Efeu - Die Kulturrundschau

Keine Bauchgeschichte

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23.07.2014. Wege in die Abstraktion lernt die NZZ beim Besuch des neuen Museums für Pierre Soulages in Rodez. Die Welt erstarrt beim extensiven Bodenturnen von Tristan und Isolde in Jossi Wielers Stuttgarter Inszenierung. In Wacken grüßt sie den Teufel mit der Pommesgabel. Die FAZ sagt es Rolando Villazón ganz deutlich: Er ist kein lyrischer Belmonte-Tenor. Die SZ kritisiert den BGH in Sachen Suhrkamp. Die taz tanzt zu AKB 48.

Kunst

Der französische Künstler Pierre Soulages ist vor allem berühmt für seine schwarzen Bilder. Wie er dorthin kam, lernt Samuel Herzog (NZZ) im neuen, für Soulages gebauten Museum in Rodez, bevor er sich bei einer Portion Kutteln erholt: "Der Rundgang beginnt mit Bildern, die in den Jahren 1934 bis 1937 entstanden sind - wer diese Landschaftsmalereien sieht, versteht sofort, warum Soulages" Weg in die Abstraktion führen musste. Seine ersten abstrakten Malereien wirken kalligrafisch - doch die Zeichen scheinen nichts zu bedeuten. Denn es geht dem Künstler von Anfang an nicht darum, etwas darzustellen oder zu erzählen - seine Malereien sollen sein. Wenn hier Emotionen ins Spiel kommen, dann bringt sie der Betrachter ein - Soulages konstruiert, erfindet Werkzeuge (wie die "lames") und Methoden, seine Psyche aber hält er heraus. Der naive Besucher mag sich fragen, wie interessant denn eine Kunst sein kann, die für ihren Schöpfer offenbar so wenig bedeutet - doch diese Kunst ist eben keine Bauchgeschichte, die Kutteln, die gibt es nebenan." (Bild: Pierre Soulages, Peinture 1986, im Tagesspiegel schreibt Bernhard Schulz über die Ausstellung.)

In der Welt ist Dankwart Guratzsch schwer beeindruckt von drei Ausstellungen im Ruhrgebiet zu Bauensembles der Nachkriegsmoderne, die großartig, aber leider schon museumsreif sind: "Natürlich ist das kein Sonderfall. Wettbewerbsergebnisse, die nachgebessert werden, sind längst die Regel. Dass sich darin aber so etwas wie ein Grundgesetz der Architekturmoderne erfüllt, das legt die an den drei Standorten vorgeführte Entwicklungsgeschichte modernen Bauens auf frappierende Weise dar. Hermann Lübbes Diagnose, nach der sich "die Transformation der Kunst zur Museumskunst" unaufhaltsam beschleunigt und "die künstlerische Produktion wie nie zuvor in ihrer Geschichte von der Spekulation auf einen Platz im Museum geleitet wird", beweist an diesen Beispielen ihre prophetische Evidenz."

Außerdem: Susanne Knaul hat für die taz die Ausstellung "Zwei Familienarchive" in Tel Aviv besucht, in der Schimon Lew und Friedemann Derschmidt die Geschichten ihrer Familien während und nach des "Dritten Reiches" aufarbeiten. Alexander Menden von der SZ begutachtet den vom Architekturbüro Rogers Stirk Harbour konzipierten Anbau ans British Museum in London. Berthold Seewald schreibt in der Welt zum Tod des Archäologen Klaus Schmidt.

Besprochen werden die Ausstellung "Charles Ray. Skulpturen 1997-2014" im Kunstmuseum Basel (NZZ), die Ausstellung "Höhenrausch" im Kulturquarter in Linz (taz) und die Ausstellung "Krieg & Propaganda 14/18" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, der Willi Winkler in der SZ eine im Katalogtext zuweilen etwas arg verständnisvolle Haltung gegenüber dem "Dritten Reich" vorhält.
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Film

Ein entnervter Hanns-Georg Rodek beschreibt in der Welt am Beispiel von "Transformers" die Anbiederung der amerikanischen Filmindustrie an China. Dort macht man nämlich die ganz große Kasse: "In "Transformers - Die Rache" war das Logo von Metersbonwe zu sehen, Chinas C&A; in "Transformers 3" schlürfte ein chinesischer Wissenschaftler Milch aus einem Karton und beschied den ungeduldigen Shia LaBeouf mit einem knappen: "Lassen Sie mich meine Shuhua-Milch austrinken!" Die Anbiederung nimmt teilweise groteske Züge an. Würde man bei der US-Landesverteidigung wirklich chinesische Lenovo-Computer benutzen, wie das ein "Transformers"-Held tut? Soweit ist die Deindustrialisierung der USA doch noch nicht fortgeschritten."

Außerdem: Im Tagesspiegel gratuliert Gunda Bartels der Berliner Undergroundfilm-Legende Lothar Lambert , der in 40 Jahren 40 queer-schwule Filme mit Mikrobudget gedreht hat, zum 70. Geburtstag. Bert Rebhandl sieht für die FAZ beim Filmfestival in Odessa neues Nationalkino aus der Ukraine.

Besprochen werden der chinesische Berlinale-Gewinner "Feuerwerk am hellichten Tage" (SZ, mehr), Gareth Evans" Martial-Arts-Film "The Raid 2" (critic.de), Joss Whedons Shakespeare-Verfilmung "Viel Lärm um nichts" (hier "waltet inszenatorisch dezente Kraft", freut sich der seit "Buffy"-Tagen bekennende Whedon-Fan Dietmar Dath in der FAZ).
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Bühne


Erin Caves (Tristan), Christiane Iven (Isolde). Foto: A.T. Schaefer

Jossi Wielers Stuttgarter Neuinszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" wurde ausgebuht, meldet in der Welt Joachim Lange, der das völlig in Ordnung findet: "Zwischen den Glitzer-Lianen im Zaubergarten des Mittelaktes albert das Paar wie Tarzan und Jane mit ihrem "Ich Tristan, du Isolde" ausgelassen, vor allem gegen die Verklärung der Musik. Bloß kein "O sink hernieder, Nacht der Liebe!" Hier ist extensives Bodenturnen angesagt. Wenn Tristan das Affenmännchen mimt und vermutlich das animalisch Ungesteuerte vorführt, dann ist das einfach nur peinlich." In der NZZ ist Peter Hagmann nicht ganz so streng: "Auch wenn diese Arbeit nicht restlos geglückt ist: Formkünstler sind Jossi Wieler und Sergio Morabito auch hier." Weitere Besprechungen gibt es in FR und SZ.

Wenig Nachsehen hat Eleonore Büning von der FAZ mit den Leistungen von Rolando Villazón, der bei einer Baden-Badener Aufführung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" auf der Bühne stand: "Wir haben es doch alle deutlich gehört: die falsch intonierten Töne, meist zu tief angesetzt; die unsaubere Artikulation, schlampig geprobt; dann das Krähen in hoher Lage, weil der Sänger vom ersten Ton an alles gewaltsam in die Maske drückt; und die Farb- und Stimmlosigkeit in den tieferen Lagen, weil es an der Power fehlt. Als ein lyrischer Belmonte-Tenor ist Villazón die krassest denkbare Fehlbesetzung."

Besprochen wird Ayad Akhtars in New York aufgeführtes Drama "The Who & the What" (FAZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

Andreas Zielcke teilt nicht die Auffassung des BGH, wonach Hans Barlach durch die geplante Umwandlung des Suhrkamp Verlags - nach einer Insolvenz - in eine Aktiengesellschaft Nachteile entstehen, bekundet er in der SZ: "Damit stellen die Karlsruher Richter die Fakten und Prognosen für Suhrkamp auf den Kopf. Zum einen, weil der Plan entgegen der Unterstellung des BGH gar nicht vorsieht, dass alle Gläubiger befriedigt werden, im Gegenteil, den beiden Gesellschaftern wird auferlegt, auf Gewinnforderungen in Millionenhöhe zu verzichten. Zum anderen verkennen die Richter das Ausmaß der Misere des Verlags, nämlich die aussichtslos verfestigte Feindschaft zwischen den Gesellschaftern."

In der SZ wünscht sich Joseph Hanimann eine baldige Übersetzung von Kamel Daouds Roman "Meursault, contre-enquête", der die Geschichte des ermordeten Arabers aus Camus" "Der Fremde" nachreicht. Schriftsteller Jan Weiler unterhält sich in der FR mit Erika Ambra über Pubertät und das Geheimnis gelungener Lesungen.

Besprochen werden Marta Kijowskas Biografie Jan Karskis (NZZ), eine Neuausgabe von Ernst Glaesers Roman "Jahrgang 1902" (Tagesspiegel), eine von Carmen Pinilla und Frank Wegner herausgegebene Anthologie mit Reportagen aus Lateinamerika (Tagesspiegel), Marlene Streeruwitz" neuer Roman "Nachkommen" (Zeit, mehr), Frauke Meyer-Gosaus "Versuch, eine Heimat zu finden: Eine Reise zu Uwe Johnson" (SZ) und Samuel Joseph Agnons "In der Mitte ihres Lebens" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

In Tokio staunt taz-Korrespondent Martin Fritz über das Phänomen der 18-köpfigen Mädchenband AKB 48, die mit ihrem J-Pop nicht nur alle Manga-Fans bezirzen, sondern auch sämtliche Kassenrekorde brechen. Wer könnte es dem dortigen Publikum auch verdenken?



Michael Pilz macht es sich für die Welt mit 3D-Brille im Kino gemütlich und begutachtet die freundliche Welt der Metaller in Wacken, denen zum 25. Geburtstag ihres Heavy-Metal-Festivals ein Film geschenkt wurde: "Jedes Jahr hat sich der Heavy Metal weiter ausdifferenziert. Deep Purple spielen immer noch "Smoke On The Water", und was Alpha Tiger, Dr. Living Dead! und Ragnarok für eine Spielart pflegen, wissen nur noch Spezialisten. In der Popmusik brächen die Kenner sofort Distinktionskriege vom Zaun. Hier schütteln alle ihr Haupt vor der Bühne und grüßen den Teufel mit der Pommesgabel. Metal ist heute, wenn man sich mag."

Weitere Artikel: Anlässlich der Ausstellung "B+A+C+H = 14: Bach und die Zahlen" im Bachhaus Eisenach führt Tim Caspar Boehme in der taz in die Geheimnisse der Bach"schen Zahlenmystik ein. Außerdem porträtiert Tim Caspar Boehme in der taz den Berliner Krautrocker Günter Schickert, der gerade seine alte Band Ziguri reanimiert hat. Marcel Anders spricht in der SZ mit Sinead O"Connor. Außerdem streamt die Zeit das Debütalbum von everybody"s darling Friedrich Liechtenstein.

Besprochen wird eine CD-Box mit den RIAS-Aufnahmen von Pilar Lorengar (Tagesspiegel).
Archiv: Musik