aber ist das nicht ziemlich lange her? Worauf ich antwortete, dass wenn Grass diesen Roman nie geschrieben hätte, seine anderen Romane ihm immer noch das Lob einbrächten, dass ich ihm gezollt hätte. Die Tatsache, dass der auch "Die Blechtrommel" geschrieben habe, reihe ihn unter die Unsterblichen ein." Hier außerdem Stephen Pinzers Nachruf aus der New York Times.

Weiteres: Die taz befragt Oskar Negt zum Tod seines Freundes. Für die Berliner Zeitung unterhält sich Markus Decker mit Klaus Staeck von der Akademie der Künste. "Er war auch ein Messdiener seiner selbst", schreibt Heribert Prantl (SZ) in seinen Erinnerungen an die gemeinsame Zusammenarbeit. Willi Winkler (SZ) schreibt über den "Parteisoldaten" Günter Grass: Eine besseren habe "die SPD bis heute nicht vorzuweisen". Harald Eggebrecht (SZ) führt durch Grass" literarisches Schaffen. Harry Nutt (Berliner Zeitung) erinnert an die Berliner Zeit des Autors. Außerdem holt die SZ internationale und nationale Stimmen zu Grass" Tode ein, bringt eine Zitatesammlung sowie eine Bilderstrecke (siehe auch ZeitOnline) und meldet, dass im Sommer ein letztes Buch von Grass erscheine.

Aus seinem Archiv holt der Merkur Helmut Heißenbüttels Protokoll eines Treffens der Gruppe 47, aus dem wir unter anderem erfahren: "Walter Mannzen weiß nicht ob Günter Graß weiß ob Brecht wissen konnte was Graß weiß und Unseld wissen kann was Brecht wußte und Graß weiß ob Brecht wissen konnte ob Unseld weiß was Graß nicht weiß aber er sagts auch nicht."

Abseits von Grass: Der große urugayische Autor Eduardo Galeano ist ebenfalls gestorben. In der FR scheint Wolfgang Kunath das Großwerk "Die offenen Adern Lateinamerikas" ebenso bedeutend wie Galeanos spätere Distanzierung davon.

Im Tagesspiegel spricht Heiner Egge mit Moritz Kirsch über dessen Mutter, die Dichterin Sarah Kirsch. Besprochen werden Hans Hillmanns Bilder-Roman "Fliegenpapier" (SZ), Scott McClouds Comic "Bildhauer" (taz), James Gordon Farrells "Die Belagerung von Krishnapur" (FAZ) sowie in der SZ zahlreiche Kriminalromane, darunter Richard Langes "Angel Baby" und James Ellroys "Perfidia".
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Musik

In der taz porträtiert Franziska Buhre den Avantgardemusiker Elliott Sharp, der mitunter auch Kacheln rätselhafte Töne zu entlocken in der Lage ist: "Die Frage danach, wie er die Klänge, denen er lauscht oder welche seinem inneren Ohr vorschweben, in reale Schallereignisse übertragen kann, bestimmt seine Entscheidung für ein gegebenes Instrument oder eines, dessen Möglichkeiten er durch Umbauten erweitert oder gar neu erfindet. Für die "Pantar" versah er einen aufgefundenen Metalldeckel mit den Hälsen weggeworfener Gitarren, Tonabnehmern und Saiten. Gegebene Instrumente hat er nicht einfach studiert, sondern durchdrungen." Hier eine Kostprobe:



Besprochen werden Jam Citys neues Album "Dream A Garden" (taz), ein Konzert von Courtney Barnett (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Wolfgang Müllers neues Album "Auf die Welt" (FAZ) und ein frühmorgendliches DJ-Set des Technomusikers Barnt (FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Kacheln, Elliott Sharp, Dreamer

Bühne

Schauderhaft findet Felix Stephan auf ZeitOnline den altlinken Gestus etwa eines Claus Peymann gegenüber Marktförmigkeit und Kommerz, der sich auch in dessen Geringschätzung von Chris Dercon als möglichem neuen Intendanten der Berliner Volksbühne zeige. Dessen Erfahrungen aus der Kunstwelt, die ein Lied singen kann von den Verflechtungen zwischen Kunst und Geld, könnten dem Theater nur nützlich sein: Denn wenn "unangreifbare Künstlerfürsten ihre Selbstgespräche irgendwann auf der Bühne austragen, während draußen vor der Tür der Kapitalismus in Rekordtempo ihre Stadt umkrempelt, werden die Theater zu Kultstätten des inneren Exils. ... [Die Gegenwartskunst] ist heute auch so internationalisiert, dass sie das Nebeneinander der Weltanschauungen, der Kunstbegriffe, die Ambivalenz der Bedeutungsangebote und Selbsterzählungen sehr viel klüger und selbstverständlicher verhandelt als das Gros des anti-bürgerlich-bürgerlichen Theaters in Deutschland."

Weiteres: dpa meldet, dass der kürzlich geschasste Intendant des Volkstheaters Rostock, Sewan Latchinian, wieder auf seinen Posten geholt wurde. Besprochen werden Eszter Salamons am HAU2 in Berlin aufgeführte Choreografie "Monument 0" ("eine Art Geisterbeschwörung", schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel), Philipp Löhles in Wiesbaden uraufgeführtes Stück "Kollaps" (FR), Marcus H.Rosenmüllers Münchner Inszenierung von Gioachino Rossinis "Le comte Ory" (SZ) und zwei Inszenierungen von Luigi Dallapiccolas "Il Prigioniero" in Köln und Lübeck (FAZ).
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Archiv: Bühne

Kunst

Karolin Berg (FAZ) begleitet eine Führung Demenzkranker durchs Städel-Museum.

Besprochen werden die Fotoausstellung "New Orleans - The Sound of a City" in der Station Berlin (taz), die Ausstellung "Making Africa" im Vitra Design Museum in Weil (Welt) und die John-Singer-Sargent-Ausstellung in der National Portrait Gallery in London (SZ).

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Film

Joachim Kurz von kino-zeit.de gehen schier die Augen über angesichts der Abgründe, die David Schalko in der gerade auf DVD veröffentlichten, österreichischen Serie "Altes Geld" mit Udo Kier in der Hauptrolle auslotet. Nicht nur im deutschen TV, sondern - man höre und staune - sogar im US-amerikanischen wäre das so nicht denkbar, ist sich der Filmkritiker sicher: "Abgesehen von beinahe schon lässlicheren Vergehen wie Mordversuch, permanentem Ehebruch und der Allgegenwart von Korruption, (...) sind es vor allem Ingredienzien wie Inzest, Handschuhe aus Menschenhaut, nekrophil anmutende Balzrituale und vor allem die absolute moralische Schrankenlosigkeit, die bisweilen nur einen Schluss zulassen: Offensichtlich, so die Vermutung, haben sich Gaspar Noé, Pedro Almodòvar, François Ozon und andere Kinoextremisten nach gemeinsamen Genuss halluzinogener Drogen eine typische mitteleuropäische TV-Familienserie vorgenommen und sie mit allem angereichert, was normalerweise nur verschämt (wenn überhaupt) im Fernsehen geduldet wird."

Dirk Peitz (ZeitOnline) rekapituliert den Auftakt der neuen "Game of Thrones"-Staffel. Besprochen werden Michael Dowse" "The F-Word" (SZ) und drei im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt gezeigte, "atmosphärisch dichte" Filme von John Skoog (FR).
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