9punkt - Die Debattenrundschau

Gern ins Schwitzbad

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.02.2014. Dumm gelaufen für Putin, meint Viktor Jerofejew in der FAZ. Ohne Sotschi hätte Russland in der Ukraine womöglich anders agiert. Bernard-Henri Lévy nimmt die ukrainische Opposition gegen Faschismus-Gerüchte in Schutz. Die New York Times denkt über die Aufstände in Venezuela nach. Google möchte nicht, dass wir Google Glass beim Autofahren absetzen, berichtet Reuters. Sascha Lobo prangert in Spiegel Online das Ausmaß der öffentlichen Abstumpfung angesichts des Geheimdienstskandals an. Und Stefan Niggemeier spießt die obszöne Selbstdarstellung der Bild anlässlich des Wulff-Films auf.

Europa

Dumm gelaufen für Putin. Im Schatten von Sotschi konnte er in der Ukraine nicht ungebremst agieren, meint Viktor Jerofejew in der FAZ. Nun ist Viktor Janukowitsch in Gefahr, aber nicht von der Seite, die man im Sinn hat: "Er weiß zu viel. Er weiß, auf wessen Kommando er gearbeitet hat, woher die Scharfschützen und in den letzten Tagen die Spezialeinheiten zur Zerschlagung des Volkes kamen, die angeblich russisches Geld wechselten und russisch sprachen. Ich bin besorgt um das Leben dieses Mini-Zaren, der, wie man in seiner Residenz so schön sehen konnte, gern ins Schwitzbad ging..."

Russland, nicht die Ukraine ist das Land mit den obszönsten faschistischen Umtrieben, die von den Machthabern kaum geahndet werden, meint Bernard-Henri Lévy an die Adresse der wohlwollenden Westler, die glauben, die ukrainische Opposition sei faschistisch unterwandert. Und "es ist übrigens festzuhalten, dass unter all den Worten und all den Freiheiten auf diesem Maidan - dieser Agora, auf der drei Monate lang alle erdenklichen Redner einander ablösten, darunter auch die größten Spinner - eine 'Spinnerei' bei diesen Volkstribunen für einen Tag niemals zu hören war, nämlich die des schändlichen Antisemitismus." Hier das Original von Lévys Kolumne in La Règle du Jeu.

Inga Pylypchuk besucht unterdessen für die Welt Viktor Janukowitsch Anwesen Mezhyhirya: "Das hartnäckige Gerücht, Janukowitsch besitze ein goldenes Klobecken mit Edelsteinen, hat sich nicht bestätigt. Oder hat er diesen gerüchteweise 350.000 Euro teuren Schatz vielleicht mitgenommen?" Dafür hatte er aber ein Bidet mit vergoldeten Füßen.
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Medien

Bild veröffentlichte aus Anlass des Wulff-Films auf Sat 1 den Wortlaut des Telefonats von Wulff und Bild-Chefredakteur Kai Diekmann - allerdings nur Wulffs Seite des Gesprächs. Der Wulff-Film auf Sat 1 inklusive dreiviertelstündiger Bild-Selbstdarstellung scheinen ziemlich obszön gewesen zu sein. Stefan Niggemeier regt sich auf: "Krieg! Er hat Bild irgendwie den Krieg erklärt, was er als Bundespräsident, der ja sonst fast nichts kann, kann. So stellen es die preisgekrönten Redakteure der Zeitung noch heute dar."

Im Tagesspiegel berichtet Joachim Huber von der Verlegenheit, in der Zeichner Burkhard Mohr nach seiner SZ-Karikatur (Bild) steckt, die Mark Zuckerberg als Krake mit riesiger Hakennase zeigte. Dafür hat sich Mohr entschuldigt.
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Politik

Mit Reformen ist in China nicht zu rechnen, meint FAZ-Kulturkorrespondent. Mark Siemons Parteiführer Xi Jinping will statt dessen eine Rückbesinnung auf Lenin, von der er sich eine moralische Läuterung zu erwarten scheint: "Ihren Alleinvertretungsanspruch will die Partei mit zwei komplementären Maßnahmen erneuern: einer Kontrolle der Zivilgesellschaft, die so systematisch ist wie nie zuvor, vor allem aber mit einer Kontrolle ihrer selbst... Die Partei soll wieder ein gutes Gewissen bekommen."

In Venezuela toben seit Tagen, von der deutschen Öffentlichkeit kaum bemerkt, Massenproteste. Sie nahmen ihren Ausgang in Universitäten und wenden sich gegen das von Hugo Chavez installierte und seinem Nachfolger Nicolás Maduro fortgesetzte linkspopulistische Regime. Die Proteste werden gewaltsam niedergeschlagen, die staatlichen Medien schweigen sie unterdessen tot, schreibt Franicsco Toto in einem längeren Denkstück für die New York Times: "Hugo Chavez war nie schüchtern, wenn es galt, die Opposition in einen Kampf zu ziehen. Ihm war klar, dass Streit der beste Weg war, seine Hardcore-Gefolgschaft hinter sich zu bringen und seine autokratische Kontrolle über die Gesellschaft zu festigen. Maduro hat diese Lektion mit Sicherheit verstanden. Aber Chavez hatte auch einen Instinkt für die Grenzen dieser Taktik und griff niemals zu einer Repression dieses Ausmaßes."

Es gibt Tweets, die man wirklich nicht retweeten sollte:

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Internet

(Via Techcrunch). Deutsche Verkehrsbehörden sollten sich innerlich wappnen. Reuters meldet: "Google setzt Behörden in mindestens drei US-Staaten seiner Lobbyarbeit aus, weil dort Datenbrillen wie Google Glass beim Autofahren verboten werden sollen." In acht Staaten, so Reuters, werden solche Gesetze vorbereitet.

Auch Sascha Lobo wundert sich (wie wir) in seiner neuesten Spiegel Online-Kolumne, dass niemand die Meldung über die NSA und Merkels Minister aufgreift: Merkel wird nicht mehr abgehört, dafür aber ihr Kabinett: "Bestürzender noch als die bloße Tatsache - sollte der Medienbericht stimmen - ist die weitgehend ausgebliebene Reaktion. Eine brandgefährliche Gewöhnung steht dahinter, das Akzeptieren des vermeintlich nicht Änderbaren, und sei es auch illegal."
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Geschichte

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Cornelia Lütkemeier stellt in der FAZ den Autor Sebastian Christ vor, der Anfragen auf Akteneinsicht bei amerikanischen Geheimdiensten stellte und entweder keine Antwort oder Aufforderungen zur Selbstbezichtigung bekam. Seine Erfahrung legte er hier nieder.
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