Efeu - Die Kulturrundschau

Die Schandtat der Saison

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12.05.2014. In der Debatte um die konfliktscheue deutsche Gegenwartsliteratur erweisen sich die Diskutanten als konfliktscheu, stellt die taz fest. Die FR nimmt Michael Thalheimers Ibsen-Inszenierung "Nora", die SZ das Amsterdamer "Anne Frank"-Musical gegen Kritik in Schutz. Der Deutsche Filmpreis belegt für die FAZ einmal mehr seine Tendenz zur halbkünstlerischen Mitte. Slate.fr erklärt, wie Paris in die künstlerische Provinz absinken konnte. Und fast niemand ist Conchita Wurst.

Literatur

So viele Schriftsteller wie in den vergangenen Tagen dürften sich schon lange nicht mehr in Berlin aufgehalten haben. In der Berliner Zeitung berichtet etwa Sabine Vogel davon, dass am vergangenen Freitag 23 Schriftsteller im Berliner Literaturhaus ihr Projekt "August 1914" vorgestellt haben, für das die Autoren in den Zeitungsarchiven in ihren Heimatstädten Meldungen und Texte zum Beginn des Ersten Weltkriegs recherchieren und auswerten.

Außerdem diskutierten beim Europäischen Schriftstellerkongress 29 Autoren darüber, welche Rolle die Literatur für Europa künftig einnehmen könnte, ließen dabei aber jede positive Vision von Europa und auch jeden Freiheitsbegriff missen, kritisiert Katharina Teutsch in der FAZ. Cornelius Wüllenkemper ist in der SZ ganz zufrieden mit dem Abschlussmanifest, das "auf die 'Wahrnehmung des Fremden' und die Bereitschaft, widersprüchliche Realitäten zu akzeptieren" setzt.

Auch die zuletzt etwas eingeschlafene Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur wurde in Berlin nochmal angestoßen: Für die taz war Andreas Hartmann im Roten Salon, wo Florian Kessler, der die Debatte mit einer Polemik in der Zeit losgestoßen hatte, an zwei Abenden mit Schriftstellern und anderen Vertretern des Betriebs diskutierte. Auf der Bühne war Kessler deutlich weniger konfliktfreudig: "Aus dem Unruhestifter Florian Kessler wurde auf der Bühne schnell einer, der so wirkte, als habe er früher in der Schule seiner Deutschlehrerin die Aktentasche hinterhergetragen. Ganz behutsam und hundertprozentig konfliktscheu gingen die Autoren Olga Grjasnowa, Nora Bossong, Simon Urban und Thomas Klupp aber auch miteinander um und damit letztlich ganz so, als wollten sie den Vorwurf, die jungen deutschen Schriftsteller von heute stünden für rein gar nichts mehr ernsthaft ein, vor Publikum bekräftigen."

In der SZ schreibt Hilmar Klute den Nachruf auf Hugo Ernst Käufer. Volker Breidecker gratuliert in der SZ, Sandra Kegel in der FAZ der Schriftstellerin Eva Demski zum 70. Geburtstag. Außerdem ist in der NZZ Martin Meyers Laudatio auf Robert Menasse anlässlich der gestrigen Verleihung des Max-Frisch-Preises abgedruckt, der Tages-Anzeiger bringt Menasses Dankesrede.

Besprochen werden Renata Adlers "Rennboot" (Zeit), Hans Herbert Grimms wiederentdeckter Erster-Weltkriegs-Roman "Schlump" (Tagesspiegel - mehr) und Stephan Wackwitz' "Die vergessene Mitte der Welt" (SZ).
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Bühne


(Foto: Birgit Hupfeld)

Michael Thalheimer hat in seiner Frankfurter Inszenierung der "Nora" seine Heldin vorne rechts auf die Bühne gestellt und da stehen lassen. 80 Minuten lang. FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier ist entsetzt: "Es ist, als habe der Regisseur die Figur von allem Sagbaren abgewürgt. Sie scheint ihm absolut gleichgültig." FR-Kritikerin Judith von Sternburg findet das Konzept eher interessant: "Die anderen Figuren haben einen langen Weg zu ihr von der hohen, schmalen Tür am hintersten Teil des Keiles bis ganz nach vorne. So weit ist der Weg, dass sie zunächst winzig aussehen. Keine optische Täuschung, bloß eine enorme Distanz. Sie zu überwinden, kann lächerlich machen, hier auf jeden Fall: Ein imaginärer Laufsteg für Elende." Weitere Besprechungen in der Welt und der Nachtkritik.

In der Berliner Zeitung schreibt Dirk Pilz Notizen zur Halbzeit des Berliner Theatertreffens, wo es nicht nur für Twitterer reserviere Sitzreihen gibt, sondern auch einen kleinen Plagiatsskandal (hier dazu mehr).

Besprochen werden Ariane Mnouchkines Pariser "Macbeth" (Eberhard Spreng bezeugt im Tagesspiegel erst einen "üppigen", dann einen "kruden", schlussendlich aber doch einen "unterhaltsamen Bilderbogen"), Armin Petras' in Stuttgart aufgeführte "Marquise von O"-Inszenierung (Nachtkritik) und die "Anne Frank"-Inszenierung in Amsterdam (SZ).
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Film

Sehr ermattet und wenig amüsiert berichtet Cristina Nord in der taz vom Deutschen Filmpreis: "Lobbyismus und Floskeln, offensiv ausgestelltes Selbstbewusstsein bei gleichzeitiger Anspruchshaltung, eingebettet in eine Gala, bei der der Moderator Jan Josef Liefers noch den schlechtesten Witz vom Teleprompter ablas: Wollte man zuspitzen, dies wäre das Resümee des Freitagabends." In der FAZ wundert sich Andreas Kilb unterdessen kein Stück über die unambitionierte Endauswahl: "Die Akademie kann als vereinsmäßig verfasste Institution eben nur den Mehrheitsgeschmack ihrer Mitglieder spiegeln, und der tendiert zur halbkünstlerischen Mitte."

Weitere Artikel: Im Kurier spricht Alexandra Seibel mit Mario Adorf über dessen neuen, in der SZ von Christine Dössel besprochenen Film "Der letzte Menstsch". Hannes Stein freut sich in der Welt, dass die Fernsehserie "24" nach mehrjähriger Pause fortgesetzt wird. Verena Lueken trifft sich für die FAZ fünf Jahre nach dessen internationalen Durchbruch mit Christoph Waltz in Los Angeles. Besprochen wird außerdem Niels Bolbrinkers Doku "Die Wirklichkeit kommt" (taz).
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Musik

Sven Sakowitz von der Jungle World hat mit dem Album "Alle Ampeln auf Gelb!" der aus der Kultband Superpunk hervorgegangenen Hamburger Soulband Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen bereits die Feelgood-Platte des kommenden Sommers ausfindig gemacht: "In einer besseren Welt wäre 'Kennst du Werner Enke?' jedenfalls der Sommerhit des Jahres. Kinder sängen das fröhliche 'Düdüdüdüdü' morgens auf dem Schulweg, abends tanzten sympathische Menschen auf Strandpartys im Sonnenuntergang zu dem treibenden Dance­floor-Filler. Wie fast jeder der zehn Songs ist auch dieser von Spielfreude und einem ansteckenden Optimismus geprägt." Hier gibt es einige Hörproben.

Gerrit Bartels resümiert im Tagesspiegel den Eurovision Song Contest. Toll findet es Fabian Leber (ebenfalls Tagesspiegel) unterdessen, dass sich Conchita Wurst gar nicht erst auf ironische Camp- und Trashästhetik eingelassen hat: "Hier ging es nicht um klassisch-üppige Travestie, um ein faschingsartiges Rollenspiel, das auch auf 60-jährige Familienväter anziehend wirken kann, weil immer klar ist, wer der Clown ist. Conchita Wurst hatte sich selbst ernst genommen - und ihr Act wird genau deshalb auch politisch ernst genommen." Für Jan Feddersen in der taz war Wurst "die Beste in performativer Hinsicht". So richtig begeistert klingt das nicht. Hier nochmal Conchita Wursts Auftritt:



Allerdings kam der Auftritt nicht überall so gut an. So twitterte Vizepremierminister Dmitrij Rogosin, der ESC-Sieg Wursts zeige "Anhängern einer europäischen Integration, was sie erwartet - ein Mädchen mit Bart", während der LDPR-Abgeordnete Wladimir Schirinowski sogar "das Ende Europas" heraufbeschwört, meldet Spiegel Online. Ganz andere Sorgen hat ORF-Finanzchef Richard Grasl, der überlegt, wie die 20 Millionen Euro teure ESC-Show gestemmt werden kann, die nächstes Jahr von Österreich ausgerichtet wird, berichtet der Kurier.

Für die Berliner Zeitung hat Johannes von Weizsäcker das Berliner Festival für "Doofe Musik" besucht. Besprochen werden das neue Album von Roddy Frame (FAZ), ein düster-elektronischer Konzertabend im Berliner Berghain mit Sixth Sense und Gazelle Twin (Berliner Zeitung) und ein Konzert von Alban Gerhart mit den Berliner Philharmonikern (Tagesspiegel).
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Kunst

Paris war mal die Welthauptstadt der Kunst und ist nun zur Provinz herabgesunken, klagt Anne de Coninck in slate.fr. Zwar haben drei junge französische Künlstlerinnen, Laure Prouvost, Camille Henrot und Pauline Curnier, jüngst bedeutende Preise bekommen - aber sie leben in London, New York und Berlin: "Sie zeigen, dass es für junge Künstler unmöglich geworden ist zu reüssieren, wenn sie in Frankreich und der französischen Kunstszene bleiben."

Weitere Artikel: Worin sich Europa vom Rest der Welt unterscheidet, ist das Modell der europäischen Stadt, schreibt Gottfried Knapp im Aufmacher der SZ und referiert schwärmerisch die europäische Architekturgeschichte.

Besprochen werden die Ausstellung "Heinrich Klotz und die Wunderkammer DAM", mit der das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt sein 30-jähriges Jubiläum feiert (FR), der neue Dokumentarfilm über Ai Weiwei (FR), die um ein Kapitel zum Kunsthandel erweiterte Neuauflage von Melissa Müllers und Monika Tatzkows Buch "Verlorene Bilder, verlorene Leben. Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde" (taz) und eine Ausstellung von Max Liebermanns Heckengärten-Malereien in der Liebermann-Villa am Wannsee (Tagesspiegel).
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