Efeu - Die Kulturrundschau

Ich kann nicht atmen

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03.05.2014. In der taz erkennt Amos Oz erste Anzeichen einer modernen Weltlichkeit unter Israels Ultraorthodoxen. In der NZZ kann sich Terezia Mora einen Frieden in Stummheit nicht vorstellen. Die FAZ beobachtet bei der Berliner Ausstellung "Kunst in Peking", wie Diplomatie in Feigheit umschlägt. Der Tagesspiegel freut sich indes über den erfolgreichen Export des Berliner Stils. Und die Welt feiert das Album "Everyday Robots" des Hippiekinds Damon Albarn.

Kunst

In der FAZ ärgert sich Niklas Maak über die Ausstellung "Die acht Wege der Kunst" in den Berliner Uferhallen, die unter wohlwollendem Blick chinesischer Diplomaten einen Überblick über Kunst aus Peking gestattet. Dabei habe man auch kritische und schwierige Kunst berücksichtigen dürfen, behaupten zwar die Kuratoren, aber einschlägig ist natürlich vor allem He Xianyus ziemlich perfide Skulptur "Tod des Marat", die einen toten Ai Weiwei zeigt. "Sicher: Man muss, wenn man den chinesischen Botschafter bei der Eröffnung unbedingt dabeihaben will, diplomatisch sein. Es ist aber auch hier die Frage, wann Diplomatie in Feigheit umschlägt. Für die Ausstellung sind die diplomatischen Leitplanken deswegen so schade, weil es wichtig wäre, chinesische Gegenwartskunst anders zu zeigen, als das in Peking möglich ist."

Mit dem 10. Gallery Weekend bietet sich den Berlinern an diesem Wochenende ein wahrer Kunstmarathon. Von diesem berichtet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung atemlos und bescheinigt dem Ganzen eine "beachtliche Qualität der Werke und ein viel schärfer gewordenes, also endlich unverwechselbares Profil". Im Tagesspiegel macht sich Christiane Meixner zum 10-jährigen Jubiläum der Veranstaltung Gedanken und unterstreicht deren Rollen für die Galeristen der Stadt: "Ein erzwungener Rhythmus, dem sich beugen muss, wer dabei sein will."

Franz Zelger huldigt in der NZZ dem venezianischen Palazzo Contarini und seiner berühmtesten Bewohnerin, der Nähmaschinen-Erbin und Malerin Winnaretta Singer, Princesse Edmond de Polignac (Selbstbildnis der Künstlerin). Besprochen werden die Ausstellung "Der Tod ist Dein Körper" im Frankfurter Kunstverein (FR), eine Schau der amerikanischen Medienkünstlerin Sturtevant in der Düsseldorfer Julia Stoschek Collection (Welt), eine dem Videokünstler Ed Atkins gewidmete Ausstellung in der Kunsthalle Zürich (SZ) und noch einmal in der NZZ die große Emil-Nolde-Schau im Frankfurter Städel, nach der Manfrend Clemenz zwar nicht unbedingt die Person, wohl aber die Kunst des Malers unbedenklich findet: "Nolde schuf expressionistische, keine 'nordische' Kunst.".

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Literatur

Für die taz führt Susanne Knaul ein Gespräch mit Amos Oz (mehr). Sein neues, gemeinsam mit seiner Tochter Fania Oz-Salzberger verfasstes Buch deutet Knaul auch als Kritik an den ultraorthodoxen Juden. Insbesondere von Frauen aus ultraorthodoxen Haushalten habe er auf sein Buch Reaktionen erhalten, sagt Oz: "Eigentlich dürften die orthodoxen Frauen meine Bücher gar nicht lesen. Aber sie tun es unter dem Tisch, und dann schreiben sie mir einen Brief, ohne Namen, und fast alle Briefe, die ich von vielleicht hundert Frauen bekommen habe, sagen auf die eine oder andere Art: Ich habe keine Luft, ich kann nicht atmen. Die Bücher gehen von Hand zu Hand. So war es auch vor 150 Jahren in Osteuropa. So begann die moderne Weltlichkeit."

Im NZZ-Interview mit Claudia Mäder spricht die Autorin Terezia Mora über den vitalen Zusammenhang von Sprache und Leben: "In dem Moment, wo ein Mensch zu allem nichts mehr sagen kann, ist es aus mit ihm. Natürlich muss man nicht quatschend durchs Leben gehen, wenn man aber sogar sich selbst gegenüber verstummt, also auch den inneren Dialog einstellt und damit den Versuch, die Welt oder gewisse Situationen für sich zu ordnen, dann sehe ich kein Weiterkommen mehr. Ich kann mir keinen Frieden in Stummheit vorstellen."

Außerdem: Die im vergangenen Frühjahr im Perlentaucher geführte Debatte um Gewalt und Monotheismus (hier unsere Übersicht), zu der unter anderem Jan Assmann, Peter Sloterdijk und Micha Brumlik beitrugen, ist als Buch erschienen. Hannes Stein referiert in der Welt noch einmal die wichtigsten Positionen und versichert, die Debatte habe "interessante Lesefrüchte getragen". Jens Balzer schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den Comiczeichner und MAD-Chefredakteur Al Feldstein, im Tagesspiegel erledigt das Lars von Törne.

Besprochen werden Sarah Kirschs unter dem Titel "Juninovember" veröffentlichten Tagebücher (taz), Bartholomäus Grills "Um uns die Toten" (FAZ), Vera Louriés "Briefe an Dich" (Zeit - hier unsere Leseprobe), Sascha Arangos "Die Wahrheit und andere Lügen" (SZ), Julien Gracqs Roman "Der Versucher" (NZZ) und Javier Cercas' düsteres Porträt des postfranquistischen Spaniens "Outlaws" (Leseprobe bei Vorgeblättert) (Welt).

In der "Frankfurter Anthologie" der FAZ stellt Helmut Krausser sein einzeiliges Gedicht "et in autodiebstahl ego" vor: "De facto gehört es zu den ganz wenigen meiner Gedichte, zu denen mir hin und wieder Fragen gestellt werden wie 'Was soll'n das?' oder 'Du wirst aber gewiss nicht nach Zeilengeld bezahlt?'"
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Film

Geri Krebs berichtet vom gestern zu Ende gegangenen Dokumentarfilmfestival "Visions du réel" in Nyon, auf dem er viel "Seelenschmerz am Rande der Welt" erlebt hat. Der Hauptpreis ging an den Film "Café" des Mexikaners Hatuey Viveros Lavielle, unumstrittener Publikumsliebling war allerdings "Je suis Femen", Alain Margots Porträt der ukrainischen Aktivistin Oxana Shachko und ihrer beiden Mitstreiterinnen Sacha und Jana: "Der Film spult zwar in eher oberflächlicher und reißerischer Weise das Wirken der unglaublich couragierten jungen Frauen ab, doch die Tatsache, dass die drei - seit September in Frankreich im Exil lebenden - Protagonistinnen in Nyon persönlich zugegen waren und Erhellendes zur gegenwärtigen Situation in ihrer Heimat zu berichten wussten, machte die Weltpremiere von 'Je suis Femen' zu einem Highlight von Visions du réel 2014."

Besprochen werden Christophe Ganses Fantasystreifen "Die Schöne und das Biest" (Tagesspiegel) und der neue Muppets-Film (FAZ, Perlentaucher)

Außerdem präsentiert Rochus Wolff in seinem Kinderfilmblog einen neuen, mit Deutschlandklischees spielenden Micky-Maus-Cartoon als Kurzfilm zum Wochenende.
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Bühne

Wenig gute Stücke und triste Hotelzimmer: Peter Laudenbach vom Tagesspiegel klagt sein Leid darüber, Juror für die Vorauswahl des Berliner Theatertreffens zu sein und dabei durch die ganze Republik gekarrt zu werden. Aber auch die Vorzüge will er nicht verschweigen: Während das Berliner Theater langsam ausdörrt, kann man sich in den anderen Städten davon überzeugen, dass die dort von Berlin übernommenen und einst gefeierten Regisseure und Intendanten ganz prächtig aufblühen: "Der Berliner Stilexport funktioniert."

Außerdem: In der taz spricht Astrid Kaminski mit dem Tanztheaterregisseur Alain Patel, dessen "tauberbach" auf dem Berliner Theatertreffen gezeigt wird. Rüdiger Schaper porträtiert für den Tagesspiegel den Bühnenarchitekten Mark Lammert.

Besprochen werden Hans Werner Henzes mit regem Applaus bedachte Oper "Elegie für junge Liebende", mit der die Wiesbadener Maifestspiele eröffneten ("Das Ensemble beeindruckte durch vokale Intensität und Präsenz des Spiels", lobt Gerhard Rohde in der FAZ), Matthias Hartmanns und Doron Rabinovicis beim Berliner Theatertreffen aufgeführtes Doku-Stück "Die letzten Zeugen", bei dem die Bühne einer Gruppe Shoah-Überlebender und deren Erinnerungen gehört (Tagesspiegel).
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Musik

Ganz aufgeregt berichtet Hendrik Otembra in der Jungle World von "To Be Kind", dem in Bälde erscheinenden neuen Album der vor wenigen Jahren mit neuem Line-Up aus der Versenkung wieder aufgetauchten Underground-Rock-Legende Swans, die sich rund um Mastermind Michael Gira gruppiert. Diese Platte "ist ein Meer voller akustischer Schätze. Dafür sorgen Field-Recordings. So hört man zum Beispiel Pferde, die Gira am liebsten ins Studio geholt hätte, um mit ihnen zu performen; eine Säge, die in ihrem verstörenden, unaufhaltsamen Klang Gewalt und Schönheit im selben Moment erfahrbar macht - eins der Lieblingssujets Giras - und gesampeltes, geschichtetes Gelächter."

Damon Albarn kann nicht nur tolle Bands wie Blur, die Gorillaz und The Good, the Bad and the Queen gründen, freut sich Miachel Pilz in der Welt, er kann auch Soloalben: "Kritiker werden ihn dafür schelten, dass er sich und uns als traurige Roboter darstellt und in 'Hostiles' altväterlich gegen Ballerspiele ansingt. Aber er ist kein Reaktionär, sondern ein Hippiekind. Am iPad hat er schon ein ganzes Album eingespielt."

Hier die "Everyday Robots":



In der SZ kann Andrian Kreye über die Versuche alternder Popstars (aktueller Fall: George Michael), mittels Bearbeitungen von Stücken aus dem Great American Songbook in die Fußstapfen Frank Sinatras zu treten, nur müde lächeln: "Sinatras Größe war eine kosmopolitische Form des Blues, eine Mischung aus dem Rückzug der Minderheiten in die Abwehrhaltung des Cool und der abgeklärten Erkenntnis, dass eine Verheißung kein Geschenk, sondern eine Herausforderung ist. Eine Altersversicherung, mit der man sich aus der Kurzlebigkeit des Pop in die Unsterblichkeit des Glamours retten kann, war das American Songbook aber nie."

Weiteres: Manuel Brug wundert sich in der Welt, wie herzlich Elena Bashkirovas Festival internations Richard Strauss in sein Programm aufnimmt. Für die taz hat Julian Weber die zehnte Ausgabe des Moogfests in North Carolina besucht, wo er darüber staunt, wie hier "utopische Potenziale ausgelotet werden und dass das Publikum bereit ist mitzugehen." In Brandenburg stoßen nicht nur Punkbands, sondern auch die Besucher deren Konzerte auf das Interesse des Verfassungsschutzes, berichtet Peter Korig in der Jungle World. Knut Henkel trauert in der taz um den kubanischen Songwriter Juan Formell. Und Stereogum kürt die fünf besten Musikvideos der Woche.

Besprochen wird Lily Allens neues Album "Sheezus" (Zeit, Berliner Zeitung).


Archiv: Musik