Efeu - Die Kulturrundschau

Harte Sounds, harte Drogen, harte Clubs

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26.02.2014. In der NZZ erzählt Anne Tismer, warum sie lieber als bildende Künstlerin in Togo lebt, statt als gefeierte Schauspielerin in Berlin. Außerdem lernt die NZZ im Pessoa-Haus in Lissabon, wie man einen Künstler 78 Jahre nach seinem Tod lebendig hält. Der Standard hört neuen Techno von L.I.E.S. Dezeen stellt zwei Wissenschaftlerinnen / Designerinnen vor, die Leder aus Gemüse und Laufschuhe aus Protozellen herstellen.

Literatur

Barbara Villiger Heilig besucht für die NZZ das Pessoa-Haus im Lissabonner Stadtteil Campo de Ourique und lernt, wie man einen Künstler am Leben hält, statt ihn mit dem Urheberrecht zu beerdigen. Die Direktorin des Hauses, die Schriftstellerin Inês Pedrosa, hat Pessoas Werk digitalisieren lassen, "inklusive Stockflecken und handschriftlicher Anmerkungen", und ins Netz gestellt. "Mit Vortragszyklen und Podien, durchaus zu aktuellen Themen, holt sie ein wachsendes Stammpublikum ins Haus; mit Workshops begeistert sie Kinder für Poesie. Das Erdgeschoss überlässt sie bildenden Künstlern ... Sie organisiert Pessoa-Kongresse, zu denen Spezialisten aus aller Welt anreisen ... sie lädt Musiker ein ... Für einen Hip-Hop-Anlass migrierte man auf die grandiose Praça de Comercio am Tejo-Ufer, wo junge Musiker Gedichttexte von Álvaro de Campos rappten, dem Pessoa-Heteronym, das ihnen aufgrund der furios freizügigen Sprache am meisten entsprach."

Außerdem: In der Literaturdebatte fragt in der FAZ Jan Wiele müde: "Müssen wir also wirklich noch einmal den alten Graben zwischen Realismus und Formalismus, zwischen angeblicher Authentizität und angeblich weltfremdem Schreiben wieder aufreißen?" Bernd Noack informiert uns, dass Franz Kafka auf das Workout (damals nannte man es "Leibesübungen") des dänischen Gymnastiklehrers Jørgen Peter Müller schwor. In der SZ hält Hanns Zischler eine kleine Lobrede auf die Zeitschrift Akzente.

Besprochen werden u.a. Dieter Richters "Das Meer. Geschichte der ältesten Landschaft" (taz) und Kjell Westös Roman "Geh nicht einsam in die Nacht" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

Im Standard stelllt Christian Schachinger das nicht gerade auf der Sonnenseite siedelnde Technolabel L.I.E.S. vor: Dieses "hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Musik zu veröffentlichen, die das durchaus auch heiter gewordene Techno-Genre zurück in die Dunkelheit holt. Harte Sounds, harte Drogen, harte Clubs. ... Leute wie Svengalisghost aus Chicago oder Florian Kupfer aus Berlin sowie Legowelt oder Xosar belegen zwar mit ihren Tracks, dass hier früher auch einmal so etwas Ähnliches wie Partys stattgefunden haben. Acts wie Shadowlust, Greg Beato oder Vapauteen präsentieren aber gleichzeitig eine Kälte und Verzweiflung, wie sie bislang selten auf dem Dancefloor zu hören war." (viele Hörproben auf Soundcloud)

Außerdem: Für den Tagesspiegel spricht Philipp Sickmann mit dem Musiker Barry Burns von Mogwai unter anderem über Pilzbefall in Neukölln. Thomas Winkler führt durch die Welt der Drill Music aus Chicago, die mit Rap-Tracks über Straßengewalt und Drogenmilieu in die Fußstapfen des Gangsta Rap tritt. Neneh Cherry, die einst bei den Slits mitspielte, meint dann auch Im Gespräch: "Möglicherweise ist Hip-Hop auch der neue Punk." In der Berliner Zeitung schreibt Markus Schneider über "Morning Phase", das neue Album von Beck, das er als kleines Comeback des zwischenzeitlich gesundheitlich angeschlagenen Musikers würdigt. Hier kann man sich die Platte anhören.

Besprochen wird die CD-Aufnahme eines Bob-Dylan-Tributkonzerts von 1992 (FR). Und Spex streamt das neue Album von Laibach.
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Film

Christiane Peitz trifft sich für den Tagesspiegel mit der Schauspielerin Judi Dench, der "Königin unter Englands Schauspielerinnen", die derzeit im Kino als "Philomena" zu bewundern ist. Die Berliner Zeitung spricht mit Kai Wiesinger, der gerade für Sat1 Ex-Bundespräsident Christian Wulff gespielt hat. Hanns-Georg Rodek schreibt in der Welt einen Nachruf auf den DEFA-Regisseur Günter Reisch. In der Berliner Zeitung trauert Thomas Klein um den Komödienregisseur und Schauspieler Harold Ramis, dessen Tod in der internationalen Presse ein beachtliches Echo hervorgerufen hat. 2006 hatte sich Believer mit ihm unterhalten.

Besprochen werden Stephen Frears" neuer Film "Philomena" (Berliner Zeitung, SZ) und die Tom-Clancy-Adaption "Jack Ryan" (Welt).

Und eine Fleißarbeit: Die Entwicklung des Logos von Warner Brothers im historischen Überblick.
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Kunst



In der London Review of Books steht Anne Wagner vor den Bildern der Hannah-Höch-Ausstellung in der Whitechapel Gallery und stellt fest, dass sich die deutsche Künstlerin dieselbe Frage gestellt hat wie sie: ""What does a woman want?" I still remember my first encounter with the question Freud put to Marie Bonaparte in 1925, just as I recall my inability to stomach its aggressive and mystifying tone. Years have passed since then, and with them many Hannah Höch exhibitions, yet it has taken the riveting new retrospective at the Whitechapel Gallery - her first ever exhibition in London (until 23 March) - to make me realise that Freud"s question was hers too. But for Höch, the "woman question" was above all a social circumstance, something actively shaped by time and place. This is why, as the retrospective demonstrates, her work doesn"t answer Freud"s riddle: instead it cuts right through it, as Alexander did the Gordian knot."

Außerdem: Gabriele Detterer beklagt in der NZZ einen Mangel an Fantasie in der zeitgenössischen Architektur. Robert Kaltenbrunner fordert, die die verkehrsbelasteten Radialstraßen wieder lebenswert gemacht und empfiehlt als Inspiration ein neues, von Harald Bodenschatz, Aljoscha Hofmann und Cordelia Polinna herausgegebenes Buch zum Thema "Radialer Städtebau". Reinhard Seiss betrachtet für die FAZ mit Grausen das gerade eröffnete höchste Hochhaus Österreichs, den von Dominique Perrault entworfenen DC Tower 1, dem irgendwann ein zweiter zur Seite stehen soll (Bild: Robert F. Tobler/Wikipedia).

Besprochen werden die ihre Exponate bis 2016 in alphabetischer Reihenfolge präsentierende Ausstellung der Sammlung Marzona im Hamburger Bahnhof in Berlin (taz) und die große Paul-Klee-Retrospektive in der Londoner Tate Modern (NZZ, mehr dazu in der London Review of Books).
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Bühne

Dirk Pilz trifft für die NZZ die Schauspielerin Anne Tismer, die jetzt hauptsächlich in Togo als bildende Künstlerin lebt und nur noch selten, in Frankreich vor allem, Theater spielt: "Sie erzählt das verschämt und fügt sofort hinzu, dass es in Frankreich anders zugehe in den Theatern, freundlicher, weniger hierarchisch. Aber im Grunde sei ihr auch das fremd geworden. Zu Hause ist sie in Togo, wo es keine Kunstszene, aber viele Künstler gibt. Sie hat inzwischen mehrere Aktionen mit ihnen gemacht."

Außerdem: Für die Welt berichtet Manuel Brug von der Pressekonferenz der Semperoper zur Entlassung des neuen Intendanten Serge Dorny: "Sachsens Kunstministerin Sabine von Schorlemer, Kapellenchefdirigent Christian Thielemann, Geschäftsführer Wolfgang Rothe, der Orchesterdirektor und ein Orchestervorstand waren sich sicher, alles richtig gemacht zu haben." Der Standard bringt Neuigkeiten zum Stand der Dinge am Wiener Burgtheater. In der Berliner Zeitung unterhält sich Abini Zöllner mit Bernd Motti, der die Berliner Wiederaufführung des Musicals "Ein Käfig voller Narren" inszeniert. Für die taz unterhält sich Philipp Rhensius mit dem Dramatiker Alexander Thomas und dem Regisseur Daniel Brunet, der Stück "Schwarz gemacht" über einen afrodeutschen Schauspieler in der NS-Zeit heute im English Theatre in Berlin Premiere hat. Für den Tagesspiegel besucht Marc Röhling die Proben zu einer Berliner Aufführung von Verdis "I Masnadieri". Peter Laudenbach bricht in der SZ eine Lanze für die Stadttheater, die mit ihren festen Strukturen wagemutiger sein könnten als die freie Szene, die von den Launen ihrer Geldgeber abhängig sei.

Alexander Haas (taz) ist wenig überzeugt von Stefan Bachmanns am Schauspiel Köln inszenierten "Kaufmann von Venedig": "Man verlässt das Theater am Ende durchaus beschwingt und gut gelaunt. ... Insgesamt aber ist die Inszenierung kein großer Wurf. Eine starke Lesart des Stücks ist nicht auszumachen." Zuvor besprachen bereits NZZ, Welt und nachtkritik.de die Aufführung.

Besprochen werden weiter die von Jörg Mannes in Hannover choreografierte Adaption von Goethes "Wahlverwandtschaften" ("ein Abend von beeindruckender Qualität", meint Alexander Kohlmann in der taz) und Nicole Oders in Berlin aufgeführtes Stück "Baba oder mein geraubtes Leben" (taz).
Archiv: Bühne

Design

Demnächst lebt nicht nur Ihr Joghurt, sondern auch Ihre Kleidung. Dezeen führt zwei Wissenschaftlerinnen / Designerinnen vor, die biologisch arbeiten. Da ist einmal Suzanne Lee von BioCouture. Sie stellt Kleidung aus Biomaterial her: ""Das Verfahren, das ich erforsche um Kleidung herzustellen, besteht aus einem symbiotischen Mix aus Hefe und Bakterien", erklärt sie. "Es ist ein Gärungsverfahren, das bakterielle Zellulose produziert. Das Ergebnis ist eine Art Leder aus Gemüse." ... Für die Zukunft glaubt Lee dass Kleidungsmaterialien selbst lebende Organismen sein könnten. "Zur Zeit haben wir lebende Organismen, die das Material für uns produzieren, aber dann werden diese Organismen getötet und das Material existiert einfach, wie alles andere", sagt sie. "Aber ich kann mir vorstellen, dass wir uns zu einem Material hin bewegen, das selbst lebt, während es getragen wird und eine unmittelbare Beziehung zum ganzen Körper hat, in einer Art glücklicher mikrobiomen Umgebung und vielleicht die Körperoberfläche behandelt und hegt und so ein Teil unseres Wohlbefindens wird." Toll, allein die Horrorfilme, die man daraus machen könnte. Die blutsaufende Bomberjacke von Boston! (Bild: BioBomberjacke von BioCouture)

Die Designerin / Materialforscherin Shamees Aden hat zusammen mit dem dänischen Chemiker Michael Hanczyc ein Verfahren entwickelt, mit dem man Schuhe aus Protozellen herstellen kann: "Der Amöbenlaufschuh von Aden benutzt die Fähigkeit von Protozellen, auf Druck zu reagieren und Luft einzusaugen und abzulassen je nach der Beschaffenheit des Bodens, auf dem der Träger läuft. Die Protozellen, die eine begrenzte Lebensdauer haben, würden nach jedem Lauf aufgefüllt, erklärt Aden. "Ihre Schuhschachtel wäre ein Gefäß, das die Protozellenflüssigkeit aufbewahrt. Sie könnten die Flüssigkeit in der erwünschten Farbe kaufen, sie einfüllen und während der Schuh sich regeneriert, würden die Farben herauskommen." Aden rechnet allerdings mit einer Produktion nicht vor 2050.
Archiv: Design