Efeu - Die Kulturrundschau

Wäre das Neue nicht in Wahrheit alt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2015. Die aufregendsten Filme Europas entstehen zurzeit in Polen, weiß die Zeit. Die FR würdigt Heinrich von Kleist als Ahnherr des Blogs. Die SZ bedauert das Scheitern der Bauhaus-Utopie. Im Freitag vergleicht Frank Günther die Universen von "House of Cards" und Shakespeare. Die Berliner Zeitung lässt sich von den grotesken Raum-Installation Koki Tanakas verunsichern. Und alle trauern um den großen schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer.

Literatur

Der große schwedische Lyriker Tomas Tranströmer ist im Alter von 83 Jahren gestorben. In der Welt schreibt Dorothea von Törne einen Nachruf auf den Literaturnobelpreisträger von 2011: "Nicht erst seit seinem 1990 erlittenen Schlaganfall, der ihn die Artikulationsfähigkeit kostete, hat Tomas Tranströmer vom Tod als der dunklen Seite des Lebens geschrieben. Der "Tod, das Geburtsmal", wie er ihn einmal nannte, tritt seit den frühen Gedichten in Begräbnisszenen und Traumsequenzen auf. Fast scheint es, als wäre Tranströmers Leben und Schreiben ein einziger Dialog über den Tod gewesen: "Auf wen warte ich? Einen Freund. Warum kommt er nicht? Er ist schon hier", heißt es in einem von Hanns Grössel, seinem bereits 2012 verstorbenen kongenialen Nachdichter, übertragenen Vers." Weitere Nachrufe in FAZ, FR, Tagesspiegel, Tages-Anzeiger und SZ. (Foto: Ulla Montan/Albert Bonniers Förlag, 2012)

In der FR rät Arno Widmann zur Lektüre von Heinrich von Kleists 1810 und 1811 erschienener Berliner Abendblätter, die nicht nur praktischerweise im Netz einsehbar sind, sondern bereits ein Blog "vor der Erfindung, ja vor der Möglichkeit des Blogs [waren]. Kleist war freilich klug genug zu wissen, dass sein Blog nur erfolgreich sein konnte, wenn er ihn öffnete für Trivialitäten. Er wusste, dass nicht alles zu einem Artikel geformt werden muss. Die bloße Aufzählung von Ereignissen, der wortgetreue Abdruck eines Verhörs beflügelt die Fantasie eines Lesers manchmal mächtiger als die flammendste Rede."

In der NZZ spricht der amerikanische Autor Phil Klay mit Sven Ahnert über das Schreiben über Krieg im Allgemeinen seinen Erzählungsband "Wir erschossen auch Hunde" im Besonderen: "Die meisten meiner Geschichten tönen unverblümt und obszön, denn der Krieg ist obszön, und so ist auch das Sprechen über den Krieg und seine Grausamkeiten, insbesondere, wenn man die jungen Soldaten zu Wort kommen lässt. Das muss sich einfach schmutzig anhören, wenn es wahr sein soll. Da sterben deine besten Freunde, Frauen und Kinder: Das ist einfach nur obszön."

In der FAZ gratuliert Jörg Altwegg dem Schriftsteller Pierre Michon zum Siebzigsten. Außerdem bringt die FAZ eine gekürzte Fassung von Thomas von Steinaeckers Nachwort zu einer Neuauflage von Anna Seghers" "Das siebte Kreuz", in dem er auf die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte des Romans eingeht. Die Zeit hat das Interview von Iris Radisch mit Amos Oz vom 12. März online gestellt (hier unser Resümee).

Besprochen werden unter anderem Antonia Baums "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren" (taz), John von Düffels "KL - Gespräch über die Unsterblichkeit" (FR), Alice Goffmans "On the Run" (FAZ), der Roman "Der Gast im Garten" von Takashi Hiraide (NZZ), Pierre Michons "Körper des Königs" (NZZ, SZ) und Pierre Michons "Körper des Königs" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau des Tages um 14 Uhr.
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Bühne

Großes Bedauern bei Teresa Grenzmann (FAZ) nach dem Besuch von Tina Laniks Münchner Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" nach einer sprachlichen Modernisierung von Angela Schanelec: "Tschechow könnte kaum aktueller sein. Das interessiert im Münchner Residenztheater aber offensichtlich keinen."

Richtig verärgert berichtet Alfred Schlienger in der NZZ von Florian Fiedlers Basler Inszenierung des "Besuchs der alten Dame", die Dürrenmatts Text auf die "reine langweilige Lächerlichkeit" reduziert: "Man kann die Augen schließen und weiß genau, was läuft. (Die glückliche Dame vor mir ist längst eingenickt.) Getoppt wird das nur noch von einem verschwurbelten Text im Programmheft, wo die Dramaturgin hilfloser und schludriger als in jedem Schulaufsätzchen um ein paar unverdaute Foucault-Zitate herumstolpert."
Archiv: Bühne

Design

Die Karl-Lagerfeld-Schau "Modemethode" in der Bundeskunsthalle in Bonn konzentriert sich ganz auf die Arbeiten des Modedesigners, berichtet Anne Burgmer in der FR. Dass dessen Person dabei in den Hintergrund rückt, sei durchaus erfrischend: "Manchem wird das vielleicht zu einfach sein. Interpretationsspielraum gibt es kaum. Prêt-à-Porter, das ist Beton und Straße, Haute Couture eine luftige Traumwelt. Bezüge zu der Zeit der Entstehung der Modelle werden nicht hergestellt. Lagerfelds Inspirationen bleiben außen vor. Doch die Reduktion lohnt sich: Im Mittelpunkt steht die Mode. Das ist eine gute Nachricht." (Bild: Haute Couture für Chanel, Frühling/Sommer 2009. Foto © Karl Lagerfeld)

Was mal eine visionäre Idee war, ist heute bei Ikea und Konsorten denkbar auf den Hund gekommen, ärgert sich Gerhard Matzig in der SZ: Das vor 90 Jahren gegründete Bauhaus ist "auf groteske Weise gescheitert", meint er. "Aus dem Sparprogramm, denn das Bauhaus war auch eine sozialistische Idee, wurde so ein Wettrüsten der heute konservativen Stil-Elite. Aus dem neuen Menschen wurde: ein Design-Konsument, der dem Neuen zugeneigt wäre - wäre das Neue nicht in Wahrheit alt. ... Bauhaus ist wie Apple (...) vor allem ein Fetisch. Für ein esoterisch angehauchtes, politisch irrlichterndes Konstrukt, das es eigentlich nur 14 Jahre gegeben hat."
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Film

Der deutschen Öffentlichkeit entgeht gerade das aufregendste Kino der Welt und dieses wird in Polen gemacht, meint Adam Soboczynski (Zeit). Pawel Pawlikowskis "Ida" etwa hatte in Frankreich und USA beeindruckende Zuschauerzahlen, während hierzulande gerade einmal 20000 Zuschauer ein Ticket lösten. Aber worin liegt die eigentümliche Brillanz des jungen polnischen Kinos? Es ist "gerade deshalb auf so unverkrampfte Weise anspruchsvoll, weil das Autorenkino nach dem Zusammenbruch des Sozialismus nicht neu erfunden werden musste, der Westen schon immer im Osten war, es ein tradiertes Formbewusstsein gibt und weil man dezidiert für das Kino produziert. Sehr offensichtlich haben die Regisseure nämlich nicht im Hinterkopf, wie sie ihre Filme mit pädagogischen Dialogen fernsehtauglich machen könnten, damit sie irgendeiner Filmförderung genügen."

Für den Freitag hat Shakespeare-Übersetzer Frank Günther überprüft, wie stark sich die Netflix-Serie "House of Cards" bei Shakespeare bedient. Sein Fazit: Anleihen sind vorhanden - sowohl strategische, als auch strukturelle und auch solche, die offenbar eigens für Kenner eingestreut werden. Aber er sieht auch einen zentralen Unterschied: "Für Frank Underwood ist die Welt ein moralisches Vakuum, in dem kein Gott Regeln über Gut und Böse setzt; die Serie ist eben doch nur eine raffinierte politische Soap, die spekulativ mit dem Kitzel des ethisch Verbotenen spielt. In Shakespeares Universum gilt anderes, wenn der Königsleib, der "heilige Tempel", der mystische Stellvertreter Gottes, getötet wird. Dann stürzt die universelle, metaphysische Weltordnung."

Weiteres: "Vielleicht erklärt der Mangel an Stadtkulissen den Mangel an Schweizer Stadtfilmen", mutmaßt Beat Metzler im Tages-Anzeiger. Besprochen werden Janusch Kozminskis "ehrgeiziger" Dokumentarfilm "183 Tage - Der Auschwitz-Prozess" (taz) und Jean-Paul Rouves "Zu Ende ist alles erst am Schluss" (Berliner Zeitung).
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Kunst

Nachdem die Deutsche Bank den japanischen Künstler Koki Tanaka zu ihrem "Künstler des Jahres" ernannt hat, hat sich Ingeborg Ruthe von der Berliner Zeitung dessen gerade in Berlin ausgestellten Arbeiten genauer angesehen: "Hier fragt also einer so verletzt, besorgt, aber tabulos danach, was aus unseren alltäglichen Gewissheiten, Gewohnheiten, Verlässlichkeiten wird, wenn sich die Bedingungen, wodurch auch immer, plötzlich grundlegend, ja lebensbedrohlich oder prekär, verändern. Und so hat der Japaner in seiner kuriosen, ja, grotesk anmutenden Raum-Installation wild durcheinandergeworfen, was einmal seinen festen Platz, seine feste Ordnung, seine funktionale oder ideelle, vielleicht auch poetische Bestimmung hatte."

Unter dem Hashtag #museumweek gewähren zur Zeit rund 2200 Museen auf Twitter Einblick in ihr Innerstes. Die Ergebnisse sind nicht uninteressant, findet Verena Straub (Welt), vermisst in der Kommunikation aber doch entschieden eine Stimme: "Wo sind die Normalbesucher, wo das vielbeschworene "jüngere Publikum", das gerade durch die Social Media Kanäle angesprochen werden soll? Wo und vor allem zwischen wem findet die Interaktion denn eigentlich statt? Irgendwie fühlt man sich an eine Museumsführung erinnert, bei der zwanzig müde Schüler schweigend um den verzweifelten Animator rumstehen."

Weiteres: Einige Berliner Ausstellungsorte erproben neue Arten der Ausstellung und Vermittlung von Kunst aus Afrika, berichtet Birgit Rieger im Tagesspiegel. Was für ein "unendlich geschickter Virtuose" Matisse doch war, staunt SZ-Kritikerin Catrin Lorch nach dem Besuch einer Ausstellung in Amsterdam zum Spätwerk des Künstlers. In der FAZ porträtiert Lena Bopp die Comiczeichnerin Anke Kuhl: Insbesondere deren "mit dem kindlichen Blick assoziierte Unvoreingenommenheit" mache deren Arbeiten auch für Erwachsene interessant. ZeitOnline bringt eine Strecke mit Fotografien von Anders Petersen.

Besprochen werden eine Gastausstellung von Exponaten aus dem Tel Aviv Museum of Modern Art im Martin-Gropius-Bau in Berlin (taz, FAZ), eine Ausstellung von Miniaturmalereien aus der Mogulzeit im Museum für Islamische Kunst in Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "The Difference between Ooooh and Aaaah" des israelischen Künstlers Erez Israeli in der Berliner Galerie Crone (Welt) und eine Ausstellung zum grafischen Werk von Konrad Klapheck im Kunstfoyer der Versicherungskammer München (SZ).
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Musik

Peter Unfried (taz) verbringt einen Tag mit Jürgen Drews, der in dessen Verlauf gesteht, "Busenfetischist" zu sein, 68er aber eher nur "peripher". In der FAZ unterhält sich Eleonore Büning mit Simon Rattle unter anderem über dessen Wechsel von den Berliner Philharmonikern zum London Symphony Orchestra: Erstere seien zwar das einzige ihm bekannte "All-Stars-Team", doch die zweitere "beweglich und zukunftsorientiert".

Besprochen werden diverse neue Popveröffentlichungen (ZeitOnline), ein Konzert von Nneka (Tagesspiegel) und zwei Bach-Konzerte in Frankfurt unter Andrea Marcon und John Eliot Gardiner (FR).
Archiv: Musik