9punkt - Die Debattenrundschau

Protestantisierung der Verkehrsteilnehmer

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2014. Glenn Greenwald bringt auf The Intercept neue Erkenntnisse über das segensreiche Wirken der Five Eyes Allianz, die sich neben der Terrorbekämpfung gern auch mit der Diffamierung ihrer Gegner befasst und hierzu eine Menge Geheimpapiere verfasst hat. Luke Harding kann im Guardian nur bestätigen, dass auf seinem Laptop seltsame Dinge geschehen. Die NSA hört jetzt aber nicht mehr die Kanzlerin ab, sondern nur noch ihre Minister, meldet Reuters. Die FAZ kämpft gegen Renaissancemaler auf der Museumsinsel. Und Europa braucht eine öffentlich-rechtliche Anstalt, meint Alem Grabovac in der taz.

Überwachung

(Via Spiegel Online). Glenn Greenwald bringt auf The Intercept, seinem von Pierre Omidyar financierten Investigativmagazin, die erste größere Geschichte und zeigt "wie verdeckte Agenten der NSA ins Internet eindringen um zu manipulieren, zu täuschen und den Ruf von Personen zu zerstören." Seine Erkenntnisse basieren auf dem Papier einer Arbeitsgruppe der Five Eyes Allianz: "The Art of Deception: Training for Online Covert Operations". Zu den Technikern gehören "'false flag operations' (man stellt Material ins Netz und erklärt jemand anderen zum Urheber), 'fake victim blog posts' (man gibt sich als Opfer einer Person aus, deren Ruf man zerstören will), und 'negative Informationen' in verschiedenen Formen". Normale Stasi-Arbeit also! Diese Taktiken richten sich laut Greenwald keineswegs gegen feindlich gesinnte Nationen, sondern häufig zum Beispiel gegen Hacker - "jene, die Online-Protestaktionen zu politischen Zwecken nutzen". Solche verdeckten Aktionen, so Greenwald, seien besonders vom Obama-Berater Cass Sunstein empfohlen worden, der ironischer Weise gerade von Obama zum Mitglied im NSA Review Panel ernannt wurde.

Hier ein Auszug aus den Power-Point-Präsentation der Arbeitsgruppe:



Im Guardian erzählt Luke Harding von all den gespenstischen Begegnungen und Erlebnissen, die ihm beim Schreiben seines Buchs "The Snowden Files" wiederfuhren: "Ich schrieb gerade an einem Kapitel über die engen und weithin geheimen Beziehungen der NSA zum Silicon Valley. Ich schrieb, dass Snowdens Enthüllungen die amerikanischen Hightech-Unternehmen an einer empfindlichen Stelle getroffen haben - als etwas Seltsames passierte. Der Absatz, den ich gerade geschrieben hatte, begann sich selbst zu löschen. Der Cursor bewegte sich schnell von links und verschland den Text. Ich sah, wie meine Wörter verschwanden. Als ich versuchte, mein Open-Office-Dokument zu schließen, begann die Tastatur zu blinken und piepsen. In den nächsten Wochen ereigneten sich diese Fälle von Fernlöschung mehrere Male. Es gab kein festes Muster, aber es schien immer dann zu passieren, wenn ich abschätzig über die NSA schrieb. Alle Autoren bereiten sich auf Kritik vor. Aber eine Kritik vor der Veröffentlichung von einem anonymen, göttlichen Unbekannten ist etwas Neues."

(Via Techcrunch) Wenig Erregung löste in Deutschland die Reuters-Meldung vom Sonntag aus, dass die NSA, nachdem sie die Kanzlerin nicht mehr abhören soll, sich einfach aufs Abhören ihrer Minister verlegt hat.
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Weiteres

Nach der Schweiz führt jetzt auch Österreich die Begegnungszone als besonderen verkehrberuhigten Bereich ein. Isolde Charim erkennt darin die "Protestantisierung der Verkehrsteilnehmer: die müssen die Prinzipien von Rücksicht tatsächlich verinnerlichen. Die Delegierung an die StVO ist nicht mehr genug."

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Stichwörter: Isolde Charim

Urheberrecht

Roland Reuß streitet mal wieder gegen Open Access: Ihn empörte schon, dass den Autoren die Freiheit genommen wurde, zugunsten der Verleger auf ihre Zweitveröffentlichungsrechte zu verzichten. Nun möchte Baden-Württemberg Zweitveröffentlichungen auf Open-Access-Datenbanken sogar vorschreiben. Die Universitäten sollen das ausgestalten - und Reuß winkt in der FAZ mit dem Zaunpfahl: "Das ideologisch verblendete Gesetz soll jetzt bis April durch den Landtag gepeitscht werden. Falls es verabschiedet werden sollte, darf man gespannt sein, wie die mannigfach abhängig gemachten Universitäten sich zu dieser Falle (auf der das Wort 'Falle' quasi in großen Lettern geschrieben steht) verhalten werden."
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Kulturpolitik

Andreas Kilb schießt gegen ein Interview mit Monika Grütters in der Morgenpost, in der sie wieder die Idee ins Spiel brachte, die Alten Meister zur Museumsinsel ziehen zu lassen: "Gegen diese Pläne ist die interessierte Öffentlichkeit vor zwei Jahren Sturm gelaufen. Die Zeit, die seither vergangen ist, hat sie um keinen Deut einleuchtender gemacht." Ganz besonders stört Kilb die Vorstellung, die Renaissancemaler zu den Skulpturen des Bode-Museums zu stellen.

Wohlwollend kommentiert dagegen Tim Ackermann in der Welt Grütters' Vorstoß: "Man kann folgern, dass Grütters genau das ausspricht, was sich die Staatlichen Museen aus Bescheidenheitsgründen nicht zu wünschen trauten."

Gesellschaft

Joseph von Westphalen erinnert sich ans Gleitschuhfahren in Berchtesgaden in seiner frühen Jugend: "Eine zierliche Frau kam mir entgegen, sprang beiseite und stürzte. Ich bremste schuldbewusst. Sie schimpfte nicht, sondern strahlte mich glühend an: 'Flinker Junge!' Später erfuhr ich: das war Hanna Reitsch, Hitlers draufgängerische Lieblingsfliegerin, die am Obersalzberg auf den Spuren ihres noch immer angebeteten Führers wandelte. Hitler hatte ihr 1945 im Bunker eine Giftkapsel gegeben. Sie hatte aber doch nicht sterben wollen. Und ich hätte sie fast totgefahren."

Mit diesem Video, das die Entstehung einer Schneeflocke in Zeitlupe zeigt, tröstet Mashable seine amerikanischen Leser über die Fortdauer des ruhigen kalten Winterwetters:



snowtime from Иванов Вячеслав on Vimeo.

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Medien

Europa braucht eine öffentlich-rechtliche Anstalt, um europäische Identität herausbilden zu helfen, meint Alem Grabovac in der taz. In Anlehnung an die BBC nennt er sie EBC: "Vorstellbar wäre, um nur einige Beispiele zu nennen: EBC Online als multimediale europäische Nachrichten-Webseite; EBC Radio mit europäischen Informations- und Kulturprogrammen; eine europäische Tagesschau, die simultan in alle Sprachen übersetzt wird; ein europäischer Günther Jauch, der mit europäischen Gästen tagesaktuelle Themen diskutiert; eine europäische Sportschau und vielleicht auch ein europäischer Tatort..." Oh nein, das ganze nochmal!

Ursula Ganz-Blätter sucht in der NZZ nach Erklärungen für den Erfolg viraler Videos, Julia Engelmanns Hörsaal-Slam etwa, Jean-Claude van Dammes "Epic Split" oder der Edeka-Werbefilm. Ganz-Blätter wird bei Luhmann fündig, der kommunikative Netzwerke nicht als kurzfristige Begegnungen verstand: "Vielmehr geht es um Kommunikationen, die ihrerseits Kommunikationen generieren, entweder als direkte Fortsetzung des 'Gesprächs' oder als Anschluss an zuvor irgendwann getätigte Kommunikationen, die über den neuerlichen Anschluss wieder in Gang kommen. Und Fahrt gewinnen - und damit eben ungeahnt viele weitere Anschlüsse ermöglichen."
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