9punkt - Die Debattenrundschau

Keine Diplomatie, sondern Schaufensterdekoration

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2014. Die sogenannten Russland-Versteher sind in Wirklichkeit Teil des russischen Propaganda-Apparats, meinen Karl Schlögel und Sonja Margolina. Volker Perthes spricht in der taz den Diplomaten Mut zu. In den USA toben Urheberrechtskämpfe um Karl Marx und David Foster Wallace. Guy Verhofstadt träumt in der FAZ von der Open-Source-Gesellschaft. Und die Welt fragt: Wex braucht schon geschlechtergerechte Sprache?

Überwachung

Der belgische Europapolitiker Guy Verhofstadt schaltet sich in der FAZ in die Debatte um Big Data ein. In einem Gastbeitrag bemängelt er, dass Regierungen und Konzerne die erhobenen Daten nicht ausreichend zugänglich machen, und fordert die Politik im Sinne einer "Open-Source-Gesellschaft" zu mehr Transparenz auf: "Wenn ein Staat auf allen Ebenen strukturierte Daten veröffentlicht und sie so der öffentlichen Meinung aussetzt, kann dies das Vertrauen der Öffentlichkeit in ihn stärken. Dazu könnte die Regierung aktiv über öffentliche Konsultationen neue Daten generieren und somit mehr Partizipation an der Politik erzielen, als dies heute der Fall ist... Wenn staatliche Stellen sich derart öffnen, sind sie in einer stärkeren Position, dies auch von privaten Unternehmen zu verlangen."

Ein amerikanisches Gericht hat entschieden, dass Daten, die auf europäischen Servern gespeichert sind, nicht vor der Herausgabe an die NSA geschützt sind. Die Direktorin der Forschungsstelle für Datenschutz an der Goethe-Universität Frankfurt Indra Spiecker (genannt Döhmann) erläutert im Interview mit Maria-Xenia Hardt auf FAZ.net die Implikationen des Urteils und prangert das Versäumnis der Bundesregierung an, das Thema Datenschutz im Freihandelsabkommen mit den USA zu thematisieren: "Damit gliedert man aber einen ganz wesentlichen Markt faktisch aus dem Freihandelsabkommen aus, nämlich den Markt für Informationen, und das ist ein exponentiell wachsender Milliardenmarkt. Damit überlässt man diesen Markt einem unklaren Rechtsregime. In der Folge gilt vor allem das Recht des Stärkeren und des Schnelleren. Davon profitieren jedenfalls nicht die europäischen Unternehmen und schon gar nicht die europäischen Bürger."

Yahoo schaltet die Datenschutz-Funktion "Do Not Track" ab, die die besuchten Websites darüber informiert, dass die Spur des Nutzers nicht aufgezeichnet werden soll, meldet Jörg Breithut auf Spiegel Online. Im Jahr 2011 war Yahoo der erste große Tech-Konzern, der das Anti-Tracking-Tool unterstützte, mittlerweile setzen nur noch Pinterest und Twitter auf DNT. Als Grund wird angegeben, die Entwickler seien daran gescheitert, einen nutzerfreundlichen und allgemein gültigen Standard zu entwickeln. Eine Rolle dürfte aber auch gespielt haben, dass die Konzerne zu Werbezwecken von genau den Informationen profitieren, die DNT verbergen soll: "Schließlich können Microsoft, Yahoo und Co. die Werbung wesentlich besser auf die Nutzer zuschneiden, wenn sie deren Klickverhalten und Interessen kennen."
Archiv: Überwachung

Europa

In der Welt unterhält sich Andrea Seibel mit den Osteuropa-Experten Karl Schlögel und Sonja Margolina über den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Schlögel ereifert sich dabei über die vermeintlichen Putin- und Russland-Versteher, die in deutschen Talkshows das Vorgehen Russlands verteidigen: "Der Witz ist, dass wir gerade keine Russland-Versteher haben, die uns erklären könnten, was geschieht. Stattdessen gibt es sentimentalen Kitsch, apolitische Friedenssehnsüchtige, die den Kopf einziehen. Es wird Krieg geführt und man weigert sich anzuerkennen, dass ein Land ein anderes Land militärisch angegriffen hat. Diese Mischung aus Sentimentalität, Nostalgie, Feigheit und Kitsch!" Für Margolina sind diese Stimmen Bestandteil des russischen Propagandaapparats: "Der Kreml gibt Milliarden von Euro, die mit Gas verdient werden, für den Informationskrieg im Westen aus. Deutschland befindet sich im Fokus dieses propagandistischen Beschusses... Talkshows hierzulande sind zum Sprachrohr des Kreml mutiert. Die russische Propaganda gegen den Maidan, der angeblich faschistisch und antisemitisch sei, wurde anfangs eins zu eins übernommen."

Bernhard Clasen berichtet in der taz von zunehmend bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Ostukraine. Dennoch warnt, ebenfalls in der taz, der Außenpolitik-Experte Volker Perthes davor, die diplomatischen Bemühungen vorschnell für gescheitert zu erklären: "Die klügste Regel für Diplomaten lautet: Wenn der erste diplomatische Schritt nicht funktioniert, dann mach den nächsten. Diplomatie darf nicht aufgeben, weil sie Angst hat, nicht erfolgreich zu sein. Das ist im Grunde gar keine Diplomatie, sondern Schaufensterdekoration. Diplomatie ist gerade in Situationen nötig, in denen die Chance zu scheitern größer ist, als erfolgreich zu sein."
Archiv: Europa

Urheberrecht

Ein Urheberrechtsstreit um Marx ist ausgebrochen! Der Londoner Verlag Lawrence & Wishart, dem die Rechte an der englischen Übersetzung der Marx-Engels-Ausgabe (MECW) mitgehören, hat das Marxist Internet Archive aufgefordert, alle Texte aus der Ausgabe - es gab hunderte davon - von der Webseite zu entfernen. Daraufhin brach über den Verlag ein Shitstorm los, berichtet Noam Cohen in der New York Times. Der Verlag, ein vier-Personen-Unternehmen, will eine eigene Online-Ausgabe der MECW an Bibliotheken verkaufen. Das wäre natürlich schwierig, wenn es die Texte frei im Internet gibt. Auf seiner Webseite verteidigt der Verlag sein Vorgehen und wirft seinen Kritikern vor, "keine sozialistische ober kommunistische Tradition aufrecht zu erhalten, sondern 'eine Konsumentenkultur, die erwartet, dass kultureller Inhalt kostenlos an die Konsumenten geliefert wird, und die kulturellen Arbeiter wie Verleger, Lektoren und Autoren unbezahlt sitzen zu lassen, während die großen Verlage und andere Medienkonglomerate und Aggregatoren sich weiterhin durch Anzeigen und Datenverkauf bereichern'."

In Hollywood wird gerade das Buch "Although Of Course You End Up Becoming Yourself" verfilmt, in dem der Journalist David Lipsky von seinen Begegnungen mit David Foster Wallace berichtet. Dessen Erben teilen nun in einer Presseerklärung mit, dass sie von diesem Projekt alles andere als begeistert sind. Da es sich nicht um ein Werk von, sondern über Wallace handelt, ist ihre rechtliche Handhabe begrenzt, meint Evan Kindley in der Paris Review. Außerhalb des Gerichtssaals werden solche Kämpfe aber auch auf dem Feld der öffentlichen Meinung ausgetragen - und da haben bekannte Autoren gute Karten, meint Kindley mit Blick auf einen ähnlichen Fall, in dem James Joyce 1927 den Verleger Samuel Roth verklagte: "Wenn die Erben ihr Missfallen weiterhin kundtun, könnten sie den Erfolg des Films unter eingefleischten Wallace-Fans substanziell beeinträchtigen. Auch wenn es ihnen wohl nicht gelingen wird, David Lipsky oder den Regisseur James Ponsoldt zu kulturell Geächteten zu machen - wie es Joyce mit Roth getan hat -, so können sie ihnen doch das Leben bedeutend erschweren."
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Archiv: Urheberrecht

Gesellschaft

In der Welt referiert Matthias Heine den Vorschlag der Berliner Genderforscherin Lann Hornscheidt, das 'x' als geschlechtsneutrale Endung einzuführen: "Statt Professorin oder Professor oder Student und Studentin könnte man etwa von Professx oder Studierx, Plural Professxs und Studierxs, sprechen. Das Fragepronomen, mit dem man nach diesen Menschen fragen würde, wäre dann 'Wex?'" Verglichen mit der Alternative, jeden erdenklichen Sonderfall mit einem eigenen Begriff zu versehen, erscheint Heine eine neutrale Sammelendung zwar "geradezu vernünftig", dennoch bleiben für ihn "Zweifel, ob es außerhalb Berlins und des Spinner-Auffangbeckens Humboldt-Uni wirklich ein so dringendes Bedürfnis nach sprachlicher Gender-Optimierung gibt."
Archiv: Gesellschaft