Efeu - Die Kulturrundschau

Wie Jazz in einer heißen Nacht

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2019. Ich bin eine "avancierte Lösung", sagt René Pollesch in der FAZ und erklärt, wie er sich quotierte Diskussionen vorstellt. Der Standard weiß, wie in Russland Restitutionsklagen abgewehrt werden: Putin macht die Kläger einfach selbst zu Russen. Ebenfalls im Standard fleht Franz Josef Czernin um Kritiker-Nachsicht mit sensiblen Autorenseelen. Die SZ tanzt in Fiston Mwanza Mujilas "Tram 83" mit fünf Dragqueens und den Gespenstern des Kolonialismus. Und Zeit Online entdeckt ein neues Genre: die deutsche Diskurskomödie.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2019 finden Sie hier

Kunst

Fasziniert hat sich Herwig G. Höller im Standard die Schtschukin-Sammlung im Moskauer Puschkin-Museum und die Sammlung der Brüder Morosow in der St. Petersburger Eremitage angeschaut - vor allem mit Blick auf den historischen Kontext der Sammlungen: Beide Textilunternehmer-Dynastien sorgten durch ihre Privatsammlungen nicht nur dafür, dass Werke von Matisse, Cézanne, Gauguin, Monet, Picasso und weiteren nach Russland kamen, sondern wurden nach der Oktoberrevolution 1917 auch enteignet. Zumindest die Erben Schtschukins versuchten bis vor kurzem noch gegen die Verstaatlichung zu klagen, weiß Höller: "Die nach der Oktoberrevolution aus Russland geflohene Familie hatte jahrzehntelang ohne Erfolg, aber nicht völlig aussichtslos bei ausländischen Gerichten Klagen gegen die sowjetische Verstaatlichung der Kunstwerke eingebracht. Mit dem Klagereigen der Erben ist es aber einstweilen vorbei: Präsident Putin verfügte dieser Tage die Verleihung der russischen Staatsbürgerschaft an den Enkel und dessen Gattin. Er sei zwar mit dem historischen 'Raub der Schönheit' weiterhin nicht einverstanden, erklärte Delocque-Fourcaud gegenüber dem Standard. 'Es wäre aber nun unanständig, wenn ich als russischer Staatsbürger im Ausland gegen Russland prozessieren würde', sagte er."

Ludwig von Hoffmann. "Mädchen am Strande (Abendstimmung)". Um 1898. Städtische Galerie Dresden

Überrascht von der revolutionären Kraft der "Vereinigung der XI", der ersten Berliner Künstlergruppe der Moderne, die sich dem Akademismus des wilhelminischen Kunstbetriebs widersetzte - und zu der neben Max Liebermann unter anderem auch Max Klinger und Franz Skarbina gehörten, kommt Tilman Krause in der Welt aus der Ausstellung "Skandal! Mythos! Moderne!" im Berliner Bröhan-Museum, das auch die Bilder zeigt, für die Ludwig von Hofmann "ins Irrenhaus" gesteckt werden sollte: "Was war sein Vergehen? Nun, er hatte seine arkadischen Landschaften, seine sinnenden Frauen und merkwürdig exaltierten Jünglinge, die sich rosa Blütenzweige vor die Nase halten, in die Bonbonfarben von Mädchenzimmern getaucht. Damit verletzte er das Gebot der Dignität, das damaligem Verständnis nach zur Darstellung antiker Motive unerlässlich war. So etwas grenzte für die Vertreter eines verknöcherten Humanismus nachgerade an Blasphemie."

Weitere Artikel: So neu ist die Idee, die chronologische Ordnung der ständigen Sammlung des Essener Folkwang-Museums in eine thematische umzuwandeln, wie es der neue Folkwang-Direktor Peter Gorschlüter nun vorgenommen hat, nun nicht, winkt in der FAZ Patrick Bahners mit Blick in die Sammlungsgeschichte des Hauses ab. Nach nur drei Monaten muss Daniel Spanke seinen Posten als Direktor der Berliner Max-Liebermann-Villa schon wieder räumen, melden Elke Linda Buchholz und Nicola Kuhn im Tagesspiegel und empfehlen dennoch nachdrücklich die Ausstellung "Max Liebermann und Lesser Ury. Zweimal Großstadt Berlin". So recht weiß man in Leipzig wohl immer noch nicht, wie man mit Axel Krause und Rechter Kunst im Allgemeinen umgehen sollte, stellt Kito Nedo in der SZ beim Besuch der Leipziger Jahresausstellung fest (Unsere Resümees). Der Katalog enthält lediglich den dünnen Satz: "'Aufgrund der Diskussionen 2019 sind folgende Künstlerinnen und Künstler im Katalog, jedoch in der Ausstellung nicht vertreten."

Besprochen werden die Ausstellung "Helmut Newton's Private Property" im Berliner Museum für Fotografie (Tagesspiegel),  die Lynn-Chadwick-Doppelausstellung "Biester der Zeit" im Berliner Kolbe-Museum und im Haus am Waldsee (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Bani Abidi. They Died Laughing." im Berliner Martin-Gropius-Bau (SZ).
Archiv: Kunst

Design

Claude Lichtenstein würdigt in der NZZ die Lampendesignerin Rosmarie Baltensweiler, die gerade im Alter von 91 Jahren mit dem Grand Prix Design ausgezeichnet wurde. Mit ihrer Leuchte Type 600 machten sie die Raumausleuchtung flexibel, als ansonsten noch bieder beschirmte Stehlampen gedimmtes Licht in die Wohnstuben brachten: "Ihr weitgespreizter Metallreflektor war beweglich am gelenkigen Ständer befestigt. Um die Vertikalachse drehbar, schwenkbar, ausbalanciert, glich sie einem auf einem Bein stehenden Flamingo. Um dies zu erreichen, waren technische Finessen notwendig, die nicht kompliziert, aber intelligent waren, etwa eine Gelenkhülse mit innenliegender Zugfeder. Auch der auf die Glühbirne aufgesteckte Gegenreflektor als Blendschutz trug zu ihrer unverwechselbaren Persönlichkeit bei. ... Die nicht alltägliche Kombination aus technischer und fabrikatorischer Einfachheit und Cleverness sollte zur Signatur der Firma Baltensweiler werden."

Außerdem: In der Berliner Zeitung gratuliert Sabine Fuchs dem DDR-Möbeldesigner Rudolf Horn zum 90. Geburtstag.
Archiv: Design

Bühne

Szene aus "Tram 83". Foto: Christian Kleiner

Das Highlight der Mannheimer Schillertage ist für SZ-Kritiker Egbert Tholl ohne Frage Carina Riedls Inszenierung von Fiston Mwanza Mujila "Tram 83" - wo ihn fünf Dragqueens in einer Disko empfangen: "Sie erzählen von Sex und Gier - 'in der afrikanischen Literatur muss gefickt werden, sonst wird wieder nur ein Essay daraus' -, von zwei Freunden, einer ein idealistischer Schriftsteller, der andere der König vom Tram 83, der Bar, dem Puff, dem Drogenumschlagplatz. Mujila, geboren 1981 in Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo, entwirft eine hitzige Zukunftsvision eines Afrikas, in dem längst alles Leben nach den Gesetzen des Kapitalismus funktioniert, die Menschen ihre Bedürfnisse abbauen wie die Erze im Boden, ein dubioser General über alles wacht und Touristen sich an der Verkommenheit aufgeilen. Die Sprache ist wie Jazz in einer heißen Nacht, jeder Satz eine Pose, und die Regisseurin Carina Riedl hämmert das Ding mit Macht in den Club, lässt Brahima Diabaté auf dem Balafon, einer Art Marimba, klöppeln, Ray Okpara elektronische Musik auflegen und erhebt den Text zur illusionslosen Metapher, in der die Gespenster des Kolonialismus genauso spazieren gehen wie die Hyänen der heutigen Ausbeutung."

"Ganz ohne Bedienung der Bilder, die man beim deutschen Publikum vom großen, dunklen Kontinent offenbar vermutet, scheint es in Mannheim nicht zu gehen", meint Nachtkritiker Steffen Becker.

"Ich halte mich für eine avancierte Lösung", sagt Rene Pollesch im großen FAZ-Interview mit Kolja Reichert, in dem der designierte Volksbühnen-Intendant über Chris Dercon, den Zustand des Theaters, Repräsentation und seine Pläne, mit dem Besetzer-Kollektiv "Staub zu Glitzer" zusammenzuarbeiten, spricht: "Ich finde (...) zum Beispiel ihre quotierte Diskussion spannend: Wenn ein Mann gesprochen hat, kommt danach eine Frau, dann wieder ein Mann, und wenn sich keine Frau mehr meldet, ist die Diskussion zu Ende. Ich bin halt ein Theatermann, ich finde Spielregeln wahnsinnig interessant. Und wenn sie so radikal sind und Leute vor den Kopf stoßen, finde ich es noch interessanter. Denn wann kann Theater heute schon mal schockieren oder so? Kann es ja nicht."

Weitere Artikel: Hymnisch bespricht Jenni Zylka in der taz Schorsch Kameruns Inszenierung "Bauhaus - ein rettendes Requiem", die sie als "interdisziplinären Springbrunnen der Möglichkeiten" erlebt: "Ein Jammer, dass Walter Gropius das nicht miterleben konnte. Er hätte um Contenance gerungen."

Besprochen werden Ronald Schimmelpfennigs "100 Songs" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik, FAZ) und Johanna Schalls Inszenierung "Münchhausen" bei den Volkschauspielen Ötigheim (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

"Ich selbst bin Yoda", verrät Anne-Sophie Mutter im WamS-Gespräch über ihre Zusammenarbeit mit dem "Star Wars"-Komponisten John Williams, der eigens für die Star-Geigerin ein ganzes Set seiner Filmarbeiten bearbeitet und für Geigenaufnahmen optimiert hat. Vom Hollywood-Maestro und dessen Präzisionsarbeit war sie ziemlich umgehauen: "Da geht es um jedes Achtel oder die Frage, ob dieses Achtel nicht vielleicht doch lieber zu einer punktierten halben Note umgestaltet werden sollte. ... Sein Verständnis von musikalischen Leitmotiven, Orchestration über Themenentwicklung, aber auch von Humor in einem Titel aus Spielbergs 'Tim und Struppi'-Verfilmung ist wirklich unfassbar - und auch eine große Herausforderung."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel wirft Christiane Peitz einen Blick auf die Tablets, mit denen immer mehr Orchestermusiker arbeiten, um sich des leidigen Notenumblätterns beim Musizieren zu entledigen. Das ist nicht nur beim Konzert praktisch, erfahren wir, sondern gestattet über das Netz auch einen rasanten Austausch mit Kollegen, "indem man seine Eintragungen verschickt und teilt. Diese unkomplizierte Art des Gesprächs über Musik und ihre Interpretation war bisher nicht möglich." In der SZ spricht Jonathan Fischer mit dem Afropop-Musiker A'salfo über dessen Arbeit mit dem FEMUA-Festival in Abidjan.

Besprochen werden Rammsteins Berliner Konzert (taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Martin Scorseses neue, für Netflix entstandene Doku über Bob Dylan und dessen "Rolling Thunder Revue"-Tour von 1975 samt einer CD-Box mit Aufnahmen eben jener Tour, die laut SZ-Kritiker Max Dax viele "Schätze und Funde" versammelt, Bruce Springsteens neues Album "Western Stars" (FR, mehr dazu bereits hier), ein Schubert-Abend mit Golda Schultz (Tagesspiegel), der Auftakt des "Rheingau Musik"-Festivals mit Dvořáks Chorwerk "Stabat Mater" (FAZ), der Zürcher Auftritt der Backstreet Boys (NZZ) und ein Konzert von ZSK in Tel Aviv, wo die Berliner Hardcore-Punk-Band laut tazler Ulrich Gutmair von ihren Fans frenetisch gefeiert wurde: "Die letzte Zugabe ist 'Blitzkrieg Bop' von den Ramones. Ein angemessenes Stück, um die antifaschistische deutsch-israelische Punkfreundschaft zu besiegeln."

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Wiele über Charlotte Gainsbourgs "5:55":

Archiv: Musik

Literatur

Der Schriftsteller Franz Josef Czernin meditiert im Standard über die literarische Textproduktion und das, wie er meint, irrationale Verhältnis vieler Autoren zur Kritik: "Übermäßiges Bedürfnis nach Lob und Beachtung einerseits; andererseits übertriebene Angst vor Missachtung und Vergessensein: Angesichts der empfindlichen Reaktionen von Autoren kann es hilfreich sein, jenes Grundmuster zu berücksichtigen und etwas Nachsicht zu üben, nämlich ihre Selbstbezogenheit, ja ihren Narzissmus (ein Klischee, das sich häufig bestätigt) und daher ihre Unfähigkeit, mit positiver und negativer Kritik vernünftig umzugehen, als Folge jener Produktionsbedingungen und des Gefühls verstehen, einer doch sehr unzuverlässigen literaturkritischen Öffentlichkeit ausgeliefert zu sein."

In der NZZ erinnert sich der bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan an jene Zeit im Sarajevo der Neunziger, als aus Armut Bücher verbrannt werden mussten: "Kannst du dir vorstellen, wie weh es einem tut, wenn man ein Buch verbrennt, das man dreimal gelesen hat?! Es ist doch ein Teil deines Wesens geworden, es ist die Geschichte deines Heranwachsens und deiner Lektüre, es ist ein unveräußerlicher Teil deines Gedächtnisses. Aber du verbrennst es jetzt, musst es verbrennen, um auf seiner Flamme eine Mahlzeit für dein Kind zu wärmen."

Weiteres: In der FR schreibt Otto A. Böhmer über Heideggers Blick auf Hölderlin. Besprochen werden unter anderem Simon Strauß' "Römische Tage" (Zeit), Friederike Hausmanns Biografie über Lucrezia Borgia (NZZ), Jörg-Uwe Albigs "Zornfried" (FR), Andreas Maiers "Die Familie" (Standard), Javier Marías Spionageroman "Berta Isla" (SZ), Juan S. Guses "Miami Punk" (Tagesspiegel), Anna Opels "RUTH. Moabit" (taz), neue Bücher über Bücher und Leidenschaften, darunter Markus Gassers "Die Launen der Liebe" und Dieter Fortes "Als der Himmel noch nicht benannt war" (Standard) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Hank Greens Roman "Ein wirklich erstaunliches Ding" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gisela Trahms über Ingeborg Bachmanns "Reigen":

"Reigen - die Liebe hält manchmal
im Löschen der Augen ein,
..."
Archiv: Literatur