9punkt - Die Debattenrundschau

Jeder weiß, der es wissen will

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2014. Was wird aus dem Museum der Moderne in Berlin? Vielleicht nichts, meint die FAZ. Die taz porträtiert Karen Duve, die in ihrem neuen Buch "Warum die Sache schiefgeht" das Ende der Menschheit ansagt. In Nonfiction.fr erklärt der Sinologe Nicolas Idier, warum Simon Leys besser ist als Orwell. Russland ist vom Westen keineswegs gedemütigt worden, insistiert Anne Applebaum in Slate. Die Süddeutsche präsentiert sich samstags jetzt als eine Art Sonntagszeitung.

Kulturpolitik

In der Diskussion um zwei Warhols aus Aachener Spielcasino, die das Land NRW verscherbeln will, hat sich Kulturstaatsministerin mit den erwartbaren Aussagen zu Wort gemeldet, berichtet Andreas Rossmann in der FAZ: "Kunstwerke", so die Ministerin, "sind für die öffentliche Hand keine Spekulationsobjekte. Sie zu veräußern, um klamme Staatskassen zu sanieren, wäre schlichtweg unanständig und ein Systembruch. Kunst und Kultur sind uns anvertraut, sie bedürfen des Schutzes aller Ebenen im Kulturförderalismus. " Rossmann zitiert außer den Stimmen der NRW-Regierung ausschließlich ablehnende Äußerungen zum Verkauf.

Was wird nun aus dem Museum der Moderne in Berlin, das im letzten Jahr als nicht so teurer Erweiterungsbau der Neuen Nationalgalerie beschlossen worden war, fragt Andreas Kilb in der FAZ. Vielleicht nichts: "Der Architektenwettbewerb für das neue Museum sollte so schnell wie möglich beginnen, der Bau selbst innerhalb von zehn Jahren fertig sein. Vierzehn Monate später ist nichts davon in Sicht, kein Wettbewerb, kein Baubeginn, kein Budget. Das Projekt steht still, als warteten die Verantwortlichen darauf, dass es vom Himmel regnet."

Außerdem: In der NZZ fragt Markus Bauer, wer 2021 rumänische Kulturhauptstadt wird: Klausenburg oder Iasi.

Ideen

Besser als Orwell? Der Sinologe Nicolas Idier forscht über Pierre Ryckmans alias Simon Leys, dessen Buch "Maos neue Kleider" die Mao-Idolatrie der französischen 68er unsanft beendete. Im Gespräch mit Nonfirction.fr erläutert Idier: "Dank der Taschenbuch-Reihe "bouquins" liest das französische Publikum das Buch bis heute, wohl mehr für seine literarischen und philosophischen Qualitäten. Die politischen Schriften Ryckmans" haben einen Klassikerstatus erreicht, ähnlich anderen großen engagierten Texten. Sein Niveau schätze ich höher als das des immer ein bisschen schwerfälligen Orwell, mit dem er oft verglichen wird (er war selbst ein begeisterter Orwell-Leser und hat ihm 1984 den Essay "L"Horreur de la Politique" gewidmet"). Anders als Orwell hat er stets einen Sinn fürs Komische bewahrt, der seinen Werken Würze gibt."

Das Ende der Menschheit steht bevor und Karen Duve nicht mit einem Transparent in der Fußgängerzone sondern mit einem neuen Buch im Markt: "Warum die Sache schiefgeht", ein Pamphlet, kein Roman. Peter Unfried porträtiert die Schriftstellerin in der taz: "Was sie erschütterte, war nicht, dass die Zivilisation durch die sich gegenseitig dynamisierenden Klima-, Energie-, Flüchtlings- und Kriegskrisen zusammenbricht, sondern dass das jeder weiß, der es wissen will. Und es keinen interessiert, vor allem nicht die sogenannten Entscheider." Dagegen träumt Karen Duve von einer neuen 68er-Bewegung, die heutigen Entscheidern das Heft aus der Hand nimmt. Auch Georg Diez denkt in seiner Spiegel Online-Kolumne über das Ende der Menschheit nach.

Außerdem: In der NZZ bricht Eduard Kaeser eine Lanze für die "aktuell-antiquierte Technikphilosophie" Martin Heideggers. Ebendort macht sich Peter Utz Gedanken über die Rolle des Ersten Weltkriegs für das Selbstbild der Schweiz.
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Politik

Dass Russland von den Amerikanern nach dem Mauerfall gedemütigt wurde, ist allenfalls die Putin-Version der Geschichte, meint Anne Applebaum in Slate in einem Rückblick auf die letzten 25 Jahre: "Russland wurde nicht nur nicht "gedemütigt", sondern ihm wurde "Großmacht"-Status gegeben, inklusive des sowjetischen Sitzes im UN-Sicherheitsrat. Russland erhielt auch die Atmomwaffen der Sowjetunion, - einige davon von der Ukraine - im Austausch für die Anerkennung der Grenzen des Landes. Die Präsidenten Clinton und Bush haben ihre russischen Kollegen als Führer einer Großmacht behandelt und sie in den G8 eingeladen, obwohl Russland weder eine große Ökonomie ist, noch sich als Demokratie qualifizierte."
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Medien

Bei Zeitungen ist man ja sensibel, aber Internetmedien dürfen die Öffentlich-Rechtlichen offenbar ohne Probleme Konkurrenz machen - so scheint es, wenn man die Entscheidung der Ministerpräsident zum geplanten neuen "Jugendkanal" von ARD und ZDF liest. Turi2 resümiert: "Es gibt keine Sieben-Tage-Löschregel, keinen Drei-Stufen-Test und die Webangebote müssen keinen Sendungsbezug haben. Die ARD muss für den Online-Sender auf EinsPlus verzichten, EinsFestival darf aber weiter senden. Verbraten darf der Jugendkanal 45 Millionen Euro pro Jahr, das Geld soll aus Einsparungen kommen."

Eine Sonntagszeitung zu machen hat sich die als Zeitung eher innovationsabgeneigte Süddeutsche nicht getraut. Nun bringt sie wenigstens eine renovierte Wochenendausgabe, um ein bisschen am letzten Printboom teilzuhaben und zumindest samstags ein angenehmeres Anzeigenumfeld zu bieten: "Am Wochenende werden wir in Zukunft eine Art Liebesheirat zwischen Tageszeitung und Wochenblatt eingehen. Die konkreten Neuerungen haben wir zusammengefasst und auf dieser Seite optisch präsentiert - sie reichen vom neuen, opulenten "Buch Zwei" über den großen Wissenschaftsteil bis hin zu den Büchern "Gesellschaft" und "Stil"."

Tina Brown war Chefredakteurin des New Yorker, gründete The Daily Beast und versuchte dann, Newsweek ins Netz zu retten und gründete ein Talk Magazin - letztere spektakulär gescheiterte Versuche, aber sie experimentiert weiter. Jetzt versucht sie es mit Journalismus als Live-Event, erzählt sie im Interview mit der Welt: "Wir suchen, kuratieren und inszenieren Storys. Unsere Veranstaltungen vermitteln den Menschen Informationen als multimediales Live-Erlebnis. Es ist ein Unterschied, ob Sie im Fernsehen einen fünfminütigen Bericht über das Schicksal einer syrischen Frau sehen oder ob Sie diese Frau auf einer Bühne erleben, ihr eine Stunde lang zuhören. Durch den Fernsehbericht entwickelt man keine emotionale Verbindungen zu diesen Dingen."
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