Efeu - Die Kulturrundschau

Entschlackt im Fegefeuer

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08.12.2014. Die FAS hält Abstand zu Karl Kraus. Dient der Film dem Theater oder vernichtet er es? Darüber streiten die Kritiker anlässlich der riesigen Leinwände in Kay Voges' Inszenierung von "Endstation Sehnsucht" in Frankfurt. Die SZ feiert den langen intellektuellen Atem des Pianisten Daniil Trifonov. Im Tagesspiegel geißelt der Architekt Zvi Hecker die Mutlosigkeit Berlins. Die NZZ begutachtet japanische Modernité im Folkwang Museum.

Literatur

In einer geradezu programmtisch klingenden Reflexion über Kulturjournalismus distanzieren sich die FAS-Redakteure Niklas Maak und Volker Weidermann von der durch Jonathan Franzen wieder ins Spiel gebrachten Karl-Kraus-Verehrung: "Aufklärerisch haben viele andere gewirkt", schreiben sie und beziehen sich auf Zola, Heine und Tucholsky, "die Kraus vor allem einen Humor voraushaben, der den Menschen nicht verlorengegeben hat. Es ist eine deutsche Eigenart, Hass und Borniertheit ohne größere Umwege zu begehrenswerten romantischen Essentialien, nämlich als Ausweis von "Unbedingtheit", "Radikalität", "Tiefe" zu verklären - ohne zu sehen, dass sie das Gegenteil davon sind."

Für die Zeit trifft sich Moritz von Uslar mit Nick Hornby. Hannes Schwenger gratuliert im Tagesspiegel dem Verleger Manfred Schlösser zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Rocko Schamonis "Fünf Löcher im Himmel" (Jungle World), Jiro Taniguchis früher Manga "Trouble Is My Business" (Tagesspiegel), Franco Morettis "Der Bourgeois" (Tagesspiegel), Harlan Ellisons Erzählungen "Ich muss schreien und habe keinen Mund" (SZ).

Außerdem jetzt online: Die neue Lieferung der Frankfurter Anthologie der FAZ. Hendrik Rost stellt darin Georg Trakls "An den Knaben Elis" vor:

"Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Dieses ist dein Untergang.
Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.
..."
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Bühne


"Endstation Sehnsucht" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Birgit Hupfeld.

Mit großem technischen Aufwand hat Kay Voges am Schauspiel Frankfurt Tennessee Williams" "Endstation Sehnsucht" auf die Bühne gebracht, berichten die Kritiker: Große Leinwände füllen die ohnehin mächtige Bühne des Theaters, was die Darsteller buchstäblich zur wenig beachteten Nebensache macht: "Nach kurzer Zeit starrt man nur noch auf die Leinwände, erlebt jeden Blick in die Mitte, wo die Schauspieler zu winzigen gestikulierenden Figuren geschrumpft scheinen, als Enttäuschung", berichtet etwa Dieter Bartetzko in der FAZ, der damit das Theater auch ein wenig um sich selbst betrogen sieht. Doch liefert er auch ein Deutungsangebot hinterher: Dieser "Triumph des Films über die Bühne [ist] der Schritt in ein Heute, dem der Bildschirm und die Animation wichtiger sind als die Realität."

Widerspruch bei Shirin Sojitrawalla in der taz, wenngleich auch sie fortwährend auf die übergroßen medialen Bilder schaut. Sie schreibt: "Die Hinwendung zum Kino [dient] dem Theater. Der Film präsentiert sich hier als eine weitere Möglichkeitsform der Bühne. Es wird live gefilmt und live geschnitten. Jeder Abend wird also anders werden, die Flüchtigkeit des Augenblicks bleibt gewahrt, so wie sich das fürs Theater gehört." In der FR versucht Judith von Sternburg unterdessen den Blick hinter den großen Aufwand: Subtrahiert man das Kino, bleibt doch nur eine "konventionelle Inszenierung" zurück.

"Don Giovanni" in Brüssel, "Don Giovanni" in Berlin: Nach Zeit und SZ stellt nun auch die FAZ den großen Aufführungsvergleich an. Jan Brachmann kann beiden Aufführungen rein gar nichts abgewinnen. Beide Inszenierungen, meint er, sind "als Tragödien der Verödung zeitsymptomatisch aufeinander bezogen. Warlikowski in Brüssel zeigt jene Ermüdung, die eintritt, wenn Transzendenz durch Transgression ersetzt wird. ... In Berlin denunziert Fritsch jede Interpretation als Sinndiktat und gibt dem Publikum Gedankenfreiheit, indem er in den formal virtuos arrangierten Nonsens desertiert. So profiliert sich die Komische Oper als Hanswurstbude der Republik."

Weitere Artikel: Gunda Bartels porträtiert im Tagesspiegel die am Berliner Ensemble arbeitende Schauspielerin Antonia Bill. Und Christiane Tewinkel empfiehlt neue Berliner Kindertheater-Inszenierungen. Das Münchner Residenztheater befasste sich in einer Veranstaltungsreihe mit den NSU-Morden, berichtet Josef Wirnshofer in der SZ.

Besprochen werden u.a. Jakob Peters-Messers Inszenierung von Mozarts "Betulia Liberata" in Potsdam (Tagesspiegel), Kat Válasturs Tanzstück "Ah! Oh! A contemporary Ritual" im Berliner HAU (Tagesspiegel), Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" in der Inszenierung von Juliane Kann am Staatstheater Darmstadt (FR, Nachtkritik) und Thorsten Lessings "Karamasow"-Inszenierung in den Berliner Sophiensälen (Tagesspiegel, mehr).
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Musik

Völlig hingerissen berichtet Helmut Mauró in der SZ von einem Konzert Daniil Trifonovs. Dieser junge Pianist ist auf dem besten Weg, als Genie in die Geschichte einzugehen, meint er und listet dafür einige Gründe auf: "Die enorme Bewusstheit seines Tuns, die mit langem intellektuellen Atem durchkalkulierte Wirkungskette, die geschlossene Gesamtdramaturgie - alles auf der Grundlage äußerster Disziplin im Umgang mit schier unbegrenzten technischen Möglichkeiten." Hier ein Ausschnitt aus einer Etüde von Liszt:



Ein sehr trauriger Olaf Velte erinnert in der FR an das Altamont-Konzert der Stones vor 45 Jahren, bei dem Meredith Hunter im Publikum erstochen wurde und sich die Hoffnungen der Woodstock-Generation in Luft auflösten: "Warum will die Zeit nicht vergehen? Wir sind noch immer in Altamont. Haben schlecht geträumt, sind enttäuscht, müde, sehen vor uns das nicht enden wollende Prügeln, hören die Schläge niedersausen, riechen das Blut."

Weitere Artikel: Die Berliner Zeitung lässt plaudern: Hier spricht Jens Balzer mit dem Graf von Unheilig, hier Harald Biskup mit Max Herre. "Wenn es irgendwo in der Schweiz ein glückliches Orchester gibt, dann ist es wohl das Berner Symphonieorchester", meint in der NZZ Peter Hagmann, der das Verdienst dafür vor allem dem Chefdirigenten Mario Venzago zuschreibt. Jan Wiele unterhält sich derweil in der FAZ mit dem Produzenten T-Bone Burnett. Und die Zeit bringt eine Strecke mit Fotos aus einem John-Lennon-Erzählband.

Besprochen werden Arcas Konzert im Berghain (ein "dichter, machtvoll futuristischer Trip", meint Markus Schneider in der Berliner Zeitung), ein von Daniel Harding dirigiertes Mahler-Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), der Berliner Auftritt von Zaz (Berliner Zeitung) und das neue Album von Giant Squid ("mysterious - and perhaps even a little bit meta", meint Zoe Camp auf Pitchfork)
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Architektur

Sehr böse geht Zvi Hecker im Tagesspiegel mit Berlin ins Gericht, wo man sich seiner Ansicht nach auf architektonischen Leistungen der Vergangenheit ausruht, bei neuen Projekten aber lediglich eine Ästhetik des Banalen bedient. "Der Mangel an Vision, der Mangel an Mut ist auch verantwortlich für die Katastrophe des neuen Flughafens. Die Wettbewerbsjury des BER hat die simpelste architektonische Banalität ausgewählt: ein flaches Dach auf einem Wald aus Stützen. Während andere Länder, andere Städte ihre Flughäfen als die wichtigsten Zugänge betrachten, hat Berlin hier weder ein Bild zum Erinnern noch einen würdigen Empfang zu bieten. Und diese ganze Banalität stellt sich überdies als nicht funktional heraus."



Die von Ole Scheeren entworfene Siedlung "Interlace" in Singapur wecken im tief beeindruckten Dieter Bartetzko (FAZ) Assoziationen an Mittelerde: "Tolkien-Anhänger mögen in dem megalomanen Miteinander zweier extrem schräger Vierkante (...) das abstrahierte Abbild eines Trolls oder Orks sehen. Doch auch nüchtern betrachtet, bleibt genug Bildmächtiges: Das Sendezentrum ist die eindrucksvolle Chiffre unseres telematischen Zeitalters, Architektur gewordene Anmutung, geläutert und entschlackt im Fegefeuer des aktuellen Hightech."

In der taz begeistert sich Ronald Berg für die oft fantastisch anmutenden Entwürfe, die in den Zwanzigern an der russischen Kunsthochschule Wchutemas entstanden und derzeit in Berlin im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind.
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Kunst

Modernité war das Zauberwort in Paris im 20. Jahrhundert. Dass sie damit richtig lagen, zeigte den französischen Künstlern auch die japanische Kunst, die sie vor allem über die Weltausstellung kennenlernten. Das Folkwang Museum hat dieser Begegnung jetzt unter dem Titel "Japan in Paris - Japanische Objekte im Alltag eine Ausstellung gewidmet, berichtet in der NZZ Gabriele Hoffmann: "Zur Frage der Modernität lohnt sich ein Vergleich des Degas-Bildes "Beim Frisieren" von 1892/1895 mit einer hundert Jahre älteren Frisierszene von Utamaro (Bild). Der Japaner erreicht die Darstellung des Miteinanders der beiden Frauen allein durch eine Verbindung farbiger und gemusterter Flächen vor einfarbigem Grund. Der Franzose folgt ihm im Verzicht auf Raum nur so weit, wie es der Ausdruck der besonderen menschlichen Beziehung zulässt."

Die FAZ hat Freddy Langers entzückte Besprechung der Ausstellung "RealSurreal" im Kunstmuseum Wolfsburg online nachgereicht. Dem ist es beim Durchschreiten ganz schön kosmisch zumute geworden: "Wie hier im Kopf lauter Bilderzählungen entstehen in der Logik des Traums, das zeugt doch noch von jener Kraft, die Louis Aragon beschwor, als er behauptete, dass jedes Bild einen zwinge, "immer wieder von neuem das ganze Universum zu revidieren"."

Fast, aber auch nur fast kann Arno Widmann dem Künstler Arnulf Rainer verzeihen, dass dieser ihm vor Jahren ein Buch vor der Nase weggeschnappt hat. Vermutlich, um es zu übermalen, wie er in der großen Schau der Wiener Albertina feststellt: "Der größte Eindruck ist doch die pure Gewalt der Folge dieser Arbeiten, die Härte und Rigorosität, die Ausdauer und die Geduld, mit der Rainer durch alle umwandelnden Anverwandlungen, durch Angst und Zusammenbrüche hindurch festhielt an dem Vertrauen in seine Künstlerschaft. Das heißt ja nichts anderes, als dass er an der Überzeugung festhält, dass, was er tut, wert ist, getan zu werden. Obwohl es ja nicht an Staatsanwälten und Kritikern mangelt, die immer wieder sagen: Das ist keine Kunst!"

Weiteres: Eine hochinteressante Meldung bringt der Tagesspiegel: Laut einem Bericht der Sunday Times soll Angela Merkel höchstpersönlich Neil MacGregor, Leiter des British Museum in London, die Intendanz des Humboldtforums angetragen haben. In Griechenland zeigt man sich wegen alter Rückgabe-Forderungen empört darüber, dass das British Museum die antike Ilissos-Statue überraschend nach Russland verliehen hat, berichtet Matthias Thibaut im Tagesspiegel.

Besprochen werden die Jeff-Koons-Ausstellung im Centre Pompidou ("Ohne Ironie sitzt der Künstler im Kinderzimmer", staunt Werner Spieß in der Welt) und die Doppelausstellung "Augen auf! Thomas Mann und die bildende Kunst" in Lübeck (NZZ).
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Film

In der gestrigen FAS blickt Harald Staun hoffnungsvoll auf kommende deutsche Fernsehserien, die sich in Ankündigungen und ersten Trailern zumindest sehr ambitioniert zeigen und überdies auch mit Blick auf den internationalen Markt produziert werden: Durchaus für möglich halt Staun es da, "dass das deutsche Fernsehen schon bald jene Probleme bekommt, die es sich so lange gewünscht hat. Wie viel sie ihrem Publikum zumuten können oder wollen, durften die Autoren und Regisseure lange genug nicht herausfinden, jetzt geht es ihnen ein bisschen wie einem Alkoholiker, der nach Jahren der Abstinenz das kontrollierte Trinken lernen muss."

David Steinitz freut sich in der SZ über die "feine Online-Retro", die der VoD-Anbieter alleskino dem deutschen Regisseur Rudolf Thome gewidmet hat. Außerdem spricht er mit Noomi Rapace über die Dreharbeiten zum Gangsterfilm "The Drop".
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