Efeu - Die Kulturrundschau

Die Inkaufnahme echter Unannehmlichkeiten

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15.11.2014. Die SZ stellt die Ästhetik des Krassismus des Fotografen Daniel Josefsohn vor. Außerdem spürt sie die Hinrichtungsstätte Rainer Werner Fassbinders auf. In Zeit Online verwahren sich Olga Grjasnowa, Nino Haratischwili und Lena Gorelik gegen Feridun Zaimoglus Tirade über die "Placebo-Romane" junger Einwandererinnen. Der Freitag singt ein Requiem auf die sich neigende Ära der Zeitungscomics. Und Holly Johnson erzählt in der taz, wie die Marktforschung die exzentrischen Schwulen aus dem Musikgeschäft verbannte.

Literatur

Auf der Debatten-Plattform Freitext von Zeit Online hat sich eine ziemlich hitzige Auseinandersetzung entwickelt. Ende Oktober hatte Feridun Zaimoglu mit heiligem Zorn über die "Placebo-Romane" von jungen Autorinnen mit ausländischen Wurzeln gewettert: "Wer fremdstämmig und weiblich ist, motzt sein Poesiealbum auf, nennt es Manuskript, Lektoren und Verleger reißen es ihr aus den Händen, lektorieren nicht und verlegen es." Jetzt bekommt er von Olga Grjasnowa, Nino Haratischwili und Lena Gorelik eine wütende Replik: "Ich will in Zukunft keine Ratschläge mehr, wie und worüber ich als weibliche Autorin mit "exotischem Hintergrund" zu schreiben, worüber ich zu jammern, wofür ich dankbar zu sein und was ich zu lieben habe. Ich will von überhaupt niemandem diese narzisstischen, selbstgefälligen, im eigenen Geltungsdrang Hirnonanie betreibenden Meinungen und Anregungen hören oder lesen."

Etwas schade findet es Lukas Latz im Freitag, dass die wöchentlich neue Reportagen, Essays und andere kleine Formen veröffentlichende Hanser Box, die erste rein auf Ebooks ohne Printpendant spezialisierte Reihe eines etablierten Verlagshauses, sich hinsichtlich der formalen Möglichkeiten des digitalen Publikationsformats eher bedeckt hält. Eine Ausnahme allerdings stellt Nora Bossongs Reportage über Stundenhotels (ein Auszug) dar: Die Autorin verlinkt "ihren Text mit Foren, in denen Prostituierte buchstäblich rezensiert werden und Erfahrungen mit Stundenhotels ausgetauscht werden. Dies ist ein so einfaches wie wirkungsvolles Mittel, um die Szenerie und den Geist der Branche vor Augen zu führen. In der Entscheidung, ob man den Hyperlink aktiviert oder nicht, wie lange man sich in diesen Foren durchklicken will, wird man als Leser schnell mit der eigenen Schamhaftigkeit konfrontiert."

Für die Berliner Zeitung hat Modiano-Übersetzer Jörg Aufenager Patrick Modianos neuen, nicht von ihm übersetzten Roman "Gräser der Nacht" gelesen. Marc Reichwein streift für die Welt durch Berliner Buchhandlungen. Im Freitag ärgert sich Katja Kullmann grün und blau darüber, dass der vor zwei Jahren als Hoffnungsträger gestartete Berliner Buchladen ocelot Insolvenz anmelden musste. Außerdem jetzt online bei der FAZ: Mark Siemons" Text über die chinesischen Wanderarbeiter-Dichter.

Außerdem jetzt beim Perlentaucher: Die wichtigsten Bücher der Saison - hier im Überblick.

Besprochen werden unter anderem neue Western-Romane von Joe R. Lansdale und Percival Everett (FR), Ulf Erdmann Zieglers "Und jetzt du, Orlando" (taz), Sabrina Janeschs "Tango" (FR), Bruce Chatwins Briefesammlung "Der Nomade" (SZ) und Albert Ostermaiers Gedichtband "Außer mir" (FAZ).
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Kunst


Winsor McCay: "Little Nemo" vom 22. Juli 1906 (Public Domain)


Nach dem Ende des FAZ-Comicstrips singt Georg Seeßlen im Freitag ein Requiem auf die sich neigende Ära der Zeitungscomics, die im frühen 20. Jahrhundert einst Auflagen befeuerndes Gimmick und ästhetisch aufregende Spielwiese, später vor allem Dreingabe waren. "Die ästhetische Verarmung der Zeitung entspricht einem großen Missverständnis. Als Informationsmedium ist die Zeitung ersetzbar. Als haptisches, dramaturgisches, ikonografisches und durchgestaltetes "Kunstwerk" für den Alltag ist sie es nicht... Die genuinen Zeitungscomics wandern derweil ins Museum und in bibliophile Sammlerausgaben ab. Zeugnisse einer einst in der Tat prächtigen und liebevollen, aber eben auch manchmal rotzfrechen Kunst. Einen "Little Nemo" werden wir wahrscheinlich nie wieder bekommen." Wie es der Zufall will: Heute erscheint im Taschen Verlag eine bibliophile "Little Nemo"-Ausgabe. Und in der Welt würdigt Barbara Möller den Zeichner Erich Ohser alias e.o. plauen, mit dessen Reihe "Vater und Sohn" in der Berliner Illustrirten Zeitung vor 80 der erfolgreichste deutsche Fortsetzungscomic begann.

Ziemlich umgehauen berichtet Andreas Platthaus in der FAZ von einer Ausstellung der auch als Karikaturen ziemlich köstlichen Skizzen Gianlorenzo Berninis im Museum der Bildenden Künste in Leipzig, das dafür mit vollen Händen aus den eigenen Sammlungsbeständen geschöpft hat. Daran sollten sich auch andere Häuser ein Beispiel nehmen, findet der Kritiker: Denn "In den Archiven und Depots unserer Museen schlummern unglaubliche Schätze. Und immer noch zu wenige Häuser besinnen sich in Zeiten knapper Kassen auf diese ureigenen Stärken - nicht etwa, um sie zu verkaufen, sondern um sie uns zu zeigen, zumal deren Präsentation zu Ausgangspunkten eines Leihverkehrs mit anderen Sammlungen werden kann, der die Verwirklichung weiterer Projekte erleichtert. Von der Begeisterung des eigenen Publikums ganz zu schweigen." (Bild: Selbstbildnis, 1678. The Royal Collection Trust © Her Majesty Queen Elizabeth II, 2014)

Die grelle Ästhetik der Fotografien von Daniel Josefsohn hat sich als zentraler Bestandteil der Populärkultur integriert, meint Jens-Christian Rabe in der SZ. Doch wie könnte man diese allerorten aufgerufene ästhetische Kategorie nennen? Schlicht "krass", schlägt Rabe vor und liefert dazu gleich eine ganze Programmatik, denn die "Krassisten" provozieren nicht, um eine Botschaft loszuwerden, sondern gehen vor allem rücksichtslos wider sich selbst vor: "Es geht (...) darum, die herrschenden Aufmerksamkeitsreflexe so auszunutzen, dass man einerseits nicht zum gratismutigen Gesellschaftskritiker und albernen Spießerschreck verkommt, aber andererseits doch so etwas wie eine souveräne Unabhängigkeit gegenüber den Verhältnissen erreicht - und bewahrt. Und in so virtuellen Zeiten wie diesen, scheint kaum ein Manöver dafür so geeignet wie der volle Körpereinsatz, also die Inkaufnahme echter Unannehmlichkeiten."

Christian Eger schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den Comiczeichner Hannes Hegen. Für die FR besucht Arno Widmann eine Ausstellung von Joan Mirós" Bildern in der Wiener Albertina und sieht dort "dauernd Hoden und Brüste". "So konsequent sie die Zukunft ansteuert, es taucht doch immer wieder die Vergangenheit auf", berichtet Samuel Herzog in der NZZ von der Kunstbiennale von Montreal. In der Welt zieht Cornelius Tittel eine erste Bilanz der Baselitz-Schau im Münchner Haus der Kunst. Besprochen wird außerdem die Ausstellungen "Fette Beute" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (NZZ).
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Architektur


Rainer-Werner-Fassbinder-Platz, Arnulfpark, München. Foto: Rufus46, veröffentlicht unter Creative-Commons-Lizenz bei Wikipedia.

Ach, München. Ganz wehmütig spaziert Gottfried Knapp für die SZ durch die Stadt, die im Vergleich zu früher - und wie er meint: deutlich zum Schlechteren - kaum wiederzuerkennen ist. Den berühmten Söhnen und Töchtern der Stadt rät er jedenfalls unbedingt, jedwede Würdigung ihres Lebens und Werks im Stadtbild zu verbieten: "Wie hätte Rainer Werner Fassbinder wohl reagiert, wenn er irgendwann auf jene verrottende Betonplatte im Niemandsland nahe der Donnersberger Brücke geraten wäre, die von der Stadtspitze zum Platz erklärt und nach ihm benannt worden ist? ... In der Mitte der Fläche (...) erweckt eine riesige rotbraune Asphaltpfütze, in die jemand die Titel von Fassbinders Stücken und Filmen hineingeprägt hat, die gruselige, aber irgendwie passende Vorstellung, dass Fassbinder an dieser Stelle hingerichtet worden ist."
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Musik

In aller Ausführlichkeit plaudert Thomas Winkler von der taz mit Holly Johnson, dem ehemaligen Sänger von Frankie Goes To Hollywood, der lange von der Bildfläche verschwunden war und nun insbesondere von der englischen Musikpresse hymnisch gefeiert wird. Der Musiker erklärt dabei auch, warum nach nach dem Siegeszug der queeren Popstars in den 80ern wieder eindeutig heteromaskuline Pop-Idole lanciert wurden: "Die Wirtschaftsberater [übernahmen] die großen Plattenfirmen. Sie entschieden, dass es einfacher ist, mit heterosexuellen Rockmusikern zu arbeiten als mit exzentrischen Schwulen. Es war die Zeit von Oasis, Blur oder Suede ... Die Marktforscher haben mir dann gesagt: Den Leuten ist egal, ob Sie schwul sind. Aber Sie sollten nicht ständig darüber reden, die Leute wollen es nicht wissen. Vielleicht ist am Ende womöglich die Marktforschung schuld daran, dass sich die Popmusik so verändert hat." Hier das aktuelle Video aus Johnsons neuem Album "Europa":



Bob Dylans nun komplett vorliegenden "Basement Tapes" lassen Andrian Kreye (SZ) sehr wehmütig an die Zeit zurückdenken, als ausgehend von Dylans Musik die Weite des offen daliegenden Amerikas in die Pop- und Rockmusik Einzug hielt. Nur in Europa nicht, wo man sich stattdessen an antiken Mythen und Troubadoren-Ästhetik orientierte. "Warum aber fand Europa im Rock niemals seine Seele?", fragt sich Kreye da und findet in Dylans lässigen Hobo-Songs die Antwort: Das "ist nicht der verbissene Kampf der Revolution. Es ist das Ende einer langen Suche nach einer Heimat, die eben nicht erobert, sondern wiederentdeckt werden muss. Der Funke zündete damals weltweit. Europa aber bleibt im Rock ein verschollener Kontinent." Die FAZ hat Edo Reents" Besprechung mittlerweile auch online gestellt.

Für die taz wagt Thomas Vorreyer den Blick ins benachbarte Österreich: Dort ist die (zuvor im Standard porträtierte) Band Wanda (mehr) gerade dabei, den Austro-Pop neu zu erfinden, während das Musikmagazin skug dem poplinken Musikdiskurs ein Forum bietet. Hier das aktuelle Video der Band:



Für The Quietus hat Nick Reed das letzte mit Peter Gabriel aufgenommene Genesis-Album "The Lamb Lies Down on Broadway" wieder hervorgekramt, das er für einen gewaltigen, wenn nicht unstreitbaren Höhepunkt des Prog-Rocks der 70er Jahre hält: "Es ist die Verkörperung von Prog: Überzogen, über weite Strecken inkohärent und von jener Sorte, die viele, viele Durchläufe braucht, um sich zu entfalten... Auch nach vier Jahrzehnten bleibt "The Lamb" ein Rätsel." Dieter Bartetzko gratuliert in der FAZ Joy Fleming zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Konzerte des chinesischen Pianisten Lang Lang (Tagesspiegel), von Billy Idol (FR) und Cro (Tagesspiegel) sowie drei neue Bücher über Richard Strauss (NZZ).
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Bühne


Mareike Beykirch und Jerry Hoffmann © Ute Langkafel

Das Berliner Maxim Gorki goes Boulevard. Oder auch nicht: Gegegeben wird aktuell Joe Ortons "Entertaining Mr Sloane", 1964 ein veritables Skandalstück, heute schrill, aber eher harmlos. Doch an der Inszenierung von Nurkan Erpulat hatte die versammelte Theaterkritik ihre helle Freude. Dirk Pilz von der Berliner Zeitung etwa drängt seine Leser alleine schon wegen einer hinreißenden Freddie-Mercury-Performance zum Ticketkauf. Doch auch davon abgesehen, kann der Abend in seinen Augen bestehen: Der Kniff des Regisseurs besteht darin, "das Boulevardeske nicht zu verstecken, sondern zu verdrei- und vervierfachen. ... "Entertaining Mr. Sloane" als Parabel über Vereinnahmung, über Selbst- und Fremdkonstruktionen, über Macht und Missbrauch, Ausgrenzung und falsches Einverständnis. An der Oberfläche glitzert die boulevardeske Lust an der Farce, mit viel Spaß am Schabernack, viel Tempo, viel Comedy, an den Rändern funkelt dieser Abend gefährlich, kippt er in einen harschen Realismus, um die gesellschaftliche Wirklichkeit einzufangen." Und wo, wenn nicht im Gorki, sollte diese ihren Platz haben?

Wolfgang Behrens von der Nachtkritik kann sich noch an die letzte, eher trübe "Sloane"-Inszenierung im Hause in den 90ern erinnern, die aber kein Vergleich zu diesem Stück turbulentem Meta-Boulevard darstellt. Hier gibt es "Verlegenheiten, Begierden, Aggressionen" und "Erpulat hat da durchaus auch etwas im Stück entdeckt: Die Figuren erfinden sich bei Orton oft genug ihre eigenen Geschichten, um sich als Persönlichkeiten selbst zu konstruieren. In der extremen und fingerzeigenden Betonung äußerlicher Zeichen werden noch Sedimente dieser mitunter fast verzweifelten Selbstkonstruktion mitgeführt. Erpulat bleibt dabei jedoch nicht stehen: Der Diskurs zur Selbst- und Fremdkonstruktion wird gleich mitgeliefert." Nur Irene Bazinger (FAZ) hat sich am Ende eben doch bloß über schwungvolle Schauwerte amüsieren können, aber eben auch nicht mehr: Aus dem Abend wird bald eine "hysterisch-beliebige Nummernrevue" findet sie. Der "politische Biss [geht] halbwegs verloren, was das Vergnügen an "Entertaining Mr. Sloane" jedoch nicht sehr beeinträchtigt."

Im Tagesspiegel stellt Sandra Luina den Berliner Choreografen Hermann Heisig vor. Besprochen werden das Weltklimakonferenz-Projekt von Rimini Protokoll am Schauspielhaus Hamburg (taz), der zu Ehren von Ronald M. Schernikau am Deutschen Theater in Berlin aufgeführte Theaterabend "Die Schönheit von Ost-Berlin" (Jungle World) und Christian Stückls Inszenierung von Peter Turrinis "Bei Einbruch der Dunkelheit" am Wiener Burgtheater (Nachtkritik, SZ).
Archiv: Bühne